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Kommunikation im Zeitalter der Kommunikationsflut
(Ansprache des Dekans zum Abschluss des 2. Lehrgangs: "Kommunikative Theologie" im Kaiser-Leopold-Saal an der Theologischen Fakultät am 2. Juni 2005)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-06-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Woran werdet ihr Euch erinnern, liebe Absolventinnen und Absolventen, woran werdet ihr euch einmal erinnern, wenn ihr als “communio sanctorum” zur “fruitio Trinitatis”, als Gemeinschaft der Heiligen zum Genuss des Dreifaltigen Gottes kommt, eines Gottes, der ja der Inbegriff der Kommunikation ist? Werder ihr euch überhaupt erinnern? Oder werdet ihr, wie Noah pennen... Die Sintflut überlebt, ordentlich vom Wein gekostet, schlief doch dieser ruhig vor sich hin und merkte nicht einmal, dass er nackt war. Viele Menschen der Gegenwart erhoffen sich so etwas: “Lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!” Ttot oder besoffen, wo liegt da schon der Unterschied? Filmriss auf jeden Fall! Filmriss... Nichts weiter..! Nein! Der Genuss Gottes hat mit dem Schlaf des Trunkenen nichts gemeinsam und ist auch mit der damnatio memoriae, mit der Auslöschung des Gedächtnisses nicht identisch. Ihr werdet euch erinnern und ihr werdet auch Menschen begegnen. So werdet ihr vermutlich den Medienguru des 20. Jahrhunderts., den berühmten Marshall McLuhan treffen, der sich nur eines erwartete: das ewige Pfingsten einer durch Computer gestützten Kommunikation. Cyberspace als der Inbegriff des Himmels. “Global village” und “the medium is the message” - so hat er einmal formuliert und die Botschaft auch anders gelesen: “The medium is massage”. Die Medien sind zu Massage-Institutionen geworden, umgeben den Menschen wie eine zweite Haut, bombardieren uns mit Nachrichten, mit Informationsmaterial. Inofotainment, Kommunikationsflut, Cyberspace als Turm zu Babel und die Hölle der Einsamkeit zugleich. Ja ihr werdet im Himmel Marshall McLuhan treffen und ihm eure “österlichen Augen” verpassen, damit er euch sieht, wie ihr damals, um die Jahrtausendwende, gelebt habt.

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Geplagt von Missverständnissen, von Sprachlosigkeit, von dem an den Wort-Durchfall grenzenden Worteschwall, vom Kommunikationsmüll und Kommunikationsarmut zugleich.., habt ihr ja recht oder schlecht mitten in dieser modernen Sintflut gelebt, euch mit Büchern, Lebensratgebern, Wochenendseminaren, Supervisionssettings über Durststrecken gerettet und habt doch vertrocknet mitten in Wasserfluten. Bis eines Tages... Ja, jetzt gehen euch die “österlichen Augen” auf, und ihr blickt zurück von der Ewigkeit zu jenem Tag, als in den Tälern von Tirol der emsige Noah die Rettungsarche zum wiederholten Mal füllte. Die Kapitänsmannschaft, zu der auch eine Frau zählte, wählte aus unter den Rettungswilligen. Die Auswahlkriterien schienen ganz klar zu sein. Aus möglichst vielen Spezies sollten doch Menschen gerettet werden: Protestanten, Katholiken, Laien, Priester, Ordensleute, Äbte, Chinesen... Ja, es gab damals von denen so viele. Ein Kummunikationslärm sondergleichen erhob sich auch gegen den Himmel. Also: selbst Chinesen begehrten Einlass und fanden Zuflucht. Nur die Ehefrauen wurden nicht zugelassen. Nicht, weil Noah etwas gegen diese hatte, ehelichte er selber doch - im Unterschied zu seiner Mannschaft - schon in jungen Jahren seine eigene Frau. Nein: Ehefrauen wurden nicht zugelassen, weil..: zum Einen, war die Fortpflanzung als Kommunikationsgeschehen nicht vorgesehen, zum anderen aber, “die Denk- und Handlungsverbote” damals noch nicht so deutlich wahrgenommen wurden. So habt ihr die Arche bestiegen, beladen mit all dem Kommunikationsschutt des Alltags, mit all den Wunden und Narben, mit all den Komplexen, die den Inbegriff der eigenen Biographie ausmachen. Ihr erinnert euch wie ihr angefangen habt in der eigenen Biographie zu wühlen und auch in den Lebensgeschichten der anderen. Doch nicht von der Sensationslust getrieben, nicht um Steine aufeinander zu werfen, mindestens nicht die ganz großen. Nein: Um den liebevollen Blick einer erlösten Aufmerksamkeit zu lernen, und die Spuren der Menschwerdung Gottes zu entdecken: im eigenen Alltag und im Alltag der anderen. Und darüber auch zu reden, zu reflektieren, theologisch zu reflektieren. Ihr erinnert euch an die Konflikte, der Raum war ja eng genug und der Geschichten so viele. Nicht allzu viel Platz hat es also dort für Projektionswände gegeben, vielleicht deswegen wurden diese auch fleißig benutzt. Einigen stand die bittere Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, mich selber nicht ausgenommen, als ausgerechnet dort, wo die Feier der “communio sanctorum”, wo das himmlische Hochzeitsmahl des Lammes gefeiert werden sollte, als es ausgerechnet dort krachte. Es krachte so, dass die Balken der Arche zu zerbrechen drohten. Aber sie hielten den Wasserfluten stand. Ihr erinnert euch, als ihr die Arche wiederholt verlassen habt mit der Hoffnung, dass die Flut aufgehört hat. Man flog zurück - der Taube und dem Raben aus dem Buch Genesis nicht ganz unähnlich - man flog zurück an die vertrauten Plätze, entdeckt den Alltagstrott wieder - kehrte aber doch zurück - hin und wieder mit einem Ölzweig im Schnabel. Bis an die Grenzen der Erde ist man gereist, um qualitativ Neues zu suchen..., dem Freund zu begegnen. In Afrika und Asien ist man gewesen und entdeckte dort vielfach nur das Fremde in sich selber. Denn: was fand man dort? Auch dort regnete es! Der Cyberspace schien geradezu seine Schleusen geöffnet zu haben und der Macht des Marktes schienen auch dort keine Grenzen gesetzt worden zu sein. Also auch dort: Rivalität, Neid, Missverständnis. Was blieb euch also anderes übrig, als die Arche endgültig zu verlassen und in den Kommunikationsfluss einzutauchen. Damit ihr nicht sofort untergeht, dafür sorgte schon die Kapitänsmannschaft und die angeheuerten Matrosinnen und Matrosen, die euch die richtige Schwimmtechnik beizubringen suchten, indem sie mit euch geschwommen sind, mit euch auf eine theologischen Weise kommuniziert haben, euch gelehrt und gleichzeitig auch von euch gelernt haben, wie man die Spuren göttlicher Inkarnation entdeckt, benennt und auf den Begriff bringt. Gerade, weil man sie dem anderen mitteilt. Die Flossen der Masterarbeit und den Tauchanzug einer Lizentiatsarbeit für jene, die tief eintauchen wollten, habt ihr euch selber verpasst. Und ihr habt die Arche verlassen. Vor langer, langer Zeit. Mitten im Herzen des dreifaltigen Gottes lebend und liebend erinnert ihr euch, liebe Absolventinnen und Absolventen, an jenen Abschnitt eurer Lebensgeschichte, der doch zu eurer ganz persönlichen Heilsgeschichte wurde.

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Sehr geehrter Herr Rektor, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Lehrgang, liebe Angehörige und Freunde unserer Absolventinnen und Absolventen. Bewusst habe ich diese meine Ansprache zu einer Vorlesungsstunde in kommunikativer Eschatalogie (angewandter Art - die grundsätzliche liegt ja schon hinter uns) gemacht. Eschatologie spricht von der Zukunft, der Zukunft als Vollendung und zwar im Modus der Hoffnung. Also: Schon jetzt und doch noch nicht ganz. Schon jetzt im Herzen des dreifaltigen Gottes und doch noch nicht ganz (man ist ja immer noch im Kaiser Leopold Saal). Inhaltlich redet sie nicht beliebiges Zeug. Nein: Sie spricht nur von dem, offenbart also nur das, was notwendig ist, um die Gegenwart zu verstehen und die Gegenwart, das ist ja der Turm Babel und die Hölle der Einsamkeit zugleich mitten in der modernen Kommunikationsflut. Das ist aber auch eine Welt, die alle andere als gottlos ist. Auch mitten in der Sintflut ist Gott zugegen und zwar der dreifaltige Gott. Man kann sich seiner vergewissern, indem man lernt auf eine bestimmte Art und Weise von ihm zu sprechen.

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Fasziniert und erschrocken blicken wir heute ja auch in jene Zukunft, in der alles digitalisiert und zum Informationswert transformiert wird, in der alles entleiblicht wird und fragen uns (ängstlicher als Mc Luhan): wird es da noch jemanden geben, der uns wortlos nur die Hand halten wird, wir das Gefühl haben, dass wir uns bestens verstehen? Der Lehrgang “Kommunikative Theologie” stellt nicht den Inbegriff einer Arche dar, die auf der Welt der Sintflut Menschen schützend, vor sich hinschwimmt. Nein: Man kann die Kommunikationsstörung nicht dadurch bewältigen, dass man flüchtet, sich zurückzieht. Im Lehrgang setzt man sich die Flut aus, aber: auf eine kontrollierte Art und Weise und aus dem Glauben heraus, dass in jedem Akt des Aussetzens, man bewusst mit der Nase auf die Spuren Gottes fällt. So lernt man im Lehrgang zu kommunizieren, aber nicht beliebig. Noch einmal: Eschatologie beschreibt inhaltlich nur das, was notwendig ist zum gläubigen der Gegenwart. “Gott ist Kommunikation”, “Gott ist Liebe”, ja: “Er ist Leben”: - aus diesen Elementen heraus wird das Kommunikationsgeschehen des Alltags inhaltlich gefüllt und auch geführt. Und noch eine dritte Bemerkung zur Eschatologie: ob das angesprochene Zukunft auch wirklich werden wird, das hängt nicht von uns ab, sondern ist Sache Gottes. Uns kommt die Zukunft als Geschenk zu. Mitten in der sintflutartigen Kommunikationsorgie, beim Turmbau zu Babel und in der Hölle der Einsamkeit ereignet sich immer wieder echte Kommunikation unter Menschen, wird also der dreifaltige Gott Wirklichkeit. So zu denken, diese Logik auch zu benennen, das haben unsere Absolventen und Absolverntinnen im Lehrgang gelernt. Dazu gratulieren wir ihnen! Denn der Inhalt unserer Hoffnung (der Hoffnung von uns allen) ist, dass ihr mit eurer Qualifikation unsere Welt stückweise kommunikationsreicher machen werdet. Ihr werdet sie humaner gestalten. Und und wird human bleiben. Woher die Sicherheit? Sicherheit ist es nicht, wohl aber die Hoffnung. Weil Gott Mensch wurde, wird auch die Welt von morgen nicht gottlos sein. Sie wird von ihm weiterhin verwandelt. Und “Verwandlung” heißt das Musikstück (aus der Oper “Thais” von J. Massnet), das nun vorgespielt wird.

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