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"Fast eine Faschingspredigt" zu einem viel zu ernsten Thema: Unser aller Umgang mit der Tradition
(Eine Predigt am Rande von Jes 8, 23b-9.3; Mt 4,12- 23)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:18 Uhr Messe in der Jesuitenkirche am 23. Januar 2005.
Datum:2005-01-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Glaubt man den allgegenwärtigen medialen Meinungsmachern, schließt man sich der Frohbotschaft an, die schon seit Jahren immer und immer wieder auf den Seiten unserer Gazetten zu lesen ist, so wird man das Wort der Bibel wohl korrigieren müssen und sowohl den Propheten Jesaja als auch den Evangelisten Matthäus neu dichten. Solche Neu-Dichtungen liegen im kulturellen Trend und dies nicht nur in der Faschingszeit. Wie müßte also diese moderne Lesung und auch das moderne Evangelium lauten, damit sie den modernen - medial auf der Höhe der Zeit lebenden - Menschen ansprechen?

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Das Land Österreich und das Land Deutschland, die europäische Transitstraße, das christliche Europa, die katholischen Provinzen: das Volk, das bis dato im Dunkel lebte, sieht ein großes Licht. Denen, die im Schatten des Todes wohnen, strahlt endlich die Hoffnung auf. Im Schatten des Todes? Ja! Sie sollen im Schatten des Todes wohnen, weil sie für unmündig gehalten werden: beherrscht von Klerikern mit Doppelleben, gezwungen zur Disziplin in der Kirche. Sie sollen im Schatten der Finsternis leben, weil sie gewohnt sind dieses Leben unter der Perspektive vom Jenseits zu betrachten, unter der Perspektive des ewigen Lebens, von dem man eh nicht weiß, ob es dieses gibt. Sie sollen im Schatten der Finsternis leben, weil sie bereit sind Entbehrungen zu akzeptieren, Mitgliedschaft in der Kirche in Kauf zu nehmen, Kirchensteuer zu zahlen, Sonntag für Sonntag in die Kirche zu gehen, dieselben Lieder zu singen, dieselben Gebete zu rezitieren: Kinder, Pubertierende, Erwachsene und Alten; dieselben Feste zu feiern. Gittigitt - wie unmodern! Sie sind gar bereit sich gegen Euthanasie einzusetzen und finden sich mit der Abtreibung nicht ab. Sie investieren Geld und Zeit in die Hilfe für Schwache und Kranke...

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Diesen Menschen geht also endlich ein Licht auf: Scharenweise verlassen sie die Kirchen, weil sie erkannt haben, dass sie diese nicht brauchen. AWozu brauchen wir noch Kirche?@ - fragt ein prominenter Journalist in einer Diskussionsrunde des ORF. Wie oft ist mit der Frage gleich die Antwort mitgeliefert, und dies Aex cathedra@: auf unfehlbare Art und Weise? Die Kirche sei überflüssig geworden! So lautet halt das Dogma der medialen Meinungsmacher. Die Kirche habe gesellschaftlich ausgedient. Auch die Schuld an der AMisere@ wird sauber verteilt - paradoxerweise oft gerade von den kirchlichen MitarbeiterInnen. Auf dass niemand auf die Idee kommt zu fragen, ob es da gesamtgesellschaftlich noch alles in Ordnung sei... in diesem Land Österreich und in der europäischen Transitstraße. Schuld daran, dass man die Kirche nicht mehr braucht, sei nämlich sie selber, ihre Kleriker, vor allem die, die so korrupt und auch so reformunwillig seien. Interessanterweise können dieselben Medienmacher mit derselben Inbrunst von den hierzulande stattfindenden Konversionen katholischer Frauen zum Islam berichten, den Konversionen, die bei Gott doch nicht durch Reformwilligkeit des Islam motiviert wurden. Weil die Kirche aber reformunfähig sei, sei es auch kein Wunder, dass sie sich in unseren Breitegraden überflüssig gemacht hat. Das sei aber im Grunde doch kein Problem. Denn:

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Für moralische Normen haben wir ja längst den erhobenen Zeigefinger unserer Medien, für die Freizeitgestaltung den Sport, die Theater und die Bäder, für die Organisation von Katastropheneinsätzen zahlreiche Hilfsorganisationen und Psychologen. Wozu also noch die Kirche? Gott braucht sie eh ja nicht. Außerdem: Ein jeder moderner Mensch ist doch sein eigener Gott!

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Das Volk, das also bisher im Dunkel lebte, darf sich freuen: das drückende Joch der Tradition wird zerbrochen und auch das kirchliche Tragholz auf der Schulter. Es gibt ja inzwischen kaum einen Künstler mehr, der das Tragholz einer gemeinsamen Tradition - die eben auch die drückende Verbindlichkeit kannte - , der dieses Tragholz nicht abwerfen würde und dieses zum X-mal als gefährlich outen würde. Das Ergebnis ist klar! Katholische Tradition? Was ist das schon? Ein Lehren in einem Innsbrucker Gymnasium bekam nur noch zur Antwort: Kreuzzüge, Hexenverfolgungen und pädophile Priester.

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Wir dürfen also jubeln, dass nun auch an der europäischen Transitstraße Schluss sei mit diesem Unfug und von nun an ein jeder seinen eigenen Gott haben darf und dass Individualisierung und Banalisierung von Traditionen zur Alltagstugend werden darf. Dass man endlich mit derselben emotionalen Intensität das Leid der Tsunamiopfer beklagen kann, wie man den Schmerz einer kleinen Hündin beklagt. Diese war halt gewohnt im Luxus zu leben und als Mensch behandelt zu werden; nachdem sie nun Waise geworden ist..- Gott sei dank mit einer Lebensrente abgesichert. Wir dürfen uns auch erfreut zeigen, dass der Hündinbesitzer nicht nur die Hündin testamentarisch bedachte, sondern auch die Obdachlosen.

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Liebe Schwestern und Brüder. Es ist Faschingszeit. Dies ist nicht nur die Zeit der Bälle. Es ist die Zeit, in der die Ordnung auf den Kopf gestellt wird, damit man sich aufs Neue vom Wert der Ordnung überzeugen kann. Sie können diese Predigt als eine Faschingspredigt begreifen. Und was soll sie auf den Kopf stellen? Eben: die medialen Dogmen im Umgang mit der Kirche! Das Land Österreich und das Land Deutschland leben wohl im Dunkel, doch nicht der Kirche wegen. Sie leben im Dunkel, weil der kulturpolitische Trend der Individualisierung und der Banalisierung von gemeinsamen Traditionen inzwischen einen Grad erreicht hat, der schon groteske, oft gar dämonische Züge beikommt. Das Dunkel besteht also darin, dass uns das gemeinsame Zentrum abhanden gekommen ist. Lange Zeit glaubten wird, dass der Mensch und seine Würde dieses Zentrum bilden können. Doch: Menschsein - das ist ein fragiles Gebilde. In einer solchen Situation gibt es natürlich die Versuchung, die Kirche selbst zu einem solchen Zentrum zu machen. Diese konstantinische Züge, obwohl so oft beschworen, sind aber unserer Kirche fern. Doch nicht die noch schlimmere Versuchung, sich mit dem eigenen Glauben den gesellschaftlichen Plausibilitäten auszuliefern. Mehr noch: sich daran zu messen. Die Kapitulation in diesem Kontext führt zu einem regelrechten Taumel.

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Im heutigen Evangelium sagt Jesus: Bekehrt euch! Glaubt! Stellt Gott ins Zentrum eures Lebens. Diese Botschaft richtet sich nicht an das Land Österreich, und auch nicht an Deutschland. Sie richtet sich auch nicht an die Medien. Sie richtet sich an uns, an die Katholikinnen und Katholiken. Bekehrt Euch! Glaubt! Glaubt, dass Gott stärker ist als Banalisierung. Deswegen wehrt auch die Banalisierung der Religion in eurem Alltag ab. Glaubt mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen. Seid stolz auf euren Glauben. Nur auf diese Art und Weise wird das Licht in die Welt gebracht. Auch in jenes Land, das im Dunkel lebt. Auch in die europäische Transitstraße.

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