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Ich glaube an Jesus Christus: um seiner Lebenslust willen
(Universitätspredigt in der Reihe: Zugänge zu Jesus Christus (diesmal auch auf dem Hintegrund vom Lk 18,9-14))

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Jesuitenkirche am 24. Oktober 2004 um 11 Uhr
Datum:2004-10-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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 “Da haben wir es wieder! Sich selbst erniedrigen; sich an die Brust schlagen. Sich als Sünder anklagen. Immer schön demütig bleiben. Opfern. Und immer noch ein schlechtes Gewissen haben. Wehe, wenn Du ein bisschen Selbstbewusstsein zeigst, schon bist Du als Pharisäer gebranntmarkt! Schon wird Dir ins Gesicht gesagt: Du erhöhst Dich selber. Pass also auf! Du wirst noch erniedrigt werden.”

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Na ja! Das klingt nicht gerade nach Lebensbejahung. Geschweige denn nach Lebenslust. Dabei scheint der heutige Text noch harmlos zu sein verglichen mit den anderen. Man braucht in diesem Lukasevangelium nur ein paar Seiten nach vorne zu blättern, schon findet man den “stärksten Tobak”: “Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen... Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet klagen und weinen.” Die Schlussfolgerung, die ein Prediger ziehen könnte, scheint klar zu sein: Er könnte seiner Gemeinde zurufen: -“Klagt, trauert und weint. Schaut, dass ihr jegliche Lebenslust im Keim erstickt. Ihr Christenmenschen!”

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Hat nicht Friedrich Nietzsche diese Lebensphilosophie durchschaut? Hat er sie nicht zu einer prägnanten Formel verdichtet? Hat er nicht den Zugang zu Jesus Christus auf einen allgemeingültigen Begriff gebracht? “Der christliche Mensch verneint noch das glücklichste Los auf Erden. Er ist schwach, arm, enterbt genug, um in jeder Form am Leben zu leiden... ‘ Der Gott am Kreuz’ ist ein Fluch auf Leben... und ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen.” Deswegen: Nichts als weg! Weg vom Christus. Weg von diesem Lebenshasser hin zum Dionysos. Dem Gott des Weines und der Freude. Im Rausch, in der Orgie, selbst im tödlichen Taumel - wenn der Dionysos in Stücke zerrissen wird - erhebt sich der heidnische Mensch lustvoll über sich selber. Das Leben selbst im Untergang bejahend, niemals an diesem Leben leidend.

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Um des Lebens willen verabschiedete sich der große Philosoph vom Christus. Sein Zugang zu Jesus Christus war vom Verdacht geprägt, dass ein Leben auf den Spuren Christi dieses Leben bloß vernichtet. Er selber wollte aber leben, glaubte sich stark genug um selbst das bitterste Leiden zu bejahen, stark genug um den Menschen - ja sich selber - zu vergöttlichen.

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Um der Lebenslust willen verabschiedete sich auch eine ganze Generation von Zeitgenossen: am Anfang zwar noch nicht vom Christus. Nur von seiner Kirche. Ihren Zugang zu Jesus Christus brachte sie oft auf die Kurzformel: “Jesus ja; Kirche nein!” Deren erhobenen moralisierenden Zeigefinger hat diese Generation nicht mehr ertragen können. Sie entdeckte halt die Lust am Konsum, die Lust am Sex, die Lust an der Selbstverwirklichung. Und sie nahm die Kirche wahr als die Lustbremse par excellence. Als Verräterin des jesuanischen Erbes. Und der jesuanischen Lebenslust. Und warum dies?

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Nur deswegen, weil die Kirche den Menschen auf dem Gipfel der Lebenslust allzu oft zurief: “Memento mori!” Gedenke, dass Du stirbst? Nein. Wohl aber, weil diese Kirche gleichzeitig drohte, dass es ein Jenseits gibt. Mit einem fürchterlichen Gericht: als Einlassbedingung. Ihr wisst eh: “Ein Auge gibst’s, was alles sieht, was auch in finstrer Nacht geschieht. Vor allem unter der Bettdecke!”. Weil sich die Menschen um ihre Lebenslust geprellt füllten, weil sie sich von Pfaffen nicht mehr bevormunden lassen wollten, kehrten Tausende der Kirche den Rücken. Oft gerade um Jesu Christi willen... Diesem Abschied von der Kirche meistens auch der Abschied vom Christus und seinem Evangelium. Zu faszinierend sind ja die modernen Ikonen. Die Ikonen aus Hollywood, die Ikonen aus den Werbestudios. Zu verlockend die Segnungen des Marktes: Landauf, landab, 24 Stunden am Tag werden wir ja alle berieselt mit dem Evangelium von der fleischgewordenen Lebenslust unserer Konsumkultur.

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Der gängige kulturelle Zugang zu Jesus Christus ist also längst von demselben Verdacht geprägt, den schon der große Philosoph Nietzsche nie los werden konnte: Das Leben auf den Spuren Christi vernichtet die Lebensfreude. Wenn Du leben willst, suche Deine Götter woanders. Am besten: Werde selber Gott! Jung, schön, gesund und potent. Was will man mehr? Im Rausch des alltäglichen Konsums erhebt sich der heidnische Mensch lustvoll über sich selber, meidet den peinlichen Seitenblick auf die Millionen von Hungernden, auf die an den Schläuchen der Intensivstationen hängenden Lebewesen, führt höchstens philosophische Diskurse, ob diese Lebewesen noch Menschen. sind..., fehlt ihnen ja doch das entscheidende Kriterium des Menschseins: das Kriterium der Lebensqualität.

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Der Prediger - liebe Schwestern und Brüder - steckt in einem Dilemma. Zu verführerisch wäre die Schilderung der Endstationen der Abschiedsbewegung: weg vom Christus hin zum Dionysos. Der in der geistigen Umnachtung vor sich hin dämmernde Philosoph auf der einen Seite und das sinnentleerte Konsumindividuum der Gegenwart auf der anderen. Von der Lebenslust keine Spur. Hier und dort. Der Beigeschmack der Schadenfreude ist bei der Predigt nicht angemessen und auch der Sache nach nicht legitim. Zu berechtigt war ja der Aufstand gegen den moralisierenden Klerus und gegen die Angstpädagogik Höchstnotwendig war auch die Korrektur des Bildes vom göttlichen Polizisten, vom himmlischen Buchhalter, vom gnadenlosen und unmenschlichen Richter.

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Höchstnotwendig ist aber heutzutage auch die Korrektur des nietzscheanischen Zugangs zu Jesus Christus und die Infragestellung des kulturellen Verdachts, der christliche Weg verneine noch das glücklichste Los auf Erden, sei schwach und Lebensfeindlich. Und wie kann man den brillanten Philosophen zurechtrücken? Indem man auf den Lebensweg Jesu blickt.

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Freilich war die emsige Suche nach Lebenslust Jesus Christus fremd; er jagte nicht vom Event zu Event, von einer A-dabei-sein-Party zur anderen, suchte auch nicht den letzten Kick, um sich über sich selber und seinen Alltag zu erheben. Im Unterschied zu Nietzsche, im Unterschied zum Konsummenschen der Gegenwart, im Unterschied zum heidnischen Menschen, der auch in mir selber - dem heutigen Prediger - steckt, war Jesus ja nicht von Angst geplagt, er komme in seinem Leben zu kurz: Wenn er sich selber, wenn er sein eigenes Leben, wenn er die Erlebnisqualität nichts ins Zentrum stellt. Und so sein eigener Gott wird! Die dionysische Versuchung war ihm ja fremd. Und warum?

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Mit einem Schuss vom kindlichen Vertrauen, dem Vertrauen, das seines gleichen sucht lebte er aus der Überzeugung, dass sein Leben getragen wird. Von einem Anderen! Von Gott, von seinem Vater, dem Liebhaber des Lebens! Nicht vom göttlichen Polizisten überwacht, nicht vom himmlischen Buchhalter evaluiert, und schon gar nicht von einem gnadenlosen Richter abgeurteilt. Nein! Getragen von Gott, dem Liebhaber des Lebens gewinnt dieser Jesus eine gesunde Distanz zum Leben selbst. Zum Leben in all seiner Widersprüchlichkeit. Er wird gelassen und damit auch fähig, die Lust - nicht bloß die Einnebelung der Sine - zu erleben.

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Weil Christus diese gesunde Distanz zu seinem eigenen Leben hat, kann er die Liebe zum Leben in jeder Situation zur Sprache bringen: in der aufgeheiterten Runde der auf Kosten der Dritten lachenden Zyniker, genauso wie bei jenen, die nichts zum Lachen haben. Ja, er kann diese Liebe Wirklichkeit werden lassen: beim rauschigen Gespräch eine Hochzeitsrunde, genauso wie in der Sprachlosigkeit seiner Passion.

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Lieber Bruder Friedrich! Das Kreuz - und darin ist Dir stückweise Recht zu geben -, das Kreuz allein, das bloße Angenageltsein ist ein Fluch auf Leben, genauso wie alles Leid, das uns widerfährt, und erst recht alle sadomasochistischen Selbst- und Fremddestruktionen. Das Kreuz allein ist Fluch auf Leben. Doch nicht der Gekreuzigte! Da hast Du geirrt. Vom Liebhaber des Lebens getragen hat dieser Gekreuzigte selbst in die Situation des Fluchs den Wert des Lebens bezeugt: den Wert der Lebensbejahung und der Lebenslust.

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Im Unterschied also zu Dir - lieber großer philosophischer Bruder Friedrich - möchte ich an Jesus Christus glauben, und dies: um seiner Lebenslust willen! Obwohl er selber niemals die Lebenslust als das direkte Ziel seines Lebens angeschaut hat, geschweige denn angestrebt. Das einzige Ziel und auch der einzige Weg seines Lebens: das war die Hingabe an Gott, den Liebhaber des Lebens. Die Lebenslust: das war ein Nebeneffekt. Einer allerdings, der nicht unwichtig ist. Gerade für unsere lustbetonnte, doch lustarmer Zeit!

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