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Zur aktuellen Inszenierung der "Jungfrau von Orleans" am Tiroler Landestheater
(Opfer - Sündenbock - Heilige)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Programmheft des Tiroler Landestheaters 116 (2004) 28-32
Datum:2004-10-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der Kontrast kann nicht größer sein: Zwischen dem leseunkundigen Bauernmädchen aus Frankreich und der “Jungfrau von Orleans”. Die historische Johanna starb auf dem Scheiterhaufen, der romantischen Heroine wird der Heldentod auf dem Schlachtfeld zuteil. Von ihren Landsleuten verlassen, von der Kirche verurteilt, schreit das historische Opfer nach Gott. Und ihr Schrei verhallt im Leeren. Die Rehabilitierung der zu Unrecht Angeklagten erfolgt erst 25 Jahre später. Bei Schiller verdichtet sich der Mythos in der letzten Szene zu einem einzigen Augenblick. Vom Verdacht der Hexerei zwar freigesprochen, bleibt das Opfer weiterhin schuldig. Freilich geht es hier nicht um moralische Schuld. Ganz gleich was Johanna tut, sie kann dem Verhängnis der Schuld nicht entrinnen. Dem Ödipus nicht unähnlich ist sie der Gemeinschaft schon längst zum Inbegriff des mysterium tremendum geworden und sie wird es auch bleiben. Über ihren Tod hinaus: Das schreckenerregende Geheimnis! Gerade aber deswegen fasziniert sie. Die Regieanweisungen für die letzte Szene zielen auf eine Vergöttlichung hin. Umgeben von Freunden und Kampfgenossen wird der Leichnam mit Fahnen zugedeckt, gleichsam unsichtbar gemacht für die anbetende Gemeinschaft. Diese hat auch allen Grund für die Anbetung. Durch ihr Selbstopfer einigte Johanna Frankreich. Das tat sie aber auch schon durch ihre Sündenbockrolle. Denn alle - die sie jetzt anbeten - haben sich gegen sie zusammengerottet, sie ausgestoßen, verbannt und verflucht. Damit auch geopfert. Die Opferung durch die Gemeinschaft und die Selbstopferung gehen also bei Schiller Hand in Hand und machen aus dem französischen Bauernmädchen eine Neuinkarnation der griechischen Iphigenie. Die Botschaft ist eindeutig und klar: Zur Rettung des Volkes bedarf es des Opfers!

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Schiller ist sich dessen bewusst, was er mit dem historischen Stoff macht. Als Geschichtsprofessor in Jena wollte er ja ursprünglich nur die historische Wahrheit über die Johanna auf die Bühne bringen. Diese war ihm jedoch zu brutal. Er glaubt aber, dass gerade die Tragödie die Kraft hat, der Wahrheit zur Geltung zu verhelfen. Und zwar bei grober Verletzung der historischen Tatsachen. Das Historische muss demnach überwunden werden, wenn Modelle und Ideale zur Erziehung der Menschheit gewonnen werden sollen. Was soll Theater sonst tun? In diesem Sinne stellt Schillers Werk einen Akt von Remythologisierung dar. Der durch das Geschick des Mädchens entschleierte und damit aufgebrochene Zyklus kollektiver Gewalt wird romantisch geschlossen und damit auch gerechtfertigt. Kurz ist ja der Schmerz und ewig sei die Freude!

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Macht aber Schiller mit seiner Neuinterpretation nicht dasselbe, was die Katholische Kirche mit ihrer Heiligsprechung tat? Die zeitgenössischen Interpretationen drängen auf Parallelisierungen, berauben sich aber dadurch wichtiger Impulse für die Wiedergewinnung der historischen Wahrheit über das Bauernmädchen. Dieses wurde als Hexe angeklagt, verurteilt und verbrannt. Es starb mit einem offenen Schrei nach Gott. Die Inquisition tat dies keineswegs deswegen, weil ihre Beamte besonders korrupte Menschen waren. Nein. Nach bestem Wissen und Gewissen glaubten sie durch ihr Tun die teuflische Macht zu outen und diese zu bekämpfen. Dass die Jäger selbst der teuflischen Macht der Anschuldigung und der Sündenbockjagd verfallen sind, das hat die nachfolgende Geschichte erst später erkannt. Deswegen ist die historische Rehabilitierung von Johanna mit dem radikalen Freispruch identisch. Schuldlos ist sie dem Tod ausgeliefert worden, stellt also nichts anderes dar, als ein durch nichts zu rechtfertigendes Opfer der Gewalt.

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Ihre Selig- und Heiligsprechung durch die Kirche hat auch nichts zu tun mit einer nachträglichen Remythologisierung dieses Opfers. Im Gegenteil. Anstatt einer subtilen Rechtfertigung des Todes wird durch die Heiligsprechung noch einmal dessen Ungerechtigkeit offenbart. Den entscheidenden Grund für die Kanonisierung bildet ja die Analogie dieses Sterbens zur Passion Jesu. Dem Bauernmädchen wurde ja dasselbe Geschick zuteil wie dem Gekreuzigten. Johanna als figura Christi? Lügnerisch angeklagt, verurteilt und getötet im Namen Gottes! Von Menschen und scheinbar auch von Gott verlassen starb ja der Gekreuzigte mit einem offenen Schrei nach seinem Gott. Dieser solle sein Anwalt sein. Und auch sein Rächer? Der Anwalt offenbarte seine Kraft, nicht indem er das Opfer rächte, sondern indem er den Gekreuzigten auferweckte. Und dieser erschien mit dem Friedens- und Versöhnungsgruß. Was wiederum zur Schuldeinsicht geführt hat. “Wir haben uns verirrt!” Gemäß der biblischen Überlieferung findet diese Umkehrung erst drei Tage nach dem Tod statt. Nicht im Augenblick des Sterbens, wie dies sehr oft in den Mythen und auch in der Tragödie geschieht, wo sich das Leben nur als Kehrseite des Todes zeigt. Und wo die Wiedersprüche letztendlich mechanisch aufgelöst werden. Wo zwar von Schuld geredet werden kann, aber nur im Sinne der tragischen Schuldverstrickung. Der Teufelskreis dreht sich ja weiter. Im Leben und auf der Bühne. Der Verstrickung des Opfers der Gewalt in die Gewaltzusammenhänge folgt die Verstrickung der Täter, der Interpreten.... Das letzte Wort visiert dann den Fanatismus an, den man wiederum mehr oder weniger fanatisch anklagen, bekämpfen soll. Oder...?

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Im biblischen Bericht geht es dagegen um das Leben und nur um das Leben. Selbst durch radikale Sackgassen und auch durch den Tod hindurch. Das fascinosum stellt hier nicht die Kehrseite des tremendum dar; das Geheimnis des Guten beansprucht den radikalen Vorrang, kann also unmöglich aus dem Negativum auf dialektische Art und Weise entwickelt werden. Die Heiligsprechung des Bauernmädchens hält deswegen zuerst fest, dass ihre Inspiration von Gott - dem Ursprung des Guten - war, deswegen auch nichts mit Destruktivität und Tod zu tun hatte. Sie sagt aber auch, dass diese Inspiration keinen Schutzbrief bedeutet gegen die Mechanismen der Lüge und Gewalt. Für die Betroffene nicht und auch nicht für ihre Umgebung. Selbst für die Kirche nicht. Auch diese kann die von Gott inspirierten Menschen verfolgen und verurteilen. Die Heiligsprechung bringt dieses Geschick aber in Verbindung zu Tod und Auferweckung Christi. Und das ist ein revolutionärer Akt der Kirchengeschichte. Mit dieser Verbindung wird der Tod der Johanna in den Kategorien des Martyriums interpretiert. Eines Martyriums, das nicht von den Feinden der Kirche bewirkt wurde, sondern von einer kirchlichen Institution selbst. “Johanna ist heilig” bedeutet: “Wir haben uns verirrt”. Aber auch: “Uns ist Vergebung zuteil geworden.” Das ist das faszinierende Geheimnis um das Mädchen aus Frankreich. Ihm gegenüber sind alle tremenda alter und neuer Prägung eigentlich banal.

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