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Die Würde der Freiheit. Zum 100. Geburtstag von Jean-Paul Sartre
("Gedanken für den Tag", Ö1, 20.-25.6.2005)

Autor:Löffler Winfried
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Jean-Paul Sartres Botschaft ist nicht leicht zusammenzufassen. Zentral für ihn, als Mensch wie als Philosoph über alle seine denkerischen Wendungen hinweg, war jedenfalls das Ideal der Freiheit. Sie verleiht dem Menschen Würde, kann manchmal zur Last werden und ist immer wieder zu verteidigen.
Publiziert in:6 Sendungen im Rahmen der Reihe 'Gedanken für den Tag', 20.-25.6.2005, jeweils 6.57-7.00, Österreichischer Rundfunk, Ö1
Datum:2005-06-16

Inhalt

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MONTAG 20.6.2005

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Es gibt Porträts, die in einer breiten Öffentlichkeit zur Ikone werden, die ein Symbol für irgendetwas sind – obwohl kaum jemand sagen kann, wofür genau. Denken Sie an Che Guevara mit seinem Barett und dem Blick in die Ferne, oder an Albert Einstein mit der herausgestreckten Zunge und dem wilden Haarschopf. Kaum jemand weiß, was Che Guevara wirklich getan hat, und von Einstein kennt kaum jemand mehr als eine Formel. Das Gesicht Jean-Paul Sartres gehört auch in diese Reihe: der pfeiferauchende Mann mit den großen, nach außen schielenden Augen hinter der dicken Brille ist für viele ein diffuses Symbol für Intellektualität. Die älteren unter Ihnen werden sich vielleicht an sein politisches Engagement erinnern, etwa zur Zeit des Algerienkriegs und der 68er-Revolten. So ist Sartre für manche auch ein Symbol für den widerspenstigen Denker, der sich politisch engagiert. Aber wer war er wirklich? Philosoph, Schriftsteller, politischer Aktivist? Wohl alles in einem. Und seine Botschaft ist nicht leicht zusammenzufassen, dazu nahm sein Denken zu viele Wendungen. In seinem riesigen Werk spiegelt sich die Philosophie der Neuzeit ebenso wie die dramatische Geschichte des 20.Jahrhunderts. Und nicht zuletzt spiegelt sich darin auch Sartres persönlicher Charakter, der durchaus kein einfacher war. Zentral für ihn, als Mensch wie als Philosoph, war jedenfalls das Ideal der Freiheit. Freiheit muss immer wieder erkämpft werden, gegen allerlei Bevormundungen. Sie kann manchmal zur bedrückenden Last werden und bedeutet Verantwortung. Wenn es überhaupt etwas gibt, das dem Menschen Würde verleiht, dann ist es die Freiheit. Dieses Jahr bringt gleich zwei Sartre-Jubiläen: vor 25 Jahren im April starb er in Paris, und morgen Dienstag wäre er 100 Jahre alt geworden.

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DIENSTAG 21.6.2005

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Heute vor 100 Jahren wurde Jean-Paul Sartre in Paris geboren. Da sein Vater früh stirbt, verbringt er seine Kindheit im Haus seines Großvaters. Nun sollte man mit biographischen Erklärungen für philosophische Thesen ja vorsichtig sein. Aber im Falle Sartres haben sie manches für sich. Sartres Kindheit ist geprägt von einer gewissen Unbehaustheit, vom Gefühl des Zufällig- und Unbedeutendseins. „Wir sind hier nicht bei uns zuhause“, mahnt ihn seine Mutter, als er einmal zu laut ist. Rückblickend meint Sartre, er wäre nie bei sich zuhause gewesen. So flüchtet er in sein Reich der Wörter und ihrer verborgenen Bedeutungen. Schon als Kind betätigt er sich als Schriftsteller, und zeitlebens wird er versuchen, durch seinen Geist andere zu faszinieren. Geld und Besitz hat Sartre nie interessiert – aber für andere wichtig und bedeutend zu sein, danach verlangte es ihn. Sartres Philosophie spiegelt manches davon wieder: Was der Mensch ist, das hängt davon ab, was er selbst aus sich macht. Jahrhunderte lang hatte man anderes gehört: es gibt ein Wesen des Menschen, und das steckt seine Möglichkeiten und Grenzen ab. Freilich: was man jeweils als das Wesentliche am Menschen ausgab, das hat sich im Lauf der Zeit gewandelt: Einmal war es seine Verwiesenheit auf Gott, einmal sein Platz in Volk und Geschichte, einmal seine biologisch-evolutionären Seiten. Sartre misstraut allen diesen fixen Menschenbildern. Allzu leicht können sie als faule Ausreden dienen, um Verantwortung abzuschieben: „Wir können nicht anders, weil wir Menschen halt so sind.“ Und so dreht Sartre den Spieß um: nicht das Wesen bestimmt unsere Existenz, sondern unsere Existenz bestimmt, was wir sind. Was wir sind, das hängt davon ab, wozu wir uns entscheiden. Und dafür sind wir auch verantwortlich. Freiheit und Verantwortung – das sind zwei Seiten derselben Medaille.

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MITTWOCH 22.6.2005

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Sartres Bedeutung als Philosoph und als Schriftsteller wird recht unterschiedlich eingeschätzt. Seine Theaterstücke sind von den Spielplänen weitgehend verschwunden, die goldenen Zeiten des Existenzialismus sind längst vorbei, und eine philosophische Schule führt sich nicht auf ihn zurück. Das mag mit der Unübersichtlichkeit seines Werkes zusammenhängen, aber vor allem auch damit, dass manche seiner Thesen überspitzt, paradox oder einfach absurd klingen. Ein Beispiel. Was der Mensch ist, so Sartre, das bestimmt er selber, durch jede einzelne seiner Entscheidungen, und nicht irgendwelche Lebensumstände. Einem arbeitslosen Bewohner eines Slums der dritten Welt wird das kaum plausibel sein, und tröstlich erst recht nicht. Es ist einfach zu offensichtlich, wie aussichtslos und wie verbaut durch äußere Zwänge das Schicksal vieler Menschen ist. Aber man versteht Sartres Übertreibungen wohl dann am besten, wenn man sie vor allem als Kritik an der Gegenthese versteht: Es ist nämlich auch nicht richtig, dass unser Leben vollständig von Sachzwängen, äußeren Umständen und gesellschaftlichen Einflüssen gesteuert wird. Wie wir mit solchen Situationen umgehen wollen, zumindest diese Freiheit bleibt uns: ob wir uns damit abfinden, uns vielleicht auch noch geistig gleichschalten lassen, oder ob wir Widerstand leisten, innerlich, und vielleicht, wenn wir Mut genug aufbringen, auch äußerlich. Vermutlich ist es das, was Sartre uns indirekt mitteilen wollte: Die Würde, die diese Freiheit mit sich bringt, sollten wir uns nicht nehmen lassen.

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DONNERSTAG 23.6.2005

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Geflügelte Wörter haben die Eigenheit, dass man nie genau weiß, wohin sie fliegen: Wer sie einmal in den Mund nehmen wird und wozu. Mit Jean-Paul Sartres vermutlich bekanntester Textzeile ist das nicht anders: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Das klingt zunächst nach Zynismus und Menschenfeindlichkeit, nach zwischenmenschlichen Aufreibungen aller Art, vom handytelefonierenden Busnachbarn bis zum echten Psychoterror. Natürlich, wir können uns das Leben zur Hölle machen, auch ganz ohne Folterwerkzeuge. Aber das ist noch nicht der eigentliche Punkt in Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“. Drei tote Menschen sind dort zusammengesperrt in einem hässlichen Hotelzimmer und warten auf die Hölle. Aber langsam merken sie, dass es ihre gegenseitigen Einschätzungen, ihre Urteile und ihre unerfüllbaren Erwartungen an die anderen sind, die die Hölle bedeuten. Sartre will damit keineswegs sagen, dass alle zwischenmenschlichen Beziehungen notwendigerweise höllisch und vergiftet sind. Und es ist auch ganz natürlich, dass das Urteil der anderen wichtig ist für die Erkenntnis unserer selbst: Was immer ich über mich sage und meine, immer spielt das Urteil andrer hinein. Aber es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen. Dass die drei Leute im Stück tot sind, damit will Sartre sagen, dass manche Leute Urteile über sich haben, unter denen sie zwar leiden, die sie aber nicht einmal zu verändern versuchen. Aber umgekehrt gilt dann wohl dasselbe: Zuwendung und Wertschätzung anderer können unser Leben zum Positiven aufbrechen. Und das ist es wohl, was Gabriel Marcel mit einem anderen geflügelten Wort gemeint hat: „Der Himmel, das sind die anderen.“

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FREITAG 24.6.2005

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Man hat Jean-Paul Sartre zuweilen als einen Utopisten ohne Utopie, oder als einen Moralisten ohne Moral bezeichnet. Und das ist wohl recht treffend. Tatsächlich findet sich in Sartres Werk auf Schritt und Tritt die Absage an irgendwelche Moralsysteme, an religiöse Wertordnungen und an andere Sinnangebote, die dem Menschen von außen zukommen. Die Aufgabe, sich seine eigene Welt zu entwerfen, könne dem Menschen keine vorgegebene Moral abnehmen, nicht die Gesellschaft und schon gar nicht die Religion. Das ist die eine Seite an Sartre, die Seite seiner Texte. Die andere Seite ist sein eigenes, politisches Engagement. In den 50er und 60er Jahren, angesichts französischer Kriegsverbrechen in Algerien und amerikanischer in Vietnam, ist Sartre fast zu so etwas wie einem Weltgewissen geworden. Gemeinsam mit Bertrand Russell und anderen Intellektuellen hat er solche Verbrechen angeprangert, und damit ist er zu einem Vordenker des Antikolonialismus und der Dritte-Welt-Bewegung geworden. Ähnlich wie Russell wollte man auch Sartre den Literaturnobelpreis verleihen, aber Sartre hat ihn abgelehnt. Manches an seinen Aktivitäten mag naiv und sogar gefährlich gewesen sein, etwa seine zeitweise Billigung politischer Gewalt. Aber insgesamt spricht aus Sartres Tun doch ein Ideal des Humanismus, der weltweiten Solidarität und des Respekts vor der Würde der Anderen, auch jener der Erniedrigten und Namenlosen. Auch in Sartres späten Texten treten diese Aspekte deutlicher hervor. Nun wäre es freilich Unfug, aus Sartre einen verkappten christlichen Denker machen zu wollen. Aber gewisse inhaltliche Berührungspunkte mit der jüdisch-christlichen Tradition zeigen sich doch. Sartre - ein Moralist ohne Moral.

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SAMSTAG 25.6.2005

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Zu den irritierendsten Aspekten an Jean-Paul Sartre gehören seine politischen Stellungnahmen, besonders jene zu den Totalitarismen des letzten Jahrhunderts. Als er 1933 ein Jahr in Berlin studiert, nimmt er vom beginnenden dritten Reich anscheinend kaum Notiz. Zu sehr ist er gefangen vom Gedanken des Subjekts, das seine eigene Existenz entwirft. Kriegsdienst, Gefangenschaft und die deutsche Besetzung führen Sartre aber vor Augen, wie ausgesetzt der Einzelne politischer Willkür ist, und nach dem Krieg nähert er sich langsam dem Marxismus an. Freilich ist dies ein Spagat, der letztlich nicht gelingen kann: Marxisten glauben an Zwangsläufigkeiten historischer Entwicklungen, die Sartre als Existenzialist gerade ablehnt. Das löst allerlei Wirrungen und Wendungen aus, die auch wohlmeinendste Interpreten befremden: Z.B. verteidigt Sartre einige Jahre den Stalinismus, wider besseres Wissen berichtet er etwa, in der Sowjetunion herrsche Freiheit der Kritik. Zwischendurch geht er zwar immer wieder auf Distanz, aber der endgültige Bruch erfolgt wohl erst angesichts der Invasion in der CSSR. Aber auch später noch billigt er mitunter politische Gewalt, in heute zum Teil unfassbaren Texten, die er und andere in seinen Zeitschriften veröffentlichen. Ob Sartre immer ganz mitbekommt, wofür man ihn in Anspruch nimmt, ist nicht sicher. Freilich: man sollte nicht vergessen, dass derselbe Sartre gegen Kriegsverbrechen und Unterdrückung in aller Welt eingetreten ist, teils auch mit Erfolg. Und wer weiß, wozu deutschsprachige Dichter im ersten Weltkrieg fähig waren, der wird ohnehin milder urteilen. Sartres Wirrungen sind ein Beispiel, wie ein Intellektueller, den es zum Handeln drängt, in den Unübersichtlichkeiten der Politik scheitern kann. Gegangen ist es ihm letztlich um die Freiheit und die Würde des Menschen. Viele haben ihm jedenfalls verziehen: Es sollen 50.000 gewesen sein, die 1980 seinen Sarg zum Friedhof Montparnasse begleiteten.

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