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Zur Installation text – zeit – raum von Hans Dragosits
(19/11/04 Kunst im Gang)

Autor:Braun Bernhard
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-11-19

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Aus mehreren Vorschlägen, die Hans Dragosits für diesen Gang überlegt und aus verschiedenen Gründen wieder verworfen hat, ist schließlich das nun vorliegende minimalistische Projekt – vor allem auch dank der Sponsoren – realisiert worden.

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Dragosits geht es dabei darum, mit diesem Gang als ganzen umzugehen, ja ihn zum Thema zu machen, und seine Arbeit in den Kontext dieser Fakultät einzugemeinden. Thematisch orientiert sich diese Installation an jenem Problem, das den Künstler seit vielen Jahren besonders umtreibt: der Zeit! Der Ausdruck „umtreiben" ist dafür angemessen, denn es wurde ihm zur eigenen existentiellen Grenzerfahrung. Mit Obsession ist er in seinen Versuchen, die Zeit zu tilgen, gegen das Aussichtslose angelaufen.

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Übriggeblieben ist der bescheidene Wunsch, wenigstens für den letzten Atemzug eine Dehnung der Zeit geschenkt zu erhalten. Den Anstoß für den Text gab angesichts der Terroranschläge im Nahen und Mittleren Osten die Erschütterung darüber, daß den Opfern nicht einmal Zeit für den letzten Atemzug blieb.

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Waren Dragosits' Bilder füher noch bewußt subjektiv geprägt, gleichsam Protokolle eines intensiven Erlebens, ja beinahe mystischer Momente, verwischt er seitdem seine Fingerabdrücke erfolgreich aus den Arbeiten. Diese werden konsequent zu generellen Aussagen über das Sein, das nicht ohne Zeit zu haben ist.

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Dragosits, der Künstlerphilosoph, der Metaphysiker, hat wegen dieser Geschichtlichkeit des Seins wenig für den Gestus von Absolutheitsansprüchen übrig und ist der Bescheidenheit des Vorläufigen und Diesseitigen zuge-wandt – die Arbeit endet auch mit dem letzten Atemzug und spekuliert nicht über ein ungewisses Danach.

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Hans Dragosits ist bekannt dafür, daß er formale Makello-sigkeit mit ästhetischer Perfektion vermengt. Bei seiner be-rückenden Installation vor zwei Jahren im Architekturforum erzählte uns Arno Ritter, daß der Raum noch nie so exakt, auf den Millimeter genau, vermessen worden war wie eben von ihm. Dazu kann ich nun berichten, daß sich dem ein zweiter, ebenso exakt vermessener Raum hinzugesellt.

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Daß selbst bei einer solchen Tüftelei der Zufall, das Unkalkulierbare, dem Werk seinen Stempel aufdrückt, hat bei Dragosits selbst größte Genugtuung ausgelöst und zeigt, daß man diese Welt noch lange nicht in das Zahlen- und Schablonenhafte pressen kann. Womit er anfangs nicht gerechnet hat, ist, daß seine Zeitachse in die Spiegelungen dieses Ganges verschwimmt. Um das zu erleben, müssen Sie freilich nochmals – möglichst zur Zeit des Tageslichts – hierhier kommen und sich diese Installation in Ruhe ergehen.

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Wenn man im Osten dieses Ganges steht, hat man den Eindruck, als stiege einem die Zeitachse im Abschreiten aus spiegelndem Wasser entgegen. Unversehens denkt man an die mediterranen Schöpfungsmythen, wo sich Zeit und Raum aus dem Wasser entbergen.

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Für mich ist dies das eigentlich Geniale an dieser Installation – und so beruhigend ungeplant. Es nimmt die erdrückende Last von uns, unser Ende stets mit uns tragen zu müssen. Es läßt noch ein wenig von jener jugendlichen Unbeschwertheit spüren, als man bestenfalls bis zum Morgen dachte – in dieser Installation durch eine Zone mit grauen Lettern symbolisiert, eine Unbeschwertheit, die früher oder später abhanden kommt und die schwarzen Lettern als memento mori uns begleiten.

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Dieses Unsichtbare läßt die Hoffnung am Leben, daß die Zeit vor uns noch Geheimnisse birgt und gelebt werden kann. Denn es ist dieses Kontinuum der Zeit, das Dragosits in der unerbittlichen und objektiven Härte der Geometrie des Fibonacci ausgerollt hat, das uns einholt, egal, ob wir es zu gestalten versuchen oder uns durch es treiben lassen. Oder sollte man das umgekehrt lesen: daß unser alltägliches Lebenschaos durch eine immer schon vorherlaufende harmonische Ordnung aufgefangen wird? In jedem Fall steht diese sowohl mit dem Boden als auch mit der Decke korrespondierende Arbeit in Spannung zum Versuch im Barock, das Dynamische und Emotionale, die Verwandlung selbst, darstellen und damit zwangsläufig im Stein arretieren zu müssen. Immer schon hat man gewußt, daß es in jedem Kronos auch den Kairos gibt, den glücklichen Augenblick, den wir gerne und freiwillig in die zeitlose Dauer pressen wollten. Nur mit ihm läßt sich die Gleichmäßigkeit des Uhrenpendels, die lineare Eindimensionalität der Zeit außer Kraft setzen.

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Natürlich sollte diese Arbeit nicht unabhängig vom Kontext gelesen werden, in den sie eingebettet ist, nämlich in einen semantisch aufgeladenen Raum einer Theologischen Fakultät. Es ist der Kontext einer religiösen Verheissung, die unsere Lebenszeit durch den Einbruch einer transzendenten Wirklichkeit zu einer Heilszeit verwandelt hat, die die alte Hoffnung zu befriedigen sucht, daß mit dem letzten Atemzug nicht alles vorbei ist. Dies wird in diesen Gemäuern mit einem hohen Aufwand von Theorien zu verwalten versucht, die manchmal ähnlich vernebelt sind wie es uns der einhundertvierzig Millionen Jahre alte, geduldige Stein des Altmühltals aus der Malm-Zeit, auf dem wir stehen, vorspiegelt. Keine noch so eifrige Wissenschaft kann dem einzelnen die Lebenszeit normieren, immer noch ist es unser Leben, das da vor uns aus dem Fluß auftaucht, in den wir als denselben niemals zweimal steigen können, wie schon Heraklit gewußt hat. Man kann das auch Freiheit nennen und das von Dragosits formulierte „zeit...für" sollte nicht nur für den letzten Atemzug gelten, den wir uns zumeist nicht aussuchen können, sondern zur Maxime des Lebens werden und das Abschreiten zu einer Einübung in dieses „zeit...für". Wem der Weg für diese Übung hierher zu mühsam ist, kann sich diese Installation auch als Buchobjekt nach Hause tragen – gleichsam als täglich wiederholbare Meditation zur Dehnung der Zeit.

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