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"Grenzfall" Medientheorien
(Das Seminar "Krieg, Unterhaltung, Internet" unter dem Anspruch einer erfahrungsbezogenen und theologisch begründeten Reflexion aktueller Medientheorien)

Autor:Böhm Thomas, Steinmair-Pösel Petra, Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Matthias Scharer, Christoph Drexler (Hg.), An Grenzen lernen. Neue Wege in der theologischen Didaktik, Mainz 2004, 135-152
Datum:2005-02-02

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Theologie und Kirche leiden – so kann man sicherlich verallgemeinert, aber tendenziell zutreffend feststellen – an einer gewissen „Sprachlosigkeit“, wenn es darum geht, mit außertheologischen Wirklichkeiten und „Sprachspielen“ in Kontakt zu treten. Dies mag zum einen daran liegen, dass in einer immer weniger kirchlich sozialisierten Gesellschaft und unter dem (post-)modernen Anspruch der Individualisierung der Einzelnen der gemeinsame „Horizont“ fehlt. Zum anderen bleibt der theologisch-wissenschaftliche Diskurs – trotz Aufmerksamkeit für die „Welt von heute“ – im Lehr- und Forschungsbetrieb großteils auf sich selbst verwiesen – und wird in diesem Umfeld auch eher selten zur „außertheologischen“ und „außerkirchlichen“ Kontaktaufnahme herausgefordert.

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Die Anfrage an MitarbeiterInnen der theologischen Fakultät in Innsbruck, am an der Universität Innsbruck neu eingerichteten Studiengang „Informatik“ mit einer – in Vorlesung und Übung aufgeteilten – Lehrveranstaltung „Informatik in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft“ mitzuwirken, bot im Jahr 2003 die Gelegenheit, zu einer fachlichen „Grenzüberschreitung“ und der Arbeit an den „Grenzen“, die sich zwischen „inner-“ und „außertheologischen“ Fragestellungen und Diskursen ergeben.

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Zur „Erprobung“ eines Dialogs zwischen theologischer „Theorie“ und heutigen medialen Erfahrungen sowie auch als Vorbereitung der Lehrveranstaltung im Studiengang „Informatik“ diente ein Seminar an der Katholisch-Theologischen Fakultät, das sich im Wintersemester 2003/2004 mit wichtigen Medientheorien auseinandersetzte. Mit dieser Veranstaltung sollte nicht zuletzt überprüft werden, ob und wie über den „gemeinsamen Nenner“ der medientheoretischen Ansätze eine angemessene Kommunikation zwischen Theologie und außertheologischer Wirklichkeit – hier im Speziellen vorbereitend für das Gespräch mit Studierenden der Informatik – möglich wird. Zugleich ging es dabei um die entscheidende Fragestellung, wie Medientheorien und Theologie so an der heutigen Erfahrungswirklichkeit der Menschen anknüpfen, dass Theologie in ihrer Relevanz für heutiges Leben ernst genommen werden kann.

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0 An „Grenzen“ arbeiten – Das Grundanliegen

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Der folgende Artikel beschreibt das Seminar „Krieg, Unterhaltung, Internet. Medientheorien und aktuelle Fragen“ an der theologischen Fakultät, bezieht sich aber auch auf die konkreten Herausforderungen, die sich im Blick auf die anschließend im Sommersemester 2004 erstmals und dann jährlich stattfindenden Lehrveranstaltungen im Studiengang „Informatik“ ergeben.

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Im Mittelpunkt des Seminars stehen verschiedene aktuelle Medientheorien, von denen ausgehend – im Kontext des eben beschriebenen Anliegens – die Arbeit an verschiedenen „Grenzen“ notwendig wird. Zum einen geht es hier um die Arbeit an der „Grenze“ zwischen (Medien-)Theorie und Erfahrung – also um die Überlegung, welchen Beitrag theoretische Ansätze zum tatsächlichen Verständnis der erfahrenen (Lebens-)Wirklichkeit leisten. Im konkreten Kontext der Vorbereitung der Lehrveranstaltungen für die Informatik ist dabei die Grundannahme leitend, dass über das Anknüpfen an konkreten Erfahrungen der Studierenden ein Gespräch möglich wird. Zum anderen ist die Frage zu behandeln, inwieweit theologische Reflexionen im Rahmen der Medientheorien selbst oder in der Auseinandersetzung mit ihnen relevant werden. Sollte dies möglich sein, so kann auch hier Arbeit an einer „Grenze“, nämlich der zwischen Medientheorien und Theologie erfolgen.

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Letztlich dient dann die Arbeit an diesen beiden „Grenzen“, die sich durch die Bezugnahme auf den Mittler „Medientheorien“ ergeben, der Überwindung einer tendenziellen „Sprachlosigkeit“ zwischen außertheologischen Ansätzen bzw. Erfahrungen und theologischen Fragestellungen. Hier müsste es gelingen, einer „impliziten Theologie“ (1) , wie sie in der medialen Erfahrungswirklichkeit der Menschen angelegt ist und wie sie durch die Beschäftigung mit Medientheorien „freigelegt“ werden könnte, „auf die Spur“ zu kommen.

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In einer Skizze lassen sich die miteinander in Beziehung zu setzenden Positionen sowie die dabei entstehenden und zu bearbeitenden Grenzen – schematisch – darstellen:

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Für den nun folgenden Text ergibt sich daraus folgende Gliederung. Nach einer Reflexion über die Arbeit an der „Grenze“ zwischen Medientheorie und Erfahrung (1) folgt die Frage nach den sich ergebenden „Grenzüberschreitungen“ der Medientheorien in Richtung Theologe, an welche bewusst anzuknüpfen ist (2). Zusammenfassend und das bisherig Gesagte ergänzend werden dann Haltungen vorzustellen sein, die für das Seminar wichtig waren (3). Nicht zuletzt gilt es in einer Art ersten „Evaluation“ aufzugreifen, welche u. U. neuen „Grenzen“ sich im Seminar zur Bearbeitung aufgetan haben und welche Perspektiven sich aus der Lehrveranstaltung an der Katholisch-Theologischen Fakultät für den kommenden Dialog mit Studierenden der Informatik ergeben (4).

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1 „Praktische“ Medientheorien? – Die Arbeit an der „Grenze“ zur erfahrenen Lebenswirklichkeit der Menschen

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Das Anliegen, an der „Grenze“ zwischen Medientheorie und aktueller Erfahrungswirklichkeit der Menschen zu arbeiten, prägte bereits die Vorbereitung des Seminars. Dabei gerieten im Vorfeld der Lehrveranstaltung zwei Aspekte in den Blick: zum einen die Verknüpfung der Medientheorien mit aktuellen Erfahrungsaspekten über die Themenausschreibungen der Referate (1.1) und zum anderen die Gestaltung der einzelnen Sitzungen, die sich von den – sonst oft üblichen – nur durch Referat gestalteten Lehrveranstaltungseinheiten abhoben (1.2).

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1.1 „Erden“ der Theorien – Die Themenverknüpfungen

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Medientheorien erweisen sich auf einen ersten Blick als eher theoretisch-abstrakte Konstrukte, die zwar von der medialen Wirklichkeit – zum jeweiligen Zeitpunkt ihres Entstehens – ausgehen, aber tendenziell stark reflexiv angelegt sind. Von daher stellte sich in der Vorbereitung des Seminars die Aufgabe, die einzelnen Ansätze neu – in der heutigen Wirklichkeit – zu „erden“, d. h. mit aktuell erfahrbaren Entwicklungen zu verknüpfen. Die damit verbundene Fokussierung der Betrachtungsweise der einzelnen Medientheorien sollte auch dazu beitragen, sich in den einzelnen Seminarsitzungen nicht in der Breite der Ansätze zu verlieren, sondern „zielgerichtet“ zu arbeiten. Die Berücksichtigung des jeweiligen Zeitkontextes leitete sich aus der Beschäftigung mit dem Thema „Medien“ und ihrer (post-)modernen „Schnelllebigkeit“ ab, die auch für den teilweise kurzen Abstand weniger Jahre eine Berücksichtigung des zeitlichen Prozesses notwendig erscheinen ließ.

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Für die fünf im Seminar behandelten Medientheoretiker ergaben sich folgende thematische „Paarbildungen“ und damit Vorgaben für die Studierenden, die diese Themen in den einzelnen Sitzungen vorstellten:

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Marshall McLuhan und der Hypertext: Hier sollte es v. a. darum gehen, dass die von Marshall McLuhan bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts angesprochene „Mosaikstruktur“ des elektronischen Zeitalters (2) ihren aktuell präsenten und nachdrücklichen Ausdruck in der hypertextualen Struktur des Internets findet. Damit verbunden sind die deutlichen Konsequenzen für RezipientInnen des World Wide Web, die nun selbst – da die Struktur nicht mehr linear vorliegt, sondern assoziatives Mitwirken erfordert – an der Textgestaltung beteiligt sind.

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Paul Virilio, die Beschleunigung und der (Medien-)Krieg: Die von Paul Virilio im Rahmen seiner Dromologie aufgezeigte Beschleunigung in der menschlichen (Medien-)Entwicklung (über die mechanischen Transportmittel zu den elektronischen Medien) (3) trifft eine menschliche Grunderfahrung der Gegenwart. Der aus der Beschleunigung resultierende Verlust von Raum und Zeit und die in Zukunft prognostizierte elektronische In-Besitznahme des Körpers durch die Elektronik (4) weisen einerseits auf reale Gefährdungen hin und greifen andererseits kritisch aktuelle Zukunftsutopien auf.
Weiterhin kann die Aktualität des Golfkriegs des Jahres 2003 die von Paul Virilio unterstellte militärische Motivation jeder Medienentwicklung und die seiner Meinung nach wesentliche Rolle der Medien in Krieg und Politik (5) anschaulich interpretieren.

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Jochen Hörisch und die Leitmedien der Zeit: Die von Jochen Hörisch konstatierten Leitmedien verschiedener menschlicher Epochen, die sich in den „Symbolen“ Abendmahl, Geldmünze und CD-ROM zeigen, (6) lässt aktuell danach fragen, ob es tatsächlich allgemein prägende („ontosemiologische“) gesellschaftliche Paradigmen der Gegenwart gibt und welche dies konkret sind. Der mit seiner Kategorisierung verbundene „weite“ Medienbegriff macht zugleich deutlich, welche prägende Gestalt den Medien in der (post-)modernen Gesellschaft zukommt.

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Vilém Flusser und die Kommunikologie als Phänomenologie der Kommunikation: Die bei Vilém Flusser anzutreffende Unterscheidung von diskursiven und dialogischen Medien (7) kann auf die Gefährdungen einer aktuell anzutreffenden quantitativen Zunahme von Kommunikation und einer damit zusammenhängenden „Kommunikationseuphorie“ hinweisen. Dabei zeigt die konstruktive, dialogische „Vernetzung“ von Kommunikation einen Ansatzpunkt für eine sinnvolle Perspektive innerhalb der aktuellen Situation auf. Nicht zuletzt zeigt die Rede Vilém Flussers von der ambivalenten Wirksamkeit von Bildern (8) die Chancen und Gefahren einer stark bilderorientierten Gesellschaft auf.

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Neil Postmans Analyse der Erlebnis- und Eventgesellschaft: Die Feststellung Neil Postmans, dass in der (post-)modernen Mediengesellschaft tendenziell alles zur Unterhaltung wird, (9) trifft ein grundlegendes Zeitgefühl. Ob „Unterhaltung“ dabei alles nivelliert – wie es Neil Postman eher intendiert – oder ob sie – so etwa Jochen Hörisch – selbst (wenn auch auf niedrigerem Niveau) eine Art „Befriedung“ der Gesellschaft leistet, (10) ist in diesem Zusammenhang zu fragen. Gleichzeitig zeigt sich in den Texten Neil Postmans deutlich das Dilemma, dass selbst die Medienkritik heute der medialen Wirksamkeit bedarf – und sich dazu teilweise auch selbst geschickt inszeniert.

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Diese einzelnen Themen, die jeweils einer Seminarsitzung zugeordnet waren, wurden durch je eine Eröffnungs- und Abschlusseinheit des Seminars zusammengehalten. Hier ging es am Beginn darum, mit einem ausführlichen Ausschnitt aus dem Film „Wag the dog“ (USA 1997) auf die aktuelle Problematik der medial produzierten Wirklichkeit hinzuweisen und mit einer ersten Diskussion ins Thema einzuführen. Am Schluss sollte versucht werden, die einzelnen Medientheoretiker miteinander zu verknüpfen, im Überblick theologische Fragen anzusprechen und zu einer gemeinsamen „Ergebnissicherung“ des Seminars zu kommen.

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1.2 Frei-Raum für das Thematisieren von Erfahrungen – Die Arbeitsweise im Seminar

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Neben der eben angesprochenen „Themenverknüpfung“ sollte auch der Aufbau der Seminarsitzung die Kommunikation der Beteiligten und das Einbeziehen von Erfahrungen fördern. Deshalb setzten sich die einzelnen vierzehntägigen Seminarsitzungen zu je einem Medientheoretiker – im Zeitausmaß von insgesamt 180 Minuten – aus mehreren Elementen zusammen:

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Ein Erfahrungsaustausch (ca. 30 min.) am Beginn der jeweiligen Seminarsitzung bot Raum, um konkrete Medienerfahrungen, welche die TeilnehmerInnen seit der letzten Sitzung gemacht hatten, anzusprechen und auszutauschen. Diese Erfahrungen konnten allgemeine Themen betreffen, aber auch besondere Fragestellungen, für die in der vorangegangenen Sitzung sensibilisiert wurde.

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Das Arbeiten an einem gemeinsam vorbereiteten Text (ca. 60 min.) sollte der gemeinsamen vertieften Auseinandersetzung der SeminarteilnehmerInnen und der Lehrenden mit den einzelnen Medientheorien dienen. Die Diskussion über Texte bzw. Textausschnitte erfolgte vor den Detailinformationen des Referats, um zunächst die eigene Arbeit und Auseinandersetzung mit Texten als kommunikativen Vorgang (in Richtung Medientheoretiker und untereinander im Seminar) zu fördern und so gemeinsam an der „Theorie-Praxis-Grenze“ zu arbeiten.

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Das Referat und die Diskussion darüber (ca. 90 min) boten den jeweiligen ReferentInnen dann anschließend Zeit zum Vortrag ihres Referats und ließen Raum, das dargestellte Thema gemeinsam zu vertiefen. Dabei waren die einzelnen ReferentInnen nochmals angehalten, die Gruppe in ihr Referat kreativ einzubeziehen (z. B. durch kurze Diskussion einer Fragestellung, Brainstorming zu einem Aspekt, Bewertung von Themenaspekten in Kleingruppen). Die hier anschließende Diskussion konnte ggf. bereits bei der Textbearbeitung angesprochene Fragen vertiefen und weiterführen.

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Mit diesem Szenario, das für alle fünf Seminarsitzungen, in denen es um einzelne Medientheoretiker ging, beibehalten wurde, war gewährleistet, dass einerseits genügend Raum für den theoretischen „Input“ zur Verfügung stand und somit die zur soliden Auseinandersetzung notwendige Information vermittelt werden konnte. Andererseits förderte diese Gestaltung die persönliche Beschäftigung mit wesentlichen Texten, das persönliche Aneignen der Theorie und das Verknüpfen mit der eigenen Erfahrungswelt.

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Der vierzehntägige Abstand der einzelnen Seminartermine und das damit verbundene „Zusammenlegen“ zu größeren zeitlichen Einheiten boten den nötigen Rahmen, um ausführlich und möglichst ohne Zeitdruck die einzelnen Themen bearbeiten und diskutieren zu können.

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2 „Theologische“ Medientheorien? – Die Arbeit an der „Grenze“ zu theologischen Fragestellungen

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Schon im Vorfeld des Seminars, aber auch beim gemeinsamen Arbeiten in den Lehrveranstaltungssitzungen zeigte sich, dass sich auf verschiedenen Ebenen der Medientheorien Anschlussmöglichkeiten für theologische Fragestellungen ergeben bzw. sich eine theologische Weiterführung geradezu aufdrängt.

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Dies lässt sich zum einen in den einzelne Biographien der Medientheoretiker zeigen, von denen die von Marshall McLuhan und das davon abhängige Glaubensverständnis besonders aufschlussreich sind (2.1). Zum anderen gilt es zumindest punktuell anzudeuten, wo sich in den Medientheorien Weiterführungen für theologisches Arbeiten anbieten (2.2).

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2.1 „Grenzenlose“ Biographie – Das Leben der Medientheoretiker als Ausgangspunkt einer „lebendigen Theologie“

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Eine erste Arbeit an der „Grenze“ zwischen Medientheorien und theologischen Fragstellungen geschieht zunächst über die „religiösen“ Herkünfte und die Biographien der Medientheoretiker. So ist Marshall McLuhan konvertierter Katholik, (11) Paul Virilio praktizierender Katholik (12) und Jochen Hörisch protestantischer Pfarrerssohn. Vilém Flusser kann man von Herkunft und Haltung her als „christlichen Juden“ (13) bezeichnen und Neil Postman ist Jude (14) .

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Die Beziehung zwischen Anschauung der Medien und religiöser Weltanschauung lässt sich dabei sehr eindringlich und tiefgehend bei Marshall McLuhan nachweisen und in ihren Auswirkungen aufzeigen. Dieser ist – nach der Begegnung mit Texten von Gilbert Keith Chesterson, dann auch mit Thomas von Aquin durch Schriften von Etienne Gilson (15) – im Alter von 25 Jahren zum katholischen Glauben konvertiert. (16) Der Glauben zeigt sich bei Marshall McLuhan als „ein unteilbares Ganzes, das sein Denken und seine Existenz formte und inspirierte“, er ist letztlich seine „stille Sicherheit über den tieferen Sinn des Lebens“. (17) Dieser Glauben führt bei Marshall McLuhan zu einer Achtsamkeit für das Leben, die wohl auch den innersten Antrieb zur Entwicklung seiner Medientheorie bildet. Glauben bedeutet für ihn – im weitesten Sinne! – „aufmerksam zu sein. Glauben heißt, nicht nur für die religiösen Muster aufmerksam zu sein, sondern auch und vor allem für die Archetypen, die die Menschen als Gesamtheit bestimmen.“ (18)

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Diesen Glauben wiederum findet man nach Marshall McLuhan, der selbst vor seiner Konversion zwei Jahre auf Knien betete, (19) „durch Beten und dadurch, daß man ganz aufmerksam wird“ (20) . Nach ihm, der Glauben ähnlich wie Blaise Pascal als „Herzensangelegenheit“ versteht, (21) sind „das persönliche Gebet und die Liturgie heute die einzigen Mittel […] (man müßte eigentlich sagen ein einziges, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden), sich auf eine richtige Frequenz einzustellen, auf der das Wort Gottes zu empfangen und der Mensch in seiner Gesamtheit wahrnehmbar ist“ (22) . Damit steht die ganze Menschen-, Welt- und Medienwahrnehmung bei Marshall McLuhan unter einer vom Glauben her motivierten Haltung. Er zeigt damit in seinem grundlegenden Ansatz eine ähnliche Fragstellung, wie sie sich in den der Lehrveranstaltung zu den Medientheorien zugrunde liegenden Anliegen ausdrücken: Die Theorie selbst in Verbindung mit alltäglichen Erfahrungen der Menschen zu bringen und ihre theologische Relevanz auszuweisen. Derrick de Kerckhove, Marshall McLuhans Schüler und Leiter des McLuhan-Programms in Toronto, hält dazu fest: „Es gibt keinen Beweis dafür, daß Marshall der theologischen Tradition und dem Dogma der Kirche nicht großen Respekt zollte. Ich denke aber, daß er bei Glaubensfragen immer bemüht war, sie auf die konkrete Wahrnehmung im alltäglichen Leben der Gläubigen zurückzuführen.“ (23)

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Dies kann nie eindimensional und oberflächlich geschehen, sondern bedarf eines echten Sich-Einlassens und der Leidenschaft: „McLuhans Glaube ähnelt dem Pascals insofern, als beide zu anspruchsvoll waren, um sich mit ungefähren Wahrheiten zufriedenzugeben oder die Widersprüche einfach zu übergehen, um zu einer in sich kohärenten Vision zu kommen. Beide waren von Leidenschaft und Liebe zur Präzision erfüllt.“ (24)

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Aber nicht nur bei Marshall McLuhan lässt sich die biographische Beziehung zur Weltanschauung – eine lebensgeschichtliche Arbeit „an der Grenze“ –nachweisen. Bei Paul Virilio, dem praktizierenden Katholiken, beispielsweise ist es von diesem Zusammenhang her verständlich, dass er angesichts seines Befundes, dass jede Medienentwicklung aus der militärischen Forschung hervorgeht, mit Papst Johannes Paul II. angesichts der Militarisierung der Wissenschaft von einer „Kultur des Todes“ (25) spricht und damit wohl auch seine eigene Betroffenheit zum Ausdruck bringt.

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2.2 „Grenz“-Gang „gen Himmel“ – Die „Anschlussfähigkeit“ und Offenheit der Medientheorien für theologische Fragestellungen

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Die eben genannten biographischen Prägungen hinterlassen ihre Spuren in den jeweiligen Werken. Zugleich lässt sich festhalten, dass es bei einzelnen Medientheoretikern – nicht unbedingt abhängig vom konkreten Naheverhältnis zur jeweiligen religiösen Tradition – auch über die jeweilige Beschäftigung mit Medien zu einer – mehr oder weniger direkten, aber grundsätzlich vorhandenen – „Verhältnisbestimmung“ zu religiösen Themen kommt. Dies geschieht auf verschiedene Weisen.

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Zum einen enthalten verschiedene Medientheorien konkrete biblische, theologische oder kirchliche Bezüge. Am zentralsten zeigt sich dies bei Jochen Hörisch, der das „Abendmahl“ als eines seiner – temporär gültigen – Leitmedien annimmt. (26) Marshall McLuhan beruft sich auf Psalm 113, um seine Meinung zu belegen, dass die wichtigste „Botschaft“ der Medien die Veränderungen sind, die diese beim Menschen verursachen. Hier zeigt sich – so Marshall McLuhan mit Bezug auf den Psalmisten –, „daß wir zu dem werden, was wir sehen“ (27) . Neil Postman bezieht sich auf das Bilderverbot des zweiten Gebots, um deutlich zu machen, wie eine neue Gottesvorstellung neuer „medialer Formen“ bedarf – also auch hier die durch die Medien verursachten Veränderungen eine wichtige Rolle spielen. (28) Paul Virilio benutzt zu seiner Kritik der modernen Medienwelt u. a. auch klassisches christliches Gedankengut. Wo er angesichts der Gefahren der zunehmend vorherrschenden Lichtgeschwindigkeit eine Geschwindigkeitsbegrenzung einfordert, weil sonst eine „ultimative Sesshaftigkeit“, ein „Ende der Außenwelt“ droht, verweist er auf Mt 16,26: „‚Was nützte es dem Menschen, die Welt zu gewinnen, wenn er dabei sein Seele verliert?‘ Erinnern wir uns daran, dass gewinnen auch bedeutet anzukommen, ein Ziel zu erreichen, zu erobern oder zu besitzen; und seine Seele – die anima – zu verlieren heißt, das Sein der Bewegung zu verlieren.“ (29)

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Zum anderen gibt es innerhalb der Medientheorien verschiedene angenommene Szenarios der zukünftigen Medienentwicklung, die sich religiöser Terminologie und Vorstellungen bedienen. Hier ist auf der einen Seite eine Art elektronische „Pfingst“-Vision bei Marshall McLuhan (30) , auf der anderen Seite die Befürchtung einer apokalyptischen Entwicklung bzw. der Hinweis auf eine solche potentielle Möglichkeit bei Paul Virilio zu nennen (31) .

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Über die beiden eben aufgezeigten Arten der Bezugnahme hinausgehend, ergeben sich theologische Fragestellungen, die von den Medientheorien ausgehen. Hier geht es dann – im Aufgreifen der von der Medientheorie explizit oder implizit genannten tendenziellen Hoffnung oder Aporie – etwa um die Frage nach der grundsätzlichen „Gutheit“ einer von Gott geschaffenen Schöpfung/Welt (vgl. Gen 1) oder um die Frage nach angemessener menschlicher Kommunikation, – auch oder v. a. in den Medien –, die unter theologischer Perspektive ihren Ausgangspunkt in Christus als dem „Meister der Kommunikation“ (32) und der „kommunikativen“ göttlichen Trinität findet (33) . Hier geht es aber beispielsweise auch um die Frage nach Chancen und Grenzen der Wirksamkeit menschlichen Engagements in der „Medienwelt“ und eines (theologisch einzufordernden) „eschatologischen Vorbehalts“, der weder die mediale Entwicklung sich selbst überlässt, noch alles vom Handeln der Menschen erwartet.

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3 Von Themen und Seminarform zu den Beteiligten – Wesentliche Haltungen als Grundlage des Arbeitens

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Aus dem bisher Gesagten ergeben sich – zusammenfassend (3.1) und weiterführend (3.2) – wesentliche Haltungen, die das Arbeiten in den Seminarsitzungen prägen sollten.

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3.1 Lernen an den Grenzen – Der Blick auf das Ganze von (theologischer) Theorie und (Lebens-)Praxis

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Damit die Arbeit und das Lernen an den beschriebenen Grenzen möglich werden, bedarf es einer Achtsamkeit für diese Grenzen, die sich – das oben Beschriebene zusammengefasst – in folgenden Haltungen ausdrückt.

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Die Achtsamkeit auf die Verbindung von (Medien-)Theorie und Erfahrung sollte sich über den in der Seminarstruktur institutionalisierten Austausch von Erfahrungen mit Medien ergeben, die in Bezug zu Themen des Seminars gesetzt wurden. Hier waren Studierende wie Lehrende immer wieder neu gefordert, das im Seminar Gehörte und Diskutierte in Beziehung zu eigenen Erfahrungen zu setzen und – nicht zu vergessen! – anzufragen. Dabei konnte es im Bezug auf die Medientheorien und ihre Teilaspekte zu Bestätigungen, Widersprüchen, Differenzierungen kommen – also insgesamt zu einem tieferen Verständnis der Theorie, aber auch einer neuen Reflexion der eigenen Erfahrung. Grundsätzlich sollte so die eigene Sicht(-weise) und das – konstruktiv-kritische – Einschätzen der Medien bei den SeminarteilnehmerInnen – inklusive Lehrender! – erweitert werden. Diesem Ziel dienten auch die einzelnen Referatsthemen, die nicht allgemein, sondern mit Fokus auf wesentliche Charakteristika der (post-)modernen „Medienwelt“ ausgeschrieben werden – und so „erfahrungsorientiert“ zu bearbeiten sind.

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Die Achtsamkeit auf „Verbindungslinien“ zwischen Gesellschaftsanalyse und theologischer Auseinandersetzung mit der „Welt von heute“ (34) geschaht in den Seminarsitzungen durch das Thematisieren der „religiösen“ Biographie der Medientheoretiker und ihrer „Spuren“ im jeweiligen Werk. Daraus ergab sich die Aufmerksamkeit für gerade die Stellen in den behandelten Texten, die sich ausdrücklich auf biblische oder theologische Themen beziehen, aber auch auf jene aufgezeigten medialen Situationen und Entwicklungsszenarien, die nicht explizite Bezüge herstellen, jedoch theologische Weiterführungen und „Antworten“ nahe legen. Auch die Abschlusssitzung diente dazu, wesentliche theologische Fragestellungen, die sich im Verlauf des Seminars ergaben, zusammenzufassen und in ihrer Bedeutung zu diskutieren.

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3.2 Sich selbst und die anderen nicht heraushalten – Die Suche nach den Standpunkten

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Die Arbeit und das Lernen an den beschriebenen Grenzen beinhaltete auch – dies wurde bisher noch nicht thematisiert – die Frage nach den je eigenen Standpunkten der Beteiligten. Dies erforderte einerseits das grundsätzliche Ernstnehmen der unterschiedlichen Sichtweisen, aber auch die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung, die in vielen Fällen auch die eigene Perspektive verändert.

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Dabei geschah das Ernstnehmen der Beteiligten auf der Ebene der Lehrveranstaltung selbst durch das im Seminar versuchte gleichberechtigte Sprechen von Medienerfahrungen, über die gemeinsame Arbeit an Texten und über den Versuch, reine „Referatssituationen“ aufzubrechen und so die Breite der Standpunkte in den Blick zu nehmen. Im Blick auf die Gesellschaft konnte die Breite der behandelten Medienansätze verhindern, dass zu schnell eine verengte Sicht der medialen Wirklichkeit entstand. Zugleich diente das Motivieren der Seminargruppe, ernsthaft und ausgewogen zu argumentieren, dazu, reine „Schwarz-Weiß-Malerei“ – und damit vorschnelle „Lösungen“ – zu vermeiden. Das Ernstnehmen der gesellschaftlichen medialen Wirklichkeit geschah auch dadurch, dass die theologische Argumentation versuchte, von den konkreten Szenarien und Fragen auszugehen – also nicht „abgehoben“ oder „grundsätzlich“, sondern situationsbezogen zu argumentieren.

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Um sich selbst als TeilnehmerIn des Dialogs in Seminar und Gesellschaft ernst zu nehmen, bedurfte es fundamental auch der Vergewisserung des eigenen Standpunkts – persönlich wie auch „welt-anschaulich“. Dieser ist dabei nicht absolut und unangreifbar vorhanden – sonst wäre er fundamentalistisch. Er braucht vielmehr immer wieder eine neue Reflexion und Begründung. Nur so war er wesentliche Voraussetzung der Kommunikation im Seminar, die sich selbst und die anderen ernst nimmt. Daraus ergab sich ein Verständnis des Arbeitens im Seminar als Prozess, der zwar von einzelnen Standpunkten (der Medientheoretiker, der SeminarteilnehmerInnen, der Lehrenden) ausgeht – dieser sogar bedarf: Zugleich erschöpfte sich so die Auseinandersetzung nicht im Summieren oder Differenzieren dieser Standpunkte, sondern schaffte in der Kommunikation Neues. Konsequent war in diesem Zusammenhang der Versuch eines „offenen“ Seminarabschlusses, der zwar Wesentliches zusammenfasst, aber über die Thesenform – die Ergebnisse damit gleich wieder zur Diskussion stellend – bzw. über die vielen zugleich offen bleibenden Fragen den angestoßenen Prozess bei den Teilnehmenden (hoffentlich!) weiterführt und persönliche Standpunkte – u. U. auch immer wieder neu – finden lässt.

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4 Die Kommunikation im Seminar als Versuch eines gesellschaftlich offenen und erfahrungsorientierten theologischen Arbeitens?– Erfahrungen und neue „Grenzen“

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Inwieweit das Arbeiten im Seminar „Krieg, Unterhaltung, Internet. Medientheorien und aktuelle Fragen“ seinem Anspruch gerecht wurdr, gesellschaftlich offenes und erfahrungsorientiertes theologisches Arbeiten zu ermöglichen, soll nun im letzten Schritt reflektiert werden. Dabei soll ein erster Blick den Studierenden mit ihren Erwartungen und Erfahrungen gelten (4.1). Ein zweiter Blick gilt den Erfahrungen, welche die Lehrenden gemacht haben (4.2). Abschließend wird ein Ausblick das weitere Arbeiten – insbesondere die folgende Lehrveranstaltung „Informatik in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft“ im Studiengang „Informatik“ in den Blick nehmen (4.3).

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4.1 Sensibilisiert und neue Sichtweisen eröffnet … – Erwartungen und Erfahrungen der Studierenden zur Lehrveranstaltung(35)

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Das Seminar setzte sich aus ganz unterschiedlichen TeilnehmerInnen zusammen. Der Stand im Studienverlauf reichte von einer Studentin im ersten Semester bis zum Doktoranden. Der größere Teil der Studierenden stand am Ende ihres Diplom- oder am Anfang bzw. in der Mitte ihres Doktoratsstudiums. Teilweise studierten die TeilnehmerInnen neben Theologie noch ein zweites Fach. Es nahmen sowohl Laien als auch Priester(-Amtskandidaten), Frauen wie Männer teil. Neben Studierenden aus Österreich kam ein größerer Teil der Teilnehmer aus Ländern des ehemaligen Ostblocks und aus Afrika.

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Bei den Studierenden fällt auf, dass die Motivation zur Teilnahme am Seminar größtenteils aus einem grundsätzlichen und allgemeinen Interesse an Medien und aus dem Wunsch zur (kritischen) Auseinandersetzung mit der Medienwelt resultierte. Bei den Themen, die interessieren, wurden etwa Vor- und Nachteile bzw. Auswirkungen der Medien, Einfluss der Medien, Struktur und Dynamik der Medien, Medientheoretiker und deren „wissenschaftliche“ Stellungnahme zu Medien genannt. In einem Einzelfall stand der Seminarbesuch in Zusammenhang mit dem Thema der Diplomarbeit. Eine Erwartung an die Lehrveranstaltung bezog sich stark auf praktisches Tun wie Zeitungen analysieren, im Internet recherchieren oder Fernsehsendungen diskutieren.

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Die Rückmeldungen der Studierenden zum Verlauf der Lehrveranstaltung betreffen verschiedene Ebenen:

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In Bezug auf den Inhalt haben alle Studierenden die Auseinandersetzung mit den Ansätzen der fünf Medientheoretiker als sehr interessant bewertet. Zwar sind die Schwerpunkte der einzelnen Studierenden unterschiedlich verteilt, d. h. nicht alle Medientheoretiker werden von allen als gleich interessant eingestuft, doch wird insgesamt die Beschäftigung mit allen als sehr hilfreich erlebt. (Jeder behandelte medientheoretische Ansatz wird zumindest einmal als besonders brauchbar bewertet.)
Als für sie wichtige Themen nennen die Studierenden: „Leitmedien“ (Hostie, Münze, CD); Symbole/Codes/Bilder; die große Macht, Funktionalität und Autonomie der Medien; die prophetischen bzw. eschatologischen Visionen der Medientheoretiker; die praktisch-theologischen Überlegungen sowie die komplexe Frage der Medienpräsenz und Mediennutzung der bzw. durch die Kirche.

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Bei den konkreten Lernerfahrungen im Seminar nennen die Studierenden verschiedene Aspekte – z. B. das Kennenlernen verschiedener, z. T. sehr weiter Medienbegriffe, der Hinweis auf sowohl positive als auch negative Aspekte der Medien, die Einsicht, dass die Positionen der Medientheoretiker oft eng mit deren (auch religiöser) Biographie und Lebenserfahrung verbunden sind, die Erkenntnis, dass Medien nicht nur Kommunikationsmittel sind, sondern das gesamte Leben prägen, das Erkennen von religiösen Motiven in den Medien sowie die Sensibilisierung für medienethische Fragen.

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Unter methodischen Perspektive bewerten die Studierenden die Strukturierung der Seminareinheiten positiv: Die Einstiegsrunde zu den je eigenen Medienerfahrungen, die Lektüre und Diskussion von gemeinsamen Texten ermöglichen das Kennenlernen der Medientheorien „aus erster Hand“. Als wichtig werden ebenfalls genannt die genauere Vorbereitung und Vorstellung von Themen durch Studierende sowie die so ermöglichte Beteiligung der ganzen Gruppe und jedes einzelnen. Die Studierenden empfinden die Möglichkeit zur Diskussion über die Theorien als hilfreich, allerdings wünschen sich einige noch mehr Zeit dafür – z. B. zur noch tieferen Verknüpfung der eigenen Medienerfahrungen mit den Ansichten der Medientheoretiker.
Die Abschlusseinheit mit der systematischen Zusammenschau der einzelnen Medientheorien sowie einer übergreifenden theologischen Reflexion hat dem ganzen Seminar nach Meinung der Studierenden Sinn und Abrundung gegeben.

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Bei den Rahmenbedingungen nennen die Studierenden z. T. den Zeitraum der Seminarsitzungen, beginnend mit dem späteren Nachmittag, als weniger geeignet. Bedauert wird auch, dass der geplante Besuch von Erich Garhammer und die Diskussion mit ihm nicht möglich waren.

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Insgesamt hat das Seminar den Studierenden – nach deren Rückmeldungen – neue bzw. andere Sichtweisen der Medien eröffnet. Es hat sie für den (eigenen) Umgang mit Medien sensibilisiert, Sach- und Hintergrundwissen vermittelt sowie zu eigener Weiterarbeit und Auseinandersetzung angeregt. Dabei wird v. a. auch die Reflexion am Schluss des Seminars als hilfreich für die Zusammenschau und Vernetzung der einzelnen Medientheorien bewertet.

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4.2 Ein integrales Verständnis der theologischen Fächer zur Arbeit an den „Grenzen“ – Erfahrung der Lehrenden aus dem Seminar(36)

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Das Seminar, das als kooperative Lehrveranstaltung mit den Fächern Christliche Gesellschaftslehre, Dogmatik und Pastoraltheologie stattfand, berührt in der Reflexion der drei Lehrenden v. a. zwei Bereiche: zum einen das Verständnis der einzelnen Fächer und ihr Verhältnis zueinander, zum anderen grundsätzliche Haltungen, die sich während des Verlaufs des Seminars als wichtig herausstellten.

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Im Bezug auf die vertretenen Fächer bestätigt der Seminarverlauf, dass es hier keine grundsätzliche Trennung geben kann, sondern ein „integrales“ Verständnis der verschiedenen theologischen Fächer notwendig ist: Systematische Theologie – sowohl Sozialethik als auch Dogmatik – bedarf der Praktischen Theologie – hier in Gestalt der Pastoraltheologie –, um ihre Reflexionen nicht losgelöst von der Situation und den Fragen der Menschen zu betreiben und ihre „Antworten“ in diese Situation „hineinsprechen“ zu können. Umgekehrt braucht die Praktische Theologie die Systematische Theologie, um die Fragen, die sich ihr auftun, fundiert zu überdenken und vor dem Hintergrund der Schrift und Tradition der Kirche zu reflektieren. Damit ergibt sich ein dialogischer Austauschprozess zwischen Praktischer und Systematischer Theologie, der für beide Disziplinen unaufgebbar und für ihr eigenes Selbstverständnis wesentlich ist.

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Von den Ansätzen der verschiedenen theologische Fächer her gibt es dennoch unterschiedliche Schwerpunkte: Systematische Theologie (Sozialethik und Dogmatik) richten ihren Blick mehr (aber nicht ausschließlich) auf die sich aus den Medien ergebenden ethischen Fragestellungen und auf die theologischen Implikationen, die sich von den Medientheorien her nahe legen. Praktische Theologie (als Pastoraltheologie) sieht stärker (aber auch nicht ausschließlich) auf die Wahrnehmung der Medienerfahrungen der Menschen und auf das aus der theologischen Reflexion abgeleitete notwendige Engagement von Kirche und Theologie in einer „Mediengesellschaft“.

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 Im Verlauf des Seminars erweisen sich für die Lehrenden folgende Haltungen als wesentlich:

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Motivieren, die Auseinandersetzung zu wagen: Im Seminar galt es der immer wieder spürbaren Tendenz, für den/die Einzelne(n) nicht relativ schnell zugängliche Inhalte „beiseite zu legen“, entgegenzuwirken. Hier war wichtig, den Wert der Auseinandersetzung zu verdeutlichen, die natürlich nicht zur kritiklosen Übernahme einer Medientheorie, wohl aber zur vertiefen Reflexion des eigenen Standpunkts führen kann. Für diese persönliche Arbeit an der je eigenen „Grenze“, die zu einer neuen Lernerfahrung werden kann, musste motiviert werden.

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Prozesse initiieren: In der Offenheit des gemeinsamen Suchens nach „Antworten“ in der Lehrveranstaltung, das immer fragmentarisch bleiben wird, lag die Chance, Studierende und auch Lehrende (!) zu eigenen Reflexionsprozessen (verstärkt) zu motivieren und über das Seminar hinaus, „Lust“ an der weiteren Beschäftigung mit dieser – oder auch anderen – wichtigen Fragestellungen zu wecken. Damit verbunden war die Sensibilisierung für die Aufgabe, sich lebenslang immer wieder mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen sowie an diesen Grenzen zu lernen und zu reifen.

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Balance halten zwischen Komplexität-Vermitteln und Hilfen-zum-Verständnis-Geben: Die im Seminar immer wieder auftauchende Frage nach Antworten und „Gültigem“ konnte dazu verleiten, die in den Blick genommene Wirklichkeit einseitig reduzieren zu wollen. (Wie Neil Postman mit dem „Gebot“: „Du sollst nicht irritieren“ (37) , deutlich macht, ist dies nicht zuletzt auch eine allgemeine Tendenz in einer komplexen Mediengesellschaft.) Einerseits ist der Anspruch berechtigt, nicht alles offen zu lassen – sich also in der Lehrveranstaltung auf Standpunkte gegenüber der beschriebenen Wirklichkeit zu „einigen“ –, andererseits sollten auch bewusst Fragen und Widersprüche stehen bleiben, die so auf die Komplexität der Wirklichkeit, aber auch auf die Offenheit des eigenen Suchprozesses hinweisen. Hier bedurfte es also einer Balance zwischen einerseits – vorläufigen oder grundsätzlichen – „Grenzziehungen“ und andererseits den offenen „Grenzen“, an denen weiterhin zu arbeiten und zu lernen ist.

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Die Frage nach Kompetenz und Autorität: Im Seminar zeigte sich deutlich, dass in der Diskussion und der Auseinandersetzung untereinander, Wissens- oder Verständnisvorsprünge nicht „autoritär“ „ausgespielt“ werden konnten, sondern ein wirklicher „Erkenntnisgewinn“ auf beiden Seiten nur im – u. U. zeitintensiven – Dialog möglich war. Das heißt, die Frage nach „richtig“ oder „falsch“ ist aus einer „Position“ des Wissens relativ leicht zu beantworten, braucht aber, um andere zu überzeugen, ein Vermittlungsgeschehen, dass nicht formal („Ich weiß es besser!“), sondern auf verstehende Auseinandersetzung angelegt ist. Hier bedurfte es der lernbereiten und lernenden Arbeit an den „Grenzen“ der beiden Standpunkte, Einschätzungen, Verständnishorizonte bzw. Erfahrungsbereiche. In einem solchen Kontext hat dann auch Autorität ihren positiven Wert.

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4.3 An der Grenze zu sich selbst und zum anderen finden … – Das weitere Arbeiten

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Die Rückmeldungen der Studierenden auf das Seminar „Krieg, Unterhaltung, Internet. Medientheorien und aktuelle Fragen“ lassen darauf schließen, dass der angestrebte Dialog zwischen Theologie und medialen Wirklichkeitserfahrungen – zumindest mit der hier beteiligten Zielgruppe – in weiten Teilen geglückt ist. Dafür spricht u. a. die oben thematisierte (4.1) erfahrene Relevanz der behandelten Medientheorien wie auch die in der Reflexion genannten religiösen Motive und Visionen innerhalb einzelner Theorien sowie die angesprochene Frage nach dem kirchlichen Medienengagement. Damit bestätigt sich im Blick auf die im nachfolgenden Semester stattfindende Lehrveranstaltung im Studiengang Informatik der Ansatz, über Medientheorien zwischen Theologie und Studierenden einer anderen Fachrichtung ins Gespräch zu kommen und das gemeinsame Arbeiten an diesen „Grenzen“ zu wagen (3.1). Ob dabei die Arbeit an den „Grenzen“, die in der kommenden Situation sicherlich etwas anders verlaufen und wohl deutlicher ausgeprägt sein werden, ebenfalls – und inwieweit – gelingt, wird sich wohl erst nach mehreren „Durchläufen“ dieser Lehrveranstaltung sicherer sagen lassen.

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Bei der Reflexion der Lehrenden zeigt sich, dass das oben aufgezeigte Ernstnehmen der Beteiligten und die Hilfe zur eigenen Standpunktfindung (3.2) eine herausfordernde Aufgabe ist, die sowohl das Fördern der Auseinandersetzung als auch den Frei-Raum zum eigenen Fragen, Suchen und Reflektieren braucht (4.2). Dabei scheint ein Ineinander von (An-)Leitung und (Tun-)Lassen sowie von Festlegungen und grundsätzlicher Offenheit unaufgebbar und für die Arbeit an der Grenze zwischen Erfahrung und aus der Erfahrung abstrahierten Theorie notwendig. Zugleich zeigt sich hier, dass die theologischen Fächer kein isoliertes Eigenleben führen, sondern gerade im Dialog untereinander einerseits zu einem tieferen Selbstverständnis ihrer selbst kommen, andererseits gerade so der gemeinsamen Aufgabe einer für die „Welt von heute“ relevanten Theologie dienen können. Diese Verschränkung der theologischen Fächer gilt es in der kommenden Lehrveranstaltung Informatik zu nutzen. Dabei bleibt zu hoffen, dass sich durch die Anstöße, die sich aus der dort so angeleiteten und zugleich zugelassenen lernenden Arbeit an den „Grenzen“ zwischen Medientheorie und Erfahrung sowie zwischen Medientheorie und Theologie ergeben, ein neuer fruchtbarer Dialog entwickelt, der auch die Theologie tiefer zu sich und ihrer Aufgabe für die Menschen „hier und jetzt“ zu führen vermag.

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Damit verbinden sich konkrete Hoffnungen an die Fortführung des begonnenen Dialogs in den Lehrveranstaltungen „Informatik“, in denen – auch durch das Ineinander von Vorlesung und Übung – das Gespräch zwischen den theologischen Disziplinen, aber auch – konkret aus dieser innertheologischen Zusammenarbeit heraus – das Gespräch zwischen Theologie und anderen außertheologischen Fächern sowie mit betroffenen Menschen gepflegt und vertieft werden kann. Nicht zuletzt stellt sich über dieses konkrete Lehrengagement hinaus die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen Systematischer und Praktischer Theologie weiter betrieben werden kann – u. U. in institutionalisierten Formen der Lehre oder der Forschung. Denn durch diese Arbeit an den Fach-„Grenzen“ können alle Beteiligten wachsen und ihre Fähigkeit, an anderen „Grenzen“ zu arbeiten und zu lernen, vertiefen und erweitern … nicht um sich an dieser Grenze selbst zu „verlieren“, sondern um tiefer zu sich selbst und zu den eigenen Anliegen zu finden.

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Anmerkungen:

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1. Vgl. den Beitrag von Nikolaus Wandinger in diesem Band.

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2. Vgl. McLuhan, Marshall , Die magischen Kanäle. Understanding Media, Dresden 21995, 66.

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3. Vgl. Virilio, Paul , Fluchtgeschwindigkeit. Essay, München 1996, 37.

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4. Vgl. Virilio, Paul , Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen, Frankfurt a.M. 1997, 109–110.

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5. Vgl. Virilio, Paul , Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung, Frankfurt a.M. 1998; Virilio, Paul, Krieg und Fernsehen, Frankfurt a.M. 1997.

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6. Vgl. Hörisch, Jochen , Die Poesie der Medien, in: ZPTh 51 (1999) 267–268.

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7. Vgl. Flusser, Vilém , Medienkultur, Frankfurt a.M. 21999, 143–149; vgl. etwa auch: Ders. , Kommunikologie, Frankfurt a. M. 22000, 19.29.

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8. Vgl. Flusser, Vilém , Medienkultur, 137. vgl. auch Ders. , Ins Universum der technischen Bilder. Göttingen, 61999.

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9.  Vgl. Postman, Neil , Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt a. M. 1985, 110.

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10. Vgl. Hörisch, Jochen , Das letzte Abendmahl, in: Die Zeit, Nr. 01, 26.12.1997, unter: www.zeit.de/archiv/1997/01/kultus.txt.19971226.xml (12.2.2004)

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11. Vgl. McLuhan, Marshall , The Medium and the Light. Reflections on Religion, Toronto 1999, 3–30; Kerckhove, Derrick de , Schriftgeburten. Vom Alphabet zum Computer, München 1995, 105–120.

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12. Vgl. Hörisch, Jochen , Ende der Vorstellung. Die Poesie der Medien. Frankfurt a. M. 1999, 168.185.

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13. Hillach, Ansgar , „Jude sein im Grunde bedeutet, Modelle vorzuschlagen.“ Vilém Flussers Weg einer „Überholung“ des Judentums, in: Valentin, Joachim / Wendel, Saskia (Hg.), Jüdische Traditionen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2000, 214-230: 216.

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14. Vgl. Postman, Neil , Five Things We Need to Know About Technological Change, unter: itrs.scu.edu/tshanks/pages/Comm12/12Postman.htm (19.11.2003)

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15. Vgl. Kerckhove, Schriftgeburten, 110.

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16. Vgl. Kerckhove, Schriftgeburten, 108.

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17. Kerckhove, Schriftgeburten, 105.

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18. Kerckhove, Schriftgeburten, 106.

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19. Vgl. Kerckhove, Schriftgeburten, 110.

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20. Kerckhove, Schriftgeburten, 106.

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21. Vgl. Kerckhove, Schriftgeburten, 107–108: „Was Pascal mit ‚esprit de finesse‘ bezeichnete, benannte McLuhan schlicht mit dem englischen Ausdruck ‚perception‘ (Wahrnehmung).“

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22. Zit. n.: Kerckhove, Schriftgeburten, 106; im Original: „Today, personal prayer and liturgy (which are inseparable) are the only means of tuning in to the right wavelength, of listening of Christ, and of involving the whole person“ (McLuhan, The Medium and the Light, 141).

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23. Kerckhove, Schriftgeburten, 107.

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24. Kerckhove, Schriftgeburten, 112.

101
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25. Virilio, Paul , Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München 2000, 9.

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26. Vgl. Hörisch, Die Poesie der Medien, 268.

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27. McLuhan, Die magischen Kanäle, 40; vgl. auch 70"71.

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28. Vgl. Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, 18.

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29. Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, 41.

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30. Vgl. McLuhan, Die magischen Kanäle, 127. Eine nochmals differenziertere Sicht eröffnet sich mit Blick auf: McLuhan, The Medium and the Light, 88.

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31. Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, 53; vgl. auch Kloock, Daniela / Spahr, Angela , Medientheorien. Eine Einführung, München 1997, 154.

108
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32. Päpstliche Kommission für die Instrumente der sozialen Kommunikation , Pastoralinstruktion Communio et Progressio über die Instrumente der sozialen Kommunikation, 11.

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33. Vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel , Ethik in der Sozialen Kommunikation, 3.

110
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34. Zweites Vatikanisches Konzil , Pastoralkonstitution Gaudium et Spes.

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35. Die folgenden Informationen stammen aus der Schlussreflexion des Seminars sowie v. a. aus Fragebögen, die die beteiligten Studierenden am Ende der Lehrveranstaltung ausgefüllt haben.

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36. Die hier vorgestellten wesentlichen Punkte einer Reflexion stammen aus einem abschließenden Reflexionsgespräch der drei Lehrenden.

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37. Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, 180.

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