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Zur Ausstellung im Anfang war es von Lois Salcher
(Kunst im Gang 18/11/05)

Autor:Braun Bernhard
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-11-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Im Anfang war es ... Der Titel dieser Ausstellung klingt nach Schöpfungsgeschichte oder zumindest nach Rückblick und Erinnerung! Im Zusammenhang mit Kunst erinnert er vor allem auch daran, dass jedes Kunstwerk eine Geschichte des Entstehens hat und dass am Beginn jedes künstlerischen Tuns ein schöpferischer Akt steht. Die Tatsache dieser Quelle der Inspiration ist für jeden schöpferisch Arbeitenden immer wieder ein Wunder und so manch bange Frage richtet sich nach der Dauerhaftigkeit dieses stetigen Nachschubs an Ideen. Lois Salcher ist ein Künstler, der sich besonders dem Kairos, dem glücklichen Augenblick, aussetzt, auf ihn vertraut.

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Er geht von der Farbe aus und exponiert sich der intensiven Farbflächen, aus denen wie aus einer „Ursuppe“ Dinge entstehen. So viel Farbe wie diesmal war ja noch nie in diesen alten Gemäuern. Salcher lässt es mit sich geschehen, dass die Farbe in der Spannung mit der Fläche ihren Eigenwert entfaltet und zu formalen Gestalten drängt. Gestaltung, Umgestaltung – des ewigen Wandels ewige Unterhaltung – wie Goethe gamäß dem Gedankengut Spinozas in seiner Faustdichtung formuliert! Ein wenig erinnert das an Giordano Brunos Spruch von der eductio formarum ex materia, dem Herausquellen der Formen aus der gebärenden Materie. Zu dieser gebärenden Materie wird hier bei Lois Salcher die Farbe, die nicht zuletzt durch ein mehrfaches Übereinanderschichten abgründige Tiefe und eine geradezu körperhafte Dimensionen gewinnt. Naturgemäß ist diese Farbe nicht naturalistisch real, sondern sie ist symbolisch, ohne allerdings einem festgelegten Kanon an Symbolik zu folgen. Der Künstler wird zum Mitspieler, aktives Gestalten und passives Nachvollziehen geraten ineinander. Die Intensität der Beanspruchung, die dabei auftritt, macht den Akt des Malens zu einem Dialog, ja manchmal wird er gar zu einem meditativen Ereignis.

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Die Kraft der Farbe ruft einen gigantischen Speicher von Gefühlen, Emotionen und Erinnerungen ab, was wie von selbst zu formalen und graphischen Elementen drängt: „Die Malfläche ist ein Speichermedium für meine Gedanken und Gefühle.“ Dieser Erfahrungsschatz speist sich vor allem aus einem langen und intensiven Zusammenleben des Osttiroler Künstlers mit der Natur. Die Assoziationskette reicht von den Naturerscheinungen über den Rhythmus des bäuerlichen Lebens – das Rot als intensivste Farbe evoziert immer wieder das Blut geschlachteter Tiere – bis hin zur bestimmenden Konstante eines von der Kirche geprägten Jahreszyklus. Man findet Grate und Gipfel, Horizonte, das Gleissen der Sonne, die Erdscholle des Ackers, das Grün der Alpenwiesen, die Welle des im Bergbach sprudelnden Wassers, das Flirren der Luft, das Gold der Getreidefelder oder ist es vielleicht das goldige Glitzern der religiösen Sinnlichkeit in den barocken Landkirchen? Man findet Kreuze, das Quadrat und Rechteck, die Vertikale und Horizontale. Die Figuren bleiben amorph und archetypisch. Sie determinieren nichts endgültig, sondern bleiben offen für vielfältige Kontextualisierungen.

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Solche Bilderwelt kann mit Fug und Recht als Arbeit an der Erinnerung angesehen werden, seiner eigenen und derjenigen des Betrachters, was wiederum stets Teil einer kulturellen Erinnerung ist. Man kann – wie gesagt – in dieser Erinnerungsarbeit viele Bezüge aus der Biographie des Künstlers und Themen der lokalen Kultur entdecken. Aber Gipfel und Horizont, Erde und Sonne, die Schwingung des Wassers und das Atmen der Luft, das sind universelle Konstanten in der Erinnerungsarbeit. Chiffren, die jedes einzelne unserer Leben prägen und bezeichnen. Die Offenheit des Horizonts, abstrakter noch das Horizontale etwa, markiert die Zukunft und gibt uns immer wieder Kraft für einen neuen Anlauf. Gleichzeitig wird dieses Offene zur beängstigenden Chiffre des Orientierungslosen, wo wir uns zu verlieren drohen und unwillkürlich nach Halt in der Geradlinigkeit des Vertikalen suchen. Diese Ambivalenz des emotionalen Gehalts ist es, die Salchers Bilderwelten mit Spannung auflädt.

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Es schieben sich Keile, offene Räume in die monochrome Fläche oder es stellt sich ein Gleichgewicht von gegenläufigen Kräften ein. Die Bilder atmen das Spiel des Lebens eben mit den meist allzu knappen Phasen des Ausgleichs und den überwiegenden Phasen der Spannung. In solchem Kontext ist es wichtig, dass die Arbeiten auch von der handwerklichen Seite her offen bleiben – wie der Künstler selber sagt: eigentlich unfertig! „Gut ist eine Arbeit, wenn sie nicht ganz fertig ist“, meint er und: „man muß früh genug aufhören können! Fertig – das ist nur Tod!“

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Was er damit meint ist, dass die Arbeiten nicht zugemalt sind, sondern dem Betrachter Raum lassen für eine jeweils eigene vielfache Leseart. Häufig greift Salcher auf Pigmente zurück, die er direkt aus der Natur nimmt. Beim Farbauftrag bildet eine aquarellähnliche Schicht den letzten Schritt, der die Farben verfrachtet so wie der heiße Wüstenwind den roten Sand. manchmal bis in die Alpentäler weht; oder wie der Regen das Aquarell mit einem verwaschenen Schleier zudeckt. Die Textur der Oberfläche bildet eine offene Membrane, die in das Werk einzudringen erlaubt, um es mit seinen eigenen Erfahrungen zu bereichern und weiterzuspinnen.

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Salchers Bilder sind keine statischen Momentaufnahmen, sie sind in ihrer Offenheit dynamisch-prozesshaft und sie sind synaisthetisch. Ihre Farbwerte klingen auch und man kann vor jedem dieser Bilder stehenbleiben und testen, ob der Klang in die eigene Harmonie einschwingt.

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Im Anfang war es ... In Salchers Bildern schaut einem jeden von uns eine ferne Welt entgegen, eine Welt, die über die enttäuschten Hoffnungen, die vielen Verletzungen und Brüche, verklärt erscheint. Die Vergangenheit ist niemals objektiv, sie ändert sich in unseren Bewertungen und Einschätzungen – ein Leben lang. Diese Erfahrung korrespondiert mit der Offenheit in Salchers Bildern und der sich daraus ergebenden Möglichkeit, mit ihnen und in ihnen mit unserer eigenen Erinnerung in einen Dialog zu treten.

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