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Das Ziel vor Augen
(Predigt zum 2. Fastensonntag (Verklärung))

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Auf dem Weg leuchtet das Ziel auf. Im Alten Testament wartete die Seele auf den kommenden Messias. Die Kirche blickt auf die Vollendung voraus. Dank dieses Blickes auf das Ziel wird sie fähig, die Wirrnisse und das Versagen auf dem Weg zu erkennen und sich als 'keusche Hure' zu bekennen.
Publiziert in:
Datum:2001-10-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Das Evangelium von der Verklärung in der Fastenzeit! - Hat es eine Verwirrung im liturgischen Kalender gegeben? Paßt dieses Evangelium nicht besser in die Osterzeit?

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Nein dieses Evangelium gehört schon immer in die Fastenzeit. Jesus geht auf Jerusalem und auf sein Leiden zu. Auf diesem Weg wird für ausgewählte Jünger ein Augenblick lang erahnbar, wer er letztlich ist. Das Ziel leuchtet dem Weg voraus. Auf diesem Weg erscheinen Mose und Elias neben Jesu, jene beiden Gestalten, die das Gesetz und die Propheten repräsentieren, die das ganze alte Testament darstellen. Sie zeigen an, daß das ganze Alte Testament auf Christus zuläuft, und zwar auf den Verklärten.

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Aus dem Alten Testament haben wir Texte ausgewählt, Texte aus dem Psalmen. Heute haben wir gehört: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir... meine Seele wartet auf den Herrn." Aus der Tiefe hat Israel immer wieder zum Herrn gerufen, seine Seele hat gewartet. Und das heutige Evangelium zeigt, wie dieses Gebet erhört wurde. Der wartenden Seele erscheint Gottes eigener Sohn, der geliebte Sohn.

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Wie die alttestamentliche Seele so wartet auch unsere Seele auf das Erscheinen des Herrn. Wir sind auf Pilgerschaft und die ganze Kirche ist auf Pilgerschaft. Wir haben den Herrn gefunden, und dennoch ist er oft weit weg von uns. Wie die alttestamentliche Seele rufen wir aus der Tiefe, und sogar die ganze Kirche ruft aus der Tiefe. Das ist das schmerzliche. Wir glauben gefunden zu haben, und doch ist er uns oft fern. Besonders schmerzlich ist dies für die Kirche. Sie glaubt, die Braut des Herrn zu sein,und ist doch oft von ihm getrennt. Sie glaubt, wie ihr Herr verklärt und rein zu sein, und findet sich doch oft als schmutzig. Sie glaubt Herrlichkeit auszustrahlen und ärgert viele Menschen.

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Am vergangenen Sonntag hat die Kirche durch den Papst und die Kardinäle diese Spannung klar ausgesprochen. Die Kirche, die als Braut beim verklärten Herrn ist, hat zugleich aus der Tiefe gerufen. Sie hat ihre Sünden bekannt.

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Sie konnte dies tun, weil Christus selber sich nicht gescheut hat, in die Tiefe hinabzusteigen. Auf dem Weg zur Verherrlichung erschien er einen Augenblick als Verherrlichter, dann aber ging er den Weg in die Tiefe. Er ging auf das physische Leiden zu. Vor allem aber ließ er sich von allem Schmutz der Menschen bewerfen. Er hat sich von den sündigen Menschen nicht abgesondert, sondern sich mit ihnen solidarisiert.

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So kann auch die Kirche den Mut bekommen, sich von den Sündern in ihr nicht abzusondern, sondern anzuerkennen, daß sie selber in diesen Sündern und Sünderinnen existiert. Schon die Kirchenväter haben ein kühnes Bild gebraucht: die Kirche als keusche Hure. Keusche Hure? Auf unmittelbarer Ebene ein Widerspruch, - symbolisch gesehen aber ein Bild für die ungeheure Spannung, in der die Kirche stehen, und in der wir selber stehen.

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Keusch und rein: Das ist die verklärte Kirche, die ihren Bräutigam gefunden hat. Das ist die Seele, deren Harren erfüllt wurde. Hure, das ist die Kirche, die immer wieder den Versuchungen dieser Welt verfällt, die Macht beansprucht, die sich mit Gewalt durchsetzen will, die kein Gespür hat für die Kleinen, Schwachen und Armen.

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Keusche Hure: Das ist ein Bild für die Apostel, die einerseits beim verklärten Herrn sind, die aber nichts verstehen und ihn bald nachher verraten.

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So ist es durch die Geschichte der Kirche immer wieder gegangen, und so geht es heute. Es wird auch in Zukunft so sein. Diese Spannung anzuerkennen ist schwierig.

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Der Papst mußte sich gegen den Widerstand mancher Kardinäle durchsetzen, um das Schuldbekenntnis sprechen zu können. Diese Kardinäle meinten, es gehöre sich nicht, daß die Kirche sich als schuldig bekennt. Sie würde dadurch an Ansehen verlieren. Gerade dies ist irdisch gedacht. Gerade dies ist ein Ausdruck der sündigen Kirche. Die sündige Kirche meint, rein zu sein, indem sie das Sündige übersieht. Gerade so wird sie sündig. Die reine Kirche, anerkennt, daß sie sündig ist, und gerade so wird sie rein.

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