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Ein Zeuge für die Wahrheit! Unser Ehrendoktor Pater Joseph Neuner SJ erhält das Goldene Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg
(Laudatio vom Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck für em. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Pater Joseph Neuner SJ)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:anlässlich der Überreichung des Goldenen Ehrenzeichens des Landes Vorarlberg am 9. Juni 2005 im Vorarlberger Landhaus in Bregenz
Datum:2005-06-14

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es ist jämmerlich schade, meine Damen und Herren, dass der Name von Pater Neuner Josef und nicht Johannes lautet. Es wäre doch ein schönerer Beginn dieser Laudatio, wenn ich direkt mit dem biblischen Text hätte beginnen können, ohne diesen banalen Einleitungssatz.

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“Es trat ein Mann auf, der von Gott gesandt war und sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit Menschen durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.” (Joh 1, 6-8)

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Lieber Pater Neuner, sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, liebe Freunde, Bekannte von Pater Neuner, sehr geehrte Damen und Herren! Ich wurde eingeladen zu einer Laudatio mit einem präzisen Thema: “Die Bedeutung des Theologen Dr. Josef Neuner für die Weltkirche”. Ich erlaube mir aber sie zuerst nicht in den akademischen Hörsaal zu entführen, indem ich sie mit einer Vorlesung plage, einer Vorlesung deutschen Stils, mit vielen Anmerkungen und Hinweisen auf all jene Bücher, die sie hätten lesen sollen, damit sie mich verstehen. Ich möchte sie in ein Opernhaus entführen, was in Bregenz wohl erlaubt sein wird. Sie kennen vielleicht die Oper “Salome” von Richard Strauss, die meisterhafte Vertonung des Dramas von Oscar Wilde. “Salome” als das Drama des menschlichen Begehrens und das Spiegelbild der Weltgesellschaft um die Jahrhundertwende. Die Jahrtausendwende hat in diesem Zusammenhang keine nennenswerten Veränderungen mit sich gebracht. Der Hof des Herodes - ein multikulturelles Zentrum - gleicht einem Kessel des entfesselten Begehrens. Das Böse nimmt dort seinen Lauf und verdichtet sich nach und nach in einer Gestalt: in Salome als dem Inbegriff des Dämonischen. Verführerisch und destruktiv zugleich. Sie wird auch als das Weib und das Monstrum von dem korrupten Herrscher getötet. Dadurch wird die Ordnung wieder hergestellt, eine aus den Fugen geratene Gesellschaft wird durch den Sündenbock gerettet. Dazwischen hat es aber auch einen Menschen gegeben, der das Zeugnis für die Wahrheit gab: Johanaan. Dem modernen Fundamentalisten und religiös motivierten Terroristen nicht ganz unähnlich, vermag dieser fromme und gerechte Mensch an der korrupten Welt des Hofes nichts Gutes zu erblicken. Nur Lug und Trug, Sittenverfall, Sodom und Gomorra. Hager, mit eingefallenen doch leuchtenden Augen, mit kräftiger Stimme, hebt er sich deutlich von all den Theologen am Hof ab, die ewig miteinander streiten, scholastische Disputationen führen, in dieser Welt zwar lebend und doch jenseits von gut und böse: “Theologengeschwätz!” Nein, Johanaan steht mitten im Geschehen, an ihm prallt das Böse ab und auch die Böse, denn er ist unbeugsam. Ganz gleich was am Hof passiert, ganz gleich, wie sich die Spirale des Begehrens und auch die Spirale des Bösen dreht, Johanaan hat immer dieselbe Botschaft von der Schlechtigkeit dieser Welt. Er legt das Zeugnis ab, das Zeugnis für die Wahrheit. Doch wird dieses Zeugnis in der Oper musikalisch in den Wahn des Dämonischen hineingezogen. Das Gute ruht dort nicht in sich selbst und teilt sich auch nicht mit. Ganz im Gegenteil, die Wahrheit wird bloß zur Funktion der satanischen Mechanismen. So wundert es auch nicht, dass sowohl der Zeuge für die Wahrheit, als auch die Verdichtung des Bösen zu Opfern der Gewalt werden. Beide sterben! Johanaan als Märtyrer, der sein eigenes Martyrium provoziert durch sein Zeugnis von der Wahrheit, aber noch mehr durch seinen Hass auf die Sünderin, auf das Böse, auf Salome -:“Hinweg von mir, Tochter Babylons, Tochter Satans”- und durch seine Abscheu von Korruption und Sittenverfall. Er stirbt als subtiler Selbstmordmärtyrer. Salome stirbt als Opfer des bösen Herrschers. Der Böse treibt das Böse durch das Böse aus und schafft ein bisschen Ordnung. So und nicht anders scheinen die Geschäfte dieser Welt zu laufen. Und was ist mit dem Zeugnis für die Wahrheit? Woran erinnert man sich am Hof am nächsten Tage? Vielleicht noch an die mächtige Stimme und die beeindruckende Erscheinung des Johanaan. Nicht aber an seine Botschaft. Sie vermochte die Herzen der Menschen nicht zu treffen. Nicht einmal sein eigenes Herz.

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Ich weiß es nicht, meine Damen und Herren, warum Pater Neuner sein Zeugnis für die Wahrheit nicht auf ähnliche Weise abgelegt hat, wie Johanaan in der Oper. Rein äußerlich betrachtet hätte es auch so gehen können. Immer schon groß und hager, Missionar wie aus dem Bilderbuch, mit Bart und leuchtenden Augen. Schon als Student hat er das Kompendium an den richtigen Sätzen, den Schatz der Wahrheit, die Verdichtung der Glaubenslehre, der Zeitgenosse würde sagen, die Dogmen, bestens verinnerlicht, den Neuner-Roos nicht nur studiert, sondern... auch geschrieben. (Es gehört ja zu den schönsten akademischen Erlebnissen, wenn man noch heute gefragt wird, Neuner... ja... aber doch nicht dieser Neuner von Neuner-Roos! Für die Nichttheologen unter ihnen: Pater Neuner hat während seines Studiums in Valkenburg in Holland, zusammen mit seinem Mitbruder Heinrich Roos eine Sammlung von kirchlichen Dokumenten, von den ersten altkirchlichen Konzilien bis zum Antimodernismusstreit am Beginn des 20. Jh. übersetzt und als handliches Buch herausgegeben. Seit dem Ende der dreißiger Jahre bis heute ist dieses Buch: “Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung”, kurz genannt: Neuner-Roos, im deutschen Sprachraum, das Lehrbuch und das Nachschlagewerk kirchlichen Dogmas, wenn sie so wollen.) Also, schon als Student hat er das Kompendium an den richtigen Glaubenssätzen verinnerlicht. Das Studium der damaligen Zeit bereitete ihn auch bestens vor, dem heidnischen Irrtum zu begegnen und diesen auch zu bekämpfen, gelegen oder ungelegen. Und das Weltgeschehen damals? War das nicht eine aus den Fugen geratene Gesellschaft? Pater Neuner erlebt den Aufstieg der Nationalsozialisten, hört noch die Predigten von Kardinal Faulhaber in München, geht nach Indien, wird dort interniert und begegnet auch auf Schritt und Tritt dem... ja... Was begegnet ihm dort? Nazis, Gleichgültige, fanatisierte fundamentalistische Konventikel und Millionen von Menschen, die im Irrtum leben. So hat er es jedenfalls im Theologiestudium gelernt. Es begegnet ihm aber auch das menschliche Elend und Leid, Korruption und Sittenverfall. Warum ist dieser junge Missionar nicht zu einem Johanaan geworden? Hat er seinen Auftrag, Zeugnis abzulegen für die Wahrheit, verraten? Erlag er in Indien dem Irrtum des Relativismus? Hat er schon damals der süßen Versuchung der “anything-goes-Mentalität” nachgegeben, analog zu den Millionen von Westeuropäern heutzutage, die die Wahrheit und den Irrtum zum bekömmlichen Eintopf zusammen kochen, sich mit dem esoterischen Einheitsbrei einlullen, Gott durch Vitaminpräparate und Wellnessartikeln aus dem Supermarkt der Sinnangebote ersetzen? All die Möchte-gern-Buddhisten und weichgespülte Mystiker unserer Breitegrade. Würde man die wenigen Schriften von Josef Neuner, die in deutscher Sprache greifbar sind (der Großteil seines Schrifttums gibt es nur in englisch), einem fundamentalistischen Theologen aus der Lefebre-Bewegung vorlegen, so würde sein Urteil unmissverständlich und klar sein. Neuner ist einer von denen, die den Irrtum zur Wahrheit erklärten und die katholische Kirche zur Kapitulation vor dem Bösen geführt haben. “Ein Wolf im Schafspelz” also!

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Vielleicht erschrecken nun einige von ihnen über die Eindeutigkeit der Sprache. Eine Eindeutigkeit, die unüberbrückbare Grenzen schafft und verfestigt. Wenn wir erschrecken, dann fragen wir uns nur, wie es dem jungen Pater ergangen sein mußte, als er voll des missionarischen Eifers mit jenen Grenzen konfrontiert wurde, die sich keiner von uns wünscht. Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde er zum Gefangenen, dem Johanaan in der Oper Salome nicht ganz unähnlich. Er, der Jesuit, mit den anderen Missionaren und Nazis interniert. Und der Grund? Er gehörte plötzlich dem feindlichen Lager an und wurde politisch exkommuniziert, sozusagen. Wie beliebig sind die Grenzen der Gewalt, die Grenzen der Ausgrenzung, die Grenzen, die die Gegner vom Alliierten trennen, den Nächsten von dem Fremden, den Freund vom Feind, den in der Wahrheit lebenden von dem, der im Irrtum verweilt? Und wie trügerisch ist die Sicherheit, die aus den Ausgrenzungen kommt und der Dämonisierung? Und was ist mit der Kraft des Glaubens? Lebt diese nicht aus der Ausgrenzung und Abgrenzung? Am Morgen vor seiner Verhaftung zelebriert Pater Neuner die Messe und liest die Worte des Evangeliums “der Vater weiß, was ihr braucht!”(Mt 6,32) Hat er die Erfahrung seiner Internierung gebraucht zur Reifung? Das wissen wir nicht. Einige Jahre später rekapitulierte er jedenfalls auch diese Zeit: “Wer hätte diese... hinter mir liegenden Jahre planen können? Wie sehr aber brauchte ich sie, um meine Arbeit in Indien in sinnvoller Weise ... aufnehmen zu können. Ich mußte die Situation der Kirche im Geiste kolonialer Prägung kennen lernen, die Art der damaligen Priesterausbildung nach westlichem Vorbild. Ich brauchte mehrere Jahre, um den Glauben in Zusammenhang mit dem heutigen Weltgeschehen zu vertiefen, ich brauchte Zeit, um indische Spiritualität besser verstehen und begreifen zu lernen”. (J. Neuner, Der indische Joseph. Erinnerungen aus meinem Leben. Feldkirch: Die Quelle 2005, 47) Im Internierungslager begann er mit dem Studium des “Irrtums” - wenn sie so wollen. Er startet mit der Lektüre der Upanischaden, der Bhagavad-Gita, lernte Sanskrit, studiert die Geschichte Indiens, doziert aber gleichzeitig Systematische Theologie für die dort internierten Seminaristen. Im Lager lernt er was es bedeutet, Zeugnis abzulegen, mitten und auch gegen ideologische Verfestigungen. So paradox es klingen mag: weil eingesperrt öffnet er sich. Ganz anders als Johanaan in der Oper fixiert er sich nicht auf dämonisierende Art und Weise auf Fremde, auf Gegner und verfestigt die Grenzen, sondern sprengt diese. Mindestens in seinem Kopf. Mit Gewalt zum “Deutschen” erklärt inkulturiert er sich zum Inder! Das Doktoratsstudium in Rom und die Arbeit: “Die Idee des Opfers in Bhagavad-Gita”, ein Artikel über die indische Tradition der Avataras, der ins bahnbrechende Werk des späteren Kardinal Grillmeier über das Konzil von Chalkedon aufgenommen wird, seine Tätigkeit als einer der vier Berater aus Indien beim Zweiten Vatikanischen Konzil, markieren bloß äußere Stationen des Weges, auf dem Pater Neuner auf eine neue Art und Weise Zeugnis gibt, für das Licht und die Wahrheit. Für die Weltkirche wird er zu einem der ganz wenigen glaubwürdigen Brückenbauer zwischen einem Kontinent, wo so viele Menschen leben, wo aber das Christentum niemals heimisch geworden ist und dem alten Europa. War das der Grund, dass er in Rom während eines Abends an seiner Tür eine kurze Notiz fand: Er möge sich doch am folgenden Tag, vor dem Beginn der Messe in der Sakristei des Petersdoms einfinden. Er ging und traf dort Kardinal König. Dieser erzählte, dass die geplante Erklärung über das Verhältnis zum Judentum scheitern wird, aus politischen Gründen, dass man sie aber retten könnte, wenn man einen noch mutigeren Schritt macht und diese Erklärung einbettet in die Erklärung zum Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen. Ein Schritt, der einem Sprung in den Abgrund gleichen könnte, oder aber dem Flug in die Höhe, bis hin zum Flügelschlag des Hl. Geistes. “Wollen sie mitarbeiten?” - fragte Kardinal König Pater Neuner. Ob es ihm bewusst war, worauf er sich da eingelassen hat? Das Ergebnis zählt zu den größten Errungenschaften des Konzils und der Hl. Geist wirkte nicht nur in der Konzilsaula, sondern bei den harten Arbeiten von denjenigen, die die Dokumente vorbereitet haben.

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Sie, Pater Neuner, wurden also von Gott gesandt, damit sie durch ihr Denken, Argumentieren und ihr Schreiben, Zeugnis abgeben für das Licht, auf dass die Menschen auf eine neue Art und Weise zur Wahrheit kommen. Wie sagte es Kardinal Bea bei der Vorstellung des Dokumentes: “Es sei das erste Mal in der Geschichte der Kirche, dass ein Konzil auf solche Art und Weise über andere Religionen spreche. Es geschehe nicht in apologetischer Weise, um die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu beweisen, nicht in missionarischer Absicht, wie die christliche Botschaft verkündet werden könne, sondern in einem Geist der Solidarität, wie wir miteinander gemeinschaftlich in Verbindung treten könnten, um gemeinsam an der Erneuerung einer menschlichen Gesellschaft beteiligt zu sein, um Frieden und Solidarität in die Welt zu bringen” (zit. nach Neuner, Der indische Joseph 70).

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Meine Damen und Herren! Ich wurde gebeten zu ihnen zum Thema: “Die Bedeutung des Theologen Dr. Josef Neuner für die Weltkirche” zu sprechen. Man hätte von seinen zahlreichen Büchern und Artikeln reden können, oder aber von seinen Studenten, aus denen sich heute alle indischen Bischöfe rekrutieren, davon, dass er dem Papst Paul VI. die Ansprache für seine Indienreise schrieb, auch von seiner Beziehung zu Mutter Theresa. All das und vieles mehr, was man erzählen und evaluieren kann, könnte man zum Gegenstand einer Laudatio machen. Ich habe mich entschieden schlicht von der Haltung eines Theologen, eines Missionars zu sprechen, denn diese Haltung hat religionspolitisch und kulturpolitisch für die Weltkirche und auch Weltgesellschaft die größte Bedeutung. Warum, werden sie fragen. In einer Zeit, in der Religiosität mit fundamentalistisch motivierten Selbstmordanschlägen in Verbindung gebracht wird, in einer Zeit, in der andere Religionsgemeinschaften mühsam ihr Verhältnis zu Andersgläubigen definieren und auch ihr Verhältnis zu Gewalt prüfen, in dieser Zeit von der Bedeutung eines Konzilstheologen zu sprechen bedeutet nur eines, etwas anzuerkennen und zu unterstreichen: - und so bündele ich zusammen - Die Tatsache, dass wir heute im Rahmen der weltweiten katholischen Kirche Zeugnis für die Wahrheit nicht in der Form frontaler aggressionsweckender Konfrontation ablegen, nicht mit Steinewerfen auf Andersgläubige verwechseln, die Tatsache, dass die Katholische Kirche den Weg zu einem Missionsverständnis gefunden hat, der die Würde des Menschen respektiert -nicht des abstrakten Menschen, nein, des konkreten Menschen, des Menschen in seiner ökonomischen, sozialen und psychischen Not; des Menschen in seinen vielfältigen Beziehungen und Bindungen kultureller und religiöser Art - die Tatsache, dass die Katholische Kirche das Zeugnis für die Wahrheit gewaltfrei ablegt, diese Tatsache verdanken wir solchen Menschen wie Pater Neuner. In kleinen, oft unscheinbaren Schritten, in Schritten, deren Tragweite ihn selber vielleicht nicht ganz bewusst waren und auch durch die Tatsache, dass sie zum richtigen Zeitpunkt an richtiger Stelle waren, damit sie zum Sprachrohr des Hl. Geistes werden könnten, haben sie uns alle darauf sensibilisiert was es bedeutet, dass Jesus Christus sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen verbunden hat. (GS 22) Mit den Katholiken, mit anderen Christen, mit Juden, Moslems, Hindus, mit jenen, die an Gott oder an das Göttliche nicht glauben, dieses gar bestreiten. Weil er sich verbunden hat, brauchen wir diese Verbindung nicht gewaltsam herzustellen. Vielmehr müssen wir die Spuren seiner Menschwerdung, die Spuren seiner Inkarnation suchen, benennen, ans Tageslicht bringen.

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Es ist also allzu logisch, wenn heute bei dieser Feier auch Pater Georg Sporschill SJ zugegen ist, der in der Reihe der Ehrendoktoren der Innsbrucker Theologischen Fakultät auch dem Pater Neuner nachfolgen wird. Er hat sich auf die Schultern des unscheinbaren Riesen, Pater Neuner, gesetzt und entdeckt die Spuren der Menschwerdung Christi bei den Kindern auf der Straße und in den Kanälen und jede Entdeckung wird für ihn zu einem Gnadenerlebnis, genauso wie das ganze Leben für Pater Neuner zu einem Gnadenerlebnis wurde. Sagt er doch selber: “In dieser Zeit des Wandels in Welt und Kirche wurde ich geboren und mußte mich in meinem Leben zurechtfinden. In dieser Welt und Kirche mußte, durfte ich auch meinen kleinen Beitrag leisten. Dabei habe ich persönlich erfahren, dass individuelles Leben nur Sinn hat, wenn es hineingewoben ist in das Wachsen und Suchen in Welt und Kirche. Wenn wir dabei unseren Beitrag leisten, wie klein und bescheiden er sein mag. Denn das Weltgeschehen ist eben letztendlich die Geschichte des Gottesreiches. Gott ist Ursprung und Vollendung und das einende Band in Liebe und Dienst. So also suchte ich mein eigenes Leben zu verstehen und so mögen meine Erinnerungen auch anderen helfen, immer wieder ihr eigenes Leben in allen wechselnden Situationen, vertrauend auf Glaube, Hoffnung und Liebe fruchtbar zu machen.” (Pater J. Neuner, Der indische Joseph 123.)

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Lieber Pater Neuner! Ich habe ihre Erinnerungen als Hilfe genommen, um auf unsere Situation im Glauben zu deuten und die unfruchtbare Alternative zwischen der fundamentalistischen Haltung und der relativistischen Preisgabe der Wahrheit zu sprengen. Sie sind nicht zu einer Verkörperung des Johanaan aus der Oper “Salome” geworden, eines Zeugen für die Wahrheit, der sich vom Kreislauf des Bösen mehr faszinieren lässt, als vom Geschehen der Gnade. Sie sind auch nicht zu einem Relativisten geworden, einem Relativisten, der sich selber aufgibt, seine intellektuelle Redlichkeit und seine spirituelle Geradlinigkeit. Sie sind ihr Leben lang ein Zeuge für die Wahrheit gewesen, für Christus. Sie haben niemals den Irrtum und die Wahrheit verwechselt, wohl aber entdeckten sie dort, wo vermeintlich nur Irrtum sein sollte, spirituelle Tiefe, den göttlichen Geist und die Spuren der Inkarnation. So sind sie zum Zeugen für die Wahrheit geworden, dem Johannes aus dem Prolog des Johannesevangeliums nicht ganz unähnlich.

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Uns allen, die wir hin und wieder an unserer eigenen Welt verzweifeln, und die Ortskirche zu einem Ort des Jammers und der Klage machen, weil unsere Welt die Spuren jener Entfesselung des Begehrens trägt, die am Hofe des Herodes bei Oscar Wilde und Richard Strauss zu finden sind und wir deswegen auch den Stimmungen verfallen, die an die Verzweiflung des Johanaan erinnern, möchte ich zum Schluss eine Geschichte schenken, die ich bei Pater Neuner gelesen habe. Es ist die Geschichte von den Göttern, die ganz betrübt waren, weil sich das Böse so verbreitete und die Dämonen immer mehr Macht gewannen. In ihrem Kummer und in ihrer Verzweiflung verhandelten sie mit den Dämonen, machten Politik also und bekamen einen Vertrag. Es wurde ihnen zugesichert, sie dürfen bis auf weiteres nur noch so viel Land behalten, wie viel ein winziger Leib eines Zwerges bedecken kann. Der Zwerg: das war Vishnu, der das Opfer verkörpert und deswegen auch alle Welt durchwaltet und verwandelt. So gewannen sie die Welt zurück. (J. Neuner, Menschwerdung und Avataras. In: Religionen unterwegs 3, September 2000, 19. Der Zwerg für die Christen, das ist jede begnadete Existenz, so unscheinbar sie auch sein mag. Die begnadete Existenz trägt ja den Keim des Ganzen oder den Markt des Ganzen in sich und verwandelt die ganze Wirklichkeit. So paradox es klingen mag, sie Pater Neuner waren und sind so ein Zwerg, eine begnadete Existenz. Dafür danken wir Gott!

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