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Das Zeugnis des Martyriums. Zur Eröffnung des Sommersemesters 2005
(Eine Predigt auf dem Hintergrund von Dan 3, 25.34-43 und Mt 18,21-35)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Bei der Eucharistiefeier am 1 März 2005 um 12 Uhr in der Jesuitenkirche
Datum:2005-03-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Geschichte ist simpel, mindestens auf den ersten Blick. Wie die Milchmädchenrechnung. Ein neues Paradigma setzt sich durch und verändert die Weltwahrnehmung. Was gestern noch gültig war, ist heute “out”. Was der neue Gewaltherrscher quasi “ex nihilo” herbeizaubert ist “in”. Nebukadnezzar schafft die Welt neu: nach seinen Gesetzen. Autonomie pur! Diejenigen, die mit von der Partie sind, träumen von glänzender Zukunft. Aus allen Völkern und Nationen kommen sie, ergreifen die Chance des Tages, werfen sich nieder vor den neune Göttern - und unterwerfen sich, funktionieren und tragen ihren Teil zum Gelingen des Projektes bei. Die Starrköpfe, die Traditionalisten, die Gestrigen werden in den glühenden Offen geworfen. Selber schuld!

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Hollywoodartig - so scheint es zumindest - schildert das biblische Danielbuch das Wunder. Drei Männer in ihren Mänteln, Röcken und Mützen, von den übrigen Kleidungsstücken schon zu schweigen, wandeln im glühenden Ofen und ... sie verbrennen nicht! Dabei wurde der Ofen siebenmal stärker geheizt als sonst. Die Männer wandeln, beten und singen, u.a. auch jenen Lobgesang, den das römische Brevier zu Laudes am Sonntag der ersten Woche - sprich zu allen möglichen und unmöglichen Festen vorschreibt (in dem der Schnee, Frost, Eis und Kälte den Herrn rühmen und dies in alle Ewigkeit. Kaum zu glauben angesichts unserer Wetterverhältnisse).

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Ausgerechnet das Gebet von Abed-Nego, von Assarija (zu Deutsch: Jahwe hat geholfen), ausgerechnet jenes Gebet, das mitten im glühenden Offen gebetet wurde, setzt uns die kirchliche Liturgie als Tageslesung vor; und dies eben in dieser Kirche: dem Kältepol Tiroler Kirchenszene, zu Beginn des Sommersemesters. Das kann doch wohl kein Zufall sein!

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“Ach Herr, wir sind geringer geworden, als alle Völker!” Ist das nicht Balsam auf unsere Wunden? Für die Seelen der Theologinnen und Theologen, die im Jahr 2005 an den Rand des akademischen Geschehens gedrängt werden. Selber komplexbeladen, sich längst damit abgefunden, dass sie keine Propheten mehr haben, vor allem aber keine Propheten mehr sind und auch sein wollen für die Zeitgenossen: Ekklesiale Betriebswirte im ehemaligen Herrgottswinkel als Berufswunsch. Längst glauben wir unseren gesellschaftlichen Ort gefunden zu haben: als Verfolgte - natürlich: verfolgt auf zivilisierte Art und Weise, als Halb-Märtyrer einer uns feindlichen Kultur. Programmatischtrotzen wir mit dem erhobenen Zeigefinger dem Nebukadnezzar der neoliberalen Kultur und finden uns auch logischerweise im Feuerofen wieder. Mit einem Unterschied. Wir verbrennen!

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Wir verbrennen vor lautem Neid auf die Gottlosen, auf die unvorstellbaren Summen von Forschungsgeldern im akademischen Leben. Ich verbrenne von lautem Neid auf die mir prinzipiell nicht zugänglichen Berufschancen: im Milieu der Weltklasse, im Umkreis jener, die auf dem Tanzparkett der Promis tanzen.

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Liebe Schwestern und Brüder. Der Schock darüber, dass wir am Rande stehen - nicht im Zentrum -, dass unsere Meinung so gut wie Niemanden interessiert, führt tagtäglich zu Frustrationen. Denn: Wer von uns möchte schon vor den Augen dieser Welt “out” sein? Wir alle wollen doch “in “ bleiben. Deswegen verbrennen wir! Und dies, obwohl der zivilisierte Nebukadnezzar keine Feuerofen mehr errichtet. Er sorgt bloß für die Weichenstellung. Die Feuerofen: diese werden von uns selber, den Betroffenen angeworfen. Deswegen sind sie auch nicht siebenmal stärker erhitzt (wie in den alten Zeiten), sondern siebenundsiebzigmal. Denn grenzenlos ist die Begierdefalle. Das Feuer, das der gottlose Herrscher zu entfachen befahl, verbrannte die Gläubigen nicht, obwohl sie den ganzen Textilladen mit sich schleppten. Der Ofen, den wir selber gebastelt haben, brennt, verwundet, hinterlässt Spuren! Es st ja das Feuer des Begehrens, das uns zu schaffen macht.

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Deswegen ist es für uns alle: uns die bürgerlichen Theologinnen und Theologen, es ist für uns lebensnotwendig sich der härteren Lesart unserer Geschichte zuzuwenden und diese (fast fundamentalistisch) beim Wort zu nehmen. Auch heutzutage werden nämlich tagtäglich Christinnen und Christen buchstäblich zu Tode gemartert. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert großer Christenverfolgung und das 21. Wird ihm nicht nachstehen. Es ist lebensnotwendig sich zu Beginn dieses Sommersemesters vor Augen zu führen - allen liberalen Träumen zum Trotz - dass das christliche Zeugnis in dieser Welt vom Martyrium nicht losgelöst werden kann. Es kann aber auch von der selbstverständlichen Versuchung nicht losgelöst werden, in den Verfolgungssituationen dem Feind zu fluchen, das Ressentiment zu pflegen, im Feuerofen des vergifteten Begehrens zu brennen. Doch noch lebensnotwendiger ist es sich vor Augen zu führen, dass nicht die Ausgrenzung, nicht die Verfolgung und auch nicht der Tod den Märtyrer ausmachen, sondern seine Gesinnung.

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Auf die Veränderung dieser Gesinnung zielt Jesus hin, wenn er zu Petrus sagt, dass man nicht nur siebenmal sondern siebenundsiebzigmal verzeihen soll. Auf den ersten Blick scheint ja die Zusammensetzung der biblischen Texte in der kirchlichen Liturgie des heutigen Tages hirnrissig zu sein (man beachte: in der Fastenzeit wird die Praxis der lectio continua unterbrochen). Das Thema des siebenfach stärker geheizten Ofens und die Frage nach der siebenfachen Vergebung scheinen die unsichtbare “Eselsbrücke” zu sein, die Brücke, die die Texte verbindet. So hirnrissig ist die Logik aber nicht.

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Wenn man in der Schule Jesu gelernt hat das Begehren auf Gott auszurichten, den wahren Gott anzubeten, wird man mit seiner Gnade im Feuerofen des vergifteten Begehrens nicht brennen, auch dann nicht, wenn man all die Textillien der akademischen Bildung angezogen hat, die unsere Fakultät anzubieten hat. Man wird auch die siebenundsiebzigfache Steigerung des Giftes zu neutralisieren wissen, oder gar zu verwandeln. Hin und wieder freilich um einen sehr großen Preis: Um den Preis des Martyriums. Aus dem Blut der Märtyrer wächst aber die Kirche. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es in den Reihen unserer Absolventinnen und Absolventen etliche Märtyrer gibt.

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Die Geschichte ist demnach doch nicht so simpel, wie die Milchmädchenrechnung. Sie ist komplex, voll von geheimnisvoller Kraft: der Kraft der Liebe Gottes, die sich bis zum Kreuz entäußern kann, jener Kraft, die stärker ist als die frontale oder subtile Gewalt des Nebukadnezars. Die Kraft dieser Liebe wünsche ich uns allen für das kommende Semester, für unser ganzes Studium, für das ganze Leben. Ja...: für die ganze Ewigkeit.

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