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Von der Macht der Zeichen
(Gedanken zum Fronleichnamsfest 2004 (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Worum geht es eigentlich an diesem so "katholischen" Fest?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-06-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Gen 14,18-20) 1 Kor 11,23-26; Lk 9,11b-17

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 Liebe Gläubige,

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worum geht es eigentlich an diesem Fronleichnamsfest? Geht es um schöne Umzüge und Folklore? Geht es um ein Statement des Katholisch-Seins gegen die Protestanten? Worum geht es?

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Eines ist klar: Es geht um das Sakrament der Eucharistie, um die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi in den Zeichen von Brot und Wein. Oder anders gesagt: es geht darum, wer Jesus Christus für uns ist und wie er es für uns ist.

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Auf das erstere antworten uns die beiden heutigen Bibeltexte: Im Evangelium zeigt sich Jesus als derjenige, der wider alle Erwartung und alle normalen Annahmen den Menschen Nahrung gibt. Er tritt ihnen entgegen in der Kraft dessen, zu dem wir beten „unser tägliches Brot gib uns heute" und er gibt nicht nur trockenes Brot, sondern dazu Fisch und beides im Überfluss. Anders gesagt: er gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen in Hülle und Fülle, wenn wir uns nur auf ihn verlassen, und ihm das auch und gerade dann zutrauen, wenn es völlig unmöglich scheint – so wie es völlig unmöglich schien 5000 Männer mit ihren Frauen und Kindern zu verköstigen. Das ist das eine, aber das ist noch bei Weitem nicht alles.

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In der Lesung hat Paulus uns über das letzte Abendmahl berichtet. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil Paulus bei diesem Ereignis ja gar nicht anwesend war. Dennoch ist es ihm so wichtig, dass er davon erzählt und sogar betont, er habe dies vom Herrn selbst. Es handelt sich dabei also um etwas ganz Zentrales. Denn in diesen Worten, die in jeder Eucharistiefeier erneut über Brot und Wein gesprochen werden, gibt Jesus nicht nur irgendeine Nahrung, sondern er gibt sich selbst als Speise und Nahrung; und er gibt sich denen, die ihn in Kürze verraten und verleugnen werden (wir vergessen gerne, dass beim letzten Abendmahl nach den Evangelien auch Judas, der Verräter, noch anwesend war). Jesus hat damit im Voraus seinen Tod symbolisch verwandelt von einem Gewaltakt der Menschen gegen ihn in ein Geschenk seines Lebens an eben jene gewalttätigen Menschen. Er ernährt nicht nur gutwillige Familien, die zu seinen Füßen sitzen, um ihm brav zuzuhören. Er gibt sich selbst jenen zur Nahrung, die ihn am liebsten zerfleischen würden, um ihn zu vernichten. Er lässt dies zu und verwandelt selbst das noch einmal in liebende Hingabe, die den Gegnern neues Leben zur Umkehr schenkt.

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All dies wird gegenwärtig in den Zeichen von Brot und Wein, wenn sie in der Kraft des Heiligen Geistes verwandelt werden zu Leib und Blut Christi. Und doch: Wenn ich sage „in den Zeichen", wenn ich sage „symbolisch", drängt sich da dem modernen Zeitgenossen nicht ein Wort davor, das kleine Wörtchen „nur", so dass daraus wird: es ist ja „nur symbolisch" und eben nicht wirklich? Das heutige Fest feiert aber nun gerade, dass es Zeichen, Symbole, gibt, die nicht nur auf eine Wirklichkeit hinweisen, sondern die diese Wirklichkeit herstellen.

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Wir kennen solche Zeichen aus unserem ganz alltäglichen Leben: Die Liebe zwischen Menschen kann sich auf ganz verschiedene Weise ausdrücken: durch freundliche Worte, durch Umarmungen und Küsse, durch Hilfsbereitschaft in schweren Zeiten, im völligen Einander-Schenken der sexuellen Vereinigung. Die Liebe ist nicht von einer bestimmten dieser Ausdrucksweisen, einem bestimmten dieser ihrer Zeichen abhängig. Aber stellen Sie sich einmal vor, jemand würde behaupten, er liebe Sie, und würde kein einziges dieser Zeichen setzen. Diese Liebe wäre für Sie nicht existent, sie wäre nicht erfahrbar, sie bestünde eigentlich nicht. Wenn Sie der liebende Mensch aber in den Arm nimmt und hält, so wird die Liebe fühlbar, erlebbar, sie konkretisiert sich so in diesem äußeren Zeichen, dass sie erst durch dieses wirklich ist. Diese Umarmung ist nicht nur ein Zeichen, sie ist ein Zeichen, das das, was es sagen will – „ich mag dich" – erst Realität werden lässt. Die Theologen nennen so etwas deshalb ein „Realsymbol".

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Allerdings: Wir Menschen lügen oft oder wir missbrauchen die Zeichen der Zuneigung gar. Eine gewaltsame Umarmung gegen meinen Willen ist kein Zeichen der Liebe, sondern des Herrschafts- und Besitzstrebens. Ein Kuss kann so verlogen sein wie der Kuss des Judas – und selbst die innige sexuelle Vereinigung kann man für Geld kaufen, so dass sie nichts mehr mit Liebe zu tun hat, obwohl sie das noch immer vorgaukelt.

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Und so zeigt sich die Ähnlichkeit und der Unterschied zwischen unseren alltäglichen Realsymbolen und den bestimmten Realsymbolen, die wir Sakramente nennen. Auch bei den Sakramenten gibt es ein Zeichen, das nicht nur äußerlich etwas behauptet, sondern die gemeinte Wirklichkeit erst wirklich werden lässt durch das Zeichen: das Zeichen von Brot und Wein ist wirklich die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen Jesus, der uns nährt für das ewige Leben und der uns gegenübertritt als der Vergebende. Doch bei Jesus gibt es keine Lüge, keinen Betrug und keinen Missbrauch. Wie sollte einer seine Nähe mit Gewalt aufdrängen, der doch kommt als ein von menschlicher Gewalt Zerstörter, den die Kraft Gottes wiederhergestellt hat? Und wie sollte der uns etwas vorgaukeln, von dem gilt: „ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"?

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Das Fest Fronleichnam feiert dies: die leibhaftige, real-symbolische Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen, des von Menschen Vernichteten und von Gott Wiederhergestellten, der freiwillig diese Vernichtung auf sich nahm, um sie von innen zu unterwandern und sich nun uns – den Sündern und Sünderinnen – zu schenken, um uns wirklich, real zu verwandeln und uns Nahrung zu sein für unser Heil. Und dadurch macht er auch uns zu Zeichen, die die Wirklichkeit verändern können, zu Zeichen, die die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen und die friedliche Gemeinschaft unter den Menschen Wirklichkeit werden lassen können und sollen. Dieses Zeichen heißt Kirche. Die Eucharistie macht uns zur Kirche Christi. Wo immer ein Priester dieser Kirche nach ihrem Willen Eucharistie feiert, geschieht diese Verwandlung wirklich. Das einzige, was ihre Kraft mindern und ihre Durchsetzung hindern kann, ist unsere Zurückweisung des Geschenks, so wie wir ja auch eine ehrlich gemeinte, liebevolle Umarmung zurückweisen können. An uns ist es, diese Umarmung, ja diese totale Hingabe Jesu an uns anzunehmen, zu erwidern und weiterzuschenken.

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Beten wir um den Beistand des Heiligen Geistes, dass wir dies tun können.

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