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Mit Gott im Nacken
(Die große Außenseiterin Katharina von Siena)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt beim Fakultätsgottesdienst im Canisianum am 29. April 2004
Datum:2004-05-03

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Im Grunde sprach gar nichts dafür, dass sie es schafft. So einzigartig zu werden. Patronin Italiens, Schutzpatronin Europas, gar Kirchenlehrerin. Wenn das nicht eine steile Kariere ist!

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Geboren als 24. Kind in einer Färberfamilie. “Um Gottes willen!” - wird der moderne Mensch sagen, und gleich mit der Erklärung nachhelfen, dass das vermutlich der entscheidende Grund sei, warum sie es abgelehnt hat, schon mit zwölf zu heiraten und dann gar gegen den Willen der Familie sich an die Dominikaner zu binden. Dies allerdings, damit sie vagabundieren kann. Mit Freundinnen und Freunde durch die Gegend wandern, verunsichern, herausfordern, provozieren, vieles in Frage stellen. War das der Grund, dass man sie vor Gericht stellte? Das Generalkapitel der Dominikaner sollte entscheiden, ob der Lebensweg der herumstreuenden Bußschwester rechtens ist. Und dies in einer Zeit, die alles andere als sicher war: für die Außenseiter. Dass sie damals frei gekommen ist, grenzt an ein Wunder. An ein größeres Wunder, als alle andere Zeichen, die heute mit ihrer Person verbunden werden. Ein Jahr nach ihrer Geburt bricht ja die große Pestepidemie aus. Sie halbiert die Bevölkerung Europas. Weil Menschen erkrankten und elendlich verendeten. Aber auch weil die Epidemie Ängste schürte, Ängste, die nach einem Ventil suchten . Ängste, die im Gewaltrausch ertränkt wurden. Ängste, die in der Jagd auf Sündenböcke mündeten, zur Dämonisierung von Außenseitern führten, zur Dämonisierung von Frauen... Dass sie damals frei gekommen ist, stellt das größte Wunder ihrer Lebensgeschichte.

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“Europa”: das damalige Europa wurde vom Satan zur Kasse gebeten. Und das Zoll, das man da dem großen Ankläger - dem Satan - zahlte, das Blutzoll war gewaltig. “War das der Grund” - wird der moderne Mensch fragen - “warum das Bild des Blutes, das Thema des Blutes die Phantasie dieser Frau so beherrschte?” Ihre letzten Worte sollten: “Sangue! Sangue!” gewesen sein. Ein Schrei, der gerade im italienischen eine eindeutige Assoziation nahe legt: Rache! Rache! Blut soll vergossen werden, damit gerächt wird, gesühnt wird! “Was tun?” - fragen sich oft verzweifelte Menschen - “wenn anstatt befriedender Ordnung, sich überall bloß Chaos verbreitet. Wenn Mafia und mafiose Methoden die gerechten Richter verdrängt haben und der Teufelskreis der Korruption, der Eigenliebe, der Rivalität, schlussendlich der Teufelskreis der Gewalt, die Welt aus den Angeln zu heben droht?” Bürgerkriege standen nicht nur damals an der Tagesordnung. Und auch die Fähigkeit der Politiker, Frieden und Einheit zu stiften. Damals v.a. die Unfähigkeit, oder auch Unwilligkeit jener Politiker, die den Titel: “Pontifex maximus” - der Brückenbauer- trugen. Die Unfähigkeit der Päpste! “Hat sie also” - wird der moderne Mensch fragen - “im letzten Jahr ihres Lebens enttäuscht über ihr Leben, erschrocken über den Ausmaß von Katastrophen, ihr Vertrauen doch verloren und nur noch Rache gerufen?”

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Liebe Schwester und Brüder! Ein so unsicherer Alltag, wie der damalige - und der unsrige ist nicht weit davon entfernt - katapultiert Sonderlinge hinauf. Derselbe Alltag stürzt diese Sonderlinge auch hinunter: mit einer noch atemberaubender Geschwindigkeit! Die Logik vom Aufstieg und Fall. Jene, die nicht aufs Maul gefallen sind und jene, die aufgrund ihrer Randposition im Leben vielleicht mehr Durchblick haben als Menschen, die im Gewühl des Zentrums stehen, diese Menschen werden eben auf eine besondere Art und Weise von Gott oder vom Teufel geritten. Und sie bringen auch durch ihre Kritik - je nachdem, wer da ihnen im Nacken sitzt - entweder noch mehr Zerstörung, noch mehr Blut, oder aber Frieden, Versöhnung und Hoffnung in die Geschichte hinein.

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Wenn wir heute - am Vorabend einer großen europäischen Stunde - die Schutzpatronin Europas feiern, so bezeugen wir, dass in ihrem Nacken Gott gesessen ist. Dass also ihre Verweigerungen, ihr Lebensstil, ihre beißende Kritik nicht dem Nihilismus entsprungen sind, sondern Frucht göttlicher Heimsuchung waren. Sie war eine begnadete Außenseiterin. Damit aber auch eine Brückenbauerin!

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Sie war eine Brückenbauerin, die unterAusgrenzung von Menschen litt. Deswegen auch den Weg zu den Ausgegrenzten ging, Pestkranke pflegte, bis sie sich selber angesteckt hat. Sie war eine Brückenbauerin, die für die separatistischen Tendenzen, für Schisma, für Spaltungen nur Spott und Kritik übrig hatte. Den Kardinälen, die im Schisma die Fronten zum Gegenpapst wechselten schrieb sie: “Das Gift der Eigenliebe”, das die Welt vergiftet hat, sei schuld daran dass Europa - v.a. aber die Kirche - im Argen liegt. Und ihr Kardinäle? “Nicht duftende Blumen seid ihr, sondern Gestank. Denn die ganze Welt habt ihr verpestet!” Sie war schlussendlich eine Brückenbauerin, weil sie der Tatsache des tagtäglich vergossenen Blutes, dem Teufelskreis der Gewalt, die Hoffnung auf die erlösende Wirkung jenes Blutes entgegenstellte, das am Kreuz vergossen wurde und das durch die Liebe Gottes des Giftes beraubt wurde. Jenes Giftes, das dem vergossenen Blut normalerweise anhaftet: das Gift der Rache! Dieses Gift ist durch die Liebe Gottes zum heilenden Gift, zum Gegengift - geworden. Sie war also Brückenbauerin par excellence, weil sie durch ihr Leben Menschen integrierte, das Programm der Integration anstatt jenes der Spaltung verkündete, schlussendlich die Hoffnung auf Wandlung nie aufgab.

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Die Frau, die zur Schutzpatronin Europas wurde, kam aus den kleinen Verhältnissen. Sie blieb auch in den Augen dieser Welt klein. Ihr gilt auch die Logik des Matthäusevangeliums, die die Kleinen und Unmündigen preist, weil ihnen vieles geoffenbart wurde (vgl. Mt 11,25-27). Ihre Zeit war keineswegs leichter als die unsrige. Sie war ja schwerer! Diese Frau werde uns also zur Ermutigung für unseren brückenbauenden Einsatz. Für unser Zeugnis der Integration und der Wandlung.

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Übrigens: trotz allen Begnadenseins blieb sie auch eine Sünderin. Auch sie verfiel dem Wahn der Kreuzzüge und träumte gar davon, dass man die Andersgläubige - “diese Hunde”, wie sie sagte - nicht nur verjage...! Wir haben aber in der Lesung gehört: “Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns.” (1 Joh 1,8) Also auch die Sünderin Katharina kann uns zum Hoffnungszeichen werden. Zum Hoffnungszeichen für mich, dass ich - der Sünder Jozef - ein Brückenbauer sein kann. In Europa. In der Welt. In der Kirche. Weil Gott mir im Nacken sitzt. Darauf darf ich doch vertrauen! So etwas lernt man bei Katharina von Siena!

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