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Gottesliebe bewahrt vor Bestialität
(Eine Predigt zum Sonntag der Weltkirche (zur “Reihenfolge der Gebote” auf dem Hintergrund von Mt 22,34-40))

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-10-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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“Du sollst den Herrn deinen Gott, lieben, mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot...” Sperrig ist dieses Evangelium am heutigen Sonntag. Sperrig und unmodern. Wenn man es beim Wort nimmt. Und ich verhehle nicht, dass die heutige Predigt mir gewaltige “Magenkrämpfe” bereitet hat -, dass ich mir da jedes Wort abgerungene haben. Natürlich kann man dem Text seine Kanten nehmen und das Evangelium zum schlichten Manifest des dreifachen Liebesgebots erklären. Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe. Schön in dieser Reihenfolge. “Tue dir selber was gutes, schau dem Nächsten in die Augen und betrachte den ganzen Vorgang als Vollzug der Gottesliebe!”. So etwas ist doch Wellness für die Seele: Himmlisches Casablanca: “Schau mir in die Augen Kleines!” Auch Wellness für meine eigene Seele. Hin und Wieder. Denn auch ich kann mich - so wie viele von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, - noch sehr gut an jene Zeit erinnern, als ich ängstlich gezittert habe beim Gedanken ob ich Gott auch wirklich genug lieb habe. Wie oft versteckte sich hinter der Beichtformel: “unandächtig gebetet” die diffuse Angst, Gott eben nicht mit ganzem Herzen geliebt zu haben und schon gar nicht mit all den Gedanken. Wie viele älter Ordensfrauen, Kinderdorfmütter älterer Generation und auch der “normalen” Mütter (inzwischen Großmütter) atmen immer noch befreit auf bei der Formel: “Du darfst Dir doch etwas gönnen!”? Gottesliebe und gesunde Selbstbejahung standen zu oft im Widerspruch zueinander. “Liebe also Dich selber, Schau dem Nächsten in die Augen und betrachte den ganzen Vorgang als Vollzug der Gottesliebe!” - diese Schleifung der Bastionen, jener Bastionen, die vom Text des heutigen Evangeliums errichtet werden hat noch heute einen unversetzbaren therapeutischen Wert für viele Gläubige. Keine Frage!

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Doch die Kehrseite der Harmonisierung dürfen wir nicht übersehen. Diese Schleifung der Bastionen - denn Jesus errichtet eine Bastion zwischen dem ersten und zweiten Gebot (wie man es dreht und wendet, die Gottesliebe hat im Dekalog und auch bei Jesus selber, in seinem Leben und Sterben eine absolute Priorität) - führt zur kulturellen Banalisierung Gottes. Und was soll das heißen?

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Da verschwindet zuerst der Mehrwert des Gottesglaubens. Kulturell scheint Gott in unserer Welt ersetzbar geworden zu sein. “Sich und den Nächsten lieben! - darauf kommt’s doch an im Leben. Dass wir alle anständig sind... uns die Köpfe nicht einschlagen und auch möglichst schon miteinander haben. Und Gott? Und die Religion? Wenn man es schon nicht ganz lassen kannst, so soll doch jeder glauben, was er will und auch anbeten wenn er will. Hauptsache: Er rückt mir nicht an die Pelle!” Mit dieser Formel glaubt unsere aufgeklärte Öffentlichkeit den Stein der Weisen gefunden zu haben. “Gottesglaube sei doch so viel Wert, wie eine rational verantwortbare Ethik - eine Ethik, auf die wir uns einigen können!” Landauf, Land ab wird dieses Credo, dieses Glaubensbekenntnis von Intellektuellen und Künstlern, und auch von vielen Theologen wie die tibetanische Gebetsmühle gedroschen. “Gottesglaube sei so viel Wert, wie die rational verantwortbare Ethik! Und wenn man schon ganz ehrlich sein sollte, sei doch die Ethik wichtiger. Das müssten doch die Religiösen im 21.Jahrhundert endlich einsehen. Die Reihenfolge der Gebote im Evangelium gehöre also umgedreht: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Tue ihm nichts an, was du nicht willst, dass man dir antut! Das sein das erste und entscheidende Gebot. Und dann..., aber erst dann darfst auch Deinen Gott lieben. Von mir aus auch vom ganzen Herzen, den Hollywoodstars nicht ganz unähnlich.”

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Wie von der Tarantel gestochen reagiert unsere kulturelle Öffentlichkeit auf jede Äußerung, die den unverzichtbaren Wert des Gottesglaubens und der Gottesliebe für die Menschheit unverblümt beteuert. Das sei doch Fundamentalismus! Und die Fundamentalisten sind und bleiben die Geisel unserer aufgeklärten Zeitgenossen mitteleuropäischen Provenienz. Nach und nach scheint also das Gespür für den unverzichtbaren Wert des Gottesglaubens aus unserer kulturellen Öffentlichkeit zu verschwinden.

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Gottesglaube wird banalisiert. Im Supermarkt der nicht notwendigen Lebenshilfen gelagert hinter Sportartikeln und anderen Freizeitangeboten: Gott, Fangobad, Vitaminpräparate! Den “aufgeklärten” Eltern ist die Weitergabe des Glaubens nicht einmal so viel Wert. “Gott lieben mit dem ganzen Herzen! - so etwas ist bei unseren Kindern inzwischen fremder geworden als der Mond.

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Gott wird banalisiert, oder aber dämonisiert. Gott: das steht doch für die Talibans, die Selbstmordattentäter, für Menschen, die unser Land islamistisch unterwandern wollen und uns alle, die wir doch soweit gebracht haben ins finstere Mittelalter zurückwerfen wollen. Wer von uns will schon die Herrschaft der “finsteren Gottesmännern”? Ja, wer wohl? Liebe Schwestern und Brüder. So paradox es klingen mag, vielleicht gerade diejenigen, die Gott tagtäglich banalisieren! Der brillante Zyniker rumänischer Herkunft, der 1995 in Paris verstorbene Philosoph Cioran brachte die kulturelle Tragödie unserer Zeit auf die Kurzformel: “Wie recht man hatte, einst den Tagesablauf mit einem Gebet, einem Hilferuf zu beginnen! Da wir nicht wissen, an wen wir uns wenden sollen, werden wir uns schließlich vor den nächstbesten verrückten Gottheit in den Staub werfen.” Zu meinen, die Juden der Vorzeit hätten das Monopol für den Tanz um das goldene Kalb - und wären davor gewappnet -, ist ein verhängnisvoller Irrtum. Genauso wie die gängige Meinung, ein solcher Tanz wäre einer folgenloser Wochenendeparty vergleichbar. Mittelfristig stürzen sich Kulturen in den Abgrund des Götzendienstes und entfesseln Gewaltinfernos bei dem Reigen um die goldenen Biester. Und warum dies? Fiodor Dostojewskij, der Dichter, der wie kaum ein anderer die Abgründe menschlicher Seele beschrieben hat und selber auch ausgekostet und durchgelitten hat, hielt unmissverständlich fest: Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit in der Anbetung. Geht ihnen der transzendente Gott abhanden, so beten sie an die Werke ihrer Hände, oder auch gleich ihre Arbeit selbst, die Diktatoren, sich selber.... Oder sich stürzen sich in die Konsumorgie. “Lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!” “Das große Fressen” - als der allerletzte Bezugspunkt einer transzendenzarmen Menschheit? Einer Menschheit, die nach und nach die Spuren des Menschseins in den Konsumsubjekten nicht mehr wahrnehmen wird, weil sie mit der Zeit - mitten in der Konsumorgie - keine Kriterien mehr haben wird mit Hilfe derer sie noch das Menschsein definieren kann. Dass der Konsum allein zu wenig ist, um im Konsumpartner den Nächsten zu erblicken und auch den Nächsten zu lieben, das entdecken schon langsam unsere Familien, die ihr Familienleben in den letzen Jahren nach und nach zum gemeinsamen Konsumieren reduziert haben und sich nun beim gemeinsamen Tisch nur noch anöden!

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Liebe Schwestern und Brüder! Wir feiern heute den Sonntag der Weltkirche. Würde es diese Weltkirche geben, wenn unsere Vorfahren genau so gedacht hätten wie unsere kulturelle Elite? Die Missionarinnen und Missionare sind doch deswegen aufgebrochen, weil sie nach besten Wissen und Gewissen Gott mit ganzem Herzen lieben wollten, deswegen auch ihre Nächsten Verwandten, Freunde und Geliebte verlassen haben (oberflächlich betrachtet also alles andere praktiziert haben als Nächstenliebe) und Grenzen überschritten haben. Und sie entdeckten, dass Menschen weltweit nicht nur Fremde sind, nicht nur Barbaren, oder gar wilde Tiere, sondern ihre Mitmenschen, ihre Nächsten also. Auf dem Umweg der Gottesliebe entdeckten sie das Menschsein im Fremden und trugen einen unverzichtbaren Beitrag zur kulturellen Entstehung der “Einen Welt” und der “Einen Menschheit”. Unsere Eliten sind für diese Zusammenhänge leider blind!

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Weil die Missionarinnen und Missionare Gott mit ganzem Herzen lieben wollten, entdeckten sie, dass der Nächste, den man genauso lieben soll, wie sich selber, mir tagtäglich von diesem Gott regelrecht präsentiert wir. Er wir mit geschenkt! In dem jeweiligen Gegenüber. Von derselben Logik beflügelt entdeckt beispielsweise Johannes von Gott in den Prostituierten Spaniens seine Nächsten. Kardinal von Gallen entdeckt sie in den psychisch-kranken Menschen, die von den Nazis als unwertes Leben vernichtet wurden. Mutter Theresa in den namenlosen Sterbenden in den Straßen Kalkuttas.

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“Du sollst den Herrn deinen Gott, lieben, mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot!” Sperrig und kantig ist dieser Text in den Ohren unserer kultureller Eliten. Sie banalisieren und dämonisieren das Gebot, treiben dadurch unsere Kultur in die Sackgassen der Orgien um die goldene Kälber. Tagtäglich. Mit diesem Gebot möchte Gott aber nur Eines: Mich schützen. Gott selber kommt also unserem Bedürfnis nach Gemeinsamkeit in der Anbetung entgegen und bietet sich an. Er möchte mich an sich binden, mich dadurch auch vor mir selber schützen, vor meiner eigenen Selbstdestruktivität, aber auch von den anderen. Er möchte mich vor der Herrschaft der “finsteren Gottesmänner” ganz gleich welcher Couleur schützen. Er möchte mich an sich binden und deswegen steigt er auch herab auf mein Niveau, gibt damit der Anbetung ein menschliches Gesicht. Ich brauche mich ja in der Anbetung Gottes nicht vergewaltigen und mich auch nicht zum Staub erniedrigen. Er kommt mir entgegen: vom Angesicht zu Angesicht. “Alles, was du dem geringsten getan hast, das hast du mir getan... Alles, was du dem geringsten in dir selber angetan hast, hast mir angetan. Und ich fange es auf, auf dass es dir zum Heil und zum Wohl gereiche ....!”

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Liebe Schwestern und Brüder. Wir wollen beten, dass uns die Gnade zuteil wird, jene Gnade, die den Hunderttausenden von Missionarinnen und Missionaren zuteil wurde: die Gnade eines unerschütterlichen Vertrauens auf den Wert dieser Bindung an Gott. Denn diese Bindung ist der beste Garant der Humanität in unserer Welt. Ohne den Transzendenzbezug verkommt die Humanität mittelfristig zur Bestialität. Möge uns diese Gnade zuteil werden. Auf dass wir zur Rehabilitierung des Gottesglaubens und Gottesliebe in unserer kultureller Gegenwart unseren Beitrag leisten können. Das sind wir uns selber, unseren Kindern, unseren Enkeln und der Weltkirche schuldig.

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