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Kreatives Kreuz
(Über die Gleichzeitigkeit von Hierarchie und Netzwerk in der Kirche)

Autor:Findl-Ludescher Anni
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Jedes Bild, das angeschaut wird, verdeckt ein anderes, nicht geschautes. Ähnlich ist es mit dem Bild der Kirche: Das, was in der Öffentlichkeit, in den Medien gesehen wird, zeigt eine Wirklichkeit und verdeckt gleichzeitig eine andere. Beide Wirklichkeiten haben ihre „Wahrheiten", aber nicht beide sind sichtbar. Den Blick nicht nur auf das (medial) sichtbare Bild zu richten, die verdeckte Wirklichkeit zu sehen, erfordert Anstrengung.
Publiziert in:Studientag der Pastoralkommission Österreichs zu neuen Formen der Kirchenentwicklung
Datum:2004-11-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Innerhalb der PKÖ (Pastoralkommission Österreichs, Beratungsorgan der Österreichischen Bischofskonferenz in Pastoralfragen), an der Arbeitsstelle für Gemeindeentwicklung, entstand die Idee, neue Versuche, ungewöhnliche Projekte innerhalb der Kirche Österreichs wahrzunehmen, sie sichtbar zu machen für eine größere Öffentlichkeit. So wurden bspw. ungewöhnliche missionarische Initiativen, neue Gemeindeleitungsmodelle und neu entdeckte Wallfahrten ausgewählt, insgesamt zehn verschiedene Projekte. An den jeweiligen Orten fanden „Werkstattgespräche“ statt.

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Zu diesen Gesprächen wurden Menschen eingeladen, die an den jeweiligen Initiativen beteiligt sind, solche, die davon mit betroffen sind (bspw. ein Bürgermeister) und andere Menschen (hauptsächlich TheologInnen) aus ganz Österreich, die Interesse am Kennen lernen und an der Reflexion der jeweiligen Initiative haben. Ein Ziel dieser Gespräche ist die Reflexion und Evaluation des jeweiligen Projekts, mindestens so wichtig ist aber das „ans-Licht-Heben“ dieser Initiative, dass sich andere Menschen mit ihr auf unterschiedliche Art vernetzen. Eine kurze Gesprächssequenz am Ende eines solchen „Werkstattgesprächs“ kann das Charakteristikum dieser Veranstaltungen zum Ausdruck bringen: Eine Teilnehmerin fragt den Verantwortlichen, ob er zufrieden sei dem Ergebnis. War es erfolgreich? Daraufhin fragt er: Hat es Dir etwas gebracht? Konntest Du etwas Neues, etwas Wesentliches lernen? Wirst Du Dich weiter damit beschäftigen?

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Das Entscheidende ist also, dass Betroffene (auf unterschiedliche Art Involvierte) und Interessierte, Menschen in unterschiedlichen Positionen – z.T. auch mit Leitungskompetenz ausgestattet – voneinander hören und miteinander reden, dass sie sich vernetzen untereinander. So lernt ein Theologe aus Tirol von den Erfahrungen einer steirischen Pfarrgemeinde, die von Mitgliedern einer geistlichen Gemeinschaft geleitet wird. Eine Theologin aus Oberösterreich reflektiert gemeinsam mit anderen die neuen Wallfahrtsbewegungen rund um den Hemmaberg in Kärnten. Sie ist inspiriert und an ihrem Arbeitsort entwickelt sich daraus etwas anderes.

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Das dieser Arbeitsweise zugrunde liegende Prinzip ist das des Netzwerkes. Es ist ein Modell, das von Gleichrangigkeit ausgeht. Die einzelnen Elemente kooperieren miteinander, sie beziehen sich aufeinander, sie „nutzen“ sich, wenn sie sich brauchen, aber sie sind eigenständig.

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Das Netzwerkmodell ist ein gleichrangiges, horizontales Modell. Gewissermaßen gegenteilig ist das hierarchische, vertikale Modell. Es ist das, innerhalb der Kirche, vertraute Modell, nach dem kirchliche Vorgänge funktionieren. Wenn die PKÖ, ein von der Bischofskonferenz eingesetztes Gremium, nach hierarchischen Prinzipien besetzt und geleitet, beschließt, solche Werkstattgespräche durchzuführen und das auch tut, so bedeutet das eine Gleichzeitigkeit beider Modelle. Es ist eine Gleichzeitigkeit, die einen Widerspruch beinhaltet. Das mag den Impuls auslösen, diesen Widerspruch aufzulösen, denn diese diametrale Verschiedenheit kann bedrohlich erlebt werden.

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Ein guter Teil der Mitglieder der PKÖ war bei einem oder auch mehreren Werkstattgesprächen dabei, die gesamte Konferenz hat sich Zeit genommen, in einem Studientag die Ergebnisse dieser Gespräche zu hören, wert zu schätzen und zu diskutieren. Es kommt zu Spannungen: Beispielsweise. finden sich in den Protokollen der Gespräche Aussagen, die lehramtlich nicht gedeckt sind. Der verantwortliche Bischof hat Bedenken bezüglich einer Veröffentlichung. Er als Vorsitzender der PKÖ, die diese Gespräche initiiert bzw. zugelassen hat, fühlt sich verantwortlich. Das Zusammenkommen von hierarchischer Struktur (PKÖ als Teil davon) und Netzwerkkultur kann zum Gegensatz werden. Denkbar ist sogar ein letztlich unlösbarer Gegensatz, wenn die Logik des „Entweder-Oder“ durchgehalten wird.

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Kreativ wird dieser Gegensatz, dieses Kreuz zwischen Hierarchie (Vertikal) und Netzwerk (Horizontal), wenn auf die Logik des „Entweder – Oder“ verzichtet wird zugunsten eines „Sowohl als auch“. Die hierarchische Leitungsstruktur wird durch Netzwerkvorgänge nicht in Frage gestellt und die Plausibilität der Werkstattgespräche wird nicht angezweifelt, nur weil sie nach einem anderen Modell funktionieren.

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Das hierarchische Modell ist vorwiegend das Modell der Leitung, das Netzwerk-Modell findet sich vermehrt an der Basis. Konstruktiv wird dieses Kreuz, wenn die Leitung Netzwerkvorgänge zulässt oder besser noch unterstützt. Konsequenz daraus ist eine vitale, eigenständige Basis. Das Netz wird enger und fester geknüpft. Es trägt die Beteiligten, auch die sich mit vernetzenden Amtsträger. Insgesamt bedeutet solches Vernetzen einen guten Schritt weiter in der Verwirklichung des Volk-Gottes-Gedanken. Dass ein solch kreatives Kreuz gelingt, braucht manche Voraussetzungen: zum einen muss die Leitung ihre Machtansprüche verändern (oder vielleicht einfach nur ihre Ziele verändern): Es geht nicht darum (über) andere Menschen zu bestimmen, sondern darum, Menschen zu leiten. Leiten meint im Idealfall die Ermöglichung der Entfaltung des im Menschen angelegten Guten. Von der Seite der Basis, der Menschen, die sich nach Art eines Netzwerkes untereinander verbinden, bedeutet es einen Verzicht darauf, sich einfach abzukoppeln von „der Hierarchie“. Ein Kirchen-Netz, das trägt, verbindet nicht nur Gleichgesinnte. Die Spannung, die in der Gegensätzlichkeit liegt, wird sich nicht auflösen. Es wird immer Momente geben, in denen das „Entweder-Oder“ verlockend erscheint. Aber die Qualität eines Netzes zeigt sich darin, wie viel Spannung, wie viel „sowohl als auch“ es aushalten kann.

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