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Der mimetische Zirkel
(Gewalt und der "Gott der Opfer")

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Die mimetische Theorie René Girards ermöglicht eine fruchtbare Analyse des Verhältnisses von Religion und Gewalt.
Publiziert in:Lernort Gemeinde. Zeitschrift für theologische Praxis 24/1 (2006) 17-20.
Datum:2006-02-24

Inhalt

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Nach dem II. Weltkrieg betonten gerade im deutschen Sprachraum viele die grundsätzliche Friedfertigkeit der Menschen. Doch diese Sichtweise hat sich zunehmend als schöne Illusion erwiesen, die wohl vor allem über das eben überstandene Gewalttrauma hinwegtrösten sollte. Unabhängig davon, ob wir die großen politischen Zusammenhänge oder unser alltägliches Zusammenleben in den Blick nehmen, wir stoßen bald auf Potentiale der Gewalt, die nur allzu leicht unsere friedlichen Verhältnisse empfindlichen stören können. Lange hat auch der Traum vom guten Menschen unseren Blick auf die Naturvölker verklärt. Scheinbar ohne Gewalt schien ihr Leben ganz von Harmonie bestimmt zu sein. Doch wer dann wie der französische Missionar Eric de Rosny nach einem jahrelangen Initiationsprozess zu jenem Sehen gelangt, das auch für die afrikanischen Heiler selbst bestimmend ist, erkennt, was sich tatsächlich hinter den scheinbar harmonischen und gewaltfreien Beziehungen verbirgt: "Sehen heißt zu allererst, dass einem die Gewalt zwischen den Menschen offenbar wird." (1) Auf der großen weltpolitischen Ebene gehörte der Kalte Krieg zu jenen Strukturen, die die latente Gewalt zwischen Staaten, Nationen und Völkern eindämmen half. Als der Kalte Krieg zu Ende war, führte das nicht zu einem harmonischen Reich des Friedens, sondern zu blutigen Bürgerkriegen, die plötzlich unsere Welt übersäten. Der zu recht immer wieder kritisierte Kalte Krieg war eben auch ein Friedensgarant, wenn er wie eine Tiefkühltruhe latente Konflikte vor ihrem heißen Ausbruch bewahrte. Schließlich mag uns schon eine aufmerksame Untersuchung des alltäglichen Grüßens die Augen für die Gewaltpotentiale menschlicher Beziehungen öffnen. Schon vor Jahrzehnten hat der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in der Höflichkeit eine "gesellschaftliche Technik zur Milderung jenes Zusammenpralls und Kampfes" erkannt, "der sich Gesellschaft nennt". (2) Auf diesen die Gesellschaft prägenden "Kampf" stieß er, als er den oft übersehenen "Untergrund unseres Alltagslebens" genauer untersuchte. (3)

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Mimetische Rivalität oder der Kampf um gemeinsam begehrte Objekte

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Wo diesen untergründigen Gewaltverhältnissen nachgespürt wird, erweist sich zunehmend die mimetische Theorie René Girards als ein wichtiges und weiterführendes Instrument. So entdeckte Eric de Rosny diese Theorie, als er über seine neu gewonnene Einsicht in die zwischenmenschlichen Gewaltpotentiale reflektierte. Antje Vollmer verwies auf den französisch-amerikanischen Kulturanthropologen, als sie über den "heißen Frieden" nachdachte, der dem Kalten Krieg folgte. (4) Auch Ortega y Gasset weist eine Gemeinsamkeit mit Girards Theorie auf, wenn er das seltsame Phänomen beschreibt, dass Menschen gerade auch dann miteinander zu kämpfen beginnen, wenn sie sich gar nicht voneinander unterscheiden, sondern aufgrund ihrer identischen Begierden um die selben Objekte – sei es ein "Gemälde, einen Erfolg, eine gesellschaftliche Position oder auch ... eine Frau" – rivalisieren (5) : "So prallt denn der Andere selbst in Fällen, in denen er mit mir übereinstimmt, mit mir zusammen und negiert mich."

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Was Ortega y Gasset aber bloß als eine besonders seltsame Quelle menschlicher Konflikte nannte, steht im Zentrum von Girards mimetischer Theorie. Aus der systematischen Lektüre der großen europäischen Romanschriftsteller wie Cervantes, Stendhal, Flaubert, Proust und Dostojewksi gewann er die Einsicht in das mimetische, d.h. nachahmende Begehren der Menschen, das sich wesentlich am Begehren anderer Menschen ausrichtet. (6) Sind unsere Grundbedürfnisse einmal gestillt, so begehren wir vor allem das, was auch andere begehren. Wo sich das Begehren deshalb auf exklusive, unteilbare oder nicht gemeinsam genießbare Güter ausrichtet, kommt es sehr rasch zur mimetischen Rivalität, die eine der wesentlichen Ursachen zwischenmenschlicher Gewalt ist. Girard verweist mit der mimetischen Rivalität auf jene Gewaltursache, die sich auch als Neid und Eifersucht beschreiben lässt. Wo wir genau jene Objekte haben wollen, die unsere Vorbilder besitzen oder begehren, sind Konflikte und Gewalt fast unausweichlich. Die Bibel warnt vor dieser Gefahr im neunten bzw. zehnten Gebot des Dekalogs: "Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört." (Ex 20,17) (7)

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Mit seiner These, dass in der mimetischen Rivalität die wesentliche Ursache zwischenmenschlicher Gewalt zu finden sei, vertritt Girard aber kein grundsätzlich negatives Menschenbild, das diese Quelle der Gewalt zur Naturnotwendigkeit erklären würde. Für Girard ist das mimetische Begehren etwas fundamental gutes, das wesentlich zum Menschsein gehört und positive Möglichkeiten – wie das Erlernen von Sprache oder Kultur – genauso erklärt, wie die menschliche Öffnung hin auf Gott und seine transzendenten Güter. Girards mimetische Theorie distanziert sich von allen Gewalttheorien, die einen Aggressionsinstinkt oder -trieb annehmen genauso, wie vor der umgekehrten Gefahr eines naiven Rousseauismus, der die Menschen grundsätzlich für gut erklärt und alle Gewalt allein durch falsche gesellschaftliche Strukturen zu erklären versucht. Aus theologischer Sicht lässt sich Girards mimetische Theorie mit der Lehre von der Ursünde verbinden. Nicht zufällig entdecken wir schon bei Augustinus die mimetische Rivalität als Quelle zwischenmenschlicher Gewalt. Nach Augustinus herrscht im immer zum Krieg neigenden irdischen Staat eine "unselige Begehrlichkeit um solche Dinge" vor, "die nicht gemeinsam besessen werden können". (8) Als Beispiel nennt er die Zwillingsbrüder Romulus und Remus, deren Verhältnis deshalb mit Mord enden mußte, weil beide eine exklusive Herrschaft anstrebten. "Beide waren nach dem Ruhm der römischen Staatsgründung begierig, beide nach solchem Ruhme, wie ihn doch nur einer gewinnen konnte." (9)

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Der Sündenbockmechanismus als religiöser Ursprung der menschlichen Kultur

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Die mimetische Theorie beschränkt sich aber nicht auf die Untersuchung der individuellen Ursache zwischenmenschlicher Gewalt, sondern erweist sich als eine hilfreiche Kulturtheorie, um die Ursprünge gesellschaftlicher Eindämmungen von Gewalt erforschen zu können. In einem zweiten Schritt ist Girard in den 60er-Jahren vom Studium der europäischen Romane dazu übergegangen, dem mimetischen Begehren und den gesellschaftlichen Krisen, die mit ihm einhergehen können, in der antiken Literatur und den Quellentexten der ethnologischen Forschung nachzuspüren. In einer genauen Analyse der klassischen Tragödien von Sophokles und Euripides hat er die Ergebnisse dieser Forschungen 1972 unter dem Titel "Das Heilige und die Gewalt" vorgelegt. (10) Dieses Werk zeigt, dass für alle archaischen Kulturen eine ursprüngliche Krisenerfahrung, die in mimetischen Rivalitäten wurzelt, zentral ist. Daran schließt sich die Beschreibung jenes kulturellen Mechanismus an, der in den archaischen Gesellschaften zur Überwindung dieser Krise führte und den Ursprung menschlichen Kultur darstellt. Nach Girard handelt es sich dabei um einen unbewussten kollektiven Vorgang, in dem ein Mitglied der Gruppe als angeblicher Verursacher der Krise ausgestoßen oder getötet wird. Er bezeichnet diesen Vorgang als Sündenbockmechanismus und betont ausdrücklich, dass sich diese ursprüngliche Lösung der mimetischen Krise als religiöser Vorgang vollzieht, weil das verstoßene oder getötete Opfer als absolut böse – es scheint für die Krise allein verantwortlich zu sein – und als absolut gut zugleich, weil seine Auslöschung den Frieden brachte, wahrgenommen wird. Diese doppelte Übertragung von Fluch und Segen bildet den Kern archaischer Religiosität, wie sie in vielen religiösen Urworten noch erkennbar ist. Der Sündenbockmechanismus ist mit dem Ursprung des Religiösen gleichzusetzen. Die zentralen Elemente aller archaischen Religionen wie Verbote, Riten und Mythen wurzeln in diesem gewalttätigen Gründungsakt.

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In zahlreichen Mythen hat Girard die Spuren des Gründungsmordes nachgewiesen. Sein deutlichstes Beispiel ist der Ödipus-Mythos. Als die Pest in Theben wütete, wurde Ödipus nach langem Ringen als angeblichem Vatermörder und im Inzest mit seiner Mutter lebendem Fremden die Verantwortung für die Krise zugeschoben. Wie einen Sündenbock vertrieb man ihn aus der Stadt. Sophokles charakterisiert ihn nicht nur als Verkörperung des Bösen und Verursacher der Plage, sondern zeigt auch, wie dieser nach der Vertreibung aus der Stadt plötzlich zu einem Heilbringer wird, um dessen zukünftigen Leichnam sich Theben und Athen schon zu seinen Lebzeiten streiten.

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Im Blick auf das Neue Testament identifiziert Girard den Sündenbockmechanismus mit dem Satan. So wie im Sündenbockmechanismus aus dem Chaos Ordnung hervorgeht, so ist der Satan gleichzeitig die Verkörperung von Chaos und Ordnung. Er ist sowohl der diabolos, der Durcheinanderwürfler, als auch als "Herrscher der Welt", also als weltliches Ordnungsprinzip. Der Satan ist mit der mimetischen Rivalität und seinen möglichen Ausfaltungen identisch. Wo die Menschen durch ihr nachahmendes Begehren zu Rivalen um unteilbare Objekte werden, zeigt sich der Satan von seiner chaotischen, konflikterzeugenden Seite. Wo hingegen eine krisengeschüttelte Gemeinschaft sich wiederum mimetisch plötzlich gegen ein Opfer vereint, zeigt sich der Satan als ordnende Kraft. Nach Girard findet sich im Johannesevangelium ein komprimierter Hinweis auf den mimetischen Wesenskern des Satans, der weder das falsche Begehren noch die kulturgründende Funktion des Sündenbockmechanismus sowie dessen mythische Verschleierung unerwähnt lässt. Als Jesus mit jenen Menschen konfrontiert war, die ihn töten wollten, enthüllte er das Wesen des Satans: "Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an ... und ist der Vater der Lüge." (Joh 8, 44)

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Nach Girard wurzelt die menschliche Kultur im Sündenbockmechanismus. (11) So zeigt sich an der urtümlichen Institution der Todesstrafe beispielsweise die Verwurzelung der Rechtsordnung im Gründungsmord. Vermittelt über den Ritus lässt sich auch die für das politische Zusammenleben typische Form der Feindschaft nach außen auf den Sündenbockmechanismus zurückführen. Ähnlich wie der Sündenbockmechanismus in der kollektiven Gewalt gegen einen Dritten Einheit und Frieden in der Gruppe erzeugt, so ist auch der gemeinsame äußere Feind Garant des inneren Friedens einer politischen Einheit. Der relative Frieden des Kalten Krieges ist ein Beispiel für diese seltsame Form einer gewaltgestützten Gewalteindämmung.

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Die biblische Aufdeckung der Gründungsgewalt und der "Gott der Opfer"

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Besonders interessant erweist sich die mimetische Theorie aber aus christlicher Sicht. In einem dritten Schritt entfaltete Girard eine eigene Religionstheorie, indem er auch die biblischen Schriften in seine Analyse einbezog. (12) Girard erkannte, dass die zentralen Texte der Bibel sich im Unterschied zu den archaischen Mythen mit der Perspektive der verjagten oder getöteten Sündenböcken solidarisieren und dadurch den Sündenbockmechanismus ans Licht bringen. Die Bibel schreit die Unschuld der getöteten oder verjagten Sündenböcke in die Welt. Steht der römische Mythos auf der Seite des Brudermörders Romulus, dessen blutige Tat gerechtfertigt zu sein scheint, so klagt die Bibel den Mörder Kain an und solidarisiert sich mit seinem getöteten Bruder Abel. In der alttestamentlichen Geschichte von Josef lässt sich eine Kontrasterzählung zum Ödipus-Mythos erkennen. (13) Beide, Ödipus und Josef, erleiden schon als Kinder ein Sündenbockschicksal. Ödipus wird von seinen Eltern fortgelegt, und Josef von seinen Brüdern verkauft. Doch die Unterschiede zwischen diesen beiden Erzählungen sind wichtiger als die Parallelen. Während Ödipus wegen seiner angeblich inzestuösen Beziehung zu seiner Mutter für die Pest in Theben verantwortlich gemacht wird, spricht der biblische Text Josef von einem ähnlichen Vergehen frei. Nicht er hat die Frau seines väterlichen Freundes Potifar vergewaltigt, sondern er wurde umgekehrt von dieser verführt. Die Bibel steht eindeutig auf der Seite des Opfers Josef. Sie solidarisiert sich weder mit seinen neidischen Brüdern noch mit seinen ägyptischen Anklägern. Während Ödipus nach seiner Vertreibung zu einer Art Gott erhoben wird, weist Josef ein solches Ansinnen seiner ihn früher verfolgenden Brüder entschieden zurück (Gen 50,18f).

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Die Götter mythischer Religionen sind vergöttlichte Opfer, die die Gewalt ihres Ursprungs verkörpern und immer neue Blutopfer zur Stabilisierung des von ihnen garantierten Friedens verlangen. Im Unterschied dazu zeigt sich der biblische Gott als ein gewaltfreier "Gott der Opfer", der sich mit den Sündenböcken der Menschen solidarisiert. (14) Neben den Klagepsalmen und dem Buch Ijob sind diesbezüglich im Alten Testament vor allem die Lieder des leidenden Gottesknechtes bei Deuterojesaja hervorzuheben. Die Gottesknechtlieder beschreiben das Schicksal eines Leidenden, der von den Menschen verachtet, geschlagen und ausgestoßen wurde. Sein Schicksal gleicht ganz dem eines Sündenbocks (Jes 53,2f.8f). Die entscheidenden Passagen des Textes sind aber jene, die die Unschuld des Knechtes hervorheben und seine Partei einnehmen. Nach Jes 53,9 wurde er verfolgt und gemieden, "obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war". Die Verantwortung für sein Schicksal wird eindeutig den Verfolgern zugesprochen, die schließlich ihre eigene Verfolgermentalität klar einbekennen: "Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt." (Jes 53,4f)

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Im Neuen Testament zeigt die Passionsgeschichte Jesu in den Evangelien am deutlichsten, inwiefern sich die biblische Perspektive von der mythischen Sicht unterscheidet. Wie in vielen Mythen wird die kollektive Gewalt gegen ein Opfer beschrieben. Aber im Unterschied zu den Mythen identifizieren sich die Evangelien radikal mit dem Sündenbock Jesus, dessen Unschuld hervorgehoben wird: "Ohne Grund haben sie mich gehaßt." (Joh 15,25) Die Evangelien erkennen in Jesus einen zu Unrecht verfolgten Sündenbock. Er ist das "Lamm Gottes" (Joh 1,29) und steht damit in einer Linie mit dem geschlagenen Knecht des Deuterojesaja. Im Gott Jesu Christi wird jener biblische "Gott der Opfer" offenbar, der sich mit allen Sündenböcken solidarisiert und die menschliche Verantwortung für die Gewalt ans Licht bringt. In ihm gründet die modernen Sorge um die Opfer, wie sie z. B. für die Tradition der Menschenrechte charakteristisch ist.

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Die klagereligiöse Versuchung im Zeitalter des Antichrist

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Es wäre aber naiv, zu glauben, dass die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus alle Gewalt sofort und für immer aus unserer Welt verbannt hätte. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein. Die biblische Unterminierung traditioneller Gewalteindämmungsformen hat indirekt zu einer apokalyptischen Verschärfung der Weltlage beigetragen. Als Folge der biblischen Botschaft droht eine radikale Zunahme menschlicher Gewaltkonflikte. Jesus sprach dies dort aus, wo er sagte, dass er nicht gekommen sei, "um Frieden auf die Erde zu bringen ..., sondern das Schwert" (Mt 10, 34).

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Das Problem eines explosiven Ansteigens der Gewalt durch die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus zeigt sich beispielsweise in der parasitären Form der Klagereligion, wie sie der Schriftsteller und Kulturphilosoph Elias Canetti als scheinbar typisch für das Christentum bezeichnet hat. (15) Mit diesem Begriff hat er vor allem am Beispiel von Christentum und Islam beschrieben, wie sich Menschen durch ihre Identifikation mit einem verfolgten Opfer nun selbst zur rächenden Gewalttat berufen fühlen. Als Klagende erscheint ihre Gewalt gerechtfertigt zu sein. Wir kennen Formen der Klagereligion unter anderem aus der Zeit der Kreuzzüge, als Christen im Namen ihrer Solidarität mit dem Gekreuzigten sich an Juden und Muslimen rächten. Aber auch die Massaker der europäischen Konquistadoren folgen diesem Muster, wenn im Namen des Christentums die Indianer wegen ihrer Menschenopfer in einer Weise abgeschlachtet wurden, die alle archaische Opfergewalt um das Vielfache übertraf.

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Aus der Sicht der mimetischen Theorie Girards handelt es sich bei dieser Form der vergeltungssüchtigen Klagereligion um eine Pervertierung der biblischen Aufdeckung des Sündenbockmechanismus. Aus der Offenlegung des Sündenbockmechanismus wird eine "Jagd auf die Sündenbockjäger". (16) Girard diskutiert diese durch die biblische Offenbarung möglich gewordene Versuchung ausdrücklich als eine Form des Antichrist, der sich als gefährlicher neuer Totalitarismus zeigt: "Was bedeutet eigentlich das Wort Antichrist? Doch wohl, daß man Christus nachahmen und ins Lächerliche ziehen wird. Es enthält eine genaue Beschreibung einer Welt, unserer eigenen, in der die schlimmsten Verfolgungstaten im Namen der Verfolgungsbekämpfung ausgeführt werden. ... Man kann sich entweder wie die Nazis dem christlichen Verhalten offen widersetzen oder mit unehrlichen Absichten in die Rolle eines Christen schlüpfen und diese von ihrem Ziel ablenken, und da wären wir beim heutigen Totalitarismus." (17)

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Diese klagereligiöse Versuchung ist zu einem vielfach vorherrschenden Muster in unserer Welt geworden. Es ist der Geist der Kreuzzüge und des gewalttätigen Moralismus, der für Tendenzen in unserer liberalen Welt genauso typisch ist wie für den gegenwärtigen Terrorismus, der sich als Verteidiger der Schwachen und Verfolgten zu legitimieren versucht.

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Die Aufgabe der Kirche in einer apokalyptischen Welt

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Gerade angesichts der apokalyptischen Verschärfung der Gewaltproblematik in unserer vom Geist des Antichrist bedrohten Welt bedarf es der Kirche, die den gewaltfreien Geist der biblischen Offenbarung in seiner Ganzheit lebendig hält. Die klagereligiöse Versuchung gehört nämlich zu den häretischen Aneignungen des christlichen Erbes, das durch seine Aufspaltung Konflikte und Gewalt schürt: "Um die Offenbarung als Waffe im Kampf der mimetischen Rivalität zu verwenden und um ihr Spaltkraft zu verleihen, muß sie erst zerteilt werden. Solange sie intakt ist, bleibt sie Friedensmacht; fragmentiert erst stellt sie sich in den Dienst des Krieges." (18)

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Die christliche Tradition weist einen mimetischen Ausweg aus den Sackgassen zwischenmenschlicher Gewalt. Dieser Ausweg besteht in der Nachfolge bzw. Nachahmung Jesu. Sie orientiert erstens unser Begehren auf jene ewigen Güter, die nicht verknappen und daher auch nicht notwendigerweise zur mimetischen Rivalität führen, sondern umgekehrt sogar zunehmen, je mehr Menschen sich auf sie richten. Schon bei Augustinus können wir diesen Gedanken finden, wenn er auf Abel als Beispiel eines Bürgers des himmlischen Staates verweist, der nicht die Herrschaft über den irdischen Staat suchte, sondern in der Gottesliebe die Zunahme des von ihm erstrebten Gutes erfuhr. Zweitens ist es wichtig, dass wir in der Nachfolge Jesu unser Begehren auf einen gewaltfreien Gott ausrichten, wie ihn Girard in der biblischen Offenbarung erkennt. Der gewaltfreie Gott entzieht allen menschlichen Versuchen, die eigene Gewalt als Tötung im Namen Gottes zu rechtfertigen, die Grundlage. Drittens ist auch die Art und Weise unserer mimetischen Ausrichtung auf Gott bedeutsam. Nur wenn unsere Nachahmung sich in Demut und Bescheidenheit vom Geist Jesu leiten lässt, fördern wir den Frieden, weil auch die Nachahmung Gottes allzu leicht zur Waffe im Kampf zwischenmenschlicher Rivalitäten pervertiert werden kann. Im Neuen Testament zeigt sich beispielsweise in Mk 9,38-41, wie Jesus sich gegen falsche menschliche Grenzziehungen stellte, als sich seine eigenen Jünger in rivalisierender Weise auf seinen Namen beriefen. (19)

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Letztlich verdanken sich sowohl die Aufdeckung des Sündenbockmechanismus als auch die Entdeckung des gewaltfreien Gottes der Opfer der göttlichen Gnade und nicht menschlicher Anstrengung. Insofern die Kirche aus jenem Gnadengeschenk hervorgeht, das die Jünger dazu befähigte, ihre eigene Mitverantwortung an der Hinrichtung Jesu zu erkennen, ist sie auch die Gemeinschaft, die uns dazu befähigen kann, "Frieden zu stiften" (Mt 5,9). Als Friedensstifter wirken wir, wenn wir – gestärkt von der Gnade Gottes – unsere eigene Verstrickung in mimetischen Rivalitäten erkennen und zu überwunden versuchen. Jedes überzeugend gelebte Vorbild wird sich dann durch die mimetische Ansteckung auf positive Weise fortpflanzen.

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Anmerkungen:

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1.E. de Rosny, Die Augen meiner Ziege, Wuppertal 1999, 341.

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2.J. Ortega y Gasset, Der Mensch und die Leute, Stuttgart 1957, 233.

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3.A.a.O., 223.

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4.A. Vollmer, Heißer Frieden, Köln 1995, 109-115.

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5.Ortega y Gasset, Mensch, 225.

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6. R. Girard, Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität, Münster 1998.

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7.Vgl. R. Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München 2002, 21-24.

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8.A. Augustinus, Vom Gottesstaat, München 1985, 218 (XV.4).

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9. Ebd. (XV.5).

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10.R. Girard, Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987.

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11.Vgl. W. Palaver, René Girards mimetische Theorie, Münster 2004, 347-371.

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12.Vgl. R. Girard, Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses, Freiburg 1983.

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13.Vgl. Girard, Satan, 140-150.

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14.R. Girard, Hiob " ein Weg aus der Gewalt, Zürich 1990, 195-211.

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15.E. Canetti, Masse und Macht, München 1960, 172-194.

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16.Girard, Satan, 198.

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17.R. Girard, Wenn all das beginnt ... Dialog mit Michel Treguer, Münster 1997, 63.

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18.R. Girard, Der Sündenbock, Zürich 1988, 170.

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19.Vgl. G. Neuhaus, Kein Weltfrieden ohne christlichen Absolutheitsanspruch, Freiburg 1999, 118-120.

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