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Zukunft unserer Fakultät
(Statement des Dekans beim Hearing mit dem Rektorat zur Dekanewahl für den neuen Organisationsplan im Rahmen des UG 2002)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:Kaiser-Leopold-Saal am 30. Juni 2004
Datum:2004-07-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Als langjähriger Priester bin ich halt gewohnt in ritualisierten Kontexten aufzutreten. Mehr noch: der Priester ist gewohnt, die Bedeutung ritueller Ereignisse nicht von der Quantität der TeilnehmerInnen abzuleiten. Katholischerseits denkt man da in den Kategorien des ”opus operatum”: eines durch den rituellen Vollzugselbst wirksam werdenden Geschehens. Es ereignet sich halt das, was da rituell inszeniert wird. Und das, was da inszeniert wird, hat zuerst den Sinn in sich selber. Warum dieser Vorspann?

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Als “ehemaliger Dekan der alten Fakultät” wurde ich von der Professorenkurie als einziger Kandidat - und dies ohne eine Gegenstimme - für den Hearing zur Bestellung des Dekans im neuen Organisationsplan vorgeschlagen. Der pragmatisch denkende Zeitgenosse würde einen solchen Auftritt vielleich für unnötig befinden und die Veranstaltung gar belächeln. Und dies umso mehr, als die Vorgeschichte dieses kurzes Dekanats in der Zeit des Übergangs von deutlichen Zeichen geprägt ist. Aufgrund der emsigen Reformarbeit des verstorbenen Dekans Raymund Schager SJ hat die Fakultät als einzige Subeinheit der Universität ihre vom UG 2002 vorgesehenen Aufgaben noch vor dem Amtsantritt des neuen Rektors in Angriff genommen. Noch vor dem Hearing der Kandidaten zum Amt des Rektors im letzten Jahr wurden an unserer Fakultät erste Diskusionen über die Dekansfrage geführt. Das bewährte Modell einer kooperativen Fakultätsleitung (wie dies bei uns im UOG 93 verwirklicht wurde, als die beiden Kandidaten für das Amt des Dekans und Studiendekans gemeinsam ein Positionspapier zur Diskussion und zur Entscheidung stellten) sollte auch diesmal zur Anwendung kommen. Die Diskussion in den Kurien und in der Fakultätsöffentlichkeit brachte schon vor einem Jahr zwei Kandidaten ans Tageslicht, die auch Rektor Gantner zur Entscheidung vorgeschlagen wurden. Ich selber bin damals mit einem ungeheueren Optimismus in die Auseinandersetzung gegangen. Die Autonomierhetorik von der das UG 2002 geprägt ist, beflügelte meine Phantasie. Ich vertraute fest, dass der Elan der Reform, die wir im Kontext von UOG 93 vollbracht haben, uns im universitären Reigen nicht nur einen Vertrauensvorschuss und auch Lob bringt, sondern dass sie auch in den weiteren Reformen hochschulpolitischer Art Anerkennung findet. Das größte Problem sah ich damals in der Rekrutierung von studierenden und dem Ausbau der Internationalität. Das halbe Jahr im Amt hat meine Euphorie ein bisschen gedämpft. Heute sehe ich deutlicher als damals die “Sachzwänge”

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Nun stehe ich im Rahmen der hearings vor Ihnen und könnte mich fragen: Welchen Sinn dieser mein Aufritt hat. Wie gesagt: der pragmatische Zeitgenosse würde den Auftritt für unnötig erachten. Katholischer Theologe kann guten Gewissens darin einen Ritus sehen: eine Ritus in dem sich die ganze Fakultät noch einmal vor dem Rektorenteam gegenwärtig setzt. An einem Übergang, vielleicht dem entscheidenden Übergang der Nachkriegsgeschichte. Zu Beginn dieser Zeitperiode wurde ja diese Fakultät wieder errichtet. Nachdem sie von den Nazis aufgehoben wurde. Wofür stehe ich also da?

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Für eine Fakultät, die in Österreich ihrer zweiten sucht. Es ist eine Fakultät mit dem unverwechselbaren Profil, mit einem hohen, teilweise überdurchschnittlichen Niveau und mit einem hochschulpolitisch relevanten Innovationsbonus. Schlussendlich ist es eine Fakultät, die von einer einmaligen Atmosphäre getragen wird, einem einmaligen Klima des Umgang miteinander: unter den Studierenden und Lehrenden und unter den MitarbeiterInnen. Diese Einmaligkeit gilt es zu schützen. Auch das ist eine wichtige Aufgabe des zukünftigen Dekans. Wenn es ihm gelingt, die Einmaligkeit auszubauen, dann: umso besser. Nun ein paar altebekannte Details.

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Sie hat zuerst das unverwechselbare Profil an der Universität Innsbruck im Kontext anderer Subeinheiten. Und zwar durch die Konkordatsbindung. Ich verstehe darunter viel mehr dar, als bloß einen “Paragraph”, an dem die Universtitätsleitung momentan nicht vorbei kommt. Es ist ein klares Bekenntnis weltanschaulicher Art. Und dieses Bekenntnis verstört die akademische Landschaft. Es ist ein Stolperstein. Er kann aber auch zum Eckstein werden für eine akademische Kultur, die ihren Standpunkt bewusst offenlegt und auch kritisch verteidigt. Gerade in Zeiten “der sich selbst steuernden Prozesse” können solche Bindungen von einem ungeheueren Wert für Rettung überkommener Werte sein. Die Aufhebung konfessioneller Fakultäten durch totalitäre Regime (in unserem Fall durch die Nazis) kommt nicht von ungefähr. Die Kritik an der Theologischen Fakultät müßte sich zuerst deswegen an jenen Maßstäben orientieren, die von ihrem normativen Horizonten normiert werden. Aus diesem Grund wird der Dekan der Theologischen Fakultät im Hinblick auf das profil seiner Verantwortung sich doch stückweise von anderen Dekanen unterscheiden. Er hat - so meine Sicht - den weltanschaulichen Standpunkt seiner Fakultät gegenüber dem Rektorat zu verteidigen und diesen auch von den MitarbeiterInnen einzufordern.

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Sie hat auch ein unverwechselbares Profil unter den Theologischen Fakultäten in Österreich, teilweise auch im deutschen Sprachraum. Schon immer war Innsbruck ein überregionales Zentrum für theologische Ausbildung und Forschung. Die Namen Karl und Hugo Rahner, Andreas Jungmann, Herlinde Pissarek-Hudelist, Emerich Coreth und Raymund Schwager sollen immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Immer und immer wieder soll auch erwähnt werden, dass unter unseren Studierenden an die 40 % aus dem Ausland kommen: aus Afrika, Amerika und Asien, aus den alten und neune Ländern der EU und nicht nur.

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Soll die Autonomierhetorik des UG 2002 noch irgendeinen Sinn haben, so kann die politisch angezielte Schärfung der Profile einzelner Universitäten, die Förderung der Schwerpunkte und der Ruf nach “Exzellenzzentren” diese Tatsache unmöglich übersehen. Für die Theologische Fakultät zeichnet sich aber im deutschen Sprachraum eine verhängnisvolle Entwicklung ab: die vielen Fakultäten könnten auf ein “Überlebensminimum” zurechtgestutzt werden. Auf dass sie eine Ausbildung gemäß dem Konkordat gerade noch leisten können. Damit würde die vom UG 2002 vorgesehene Profilierung völlig unter den Tisch fallen. Als “ehemaliger Dekan einer alten Fakultät” möchte ich das Rektorenteam doch daran erinnern, dass diese Profilierungslogik auch für unseren Bereich gilt. Man kann ja nicht übersehen, dass wir in den letzten Jahren gezielte Anstrengungen unternommen haben um unsere Forschungsaktivitäten zu fokussieren und sie noch stärker mit den gegenwärtigen kulturpolitischen und gesellschaftsrelevanten Interessen zu verbinden. Drei Forschungsschwerpunkte unterscheiden uns von den anderen theologischen Fakultäten in Österreich. Im philosophischen Bereich: Naturalismus und Christliches Menschenbild (neuerdings mit den zwei FWF-Projekten angereichert), im systematisch-praktischen Kontext: Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung (ein Schwerpunkt, das “zur Lokomotive” eines möglichen universitären Schwerpunktes: “Weltordnung, Religion, Gewalt” wurde), im historisch-biblischen Bereich: Kirche und Synagoge.

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Man darf auch nicht übersehen, dass diese Fakultät eine innovative Rolle in der Gestaltung theologischer Lehre im ganzen deutschen Sprachraum spielt. Unsere Studienreform kann als “Lokomotive” zur Umsetzung des Bologna-Prozesses an den Theologischen Fakultäten bewertet werden. Auch diese Reform würde ich nicht nur rein formal beurteilen, sondern im Kontext der gesamtgesellschaftlichen Bildungsprozessen. Ich glaube an die Zukunftsträchtigkeit theologischer und philosophischer Studien. Der Bedarf nach Orientierungswissen wird nicht kleiner werden. Im Gegenteil: Wer weiß, ob nicht ein theologisches Bakkalaureat und das Studium einer weltanschaulich klar deklarierten Philosophie (wie dies bei unserer philosophischen Studienrichtung der Fall ist) nicht zunehmend die Funktion eines Studium generale übernehmen wird.

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Ich stehe also hier für eine Fakultät, die in ihrer Zusammensetzung, ihrem Selbstverständnis und auch ihrem Leistungsprofil doch einmalig ist, die bemüht ist den Übergang möglich kreativ zu gestalten und bin trotzdem nicht ganz “glücklich”, sondern eher Angst- und Sorgenerfüllt. Die Aufgabe des neuen Dekans wird vor allem die Umsetzung des Entwicklungsplanes der Universität sein. Und meine Ängste betreffen vor allem diesen Entwicklungsplan und auch die in der Universität der Zukunft geltenden Regeln beim akademischen Wettkampf. “Autonomie der Universität” in den alten Zeiten hatte etwas zu tun mit Respekt vor der Gleichwertigkeit anderer Wissenschaften. Autonomie heute: wird immer mehr zum Sinnbild für harte Konkurrenz- und Verteilungskämpfe. In diesen Kämpfen sind aber im Uni-Alltag längst nicht alle Wissenschaften gleichwertig. Und wir selber haben uns die gesamtgesellschaftlichen Bewertungskriterien angeeignet. Es gibt also “starke” und “schwache” Wissenschaften und dies nicht deswegen, weil die einen gut, die anderen aber schlecht sind. “Stärke” und “Schwäche” sind ja zum Teil Ergebnisse gesamtgesellschaftlicher Konkurrenzprozesse. Die political corectness unserer Zeit kennt alle möglichen paragraphen zum Schutz von Minderheiten. Sie versteht dies keineswegs als Privilegien, sondern als Hilfe zur Chancengleichheit. Mein Wunsch an den Uni-Entwicklungsplan wäre, dass man den Minderheitenschutz (für “schwache” Wissenschaften) an wissenschaftspolitisch relevanten Stellen einbaut. Eine Gesellschaft, die ihre Minderheiten nicht schützt wird ja zunehmend inhuman.

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