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Bittgebet zwischen Glauben und Aberglauben
(Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis, LJ C)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-10-20

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Ex 17,8-13; (2 Tim 3,14-4,2) Lk 18,1-8

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 Liebe Gläubige,

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die heutige erste Lesung führt uns weit zurück. Stellen wir uns das Gehörte noch einmal vor: Die Israeliten sind auf ihrem Weg von Ägypten ins gelobte Land, als sich ihnen ein Volk feindlich entgegenstellt. Die Israeliten, die nur auf Durchzug sind – geschwächt vom Marsch, unterernährt, durstig – müssen gegen ein mächtiges ansässiges Volk kämpfen. In dieser Situation nimmt Mose den Stab, mit dem er bisher schon große Taten für sein Volk vollbracht hat und der nun Gottesstab heißt, steigt mit ihm auf einen Hügel und streckt seinen Arm mit dem Stab aus, was zur Folge hat, dass die Israeliten stärker als ihre Gegner sind. Dennoch dauert der Kampf lange, so lange dass dem Mose der Arm schwer wird und er ihn nicht mehr ausstrecken kann. Doch als er den Arm sinken lässt, gewinnen die Amalekiter die Oberhand. Was also tun? Seine Helfer holen einen großen Steinbrocken, auf den Mose sich setzen kann, und stützen seine Arme – und schon sind die Israeliten wieder die Stärkeren. Sie kämpfen bis zum Abend, an dem sie schließlich den Sieg davontragen. Und – das steht nicht mehr in der heutigen Lesung, aber im Buch Ex heißt es danach –: „Mose baute einen Altar und gab ihm den Namen ›Jahwe mein Feldzeichen‹. Er sagte: … Krieg ist zwischen Jahwe und Amalek von Generation zu Generation." (Ex 17,15f.).

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Was denken Sie, wenn Sie diesen Text heute hören? Was kommt uns in den Sinn? Einerseits zeigt sich in diesem Text sicher Gottvertrauen: Die Israeliten bauen auf Gott, als sie angegriffen werden, und dieser Gott hilft ihnen auch: sie tragen den Sieg davon. So gelesen sagt der Text: Gott ist auf der Seite der Kleinen und Schwachen und macht sie groß und stark. Er ist auf der Seite der Hilfsbedürftigen. Aber andererseits: Zeigt sich da nicht ein seltsames, ja ein fast magisch-abergläubisches Verständnis vom Verhältnis Gottes zu seinem Volk. Warum muss Mose für diese Hilfe einen Stab hochhalten? Könnte Gott den Israeliten nicht auch ohne diese seltsame Übung helfen – noch dazu, wo Mose den Stab nicht einmal mehr selber halten kann, sondern dazu einen Stein benützt. Ist das nicht wie Magie? Der Zauberstab ist in der Höhe – die geheimnisvolle höhere Macht muss mir helfen? Und wie ist das mit der Seite der Schwachen? Am Ende sind doch die Amalekiter die Schwachen, die besiegt werden, und über diese sagt Mose, sie seien nun von Generation zu Generation Feinde Gottes. Da kommt es offensichtlich nicht mehr darauf an, wer schwach ist oder stark, wer Unrecht getan hat oder nicht: es kommt darauf an, wer den magischen Stab besitzt. Und Gott wird zu einem Feldzeichen, zu einem Kriegsgott.

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 Liebe Gläubige,

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in dieser Bibelstelle findet sich viel archaisches und seltsames Denken und sie bietet gute Nahrung für jene, die die Religion als gewalttätig und kriegslüstern hinstellen wollen. Warum aber stellt die Kirche diesen Text neben den aus dem Lukasevangelium über das Beten?

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Ich denke, weil uns dieser Text eine ganze Menge sagen kann darüber, wie man gerade auch diese Lukasstelle vom Beten missverstehen kann. „Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen." (Lk 18,7) Könnte man das nicht so verstehen: Was bei Mose das Hochhalten des Armes war, ist hier das Tag und Nacht Beten und nicht Nachlassen? Dann wird Gott mir helfen. Hier ist der mythische Aberglaube nicht so deutlich, weil es nicht nur um eine simple äußere Handhaltung geht, sondern um Gebet, also um ein Geschehen, das unsere Innerlichkeit mit einbezieht. Aber steckt hinter einer solchen Auffassung des Gebetes nicht eine ähnliche Haltung? „Wenn ich das so mache, wenn ich so rufe, dann muss Gott ja das tun, wofür ich bete." Oder anders gesagt: Gott muss das tun, was ich für gut und richtig halte. Ich mag gute Gründe dafür haben, aber ich habe nicht Gottes Weitblick und Übersicht, und doch meine ich: Gott muss nun das tun, weil ich so inständig dafür bete. Und Jesus betont das ja auch. Oder?

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Hand auf's Herz, sind wir nicht oft in Versuchung, das Bittgebet so zu verstehen und damit misszuverstehen? Sind wir nicht letztlich oft so wie die Israeliten auf ihrem Zug ins gelobte Land? Das Bittgebet ist aber kein Automat, in den man oben die Bitte hineinwirft wie eine Münze und unten kommt die Erfüllung heraus wie eine Schachtel Zigaretten. Es braucht dazu eine ganz wichtige Bedingung, die Jesus am Ende nennt: Den Glauben. Und zwar echten Glauben, nicht Aberglauben. Also nicht die feste Annahme, Gott würde mir schon alles Beliebige geben, wenn ich nur daran glaube, sondern die gefühlte und erkannte und gelebte Überzeugung, dass Gott nur das Gute für mich – und für alle Menschen – will, dass ich ihm nicht erklären muss, was für mich, meine Lieben und die Welt gut ist, sondern, dass er meinen Glauben, mein Vertrauen in ihn stärken möge. In diesem Glauben wird deutlich, dass die Bitte aus dem Vater-Unser „Dein Wille geschehe" all unsere Bitten enthält, zusammenfasst und weit übertrifft.

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In diesem Glauben wird dann auch verständlich, warum Gott manche Bitten scheinbar nicht erhört: Vielleicht, weil sie nur aus den jetzt Schwachen die künftig Starken machen würden, aber nichts daran ändern, dass Starke Schwache unterdrücken; vielleicht, weil eine Münze im Zigarettenautomaten etwas Schädliches kaufen will, und der gute Gott mir das Schädliche nicht gibt; vielleicht, weil er für alle Menschen ist und die anderen – so wenig wie mich – mit Gewalt zum Guten zwingt und daher auch das Böse zulässt, aus Respekt vor der menschlichen Freiheit.

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Sicherlich: Auch wenn wir alles das bedenken, wird es immer noch vieles geben, worum wir Bitten, bei dem wir nicht verstehen, warum Gott diese Bitte nicht erfüllt. Wir meinen es doch wirklich gut und wir verlangen nichts Falsches. Es gibt für solche Fälle keine billigen Antworten. Wir empfinden uns als von Gott nicht erhört und unser Gebet als fruchtlos. Gerade dann ist der Glaube, von dem ich gesprochen habe, gefordert und herausgefordert, der Glaube, der – obwohl im Moment alles anders aussieht – sich auf Gott verlässt und überzeugt ist, dass Gott mir und allen Menschen wohl will. Letztlich wäre ein Glaube erfordert, wie ihn Jesus hatte, in dem er in der Nacht vor seinem Tod beten konnte: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen." (Lk 22,42) Bitten wir den Herrn um einen solchen Glauben.

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