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Die Mathematik von Rache und Vergebung
(Gedanken zum 24. Sonntag im Jahreskreis (LJ A), zugleich 4. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Jesus fodert Petrus auf, 77-mal zu vergeben und untermauert diese Forderung mit einem massiven Gleichnis. Warum aber ist es so wichtig zu vergeben und warum fällt es uns oft so schwer?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-09-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Sir 27,30-28,7; (Röm 14,7-9); Mt 18,21-35

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 Liebe Gläubige,

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Petrus fragt seinen Meister, wie oft er vergeben soll, und schlägt selbst gleich eine Zahl vor: sieben Mal. Sieben Mal ist schon ganz schön viel, möchte man meinen; uns geht die Geduld meist schon beim zweiten oder spätestens beim dritten Mal aus. Noch mehr wird dieses „sieben Mal“, wenn man bedenkt, dass Sieben für die Bibel eine Zahl der Fülle und Ganzheit ist. Aber die Sieben hat noch eine tiefere Bedeutung, gerade wenn es um die Frage von Vergeltung oder Vergebung, Todesstrafe oder milderer Strafe geht. Dazu müssen wir gedanklich fast an den Anfang der Bibel zurückkehren, als diese uns vom ersten Mord berichtet:

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Kain hat seinen Bruder Abel aus Eifersucht erschlagen. Gott bestraft ihn, dadurch dass ihm der Acker keine Frucht mehr bringen und er sein Leben lang ruhelos bleiben wird. Und nun erkennt Kain, dass er sich in tödlicher Gefahr befindet: er hat eine bisher nicht da gewesene Untat vollbracht, er hat als erster auf der Welt die Barriere zum Mord durchbrochen und er spürt: es wird Nachahmer geben, und groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er selbst das nächste Opfer sein könnte. Er jammert: „Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. 14 … und wer mich findet, wird mich erschlagen.“ (Gen 4,13f.) Gott aber hat eine Antwort darauf: „Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.“ (Gen 4,15)

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Sieben Mal wird Kain gerächt, wenn ihn jemand tötet. Wenn einer den Mörder Kain tötet, wird er und werden sechs weitere, die ihm zugehören, getötet – so die einfache und doch furchtbare Rechnung. Modern ausgedrückt, heißt das: Abschreckung durch übermächtige Gewalt. Nicht nur: „wie du mir, so ich dir“, sondern „wie du mir, so ich sieben Mal dir“. Und, hat es geholfen?

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Zunächst scheinbar schon. Die Bibel erwähnt nichts vom Tod Kains – wir können also annehmen, dass er nicht ermordet wurde. Dennoch ist die Geschichte damit noch nicht zu Ende. Die Bibel erzählt uns nämlich ganz kurz vom Ur-Ur-Enkel des Kain mit dem Namen Lamech. Dieser Lamech war nach dem Buch Genesis Stammvater verschiedener Künstler und Handwerker und er hatte eine besondere Eigenschaft: er hat das Prinzip der Abschreckung durch übermächtige Gewalt, das bei seinem Ur-Ur-Großvater zur ersten Anwendung kam, erst so richtig ausgebaut. Er prahlt: „Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. 24 Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Gen 4,23). Aus der siebenfachen Rache für Kain wird die siebenundsiebzigfache Rache für Lamech, er verlangt das 11-fache der bereits 7-fachen Rache.

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Jetzt hören wir die Frage des Petrus und die Antwort Jesu auf einem ganz anderen Hintergrund: Wie oft muss ich vergeben – sieben Mal? Nein, siebenundsiebzig Mal. Jesus dreht die Eskalation der Gewalt, die sich zwischen Kain und Lamech ereignete, um und fordert Petrus zu einer Eskalation der Vergebung auf. Denn die Alternative zum Vergeben ist ja nicht einfach nichts tun. Die Alternative dazu ist die Rache, die sich in kürzester Zeit vervielfacht, und plötzlich wird aus der Abschreckung durch Übermacht die Übermacht des Schreckens.

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Ich denke, es ist ein durchaus passender Zufall, dass die heutigen Lesungstexte gerade auf den 4. Jahrestag der Terroranschläge von New York fallen. Auch damals, am 11. September 2001, geschah eine bisher nicht da gewesene Untat. Auch diese hat Nachahmer gefunden. Und auch damals reagierten die USA nicht nur, um die Schuldigen zu bestrafen, sondern sie wollten mögliche neue Täter vorbeugend beseitigen und weitere abschrecken; sie reagierten mit einer Eskalation der Vergeltung. Heute sieht es so aus, als führe diese Art der Abschreckung zu immer neuer und immer größerer Gewalt, denn immer wieder kann die andere Seite – wie Lamech – sagen: wenn ihr schon siebenfach vergeltet, dann wir 77-fach!

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Doch wie kann man ausbrechen aus diesem Teufelskreis? Wenn wir von der großen Politik weg in unser eigenes kleines Leben schauen, dann wissen wir, wie schwierig es ist. Wenn wir christlich erzogen wurden, dann haben wir gelernt, dass wir vergeben sollen – ganz so, wie es die heutigen Texte darstellen. Wenn wir gute Christen und Christinnen sein wollen, so versuchen wir zu vergeben. Doch sehr bald schleichen sich viele Wenn und Aber ein: „Vergeben kann man ja nur, wenn der andere seinen Fehler eingesehen hat und zugibt.“ „Dem Vergeben muss aber eine glaubhafte Entschuldigung vorangehen.“ „Die Entschuldigung ist ja viel zu spät und viel zu halbherzig gekommen.“ „Vergeben habe ich schon, aber vergessen kann ich das nie.“ – So oder ähnlich klingen unsere Sätze, wenn wir nicht wirklich vergeben wollen, aber das nicht zugeben, weil wir gleichzeitig gute Christen und Christinnen sein wollen.

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Allerdings ist es oft so, dass wir nicht aus bösem Willen nicht vergeben, sondern schlicht und einfach nicht vergeben können. Dann nützen Appelle an unsere christliche Erziehung wenig, ja sind vielleicht sogar schädlich, weil sie uns noch zusätzlich ein schlechtes Gewissen dafür machen, dass wir nicht vergeben. Und am Ende ist der Übeltäter auch noch daran schuld, dass wir nun die Sünde der Vergebungsunfähigkeit bei uns feststellen müssen. Wie also aussteigen aus diesem Teufelskreis?

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Ein Grund für unsere Vergebungsunfähigkeit ist, dass wir den seelischen Schmerz, der aus unseren Verletzungen kommt, nicht wirklich zulassen. Wenn körperliche Wunden oder materielle Schäden längst geheilt oder abgegolten sind, sind es unsere psychischen und seelischen Verletzungen oft noch lange nicht, aber wir wollen sie weg haben und lassen uns nicht auf die Trauerarbeit ein, die es kostet, sie als Teil unseres Lebens zu akzeptieren. Dabei ist einleuchtend, was der Exerzitienmeister Franz Jalics sagt: „Solange die Welt nicht ganz erlöst ist, gehört das Leiden notwendigerweise zum Weg.“ (1) Es hat keinen Sinn, es zu verdrängen, sondern wenn es uns trifft, dann hilft uns nur, das auch anzuerkennen und als das, was es ist, wahrzunehmen: Leid und Schmerz, die wir tragen müssen, ob wir wollen oder nicht.

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Ein zweiter Grund ist, dass wir nur allzu gern übersehen, wo wir uns gegen andere und gegen Gott versündigt haben. Das Gleichnis, das Jesus erzählt, um seine Aufforderung zur Vergebung zu untermauern, macht dies deutlich: Jeder Mensch hat gegenüber Gott eine so immense Schuld aufgehäuft, dass es fast schon unverschämt ist, wenn wir, denen diese Schuld einfach erlassen wurde, die Schuld anderer gegen uns aufrechnen wollen. Die Erkenntnis unserer eigenen Schuld soll in uns nicht Skrupel erzeugen, sondern sie kann uns dankbar machen für die Vergebung Gottes, die wir schon geschenkt bekommen haben; und so kann sie uns auch fähig machen, anderen ihre Schuld zu vergeben.

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Ein dritter Grund dafür, dass wir uns so schwer tun mit dem Verzeihen, ist: wir haben letztlich Menschen wie Kain oder Lamech als Vorbilder und laufen ihnen nach: sie sehen stark aus, sie wissen, wie man Leiden vermeidet. Dabei wollten wir doch eigentlich Christus zum Vorbild haben. Christus, den man völlig ungerechtfertigt am Kreuz ermordet hat – eine weitere bisher nie da gewesene Untat –, und der darauf reagierte, indem er seinen Vater um Vergebung für seine Henker bat und sich sicher war, dass der ihn erhören würde.

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Wenn wir uns in all diesen Dingen wirklich Jesus anschließen: den uns treffenden, unvermeidlichen Schmerz tragen, das göttliche Geschenk der Vergebung in seiner Größe sehen und uns im Letzten auf den himmlischen Vater und seine barmherzige Gerechtigkeit verlassen, dann werden auch wir fähig werden, denen zu vergeben, die uns Böses getan haben, und für sie zu beten – und damit öffnet sich auch uns das Reich Gottes.

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Anmerkungen:

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1. Jalics, Franz: Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und das Jesusgebet. Würzburg 1994, 220.

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