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Nur kitschige Peinlichkeiten unseres Gottes? Zur Leiblichkeit der Auferweckung
(Predigt zu Joh 21,1-19)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt in der Kapuzinerkirche (18-Uhr SJ Messe) am 25. April 2004
Datum:2004-04-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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“Also wirklich, banaler geht es kaum!” - wird der skeptische Zeitgenosse sagen. “Da wird davon berichtet, dass nach dem Tod Jesu, nach einem Sterben mit den Anzeichen der Gottverlassenheit, dass es da eine Auferweckung gegeben hat. Und der Auferweckte steht am Ufer und hat nichts vernünftigeres zu sagen, als: ‘Habt ihr nicht etwas zu essen?’ Banal und alltäglich. Und absurd noch dazu. Wie kann einer nach dem Tod noch essen? Von Verdauung schon ganz zu schweigen. Das ist doch ein noch größeres Wunder als die Auferweckung selbst. Und dann diese Inszenierung: Kohlenfeuer mit Brot und Fischen. Fast schon sentimental. Peinlich und kitschig!”

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Gewohnt alles in Frage zu stellen, die Glaubenslogik ins Lächerliche zu ziehen, zerreißen die Skeptiker und Zyniker seit eh und je die Erzählungen vom Erscheinen des Auferstandenen. Auch wenn Gott den Zynikern, den Spöttern und den Skeptikern in ihrem Leben “Wurst zu sein” scheint, vermissen sie plötzlich an diesen Berichten die Tiefe und den mystischen Schleier, von denen die religiösen Texte sonst geprägt sind. Auch den Theologen ist die Konkretheit oft peinlich. Nicht WAS da erzählt wird, sei wichtig, sagen viele von ihnen, sondern nur DASS es erzählt wird. Nicht WIE er nach seiner Auferweckung lebt, sondern DASS er lebt. Einzig und allein das zählt! Alles andere sei doch unwichtig - so manche theologische Theorien.

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Der leiblich auferweckte Christus, Christus, der nach seiner Auferweckung mit den Jüngern gegessen und getrunken hat, dieser Christus verflüchtigt sich oft - selbst in der Theologie. Sein Bild wird dort blass und nichtssagende. Es bleibt oft eben nur beim inhaltsleeren Satz: “Es ging halt weiter, so wie es mit uns irgendwie weitergehen wird”.

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Eine solche Strategie scheint aber die Zyniker und die Skeptiker bloß zu bestätigen. So ganz frei nach dem Motto: “Nicht einmal die Theologen sind fähig, die peinliche Konkretheit auszuhalten. Sie fliehen in Abstraktheiten, geben damit aber doch selber zu, dass es nicht so heiß gegessen wird, wie gekocht. Was aus der ganzen Geschichte halt bleibt, ist bloß eine vage Vermutung, dass es mit dem Tod nicht alles aus ist. Mehr nichts! Also weiterhin schön skeptisch und zynisch bleiben!”

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Liebe Schwestern und Brüder! Indem wir die Konkretheit der Bilder des Glaubens fallen lassen, berauben wir uns dessen Qualität. Der Qualität des Glaubens. Das wussten schon alle religiösen Erneuerer. Und sie haben ihre Erneuerungsbewegungen mit Hilfe von ganz konkreten Bildern begonnen. Meines Wissens hat es noch nie eine religiöse Erneuerungsbewegung gegeben, die vornehmlich durch Theorien motiviert wurde.

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Es scheint halt so zu sein, dass Gott selber für die Peinlichkeit, für den Kitsch und auch für die Banalität der Ausdrucksformen seiner Präsenz in der Welt verantwortlich ist. Er selber verantwortet die Tatsache, dass die Kommunikation mit den Menschen AUCH dem Fleische nach geschieht. Und nicht nur im Geist, wie dies Jesus halt der samaritanischen Frau einschärfen wollte, als er davon sprach, dass man Gott im Geist und in der Wahrheit anbetet. Wollte Jesus durch solche Hinweise etwa Munition den Skeptiker der Konkretheit liefern? Sollte dies der Fall sein - was ich nicht glaube - dann hätte er mit einem mächtigen Polemiker zu tun bekommen. Den ehrwürdigen Patriarchen Abraham aus dem Alten Testament.

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“Ja!” - würde der alte Vater Abraham sagen - “ Hör mal Jesus! Kamen da nicht einmal drei Wanderer zu mir und zu meiner Frau Sarah? Haben wir da nicht miteinander gegessen und getrunken? ... und gerade als wir aßen und tranken..., gemeinsam aßen und tranken, gerade da ist uns der Segen Gottes zur Wirklichkeit geworden. Seine Segenspendende Gegenwart. Und Du? Bist Du nicht selber zur Hochzeit nach Kana hin? Wozu bist Du da gegangen? Doch nur um zu feiern, zu essen und zu trinken und das gewaltige Geschenkt zu bringen: die 600 Liter Wein! Von wegen ‘Gott anbeten im Geist’. Im Weingeist vielleicht!” Und der Stammvater Abraham, der vieles vom “Leben im Fleisch“ verstanden hat und auch von sinnlicher Freude, würde fortsetzen: “Hast nicht Du selber mit Freund und Feind gegessen und getrunken, mit Wohlangesehenen Bürgern der Stadt und Huren und Außenseitern..? Gerade Du hast uns doch eingehämmert, dass wenn es einen Himmel gibt, dann hat dieser Himmel etwas mit einem Mahl zu tun. Und in den allerletzen Stunden vor Deiner Passion? Was hast Du getan mit deinen Jüngern? Gegessen und Getrunken! Geist und Wahrheit: schön und gut. Doch zuerst kommt der Alltag mit seiner Konkretheit, oft auch mit seiner Banalität.

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Es ist also ganz schön logisch” - würde der ehrwürdige Vater Abraham sagen - “wenn der Vater Dich nach der Auferweckung nicht nur mit einer tiefen Versöhnungsbotschaft zu den Menschen schickt, mit dem Wort des Friedens und auch nicht nur mit dem mystischen Flair und Schleier. Das können die modernen Menschen nämlich gut leiden. Es ist gut, wenn der Vater Dich schickt, damit Du mit den Menschen isst und trinkst. Es ist ja gut, wenn er auf diese widersinnige Art und Weise Menschen herausfordert.”

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Banal und lächerlich und peinlich kann nämlich die Szene aus dem Johannesevangelium (Joh 21,1-19) nur jenen Menschen werden, die schon in ihrem ganz stinknormalen Alltag sich mit Essen und Trinken schwer tun. Weil sie “das Geheimnis des Lebens” - gerade im Hinblick auf die Leiblichkeit - bloß auf die Nahrungsaufnahme reduzieren: auf eine mechanische Angelegenheit vom Stoffwechsel, tun sie sich mit dem Vertrauen auf einen Gott, der stärker ist als der Tod schwer. Die reduktionistische Logik ihrer Argumentation ist eigentlich zersetzend. “Die Akte des Wollens, die Akte des Erkennens, der Vollzug der geistigen Substanz der Seele nach dem Tod: das geht noch mit Ach und Krach. Aber der Leib? Der misshandelte, der zerschundene Leib? Leib zerfressen durch Krebs und andere Krankheiten. Leib, dem unbarmherzigen Gesetz des Stoffwechsels unterworfen, deswegen auch sterblich und vergänglich? Alles! Nur - bitte - nicht das!”

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Wenn Gott aber nicht stärker ist als aller Stoffwechsel, was ist denn das für ein Gott? So paradox es klingen mag: in der widersinnigen Aussage, dass der Auferweckte gegessen und getrunken hat, finden wir die eigentlich Sinnspitze des Bekenntnisses zur Macht und zur Gottheit Gottes. Er ist doch mächtiger als Stoffwechsel. Es ist ja für uns alle überraschend, sich dies einmal zu vergegenwärtigen, dass wir zwar eine mächtige Entwicklung der Bilder von Gott haben, atemberaubende Korrekturen der Bilder vom Zorn und Liebe Gottes, vom Gott, der töten und der lebendig machen kann. Dass aber die Logik der Erzählungen vom Essen und Trinken in der Gegenwart Gottes sich durchhält: vom Alten bis ins Neue Testament. Und dass bei aller Berechtigung der Logik vom “totius alius” (ganz anders), dem Einwurf, dass die Ewigkeit ganz anders sein wird als die Zeit, eine Aussagenreihe nicht vom Plan weicht. Die Aussagen vom miteinander essen und trinken, die Beschreibung dessen, was uns allen ein bestens vertrauter Lebensvollzug ist, bürgt für die Lebendigkeit des Leibes in Ewigkeit.

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Lass uns also miteinander essen und trinken! Denn: “morgen sind wir tot” - sagt der Zyniker. “Nein!” - sagen wir. “Lass uns essen und trinken, denn unser Essen und Trinken werden in Gott vollenden! Im Gott des Lebens. Im Liebhaber des Lebens. Um nicht gleich zu sagen: Im Genießer des Lebens! Es gibt ja im Grunde nur einen einzigen “Bon vivant” in der Geschichte. Den lieben Herrgott.

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Und das die Feier, die wir jetzt feiern auch etwas mit essen und trinken zu tun hat, ist doch so klar und sicher, wie das Amen in der Kirche.

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