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Weltweites Gebet für einen Sterbenden und das Sterben von Papst Johannes Paul II.

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-04-04

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Das Sterben von Johannes Paul II. hat - wie schon sein Leben - alle Maßstäbe gesprengt. Die von Kulturtheoretiker, Philosophen und auch Theologen im Vorfeld wiederaufgewärmte These einer “Inszenierung des öffentlichen Sterbens”, in Analogie zum Sterben der Könige im Mittelalter entwickelt, wurde von den Gläubigen weltweit - und dies dank der medialen Vermittlung - auf eine eindrucksvolle Art und Weise zurechtgerückt. Das “sensum fidelium” (der Glaubenssinn des Volkes) hat wiederum den richtigen Riecher gehabt.

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Natürlich fokussierte die mediale Berichterstattung zuerst die “Lage” im Sterbezimmer. Die Spekulationen, Gerüchte, Urteile, medizinische Diagnosen und Klischees über vatikanischen Machenschaften dominierten die Kommentare. Die Sterilität dieser Berichterstattung, die Kraftlosigkeit der Sprache (auch angesichts der fehlenden Bilder) wurde sehr bald deutlich. So verlagerte die Berichterstattung den Fokus auf die betenden Gläubigen. Die Bilder der weltweit betenden Menschen sind plötzlich zum Zentrum des medialen Interesses geworden. (CNN und ntv sendeten die Bilder und auch den Ton des Rosenkranzgebetes am Petersplatz stundenlang in der Nacht von Freitag auf Samstag bei dem an die 70.000 Menschen aller Alterstufen teilgenommen haben; nach dem Bekantgabe der Todesnachricht umfasste die Menge am Petersplatz gegen Mitternacht am Samstag an die 130 000 Menschen).

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Milliarden von Menschen konnten sehen, dass man beim Sterben nicht nur die medizinischen Diagnosen bespricht, betroffen schweigt, dadurch auch depressiv, oder aggressiv wird, sondern auch betet. Warum ist das so wichtig? Weil sie beim langsamen Sterben nur warten und nichts anderes tun kann, verdrängt unsere Kultur diese doch alltägliche Erfahrung. Und viele “moderne Seelsorgerinnen und Seelsorger” helfen da auch mit. Weil auch sie selber etwas verlernt haben, was zum innersten Geheimnis der lebendigen Religiosität gehört. Die Alten wussten es noch. Viele Menschen wissen es auch heute. Nur: sie verschwinden in jener “Intimität”, die wir den Sterbenden und ihren Angehörigen gewähren. Selbst wenn sie für Sterbende im Krankenhaus beten, tun viele dies verschämt. Seit letztem Freitag haben weltweit Millionen von Menschen in der Öffentlichkeit für einen Sterbenden gebetet. Sie dokumentierten damit, dass diese Praxis immer noch lebendig ist. Dass sie mehr Kraft gibt, als das sterile Bedenken der ärztlichen Diagnosen oder das dumpfe Schweigen und Warten.

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Die Allianz der betenden Millionen mit den Fernsehanstalten bezeugte aber auch glaubwürdig, das die heutige Welt und öffentliches Gebet einander nicht ausschließen und auch nicht von vorne herein unter dem Verdacht eines “menschenfeindlichen Fundamentalismus” stehen müssen. Sie trug dazu bei, dass die Kirche in ihrer weltweiten Dimension anders sichtbar wurde als in der gängigen Berichterstattung. Möge diese kleine Revolution Früchte tragen. Im Kontext der medialen Berichterstattung. Vor allem aber im täglichen Umgang mit den Sterbenden.

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