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Bodenständig. Ansprache des Dekans bei der Promotions- und Sponsionsfeier am 19. November 2005

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:Kongreshaus Innsbruck am 19.11.2005Kongreshaus Innsbruck am 19.11.2005
Datum:2005-11-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Ein Heiliger ist ein Mensch, der die grundlegende Tugend der Demut praktiziert. Demut im Angesicht von Wohlstand und Überfluss, Hass und Gewalt, Erfolg und Lob, Schwäche und Stärke. Demut aber auch angesichts eigener genialer Begabung, angesichts der Demut eines anderen, angesichts der Liebe, der Leidenschaft und der Schönheit, angesichts von Schmerz, Elend und Tod.“ Mit dieser Assoziationskette nähert sich der erfolgreichste Satiriker und Humorist des englischen Sprachraumes Tony Hendra dem Geheimnis eines einfachen Benediktinermönchs, jenes Menschen, von dem er selber bekennt: „Es war der Mann, der meine Seele rettete.“ In seinem Beststeller „Father Joe“ beschreibt Hendra seine eigene Lebensgeschichte: die beneidenswerte Karriere eines Menschen, der auf den allerbesten Parketts der Welt tanzt, die immer dünner werdende Luft an der Spitze atmet, unzählige Abstürze hinter sich hat, dem Zynismus verfällt, Beziehungsbrüche in Kauf nimmt und die Leere des Promi-Alltags, schlussendlich auch die Hilfskrücken der Opiatenkultur. Ein unruhiges Herz, eine getriebene Existenz, einer, der immer aus der Situation das Beste zu machen sucht, deswegen auch ständig an der Grenze der Überforderung steht, weil halt die Spitzenleistung die Regel sei und die Konkurrenz und der Neid das tägliche Brot bleiben.

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Diese doch so moderne Lebensgeschichte wird wie durch einen Kontrapunkt begleitet - und damit auch auf eine tiefere Art und Weise strukturiert - durch das Leben des Benediktinermönchs Pater Joseph Warrilow, den Hendra hin und wieder aufsucht. Die faszinierende Pracht und der Atem raubende Schrecken der Welt haben diesen Mönch bescheiden gemacht, damit auch gelassener. Und dies deswegen, weil er die Glaubensüberzeugung internalisierte, dass unter der harten Oberfläche der materiellen Welt „etwas Lebendiges pulsiert“, dass in banalsten Zusammenhängen Spuren vom Geheimnis greifbar sind, dass Gott in dieser hochmodernen Welt genauso am Werk ist wie in den alten Zeiten. Deswegen gab es für diesen Mönch nichts, aber auch gar nichts, was nur banal wäre. Deshalb verströmte er „Sanftheit und Güte wie den Duft eines Aftershave”. Vater Joe war kein Stoiker, für Hendra war er ein Heiliger, d.h. ein bescheidener Mensch, der aus der tiefen Gnadenerfahrung heraus zum Ruhepol einer atemberaubenden und Atem raubenden Zeit werden konnte.

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Sehr geehrte Frau Vizerektorin, liebe Kandidatinnen und Kandidaten, liebe Verwandte, Freunde und KollegInnen unserer Absolventen! (Feinde sind wahrscheinlich nicht zugegen). Warum dieser ungewöhnliche Einstieg? Im 19. Jahrhundert konnte Kardinal John Henry Newman über Analogien zwischen Heiligen und Wissenschaftlern reflektieren. Beide Gruppen verbindet ja - so seine Ansicht - die Haltung der humilitas: Bodenständigkeit, Bescheidenheit, Demut. Der Wissenschaftler wird mit dem Fortschreiten in der Erkenntnis immer demütiger (im besten Sinn des Wortes), weil ihm die Fragmentarität seiner Forschung bewusst wird und auch die Korrekturbedürftigkeit. Diese Haltung verbindet ihn mit dem Heiligen, der durch die Erfahrung der Größe des göttlichen Mysteriums bodenständig wird. Solche Analogien, wie die von J. H. Newman, scheinen heute obsolet geworden zu sein.

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Schärft man nämlich seinen Verstand durch die tägliche Lektüre unserer Gazetten, so assoziiert man mit dem Stichwort „Wissenschaft“ nicht nur „Spitzenforschung”. Die Ikonen jener Frauen und Männer, die unaufhaltsam unlösbare Probleme lösen, unser aller Leben in Richtung mehr an Lebensqualität lenken und unsere Welt neu und besser erschaffen, diese Assoziationen über die hochmodernen Göttinnen und Götter in den Labors und Forschungszentren besetzen doch unser aller Phantasie. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde der Wissenschaft jene Demut geraubt, die den Heiligen hoffentlich noch eigen ist. Die Öffentlichkeit drängt der Wissenschaft ihre Allmachtsphantasien auf und erwartet Wunder am laufenden Band! Lässt sich die Wissenschaft verführen, so werden Wissenssysteme zum Religionsersatz. Sie werden auch zunehmend inhuman.

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Natürlich sind Theologinnen und Theologen nicht automatisch Heilige, trotzdem bleibt Theologie eine Wissenschaft sui generis. Im Konzert der Wissenschaften stellt sie so etwas dar wie den Kontrapunkt. Schon durch ihr eigenes Selbstverständnis. Das Mittelalter hat sie gar als eine „scientia subalternata“ begriffen, eine untergeordnete, eine demütige und bodenständige Wissenschaft. Und dies deswegen, weil sie sich bei aller begrifflichen und methodischen Strenge in ihrem Erkenntnisfortschritt zuerst der Offenbarung des göttlichen Mysteriums verdankt.

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Die Gedanken an die scientia subalternata, an die Haltung der Bescheidenheit und der Demut kamen mir in den Sinn, als ich - liebe Kandidatinnen und Kandidaten - in Ihren Abschlussarbeiten stöberte und die Gutachten studierte. Verglichen mit jenen Schlagzeilen zum Thema Forschung, die unsere mediale Öffentlichkeit tradiert, präsentieren sich Ihre Themen recht bescheiden, oft gestrig, auf den ersten Blick gar banal. Niemand von Ihnen erhebt den Anspruch, die Menschheit einen Quantensprung in Richtung bessere Zukunft durch seine Arbeit befördert zu haben. Sie alle haben eines gemeinsam: Mit methodischer und begrifflicher Strenge suchen Sie nach Spuren jenes Geheimnisses, das unser aller Leben schon jetzt der Banalität entreißt. Diesem Leben also eine bodenständige Gestalt gibt. Mit wissenschaftlicher Präzision erden sie jenes Mysterium, das durch die humilitas der Menschwerdung Gottes sich selbst mitten in unserem Alltag geerdet hat.

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Im Angesicht von Wohlstand und Überfluss also, von Hass und Gewalt, Erfolg und Lob, Schwäche und Stärke, angesichts genialer Begabungen (eigener und fremder), angesichts von Schmerz, Elend und Tod lernten Sie durch ihr Studium und Ihre wissenschaftliche Forschung die Tugend der humilitas, gingen immer und immer wieder neu im Umgang mit den Phänomenen des Alltags einen Schritt tiefer, als dies unsere aufgescheuchte mediale Öffentlichkeit tut. So lernten Sie zu unterscheiden zwischen dem wahren Gott und den Götzen des Alltags, wie dies etwa Andreas von der Thannen tat in der Arbeit über Fußball als Ersatzreligion (betreut von den Kollegen Weber und Neuhold [Graz]). Sie lernten Ihre Aufmerksamkeit auf die Zeichen des sich offenbarenden Gottes zu lenken, wie dies etwa Ernst Josef Ehrenreich tat in seiner Arbeit über den Traum Jakobs vom offenen Himmel (betreut von Kollegen Fischer). Die liebenswürdige Bescheidenheit wird mit Händen greifbar, wenn Sie sich den Wegen der ganz normalen alltäglichen Seelsorge zuwenden, wie sich diese landauf, landab abspielt, und die Spuren des Geheimnisses im Alltagstrott freilegen. Marianne Kathy Busenhart etwa mit ihrer Arbeit über die Taufkatechese, auf dass das Ritual der Taufe nicht zum Billigangebot zu Schleuderpreisen verkommt (Betreuung von Kollegen Scharer). Andrea Katharina Thurnher mit der Arbeit zum oft schon alltäglichen Konflikt: „Ich möchte Taufpatin, Taufpate werden, bin aber aus der Kirche ausgetreten” (betreut von Kollegen Rees). Hildegard Falch mit ihrer Arbeit über jene Seelsorge, die die Schwerkranken und diejenigen, die sie pflegen, in den Mittelpunkt stellt (Betreuung durch Kollegen Weber). Brunhilde Steger mit ihrer Arbeit über das unscheinbare, und doch so wichtige Kommunikationsmittel vieler Gemeinden, den Pfarrbrief (betreut von Kollegen Weber), oder aber Karoline Murauer, die der immer mehr verschwindenden Volksfrömmigkeit ihre wertschätzende Aufmerksamkeit schenkt und über den Rosenkranz eine Arbeit schreibt (betreut von Kollegen Weber). Sie lernten das Mysterium auch lokal zu erden, wie etwa Johann Tasser, der die Pfarrkirche von Sarnthein in Südtirol in seiner Arbeit fokussiert (betreut von Kollegen Kriegbaum). Sie praktizierten aber auch die Tugend der humilitas, weil Sie ein wenig unmodern auf die Autoritäten hörten, den Altmeistern die Kunst der theologischen Reflexion abschauten und ihre Theologie nachbuchstabierten. Klaudia Resel etwa mit ihrer Diplomarbeit über die Methodenlehre von Kardinal Leo Scheffczyk (betreut von Kollegen Siebenrock), oder Andreas Anton Ploner mit der Diplomarbeit über den Seelenbegriff in der Eschatologie von Joseph Ratzinger (betreut von Kollegen Lies) - (und wer kennt die Autorität nicht? Ich meine nicht die von P. Lies). Oder noch radikaler. Hermann Hammer, der beim Kollegen Meßner einen Forschungsbericht über die Forschung des 20. Jahrhunderts zum Thema Messreform der ersten Zisterzienser vorlegt, also ein winziges Mosaiksteinchen liefert zu einem größeren Mosaik, das wohl andere zusammenstellen werden. Sie lernten humilitas, weil Sie sich zum wiederholten Mal die Zähne ausgebissen haben am Thema Leid. „Warum ist das Böse so mächtig?” Um solche Fragen sinnvoll stellen zu können, ging Fabian Meier beim Kollegen Siebenrock in die Schule der Prozesstheologie und Julia Stabentheiner beim Kollegen Lies in die Schule der Befreiungstheologie von Jon Sobrino. Sie lernten die Tugend der Bescheidenheit, als Sie die großen politischen Konzepte und religionspolitischen Auseinandersetzungen auf ihre Bodenständigkeit prüften. Karin Bitschnau schaut auf die Versöhnungsarbeit von Sant’Egidio in Mosambik und den Bischof Belo in Osttimor und verortet diese in das Konzept der Zivilgesellschaft (betreut von Kollegen Palaver). Sigismund Somnia Christian Munishi reflektiert das schwierige Verhältnis zwischen Katholiken und Muslimen im Gebiet der Diözese Zanzibar in Tansania. Trotz der unüberwindbaren Schwierigkeiten, gerade seitens muslimischer Mitbürger, gibt es keine Alternative zum Dialog (Betreuung Kollege Weber). Der Theologe lernt schlussendlich Bescheidenheit, wenn er sich dem Thema Ethik stellt. Dem immer schriller werdenden Ruf medialer Öffentlichkeit nach einer Ethik für unsere postmoderne Kultur steht er gelassen gegenüber. Zum einen, weil er weiß, welch eine bescheidene Rolle Ethikkonzepte im konkreten Alltag spielen, zum anderen aber, weil Theologen auch immer wieder neu zu reflektieren haben über das menschliche Versagen im ethischen Kontext. Stefan Sigbert Gächter ackerte sich an C.S. Levis und seinen Narnia-Geschichten ab und suchte nach einer narrativen Ethikbegründung (betreut von Kollegen Mieth in Tübingen). Uzona Gabriel Aliqwekwe buchstabierte in seiner Dissertation die Ethikbegründung von Helmut Richard Niebuhr nach (Betreuung von Kollegen Rotter). Geblieben ist nur noch Petra Steinmair-Pösel mit ihrer Dissertation „In einem neuen Licht...” (unter meiner Leitung - auch Dekane begleiten noch Dissertationen). Unter inhaltlicher Rücksicht schlägt ihre Arbeit irgendwie den Bogen zurück zum Eingangszitat. In einer Kultur, die so atemberaubend und auch Atem raubend sei wie die unsrige, wird die Frage nach der Erfahrung der Gnade zu jenem Halm, an dem wir uns halten müssen, wenn wir selber zur Ruhe kommen wollen, damit auch zum Ruhepol anderer werden können.

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Liebe Absolventinnen und Absolventen! Sie werden kaum auf den allerersten Parketts unserer Zivilisation tanzen. Seien Sie darüber nicht traurig! Sie sind bestens vorbereitet, um dieser Zivilisation einen Kontrapunkt zu schenken... und der Kontrapunkt strukturiert die Melodienführung. Bleiben Sie dankbar dafür, dass es Ihnen geschenkt wurde, Theologie zu studieren, eine scientia subalternata, eine bescheidene, aber gerade deswegen bodenständige Wissenschaft. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen für Ihr Leben die Haltung der humilitas, der Bodenständigkeit, oder aber - wenn Sie dies etwas altertümlicher haben wollen - die Tugend der Demut.

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