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Die Jesuitenreduktionen (1609-1767)

Autor:Kriegbaum Bernhard
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:# Vortrag beim Dies academicus der Theologischen Fakultät zum Ignatianischen Jahr am 29. März 2006.
Datum:2006-04-06

Inhalt

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Das ignatianische Jahr 2006, welches den 450. Todestag des hl. Ignatius ins Gedächtnis ruft, ist durchaus ein guter Anlass, die Aufmerksamkeit einem Unternehmen zuzuwenden, in welches die Gesellschaft Jesu nicht wenige ihrer Mitglieder, aber auch erhebliche finanzielle und anderweitige Mittel sowie Ideen, Absichten und nicht zuletzt auch Gebete investiert hat; und es ist heute vielleicht auch sinnvoll, in einigem Abstand nicht nur zu diesem besonderen missionarischen Projekt, sondern auch zum historischen Gesamtkomplex der Entdeckung, Kolonialisierung und Christianisierung Lateinamerikas am Beispiel der Reduktionen Stellung zu beziehen.

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1. Die Voraussetzungen

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Die Gesellschaft Jesu war gerade gegründet (1540), als der portugiesische König Joâo III., der durch seinen römischen Botschafter von dem vorbildlichen Leben dieser "Reformpriester" in Kenntnis gesetzt worden war, sich an deren ersten Ordensgeneral und Gründer Ignatius von Loyola mit der Bitte wandte, einige Patres in die amerikanischen Besitzungen der portugiesischen Krone in Amerika zu entsenden. Immerhin brauchte es dann aber doch noch fast ein Jahrzehnt, bevor die ersten Jesuiten überhaupt amerikanischen Boden betraten (1549).

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Doch mit dem Eintreffen dieser ersten Jesuiten auf dem Boden Amerikas hatte dessen Missionierung keineswegs begonnen, und auch die Reduktionen können nicht ausschließlich auf den Erfindungsgeist der Väter der Gesellschaft Jesu zurückgeführt werden. Die allerersten missionarischen Schritte hatte die Kirche im direkten Zusammenhang mit den Eroberungsfeldzügen der Konquistadoren unternommen; unter diesem Vorzeichen versteht man denn auch die meistenteils ablehnende, oft auch feindselige Reaktion der Ureinwohner, die nun nicht nur ihre sozio-politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbständigkeit, sondern auch ihre spirituelle Heimat verlieren sollten.

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Die frühesten Glaubensboten waren Wanderprediger, die teils im Gefolge der Soldaten, teils sogar als deren Vorhut bei den Indios auftauchten, die christliche Botschaft im Eilverfahren verkündigten, sodann einige Taufen vornahmen, womöglich bei den Kaziken und Häuptlingen angefangen, um dann die Neugetauften auch schon wieder zu verlassen. In vieler Hinsicht ist diese Missionsmethode vergleichbar mit derjenigen, die im Frühmittelalter der Christianisierung der Germanen und später mancher Slawenvölker zugrunde gelegen hatte; dass sich die Ergebnisse in engen Grenzen hielten, ist unter diesen Voraussetzungen nur allzu verständlich. Elemente des alten Heidentums verbanden sich in oft wunderlicher Weise mit einem nur fragmentarisch angenommenen Christentum zu allen möglichen Formen einer synkretistischen Religiosität.

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Sehr bald wuchs denn auch unter den Missionaren die Einsicht, der Glaube könne sich nur in einem Klima gelebten Christentums entfalten und heranreifen. So entstanden Vorformen der späteren Jesuitenreduktionen in den spanischen wie in den portugiesischen Kolonien: aldeias, misiones, doctrinas und wie immer sie hießen. Sie alle liefen darauf hinaus, den Eingeborenen persönlichen Schutz und Sicherheit für den Fall der Annahme des Christentums zu gewährleisten; diesen Aspekt wird man bei allen Einschränkungen, die zur Missionierung der lateinamerikanischen Indios vorgenommen werden müssen, kaum hoch genug veranschlagen können, denn Ausbeutung, Versklavung oder gar gezielte Vernichtung der Indios waren sonst an der Tagesordnung: Die Konquistadoren sahen in ihnen bestenfalls (!) Objekte der Ausbeutung mit dem Ziel der eigenen Gewinnmaximierung, obwohl ein getaufter Indio nach dem in den spanischen Kolonien geltenden Recht als vollgültiger Bürger des Königreichs Spanien zu betrachten war. Doch der Schutz dieses Gesetzes zählte nur wenig.

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Die Missionierung der Indios hing tatsächlich völlig vom spanischen bzw. portugiesischen König ab. Das 17. und 18. Jahrhundert bilden die Zeit, in welcher das Staatskirchentum zu seiner höchsten Entfaltung gelangte. Was zunächst für die europäischen Staaten selbst galt, traf in noch erhöhtem Maß auf deren überseeische Kolonien zu. Insbesondere Portugal und Spanien hatten sich durch besondere Vereinbarungen mit dem Heiligen Stuhl, dem am Ende des 15. Jahrhunderts freilich kaum Alternativen zur Verfügung gestanden hatten, eine nahezu uneingeschränkte Verfügungsgewalt über die Kirche in ihren Kolonien vertraglich zusichern lassen. Mission geschah in diesen Gegenden zu den Bedingungen des so genannten Patronats oder sie geschah überhaupt nicht. Einerseits hatte sich die Krone zur Christianisierung der neu gewonnenen Territorien verpflichtet; damit hatten sich beide Staaten die völkerrechtliche Legitimierung ihres kolonisatorischen Vorgehens verschafft. Mit dieser Verpflichtung war die Sorge für Gründung einer hinreichenden Zahl von Kirchen, deren Ausstattung und der Unterhalt der an diesen tätigen Kleriker sowie deren Schutz mitgegeben. Anderseits bestimmte die jeweilige Krone darüber, wer als Missionar in den Kolonien überhaupt zugelassen wurde bzw. wann unliebsam gewordene Kleriker wieder das Land zu verlassen hatten; die Obrigkeit konnte bestimmte Missionsmethoden gutheißen bzw. sie verwerfen; sie bestimmte über Bischofsernennungen und Kirchenorganisation und vieles mehr. Mit einem Wort: Gegenüber der Kirche waren die beiden iberischen Staaten in ihren Kolonien nahezu allmächtig.

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Für das Folgende bleibt aber auch festzuhalten: Ohne den militärischen Schutz und die materielle Unterstützung seitens der Krone wäre die missionarische Durchdringung des riesigen Subkontinents in relativ kurzer Zeit unmöglich gewesen. Dass sich aus dieser strukturellen Gemengelage, welche Staat und Kirche im Missionswerk miteinander verband, Spannungen erwachsen konnten, liegt auf der Hand. Damit stand das "heilige Experiment", wie Fritz Hochwälder vor über einem halben Jahrhundert die Reduktionen in seinem bekannten Theaterstück genannt hat, von Anfang an auf bedenklich schwankendem Boden; dass es einmal wieder in den Status einer bloßen Utopie zurückfallen würde, zeichnete sich für den Fall ab, dass die Interessenlage bei Hof sich grundlegend änderte.

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2. Die Reduktionen

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Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf das missionarische Engagement der Gesellschaft Jesu in der südamerikanischen Indio-Mission. In Brasilien hatten die Jesuiten zunächst einen schweren Stand, da ihre Arbeit zuerst vom zuständigen Bischof, einem notorischen Indianerschinder, dann vom Gouverneur der Kolonie sabotiert wurde. Eine Zulassung für die spanischen Besitzungen wurde ihnen erst 1566 erteilt, und ab 1576 beteiligten sich die Jesuiten dann auch an der Mission unter den Indios, nachdem sie zuvor lediglich unter den europäischen Kolonisten gewirkt hatten. Zu dieser Zeit war die Mission unter den Angehörigen der alten Hochkulturen im Westen und Norden Lateinamerikas - wenigstens oberflächlich - fast abgeschlossen. Doch das Tiefland mit seiner schwer zugänglichen Bevölkerung war noch übrig, und sie für das Evangelium Jesu Christi gewonnen zu haben, ist vor allem das Verdienst der Patres aus der Gesellschaft Jesu.

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Diese hatten mit der Mission zunächst am Titicaca-See im Osten von Peru begonnen; hier wurden Modelle und Vorstellungen von der Indianermission entwickelt, welche in der Folgezeit Früchte tragen sollten, wo immer Jesuiten an der Mission unter den Indios arbeiteten: in Ecuador, Bolivien und ganz besonders in Paraguay unter den Guaraní-Indianern (seit 1588). Der Begriff 'Reduktion' macht dabei die Voraussetzung der missionarischen Glaubensverkündigung deutlich, dass nämlich die Indios, welche auf der Kulturstufe der Jäger und Sammler verstreut lebten, in einer gemeinsamen Siedlung zusammengezogen (span.: reducción a pueblos bzw. port.: aldeias) und dort sesshaft wurden. Erst hier und sofern sie als getaufte Christen unter - wie die Kolonialherren meinten - menschenwürdigen Gesetzen lebten, wurden sie als Menschen mit eigenen Rechten und eigener Würde betrachtet, wohingegen sie sonst eben lediglich 'Wilde' waren.

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Wie schon berichtet, gab es die Institution der Reduktionen bereits seit frühesten Zeiten der Kolonialisierung Amerikas. Zunächst geboren als Mittel zur besseren Ausbeutung der indianischen Arbeitskraft auf den Antillen, wurden die Reduktionen, d.h. die Zusammenführung nomadisch oder halbnomadisch lebender Indianer zu größeren, ortsstabilen Lebensgemeinschaften, von Franziskanern im heutigen Guatemala erstmals als Instrument der Glaubensverkündigung angewandt. Insbesondere die Zusage des Schutzes gegenüber jeglicher Versklavung übte eine hinreichende Anziehungskraft auf zahlreiche Indios aus, um ihre bisherige Lebensart mit allem, was zu ihr gehörte, aufzugeben.

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Dass im Jahr 1609 der Jesuitenorden von der spanischen Krone zur Gründung solcher Reduktionen vor allem im Gebiet des heutigen Paraguay ermächtigt wurde, muss im Zusammenhang mit den politischen Interessen Spaniens gesehen werden. Es beunruhigte die Regierung in Madrid zutiefst, dass sich portugiesische Kolonisten, Händler und Sklavenjäger nicht an die zwischen beiden Staaten festgelegte Grenzziehung hielten und das Einzugsgebiet der konkurrierenden Seemacht in Amerika sich immer weiter ausdehnte. Gleichsam als Eckpfeiler und Bollwerk gegen die Annexionsgelüste Lissabons versuchte die spanische Krone, mit der Errichtung einer Reduktion am Paraná dieser heimlichen Expansion Einhalt zu gebieten. Mit aller Deutlichkeit muss festgehalten werden: Die ersten von Jesuiten gegründeten Reduktionen dienten zu allererst staatlichen Interessen - aber anderes wäre angesichts des Patronats zur damaligen Zeit auch gar nicht möglich gewesen.

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Die Jesuiten dienten somit einer doppelten Zielsetzung: Wenngleich sie sich selbst in allererster Linie als Glaubensboten verstanden, mussten sie doch unter den Bedingungen des Patronats ihre Schutzbefohlenen an die spanische Kultur heranführen. Beides betrachtete man damals übrigens nicht unbedingt als einen Gegensatz, sondern in gewissem Sinne als eine Einheit. Trotzdem lässt sich in dieser Hinsicht ein gewisser Unterschied zwischen Jesuiten und den Angehörigen anderer Ordensgemeinschaften - der Diözesanklerus spielte bei der Tieflandmission keine Rolle - in ihrer Missionstätigkeit erkennen. Wie der Jesuit Bartolomé Hernández nach Madrid schreibt, sei den Indios das Evangelium “mehr durch Bekehrungsdruck aufgezwungen als durch Belehrung nahegebracht worden.” Dagegen betont er, wie wichtig es sei, ihnen “zu einem menschenwürdigen Leben innerhalb gut organisierter sozio-politischer Strukturen zu verhelfen” (Prien). Auch wenn es den Jesuiten infolge politischer Widerstände nicht gelang, was sie eine Zeit lang in Indien und China mit nicht geringem Erfolg praktizieren durften, nämlich die Mission an die vorgefundenen kulturellen Verhältnisse anzupassen, sind sie in dieser Hinsicht doch weiter gegangen als sämtliche anderen Missionare, die von vornherein die mit dem Heidentum durchsetzte Kultur der Indios als pures Teufelswerk betrachteten, das mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müsse.

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Wenn auch die ersten Reduktionen sich schon vor dem Auftreten der Jesuiten in der lateinamerikanischen Mission finden, so war doch die Durchführung dieses Konzeptes durch die Missionare aus der Gesellschaft Jesu durchaus neu. Zum einen genossen diese Gebiete völlige innere Autonomie, welche die Indios vor Ausbeutung und Versklavung sicherte. Die Kolonialbehörden wirkten nämlich einerseits manchmal zu deren Schaden äußerst selbständig und gegen die Anweisungen aus Madrid, waren zum anderen aber auch nicht selten so ineffizient, dass der durchaus vorhandene gute Wille der königlichen Regierung im fernen Spanien, die Indios zu schützen, vor Ort oft leider toter Buchstabe blieb. In den Reduktionen garantierten nun die Jesuiten die Freiheit der Eingeborenen gegenüber eventuellen Schikanen seitens der Behörden wie auch gegen Übergriffe der Siedler und weißer Banditen. Abgesehen von einem jährlichen Tribut, der aus einer größeren Menge mate bestand, waren die Indios frei von allen Steuern und unterstanden de iure der direkten Verwaltung durch den Vizekönig. Faktisch aber, und dies muss auch gesehen werden, waren sie völlig abhängig von den Jesuiten, welche eine paternalistische Regierung über sie ausübten.

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Der Staat war auf die Dauer nicht in der Lage, die Reduktionen gegen Überfälle der sog. Mamelucken, auch Paulistas genannt, zu schützen. Diese überfielen um das Jahr 1630 auf der Suche nach Sklaven ganze Dörfer, brannten sie nieder und verschleppten Zehntausende von Indios. Daher erhielten die Jesuiten unter König Philipp IV. das Recht, bewaffnete Truppen zur Verteidigung der Reduktionen aufzustellen, welche tatsächlich 1641, als die Paulistas wiederkamen, diesen eine regelrechte Schlacht lieferten, aus der sie dann auch als Sieger hervorgingen. Damit hatten diese Raubzüge, welche von portugiesischem Boden ausgingen, ein Ende.

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Ein Wort noch zur Organisation der Reduktionen. Die Dörfer boten überall ein nahezu identisches Aussehen: in der Mitte befand sich die Kirche, drum herum die Patreswohnungen und die Vorratsräume. Um diesen Kern lagerten sich dann die Hütten der Indios. Acht Glocken riefen von einem imposanten Glockenturm die Neubekehrten zum Gottesdienst. Traten diese bei der Messfeier an den Tisch des Herrn zur Kommunion, so konnten sie sich in Reihen zu 80 Mann nebeneinander aufstellen - das vermittelt uns einen Begriff von der gewaltigen Ausdehnung dieser Dorfkirchen. Der Innenraum war zumeist mit Holzschnitzereien reich ausgestattet. In der Theorie verwalteten sich die Siedlungen selbst, doch lief kaum ein Entscheidungsprozess ohne Zustimmung der Jesuiten. Die mangelnde Erziehung zur Selbständigkeit wird heute allgemein als wesentliches Manko des "Heiligen Experiments" angesehen und sollte sich nach der Vertreibung der Patres verheerend auf den inneren Zusammenhalt der indianischen Gemeinschaften auswirken. Niemand, der nicht zur Reduktion gehörte, durfte diese betreten, auch nicht Vertreter der Regierung oder etwa der Bischof. Damit nahmen diese Gebiete allmählich den Charakter eigener Staaten im Staat an, was vielen Interessierten ein Dorn im Auge war. Wenn damit aber auch die Regierung in den Reduktionen weitgehend in den Händen der Patres lag, fand deren Entscheidungsspielraum an den königlichen Patronatsrechten häufig ein Ende, vor allem was Ernennungen und Versetzungen einzelner Missionare betraf.

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Das Jesuitenkolleg alter Prägung mit seiner strengen Tagesordnung lag dem Leben in der Reduktion vorbildhaft zugrunde. Müßiggang als aller Laster Anfang sollte nach Möglichkeit vermieden werden, weshalb Gebet, Arbeit und Freizeit genau geregelt waren. Die Familien ernährten sich vom Ertrag der Äcker, die ihnen gehörten; darüber hinaus war ein jeder noch zur Arbeit auf den Gemeinschaftsfeldern verpflichtet, deren Ernte für Notzeiten zurückgehalten wurde. Das Richteramt lag bei den Patres; die schwerste Strafe bestand in der Ausweisung aus der Reduktion und in der Übergabe an die spanischen Behörden. Nach europäischen Maßstäben brachten es diese Indios weit im Zivilisationsprozess: sie erlernten nicht nur als ehemalige Nomaden die Landwirtschaft, sondern auch die verschiedensten Handwerksberufe. So befand sich die erste Buchdruckerei Amerikas in einer Reduktion.

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Der wachsende Hass gegen den Jesuitenorden verschonte im 18. Jahrhundert auch nicht die Reduktionen. Die Fama wurde in Umlauf gesetzt, die Patres horteten unermessliche Reichtümer in "ihrem" amerikanischen Staat, nachdem ihr tyrannisches Regime die Indios bis aufs Blut ausgesaugt habe. Die Existenz eines selbständigen Heeres unter Führung des Ordens gab den Gerüchten weitere Nahrung, so dass nur noch die offene Rebellion gegen das spanische Regime fehlte, und selbst diese Mär lief gerüchteweise um und wurde sogar von Papst Benedikt XIV. weitererzählt. Solche Geschichten waren aber nichts als Augenwischerei, welche die wahren Ursachen vernebeln sollten, als man daran ging, den Reduktionen, dem fälschlich so genannten 'Jesuitenstaat' den Garaus zu machen.

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Um die spanische Position am Rio de la Plata zu sichern, akzeptierte Spanien 1750 im Vertrag von Madrid die enorme Ausweitung des portugiesischen Besitzes über die Grenzen des Vertrages von Tordesillas hinaus und trat obendrein noch das östlich vom Fluss Uruguay gelegene Territorium ab, welches heute den Südzipfel Brasiliens bildet und das, abgesehen vom Küstenstreifen, Reduktionsgebiet war. Die Indios wurden dabei ebenso wenig gefragt wie die Jesuiten. Vor die Wahl gestellt, in westliche Gebiete umgesiedelt zu werden oder unter das harte portugiesische Joch zu fallen, griffen sie zu den Waffen und wurden nach Anfangserfolgen 1756 besiegt. Dass die Jesuiten vom bewaffneten Widerstand abgeraten und das mächtige Reduktionsheer nicht mobilisiert hatten, sollte sich nicht auszahlen; ihnen wurde die Indianerrevolte trotzdem in die Schuhe geschoben, was einen Grund für die 1759 erfolgte Unterdrückung des Ordens in Portugal darstellte.

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Doch auch auf der spanischen Seite überlebten die Reduktionen nicht mehr lange. 1767 wurde der Orden in Spanien aus Gründen, die hier darzustellen zu weit führen würde, verboten. Ein Motiv hängt jedoch mit den Reduktionen direkt zusammen und sei daher wenigstens kurz erwähnt: Da diese keinen Zehnten an die Bischöfe abführen mussten, waren es gerade viele der kirchlichen Würdenträger, die sich von der Vertreibung der Jesuiten und dem Ende des Experi-ments einer staatlichen wie kirchlichen Autonomie der Indios eine deutliche Verbesserung ihrer Einkünfte versprachen. Dies und der Neid anderer Orden hat viel dazu beigetragen, dass mit der Unterdrückung der Jesuiten oder wenig später das ganze Unternehmen der Reduktionen zusammenbrach.

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3. Bewertung

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Es ist hoffentlich im Verlauf des Vortrags deutlich geworden, dass das konkrete - mehr oder weniger - “heilige” Experiment eingebunden war in seine Zeit, d.h. in die Zeit des königlichen Absolutismus und des Staatskirchentums, was für die Mission ganz konkret den geschichtlichen Rahmen des Patronats der Krone in den lateinamerikanischen Besitzungen bedeutete. Vieles kann man aus heutiger Perspektive den damaligen Missionaren vorwerfen, insbesondere die Abschottung der Indios gegenüber ihrer Umwelt, ihren Paternalismus in der Führung der Reduktionen, manch persönliche Grausamkeit, die oftmals so noch gar nicht wahrgenommen wurde, und noch manches andere. Fraglich ist aber, ob den Vätern der Gesellschaft Jesu unsere Fragestellungen überhaupt nachvollziehbar gewesen wären, hätte man sie damals mit ihnen konfrontiert. Beurteilt man die Reduktionen aber aus dem Geist der Zeit heraus, wird man sie wohl eher als fortschrittlich und kühn im positiven Sinne, ja als “heiliges Experiment” sehen.

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"In all ihrer Unvollkommenheit waren die Reduktionen eine Gestalt gewordene antikoloniale Utopie, eine christliche Herausforderung des kolonialen Systems, die unter dem Einfluss der Aufklärung dem Primat kolonialwirtschaftlicher Interessen geopfert werden sollte", urteilt der protestantische Missionshistoriker H.-J. Prien . Die Guaraní verschwanden in den Wäldern, aus denen sie der Missionseifer der Patres seinerzeit hervorgeholt hatte, und zurück blieben nur noch die Reste einer Utopie.

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Weiterführende Bibliographie:

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Ph. Caraman : Ein verlorenes Paradies. Der Jesuitenstaat in Paraguay, München 1979 (Engl. Orig.: The Lost Paradise, London 1975).

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 E. Dussel : Die Geschichte der Kirche in Lateinamerika, Mainz 1988.

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A. de Egaña : Historia de la Iglesia en la América española. Hemisferio sur, Madrid 1966.

29
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 M. Haubert : La vie quotidienne au Paraguay sous les Jésuites, Paris 1967.

30
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M. Mörner : The Political and Economic Activities of the Jesuits in the la Plata Region. The Habsburg Era, Stockholm 1953.

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P. Pastells : Historia de la Compañía de Jesús en la provincia de Paraguay, 8 Bde., Madrid 1912-1949.

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H.-J. Prien : Die Geschichte des Christentums in Lateinamerika, Göttingen 1978.

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