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Im Biotop des Wissens
(Ansprache des Studiendekans zur Promotion/Sponsion am 10.07.2004)

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-07-14

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

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Sie schließen Ihr Studium an der Theologischen Fakultät in einer Zeit ab, in der das Hoch­schulsystem in Europa in einem grundlegenden Wandel begriffen ist. Die Verlagerung der Bildungspolitik von der nationalen auf die europäische Ebene, in mancher Hinsicht auf die Weltebene, wird die europäische Hochschullandschaft im nächsten Jahrzehnt in einer Weise verändern, die für uns alle heute noch nicht vorstellbar ist. Dabei zeigt sich schon heute das interkulturelle und interreligiöse Defizit einer auf ein sehr enges Globalisierungsverständnis angelegten Hochschulreform.

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Die Welt beschränkt sich nicht auf den Norden der reichen Länder. Wenn man die Dissertation von Vincent Ohindo Lompema aus der heutigen Republik Kongo liest, dann wird der enge Horizont unserer Bemühungen um eine exzellente Forschung und Lehre schnell sichtbar.

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Ohindo Lompema stammt aus der Kultur der Bantu, die in den letzten Jahren schlimme Kriegswirren erlebte. In seiner philosophischen Dissertation zur Kommunikationstheorie von Jürgen Habermas, begleitet von Prof. Runggaldier, greift er auf seine eigene Lebenswelt als den transzendentalen Ort der Kommunikationstheorie zurück. Er führt den Leser/die Leserin in die Kosmologie, Religion und die kulturell-gesellschaftliche Praxis dieser seiner Lebens­welt ein. Sein Anliegen ist es, auf die spezifischen Rationalitätsformen, etwa auf Verhand­lungsformen in der Versammlung der „Notablen" aufmerksam zu machen, in der es um ein kooperatives Suchen nach der Wahrheit geht.

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Den westlichen Denkhorizont sprengt auch die Diplomarbeit von Gabriele Katharina Steix­ner, die in Fundamentaltheologie bei Prof. Siebenrock verfasst wurde. In ihrer Arbeit „Sri Aurobindo B Mystiker und Denker zwischen Ost und West" setzt sie sich mit dem kreativsten und differenziertesten Denker des Neohinduismus auseinander, der Ost und West verbindet.

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Auch Anthony Kimbowa Kibira aus Uganda nimmt in seiner Diplomarbeit bei Prof. Hasitsch­ka die heutige globalisierte und pluralistische Situation der Welt auf, um sie im Lichte des Gesprächs Jesu mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen und der daran anschließenden Szene (Joh 4,1-42) zu deuten.

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Einem alle Kulturen und Ethnien einschließenden, also wirklich globalen Blick gegenüber nimmt sich die europäische Hochschulreform, mit der inzwischen zur vieldeutigen Metapher gewordenen Bezeichnung „Bologna-ProzessA, sehr kleinräumig aus. In ihrem Kontext geraten in besonderer Weise die Geisteswissenschaften insgesamt und speziell die Theologie unter öffentlichen Druck, da diese Wissenschaftsbereiche die „Nützlichkeit" ihres Wissens für die Gesellschaft besonders unter Beweis stellen und die beanspruchten Ressourcen erwartungs­konform legitimieren müssen.

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Wie soll man „Die Grundlegung einer theologischen Wahrnehmungs- und Erkenntnislehre anhand der theologischen Ästhetik Hans Urs von BalthasarsA, an der Christian Ortner bei Prof. Siebenrock gearbeitet hat, im Markt des Wissens positionieren?

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Oder kann man mit der thomistischen Frage nach der Rationalität des Glaubens, der Chris­toph Amor in seiner Diplomarbeit in der Christlichen Philosophie bei Prof. Runggaldier unter Einbezug vieler lateinischer Quellen nachgegangen ist, den Bildungsmarkt bereichern?

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Ist das Glaubensbekenntnis der Marta als Antwort auf die Selbstoffenbarung Jesu, wie wir es im Gespräch zwischen Jesus und Marta im Zusammenhang mit der Auferweckung des Laza­rus nachlesen können und das Beatrix Zürn im Neuen Testament bei Prof. Hasitschka bear­beitet hat, als gesellschaftlich anerkanntes Wissen transparent zu machen?

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Es zeigt sich ein grundlegendes Dilemma in der Hinsicht, dass auf der einen Seite die öffentli­che Anerkennung und Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und Qualifikation durch Wis­sen ständig steigt und auf der anderen Seite die gesellschaftliche Bedeutung von theologi­schem Wissen und der Sinn entsprechender Qualifikationen kaum transparent gemacht wer­den (können). Dies ist umso dramatischer, als für die Lösung von grundlegenden Fragen der Menschheit auf Zukunft hin Sinn- und Orientierungswissen, das einen wesentlichen „Output" der Theologie darstellt, hochbedeutsam sind. Das mit der wachsenden Bedeutung von Wissen im Konkurrenzkampf einer sich globalisierenden Wissens- und Informationsgesellschaft ein­hergehende Misstrauen gegenüber wissenschaftlichem Wissen ist ja nicht zuletzt darin be­gründet, dass Menschen enttäuscht werden, die ihre Hoffnung für die Lösung grundlegender Lebens- und Gesellschaftsfragen auf wissenschaftliches Wissen gesetzt haben. Dazu kommt, dass die Wissensgesellschaft zunehmend schlechter mit jenen religiösen und pseudoreligiösen Phänomenen umzugehen vermag, die sie selbst aus ihren Denkhorizonten ausgeschlossen und in das Private abgeschoben hat. Der von der aufgeklärten Wissenschaft unerwarteten Renais­sance der Religion, die sich in ihrer ganzen Ambivalenz als befreiende und lebensfördernde, aber auch als zerstörerische Kraft zeigt, steht die Wissenschaft selbst weitgehend hilflos ge­genüber. Gleichzeitig lassen sich etwa im neoliberalen Markt oder in der globalen Medien­entwicklung[1], ja mitunter auch in der Wissenschaft selbst, (pseudo-)religiöse Züge erkennen, die der Aufklärung bedürfen.

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Ein schönes Beispiel, wie gerade eine theologische Studie gesellschaftlich verdrängte Aspek­te aufdecken kann, liefert die Diplomarbeit von Frau Mag. Sonja Ausserer bei Prof. Niewia­domski. Unter dem Titel „Mysterium fascinosum et tremendum der Salome" geht sie der bi­blischen Gestalt und deren Rezeption im Lichte der dramatischen Theologie nach. Sie zeigt, wie die Gestalt des kleinen Mädchens Salome, weil sie in Rivalitätskonflikte unter­schiedlichster Art eingebettet ist, zu einer Projektionsfläche bis hin zu einem dämonischen Monstrum stilisiert wird. In der Sensibilisierung für das Gesetz der Mimesis werden gängige Arbeiten zur Genderfrage kreativ ergänzt und aus der Sackgasse bloßer Schuldzuweisungen herausgeführt.

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In ähnlicher Weise verbindet die Diplomarbeit von Ronald Michael Stefani in der interkultu­rellen Pastoraltheologie bei Prof. Weber kirchliche Tradition und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen: Es geht um Umkehr und Versöhnung im Leben der Kirche und in der Fernsehshow.

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Diese und andere philosophische und theologische Arbeiten zeigen, dass es B um in den Kate­gorien der spätmodernen Bildungspolitik zu sprechen B auf der einen Seite einen zunehmend größeren und bedürftigeren Markt für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit jenen Traditionen, Sinn- und Orientierungsangeboten gibt, welche die Theologie bearbeitet, und auf der anderen Seite gelingt es kaum, theologische Forschung und Lehre gesellschaftlich zu legi­timieren.

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Vielleicht steht man den vielen Anfragen an die Theologie etwas gelassener gegenüber, wenn man mit Herrn Michael Müller einen Blick in die Geschichte wirft. Was wir heute als Auf­klärung bezeichnen und oft als Ursache für den Bruch von Glaube und Leben, Kirche und Gesellschaft ansehen, hat nach den Studien von Kollegen Müller auch eine spezifisch katho­lische Gestalt, die meist vergessen wird. In seiner kirchenhistorischen Dissertation bei Prof. Kriegbaum, zweitbeurteilt von Prof. Kathrein, erforscht Herr Müller die Katholische Aufklä­rung im Fürstbistum Fulda, speziell „Wandel und Kontinuität des kirchlichen Lebens unter Fürstbischof Heinrich von Bibra (1759 B 1788)A. „Das Aufkommen einer neuen und für die Zukunft prägenden Seelsorgekonzeption wird ebenso deutlich wie die vielfachen Widerstände der Gläubigen gegen die projektierten ReformenA, schreibt der Autor in seiner Zusammenfas­sung.

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Auch heute wäre eine einseitige Schuldzuweisung an die „böse" Wissensgesellschaft, welche sich der gesellschaftlichen Nützlichkeit der Theologie versperrt, viel zu kurzschlüssig. An­dreas Gröpl greift in seiner Diplomarbeit bei Prof. Leher auf das Menschenbild und die Mo­ralvorstellungen eines Denkers zurück, der in besonderer Weise den Brückenschlag zwischen der Befindlichkeit des heutigen Menschen und einem Verständnis von Moral leisten kann, die dem heutigen Menschen etwas zu sagen hat: Es ist der Theologe Eugen Biser.

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Vielleicht bilden Christliche Philosophie und Theologie eine Art Biotop, in der jene visionäre Vorstellungskraft beheimatet ist, die das Ganze des Lebens und seiner Geschichte im Blick hat und mit dem Heute kreativ verbindet. Ein Biotop hält die Sehnsucht nach der natürlichen Vielfalt des Lebens trotz aller menschlichen Eingriffe wach. Es kann sowohl in einem ge­pflegten und doch künstlich angelegten Garten als auch in einer zerstörten Umwelt bestehen. Biotope stellen auch nicht den Anspruch, sich auf alle Gewässer ausbreiten zu wollen; und doch bergen sie die Erinnerung in sich, dass es mehr als alles Verfügbare geben kann. Das unverfügbare Leben wird durch sie deutlich repräsentiert.

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Ich hoffe, dass Sie aus dem Biotop der Christlichen Philosophie und Theologie Lebens- und Wissenskraft geschöpft haben und immer wieder schöpfen werden. Nach dem Konzept des lebenslangen Lernens, das die Bologna-Erklärung vehement vertritt, sind Sie mit ihrem Wis­senserwerb ja nicht fertig; er hat gerade erst richtig begonnen.

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In Ihrem Namen darf ich allen danken, die Sie in der Phase des Studiums verständnisvoll be­gleitet haben: Ihren PartnerInnen, Eltern, FreundInnen, KollegInnen und wer immer mit Ihnen in diesen Jahren den Weg gegangen ist. Im Biotop der Philosophie und Theologie dürfen wir vor allem aber auch jenem danken, der geheimnisvoll verborgen und doch dem Mensch ganz nahe, jede und jeden von uns mit seinem Geist beseelt und begabt.

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[1] Vgl. Niewiadomski, Józef, Extra media nulla salus. Zum religiösen Anspruch der Medienkultur, in: ders., Herbergsuche. Auf dem Weg zu einer christlichen Identität in der modernen Kultur. Thaur 1999, 149 B 166.

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