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Das hörende Herz des König Salomo
(Gedanken zum 17. Sonntag im Jahreskreis (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:König Salomo bat Gott um ein hörendes und weises Herz. Schon bald braucht er seine ganze Weisheit, um den tödlichen Streit zweier Frauen zu schlichten ...
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-07-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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1 Kön 3,5.7-12; (Röm 8,28-30); Mt(13,44-52 oder) 13,44-46

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 Liebe Gläubige,

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wir haben gerade gehört, wie König Salomo sich von Gott ein hörendes Herz der Einsicht erbat, und wie Gott diese Bitte voll Freude erfüllte. Denn Salomo bat nicht um etwas, das ihm selber zugute kommt: langes Leben, Reichtum oder den Tod seiner Feinde, sondern um Hilfe zur Erfüllung seiner Aufgabe als König über das Volk Gottes. Er bat nicht um etwas für sich, noch weniger gab er etwas, das er für sich haben wollte, als Voraussetzung für seine Aufgabe aus, sondern er war bereit sein Gebet in den Dienst seiner Sendung von Gott her zu stellen.

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Eigentlich zeigt das, dass er das hörende Herz voller Einsicht bereits hatte, als er darum bat. Seine Bitte war nicht dazu da, Gott davon zu überzeugen, was er haben müsste; sie war ein Einschwingen seines Wollens und Wünschens in den Willen Gottes. Dieses Gebet Salomos kann damit als Modell für jedes, auch unser, Bittgebet gelten. Einem solchen Bitten ist die Erhörung gewiss, ja sie ist ihm schon voraus. – Das ist ein Erstes, das wir von König Salomo lernen können.

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Doch es gibt noch Wichtigeres: Die Bibel erzählt uns kurz darauf, wie die Erkenntnis Salomos wirklich notwendig war, um einen tödlichen Streit zu schlichten. Ich möchte ihnen diese Begebenheit kurz erzählen (vgl. 1 Kön 3,16-28):

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Zwei Frauen kommen zum König – die Bibel sagt klar, dass es sich um Dirnen handelt – und jede will von ihm ihr Recht. Das Problem ist nur, dass sich die beiden Geschichten der Frauen diametral widersprechen, gerade weil sie sich aufs Wort gleichen: Ich hatte einen kleinen Sohn, gerade mal drei Tage alt; auch die andere hatte einen Sohn in fast gleichem Alter. Aber sie hat ihn nachts im Bett erdrückt – und er war tot. Und dann nahm sie das tote Kind, legte es zu mir ins Bett und nahm meinen lebenden Sohn mit sich. Sie soll mir meinen Sohn wiedergeben!

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So sagen die beiden Frauen, jede von ihnen über die andere. Wie soll man da als König eine Entscheidung treffen – zu Zeiten ohne Mutterschaftstest und Gen-Abgleich? Welche hat ihr eigenes Kind auf dem Gewissen und das fremde gestohlen und welcher wurde ihr Ein-und-Alles – und zur damaligen Zeit auch ihre Altersvorsorge – aus dem Bett entführt? Gerade weil die Knaben im selben Alter waren, weil die Frauen denselben Beruf ausüben und im selben Haus wohnen, weil sie sich gleichen wie ein Ei dem anderen, gerade deshalb ist der Streit so unerbittlich und die Lösung so unmöglich: wer außer der leiblichen Mutter sollte ihren Sohn erkennen können?

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Der König mit dem hörenden Herz findet eine Lösung, die einem zunächst das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er entscheidet: „Schneidet das lebende Kind entzwei, und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen!" (1 Kön 3,25)

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Ist denn dieser König von allen guten Geistern verlassen? – sind wir geneigt zu sagen. Ein Kind ist doch kein Laib Brot, den man einfach teilen kann! Aber halt: die Frauen kamen doch in Streit, weil sie plötzlich nicht mehr ganz gleich waren, weil die eine plötzlich einen lebenden, die andere aber einen toten Sohn hatte. Wenn nun der andere Sohn auch tot wäre – es bestünde wieder Gleichheit, es bestünde wieder Friede. Die beiden Frauen hätten ihren Frieden gemacht über die Leiche eines kleinen Kindes hinweg.

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Eine der Frauen ist tatsächlich bereit, diese Lösung zu akzeptieren. Ihr geht es darum, nicht schlechter dazustehen als die andere. Das Kind ist für sie nicht ein geliebter Sohn, sondern ein Mittel zum Zweck.

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Die andere Frau aber reagiert auf eine Weise, die bisher ganz unmöglich schien. Sie steigt plötzlich aus aus der Wie-du-mir–So-ich-dir-Logik und bittet den König: „Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind, und tötet es nicht." (1 Kön 3,26) Bisher ging es beiden darum, ein Kind zu haben, es zu besitzen, und ja nicht schlechter dazustehen als die andere. Plötzlich aber ist eine der Frauen bereit, dem Kind selbst ein Recht auf Leben und Zukunft einzuräumen, auch wenn sie selbst dann ihr Recht am Kind verliert; auch wenn die andere dann die Oberhand gewinnt; auch wenn der König vielleicht sie für den Tod des anderen Kindes und für die vermeintliche Lüge bestrafen könnte; auch wenn die Zukunft des Kindes bei der anderen mehr als ungewiss ist: es ist doch eine Zukunft. Diese Frau, diese Dirne, folgt einer ganz neuen Logik: Was kann ich für das Leben tun?

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Und nun zeigt sich Salomos hörendes Herz als Herz für das Leben. Jetzt erst fällt er sein eigentliches Urteil und entscheidet, dass diese Frau das Kind bekommen soll, weil sie seine wahre Mutter sein muss. Salomo erkennt, dass die wahre Mutter diejenige ist, die sich für das Kind und dessen Leben einsetzt und im Extremfall sogar bereit ist, ihre eigenen Sehnsüchte, Ansprüche und Hoffnungen zurückzustellen.

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Damit kein Missverständnis entsteht: Diese Frau betreibt keine Selbstaufgabe, sie will nicht rechtlos sein, sie will auch nicht ohne Sohn und ohne Altersvorsorge dastehen, sie will zunächst nur ihr Recht und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Aber in einer Situation, in der das nicht mehr möglich ist, und die Forderung danach nur zu neuem Unrecht führen würde, ist sie bereit, all dies zurückzustellen für etwas, das wichtiger ist – für das Leben des ihr anvertrauten Kindes.

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Dieser Geschichte könnte man viel entnehmen über rechte Elternschaft, aber darauf möchte ich heute nicht näher eingehen. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass diese Geschichte viel mehr sagt über das Menschsein überhaupt. Wenn wir in diesen Tagen die Nachrichten einschalten, sind sie – wieder einmal – voll von Leid und Tod: Bombentote in London und Ägypten, Hungertote in Niger, Vertriebene in Simbabwe. Und wie sieht es mit unserer Umwelt und den Ressourcen aus, die wir den nächsten und übernächsten Generationen hinterlasen oder eben nicht hinterlassen? Da könnte einem doch der Gedanke kommen, dass unser Weltgeschehen letztlich von der selben Logik bestimmt ist wie es der Streit der beiden Dirnen zunächst war: ich will meinen Vorteil, mein Recht, oder das, was ich dafür halte, egal was es kostet. Und wenn ich mein Ziel nur erreiche über die Leichen eines oder hunderter kleiner Kinder hinweg – dann ist das eben Schicksal. Warum soll ich nachgeben und den anderen den Vorteil, den Sieg davontragen lassen?

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Diese Haltung ist letztlich lebens- und zukunftsfeindlich, sie zerstört das, was sie vorgibt zu schützen.

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Durch das erste, bedrohliche Urteil Salomos erkennt eine der beiden Dirnen unserer Geschichte schließlich diese Konsequenz und schwenkt auf eine neue Logik ein. Diese ist letztlich die Logik, der auch Christus gefolgt ist. Sie bedeutet nicht, keine eigenen Interessen, Sehnsüchte und Wünsche zu haben und auf alle Rechte von vornherein zu verzichten, aber sie bedeutet, diese Wünsche und auch die Rechte im Dienst für das Leben insgesamt, nicht nur für das eigene Leben zu sehen.

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Christus hat sein Leben bis zum Äußersten für andere eingesetzt, ja gerade auch für die, die der alten Logik verhaftet blieben und ihn deshalb ans Kreuz schlugen. Wie König Salomo die Entscheidung der Frau für das Leben ihres Kindes anerkannte, indem er ihr ihren Sohn zurückgab, so hat der Vater Jesu dessen Entscheidung für unser aller Leben anerkannt und ihm sein Leben neu geschenkt als unwiderrufliches Zeichen, dass er aller Menschen Leben unbedingt will.

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Salomos Bitte hat ihm ein Herz geschenkt, das diese Entscheidung Gottes für das Leben hören und erkennen konnte. Bitten wir darum, dass auch wir so ein hörendes Herz erhalten, um im rechten Moment auch so handeln zu können und so Christus, unserem Erlöser, ähnlich zu werden.

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