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Vom Geist geführt. Bis in den Tod hinein!
(Universitätspredigt in der Reihe: "Deinen Tod o Herr verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir!")

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Universitätspredigt bei der Eucharistiefeier am 15. Mai 2005 um 11 Uhr in der Jesuitenkirche.
Datum:2005-05-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es ist eine archaische Geschichte, eine Geschichte, die sich irgendwann in der grauen Vorzeit abgespielt hat, eine Geschichte aber, die sich tagtäglich mitten unter uns abspielt. Die Masken ändern sich zwar, Orte und Zeiten wechseln, doch die Logik bleibt. Und was erzählt sie uns, diese archaische Geschichte?

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Wir befinden uns am himmlischen Hof beim nachmittäglichen Kaffeklatsch. Angeregt unterhalten sich da die himmlische Geister über das Leben der Menschen auf Erden. Der Name Ijob wird in die Diskussion gebracht. Er sei der neue shooting star. Jung, schön, gesund und erfolgreich. Die Massen sind von ihm begeistert. Eine skurrile Gestalt horch auf. “Satan” ist ihr Name - was so viel bedeutet, wie “Ankläger”. Dieser Geist tut nichts anderes, und er kann auch nichts anderes tun als schnüffeln. Dem Sensationsjournalisten nicht ganz unähnlich, gibt er sich nicht zufrieden, sucht und sucht, schnüffelt und schnüffelt, bis er die Leiche im Keller findet. Und wenn ihm das nicht gelingt, dann ist “Satan” der Geist, der Gerüchte streut, Skandale provoziert, weil er Verleumdungen in die Welt setzt, oder nur Verdächtigungen. Er raubt den Menschen die Unschuld und sorgt für klare Verhältnisse. Da werden Vorurteile zu Urteilen. Da werden die Bösen geoutet und Menschen sauber eingeteilt in gute und böse. Die Guten skandalisieren sich dann über die Bösen. Die Bösen über sich selber. Sie machen die Not zur Tugen. Als fleischgewordenen Skandale stolpern sie über sich selber und verführen andere dazu, über sie zu stolpern.

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Liebe Schwestern und Brüder. Diese Dynamik ist alles andere als harmlos. Es ist dies kein Kinderspiel und auch nicht die Aktualisierung modischer “Anything-goes-Mentalität”. Ihre Brutalität wird schonungslos im uralten biblischen Buch: Ijob offengelegt. Der scheinbar harmlose Kaffeklatsch der himmlischen Geister im Prolog des Buches findet im Buch selber eine handfeste Fortsetzung und zwar auf Erden. Da kommt zwar der “Satan”, dieser Ankläger, Miesmacher, Gerüchtestreuer und Skandalträger nicht mehr vor, wohl aber seine Strategie. Die Strategie des Outings. Die Strategie der Skandalisierung, die Strategie der einseitigen Beschuldigung, die Strategie des Sündenbockjagd. Die Menschen scheinen geradezu besessen zu sein von diesem satanischen Geist. Gestern noch haben sie dem neuen shooting star zugejubelt, dem jungen, erfolgreichen Unternehmer und König. Heute wendet sich das Blatt. Sie umkreisen ihn. Ihn - das abgestürzte Idol von gestern. Und steinigen ihn mit ihren Anschuldigungen, ihren Anklagen, ihrer Lust am Outing. “Gestehe! Was hast du getan? Denn: unschuldig wirst wohl nicht leiden.” Spätestens dann, als der letzte Abschaum der Gesellschaft: “Diebe, blödes Gesindel, Volk ohne Namen, Sandler, Menschen, die in Erdhöhlen leben”, spätestens dann, als die Menschen, die tagtäglich mit Füßen getretten werden nun ihre Chance ergriffen haben um über jemanden zu spotten, der eine Stufe tiefer gefallen ist, als sie selber, spätestens dann wusste das Idol von gestern, der verglühte Star Ijob, dass es für ihn keine Rettung gibt. Vom Entsetzen gepackt, konnte er in den Augen seiner skandalisierten Feinde und Freunde, in den Augen seiner skandalisierten Ehefrau, er konnte die uralte Weisheit entdecken, dass Gott sich auch ihm zum grausamen Feind gewandelt hat. Dass Gott und Satan scheinbar identisch sind, wie Tod und Leben, wie Gut und Böses. Und doch! Mit allerletzten Kraft schleudert Ijob der skandalisierten Menge ..., jener Menge, die vom satanischen Geist geradezu besessen ist, er schleudert ihnen seinen letzten verzweifelten Schrei entgegen: “Ich weiß, dass mein Erlöser lebt... Ich weiß, dass es einen Anwalt gibt: einen Parakletos, den Anwalt von Opfern einer solch satanischen Logik. Ich weiß, dass es den Geist der Wahrheit und des Rechts gibt!” Der Schrei Ijobs und nicht nur seiner verhallte scheinbar im Leeren. Wie gesagt, die Masken ändern sich, Orte und Zeiten wechseln, doch die Logik bleibt: Mit oder auch ohne Berufung auf den “himmlischen Kaffeklatsch” skandalisieren sich die Menschen über ihre Mitmenschen. Sie skandalisieren sich auch über sich selber. Sie verwechseln Gerüchte und Anschuldigungen mit Wahrheit, die Sündenbockjagd mit verantwortlicher Lebensführung. Menschen aller Orte, aller Zeiten stehen anscheinend in Gefahr zu Sündenböcken ihrer selbst zu werden, weil sie dem Geist der Anschuldigung, des Ressentiments, des Verdachts, der Rache erliegen. Und dies mit oder auch ohne den Namensgeber dieser Logik: dem Satan.

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Gerade unsere aufgeklärte Gesellschaft, jene Gesellschaft, die über den “himmlischen Kaffeklatsch” nicht einmal milde lächelt, weil sie sich so fortschrittlich glaubt, gerade diese Gesellschaft ist zu einer Anschuldigungsgesellschaft sondergleichen geworden. Miesmacherei, Ressentiment, Anklage! Wir alle werden vom Geist begleitet bis in den Tod hinein... Und auch in die Zeit danach..., allerdings vom Geist der Anschuldigung, vom Geist des Skandals. Im schlimmsten Fall skandalisieren wir uns über uns selber. Die Logik der Anschuldigung, des Ressentiments, der Rache, des Skandals scheint stärker zu sein als der Tod. Allzu leicht tappt da die Kraft der Erinnerung in die Dämonisierungsfalle.

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Von welch einem Geist mußte Jesus von Nazareth erfüllt gewesen sein, als er die Übermacht der archaischen Logik sprengte, als er dem Schrei Ijobs zur Glaubwürdigkeit verhalf, als er sich zum Anwalt der ausgeschlossenen machte, der abgestürzten Idole, derjenigen, die zum Skandal ihrer Umgebung wurden, oder auch zum Skandal ihrer selbst. Von welch einem Geist mußte Jesus erfüllt gewesen sein, als er die satanische Logik, jene Logik, die wir an allen Orten und zu allen Zeiten finden, als er diese Logik aus den Angeln hob? Als er die sich aufschaukelnde Spirale der Dämonisierung von Menschen unterbrach..., immer wieder unterbrach? Selbst dann, wenn es sich um Rechtsbrecher gehandelt hat, um Menschen, die sich eindeutig etwas zu Schulden kommen ließen. Selbst dann widerstand Jesus der satanischen Versuchung: im Rechtsbrecher den Inbegriff des Bösen zu erblicken. Von welchem Geist?

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Erfüllt vom Hl. Geist, vom Parakleten, vom Anwalt: dem Anwalt der Opfer einer skandalisierten Meute, dem Anwalt der mich selber von mit selber verteidigt, wenn auch ich zum Skandal meiner selbst werde und mich abgrundtief zu hassen beginne, dem Anwalt des Rechts, des wahren Lebens, oder nur dem “Tröster” in ausweglosen Situationen, erfüllt vom Parakleten, vom Hl. Geist, dem Anwalt revolutionierte Jesus die Geschichte der Menschheit wie niemand sonst auf dieser Welt. Und er fällt auch keiner anderen Logik zum Opfer als der des Skandals und der Anschuldigung. Wie schon Ijob wird Jesus eingekreist, angeklagt, zum Inbegriff des Bösen gemacht und getötet. Als Opfer der “himmlischen Klatschrunde”? Hat der Tod Jesu seine Revolution in Frage gestellt? Zeigte sich im Tod Jesu noch einmal die uralte Weisheit, dass Tod und Leben letztendlich identisch sind, wie Gut und Böses, wie Gott und Satan? Die Religionsrelativisten und Pluralisten scheinen ja dies zu behaupten. Sie weisen darauf hin, dass Jesus in seinem Sterben bloß geschrien hat: “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Warum hast Du mich an die Macht der satanischen Mechanismen überlassen und mich der Kraft des Parakleten, der Kraft des Anwalts, des Geistes beraubt?”

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“Deinen Tod o Herr verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir!” Liebe Schwestern und Brüder! Nein! Der Paraklet hat ihn nicht verlassen. Durch die Art und Weise wie Jesus sein Opfersein erlebte und auch durchleidete hat er seine Revolution vollendet. Er ist auch einen entscheidenden Schritt über Ijob und auch alle anderen Opfer der Weltgeschichte hinausgegangen - er tat dies, auch wenn viele TheologInnen der Gegenwart ihm dies nicht zugestehen -, dessen Schrei scheinbar im Leeren verhalte. Er wurde beschuldigt, gab aber die Schuld nicht zurück. Er wurde zum Ärgernis, skandalisierte sich aber nicht selber: weder über sich selber, noch über seine Gegner. Er wurde dämonisiert, des satanischen Geistes bezichtigt, betete aber: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun”. Er starb getragen vom Geist, dem Parakleten: Mehr noch! Er nahm diesen Geist in das Reich des Todes..., reinigte dort die Kraft der Erinnerung. Denn: wir wissen ja: auch der Hass ist so stark wie der Tod. Und er brachte diesen Geist auf die Erde zurück und zwar durch den Bruch des Todes hindurch. Er vollendete damit die Verwandlung unserer archaischen Welt. Als Auferweckter schenkt er den Paraklet weiter: an uns.

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“Friede sei mit euch!”. “Wem ihr die Sünden vergibt...” Schuldvergebung bleibt ja christliches Gütesiegel! Er bricht uns das Brot und gibt den Auftrag: “Tut dies zu meinem Gedächtnis!” Was soll das bedeuten? Salopp formuliert: Er ersetzt die “himmlische Kaffeklatschrunde” durch die Eucharistiefeier. Gemeinschaft im Abendmahlsaal - Pfingsten als Geburtstunde der Kirche - steht nämlich für jene Gemeinschaft, deren Phantasie nicht vom Satan beschränkt, sondern vom Hl. Geist entfesselt wird. Kirche als Gemeinschaft soll sich ja nicht vom Ankläger, Miesmacher und Schnüffler verführen lassen, sondern vom Anwalt stärken. Eucharistie im Abendmahlsaal zu Pfingsten sagt aber auch, dass sich diese Gemeinschaft faktisch verführen ließ. Dieses Versagen wurde aber vergeben! Deswegen soll sich auch diese Gemeinschaft durch den Geist der Vergebung auszeichnen.

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Vom Hl. Geist getragen zu sein bis in den Tod hinein ist demnach mit dem Vertrauen identisch, dass trotz aller alltäglich erfahrenen menschlicher Skandalisierung, aller menschlicher Anschuldigung und auch allen menschlichen Selbsthasses (mit oder auch ohne den Glauben an den Namensgeber dieser Logik), dass die göttliche Kraft des Lebens, die göttliche Anwaltschaft stärker ist als der Tod und die satanische Logik. Eucharistie: da werden die Toten und die Lebenden zusammengeführt und in das Mysterium des Todes und der Auferweckung Christi integriert, auf dass ihnen allen die Kraft des Parakleten zuteil wird. Wir glauben an den Hl. Geist: deswegen wollen wir unsere Phantasie nicht durch den satanischen Mechanismus beschränken, sondern diese vom Hl. Geist entfesseln lassen!

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