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"Ich bin ja so allein!"
(Ansprache des Dekans bei der Sponsions- und Promotionsfeier der Katholisch-Theologischen Fakultät am 20. Mai 2006 im Congress Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2006-05-22

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Ihr seid ja dreifaltig, ich aber bin so allein!" Auf diese Art und Weise beklagte die große österreichische Dichterin Christine Lavant ihre Einsamkeitserfahrung. Je älter sie wurde, umso mehr ist ihr jenes Geschick zuteil geworden, das Millionen von Zeitgenossen als ihr eigenes erleben. Auf sich selbst zurückgeworfen, in sich selbst verschlossen, eine femina incurvata: eine in sich verkrümmte Frau - und dies trotz aller Sprachkompetenz, trotz aller dichterischen Begabung. Oder vielleicht gerade deswegen. Wegen der Gabe der Inspiration! Die Inspiration der Dichterin gleicht ja letztendlich der Offenbarung. Die Dichterin ahnt eben die Vollkommenheit, vermag diese aber nicht zu erleben. Deswegen wird sie leiden.

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"Ihr seid ja dreifaltig!" - ihr: die vollkommene Liebesgemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Geistes. Eine Gemeinschaft, in der der Egoismus zu zweit keinen Platz hat und auch nicht der tagtägliche Kampf um Anerkennung, der die Liebespartner zu erbitterten Rivalen und Spiegelbildern ihrer selbst verwandelt. Die Wahrnehmung der Differenz zwischen dem, was sie in ihrer Inspiration erblickt, und dem, was sie selber erlebt, wird für die Dichterin zur Ursache des Leidens und das Schreiben darüber zum Akt der Erlösung. Zu dieser Erkenntnis würde uns die frischgebackene Magistra Nadine Ortner hinführen, nachdem sie ihre theologische Kompetenz im Gespräch mit der Dichterin erprobt hat.

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Was Christine Lavant in der Sprache der Dichtung auf eine kaum zu übertreffende Formel brachte, das haben auch etliche Theologen durch ihre Reflexion auf den Begriff zu bringen versucht - wird der aus Siebenbürgen stammende Neomagister István Gegö einwenden: der große deutsche Protestant Dietrich Bonhoeffer etwa. Ein Mensch, der aufgrund seines Engagements gegen das Nazideutschland in Plötzensee hingerichtet wurde. Ein Mann, der vor dem Abgrund des Todes, in der Erfahrung der absoluten Einsamkeit also, "Von guten Mächten treu und still umgeben" zu dichten vermochte. "Communio sanctorum" wurde ihm zur Grundformel. Nicht nur die Gemeinschaft der Drei..., sondern auch die in der communio trinitatis integrierte Gemeinschaft von Menschen aller Rassen und Sprachen, aller Schichten und Gruppen. Die Gemeinschaft der Heiligen sollte den Protestanten von der Einsamkeit erlösen. Wie hat es Hans Conrad Zander in seinem liebenswürdigen Humor ausgedrückt (und die Story eignet sich so gut, um das angeknackste katholische Selbstbewusstsein zu polieren): "Der (protestantische) Himmel ist jener unendlich einsame Ort, wo die unendlich einsame protestantische Seele in unendlicher Einsamkeit mit ihrem unendlich einsamen Gotte ringt!" Nein.

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Der Himmel ist communio, Gemeinschaft, communio sanctorum - Gemeinschaft der Heiligen; und das ist eben auch die Kirche, so Dietrich Bonhoeffer, der Kryptokatholik, der - so paradox es klingen mag - das 2. Vatikanische Konzil vorwegnahm. Ein Konzil, das sich um das geistige Profil dieser Gemeinschaft der Heiligen bemühte, damit die Menschen in ihrem Alltag weniger homines incurvati bleiben. Die auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen. Das Konzil erhob zuerst alle Katholiken in den Adelstand, machte sie alle zu Priestern, Propheten, ja Königen, trug damit erst recht zur Entfesselung kirchlicher Rivalitätskämpfe bei, weckte aber auch die Sehnsucht nach jener wahren Gemeinschaft, die im Alltag des 20. Jahrhunderts zunehmend brüchig wurde. Unzählige Bischöfe ackerten sich ab - und dies weltweit - in der Durchsetzung der konziliaren Reformen. Harte Strukturreformen waren da vonnöten - wird der Neodoktor aus Verona Alessandro Corradi einwerfen und auch sein Begleiter P. Neufeld SJ -, damit der Geist des Konzils auch eine irdische Heimat findet. Ansonsten wird er zum Gespenst.

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So paradox es für viele klingen mag, darf dabei auch Johannes Paul II. nicht unerwähnt bleiben - wendet schüchtern der Stubaier Willi Pfurtscheller ein - und seine (ich meine die des Papstes) Bemühung, dem Rivalitätschaos ein Ende zu setzen durch die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Laien und Priestern. Wie man es dreht und wendet, dreht sich alles um die Gemeinschaft.

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Dem zunehmend an seiner Einsamkeit erstickenden Menschen präsentieren sich Gott und seine Kirche als Koinonia: als Gemeinschaft (diesmal griechisch, die Sprache des global village also, und dies schon lange vor den Amerikanismen), wird uns der vietnamesische Neodoktor Ngoc Hai Pham belehren und gleich nachlegen: "Sowohl Anamnese, Epiklese und auch Prosphora: alles zielt auf Koinonia hin." Jetzt wissen wir es! (Sollten Sie demnächst beim Millionenquiz dabei sein: Anamnese heißt Gedächtnis, hier: das Gedächtnis des Todes und der Auferweckung Christi; Epiklese: Herabrufung des Hl. Geistes, er möge die Gaben wandeln; Prosphora: Darbringung des Opfers; Koinonia: Gemeinschaft; und das Ganze heißt Eucharistie: Danksagung, zu deutsch: Messe).

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Es bleibt nur noch Frau Brigitte Dorner (Bregenzerwäldlerin - und das ist ein Gütesiegel für Theologiestudierende) und ihr U2 und auch der Bono. Sollten Sie es immer noch nicht wissen: Die irische Rockgruppe als Beispiel für Religiosität, die die Grenzen der communio sanctorum, die Grenze der Kirche (selbst der oder gerade der durch das 2. Vatikanische Konzil reformierten Kirche) verlassen hat. Frei vagabundierende religiöse Sehnsucht, die auch außerhalb der Kirche etwas zutiefst Christliches dokumentiert. Und was ist das? "Ihr seid ja dreifaltig, und ich bin so allein", - so hat es Christine Lavant ausgedrückt.

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Das zutiefst Christliche: Das ist ja der Glaube, dass das letzte Geheimnis der Wirklichkeit eine Beziehung ist. "Deus caritas est", schrieb schon lange vor Benedikt XVI. Johannes in seinem Brief. Und dieser ist im Neuen Testament zu finden und nicht in einer gnostischen Bibliothek, wo er entdeckt und dem sensationsgeilen Publikum zum Fraß vorgeworfen werden muss. Er ist auch nicht in der Prüfungsabteilung unter den Diplomarbeiten und Dissertationen zu finden. Das letzte Geheimnis der Wirklichkeit ist "Beziehung", und wir alle haben Anteil daran, sind ein "Part of the Story", ein Teil der Geschichte. Weil Gott Mensch wurde. Weil also die Beziehung bodenständig wurde in Jesus Christus und in jedem Menschen. Humilitas Gottes: Bodenständigkeit Gottes bringt es mit sich, dass sich Gott auf dem Gesicht eines jeden von uns widerspiegelt.

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Magnifizenz, sehr geehrter Herr Rektor, liebe Angehörige, Freunde und Feinde unserer Kandidatinnen und Kandidaten. Liebe (ehemalige) Studierende! Sie alle haben es längst begriffen, dass ich ein Gespräch führe mit den in der Schussliste vor mir aufgereihten Kandidatinnen und Kandidaten über ihre Diplomarbeiten und Dissertationen, die heute durch die akademischen Diplome gewürdigt werden. Der Zufall will es, dass Sie, liebe "zum Abschuss freigegebene" Absolventinnen und Absolventen, alle bei ihren Arbeiten mit dem Kerngedanken des katholischen Glaubens zu tun gehabt haben: Gott ist Gemeinschaft, und er will die Menschen nicht einzeln sammeln - unabhängig von ihren Beziehungen -, sondern sie zu einer Gemeinschaft führen. Und für die steht gerade die Katholische Kirche. Sie alle haben durch Ihr Studium einen großartigen Beitrag geleistet zum Erweis der Rationalität dieses Glaubens.

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Der Glaube an das letzte Geheimnis der Wirklichkeit und an die Menschwerdung Gottes ist "vernünftig"! Und er entspricht den letzten Sehnsüchten des Menschen. Mehr noch: Er stellt eine unverzichtbare Basis dar für das Modell der Rationalität, welches in den letzten 2000 Jahren herausgearbeitet wurde und auf dem nicht nur die abendländische Universität steht, sondern nicht zuletzt auch die von uns so geschätzte Philosophie der Menschenrechte. Wenn das so ist, warum wendet sich unsere kulturelle Öffentlichkeit so allergisch gegen diesen Glauben?

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Der Zufall will es, dass diese akademische Feier - in der eine kleine Gruppe von Theologinnen und Theologen ihr Studium abschließt - in der Woche stattfindet, in der weltweit das größte antikatholische Spektakel, der pseudoreligiöse Event, inszeniert wird. Alles redet vom "Sakrileg"/"Da Vinci Code", Menschen kaufen das Buch, warten auf den Film, stürmen die Kinos. Die Werbung überschlägt sich und spricht - gerade angesichts der Niveaulosigkeit - vom Event aller Zeiten. All das, um - so Dan Brown - die größte Krise der Katholischen Kirche herbeizuführen und mitzuerleben. Diese Kirche werde endlich ihrer Lüge überführt, weil nun eindeutig gezeigt werde, dass Jesus bloß ein Mensch war..., ein Durchschnittsbürger. Natürlich politisch korrekt, gar mit feministischen touch. Dass er aber zum Gottessohn gemacht wurde, weil man mit diesem Glauben die Macht zementieren kann. Durch eine Kirche, die nichts anderes sei als ein überdimensionaler Mafiaverein. "Vogel friss, oder stirb! Das Geheimnis der Wirklichkeit? Wir leben doch in aufgeklärten Zeiten...!"

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Solche Thesen sind nicht neu. Seit es das Christentum gibt, gibt es den Angriff. Und sie sind auch nicht so gefährlich, wie dies die ängstlichen Gemüter befürchten. Meine erste Reaktion auf das Buch war salopp, befreiend und auch ein bisschen vulgär: Mit einem Furz stürzt man noch keine Mauer!

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Das Phänomen ist auch nicht deswegen interessant, weil es Kirchenneurosen kanalisiert. Nein! Wichtiger ist die Rationalität, die das Werk, die Werbung und den Konsum des Werkes strukturiert. Neben der Verschwörungslogik und der Sensationsgier ist es letztendlich auch die Verwerfung des Grundgeheimnisses des Christentums, die dem Machwerk seine Popularität garantiert. Die Verwerfung des Glaubens daran, dass Gott Liebe ist, also Gemeinschaft, und dass er Mensch wurde. Es ist auch die Verwerfung der daraus entspringenden Rationalität, zugespitzt formuliert: die Verwerfung jener Logik, auf die die Leben spendende Wahrheit hinzielt. Es ist die Verwerfung jener Logik, die den tieferen Bedürfnissen des Menschen entspringt: der Sehnsucht nach Gemeinschaft. Selbst, oder gerade dann, wenn der Mensch bloß Einsamkeit erlebt. "Ihr seid dreifaltig, ich aber bin allein", klagte die Dichterin damals. "Ich bin allein, und das ist gut so", sagt der Zeitgenosse. "Jedem seinen eigenen Gott, seinen eigenen Himmel und auch seinen eigenen Weg dorthin!" "Ihr alle seid ja Götter", ruft uns die popular culture zu und macht sich wenig Gedanken darüber, woher man bei so vielen Göttern noch Anbeter nehmen soll. Rivalität, Neid, Aufstieg und Fall strukturieren unseren Alltag, und wir alle machen aus der Not die Tugend. Wie die Dichterin ersticken auch wir an der Einsamkeit. Nur: wir klagen nicht darüber. Dafür klagen wir an, jagen die Sündenböcke und verdrängen, dass wir doch nur eines brauchen: Jemanden, der herabsteigt auf unsere Augenhöhe und uns in die Gemeinschaft mitnimmt.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen, Sie haben durch ihr Studium die Rationalität gelernt, die sich aus dem trinitarischen Geheimnis und dem Geheimnis der Menschwerdung ableitet. Sie lernten, dass humilitas, Bodenständigkeit (früher hätte man gesagt: Demut), nicht etwas Dummes sei, sondern Grundbedingung für die Kultivierung der Humanität. Also: Humus für die Menschlichkeit. Doch mit dem Studium und dem Leben ist es so wie mit den Speisekarten und dem üppigen Mahl. Theologie lernen und lehren: das ist bloß Speisekartenlektüre und Speisekartenproduktion. Die gelebte Religion, das ist das fürstliche Mahl. Ewige Speisekartenlektüre ohne das dazugehörende Mahl, das ist der Inbegriff der Lebensverneinung. Religionsarme Theologinnen und Theologen werden zu Lebenshassern. Vielleicht ist einer der Gründe, warum die kulturelle Öffentlichkeit die christlichen Speisekarten verwirft, die mangelnde Sichtbarkeit der dazugehörenden Mahlkultur. Ich wünsche euch allen, dass euch euer Leben lang die Erfahrung des "christlichen Mahls" geschenkt bleibe, dass ihr dafür dankbar seid. Dann werdet ihr auch die Freude an der Kultivierung der Speisekarten - der Theologie - beibehalten und immer und immer wieder neu zum Bekenntnis finden: "Gott sei dank seid ihr dreifaltig, denn gerade darum bin ich nicht allein!"

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