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Die Masken, die wir tragen
(Predigt zum Faschingssonntag, 8. Sonntag im JK 2001 (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Fasching ist die Zeit der Masken. Aber tragen wir nicht immer Masken – und ist das nicht eher Anlass zum traurig sein? Wie vor Gott umgehen mit den Dingen, die wir gerne hinter den Masken verbergen? Ein Bild von Sieger Köder und das Evangelium vom Balken im Auge helfen bei der Suche nach einer Antwort.
Publiziert in:Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2008-04-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Sir 27,4-7); 1 Kor 15,54-58; Lk 6,39-45 Liebe Gläubige,

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betrachten Sie mit mir kurz dieses Bild von Sieger Köder.

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Passt es nicht gut auf den heutigen Faschingssonntag? Schließlich ist die Zeit der Narren und Masken und dieses Bild zeigt einen Clown mit seiner Maske.

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Aber wenn wir etwas genauer schauen, dann werden wir stutzig. Der Clown hat seine fröhliche Maske nach hinten gekehrt und sein wirkliches Gesicht ist eher traurig. Der Stapel Bücher, auf dem er sitzt, ist eine düstere, dunkle Masse. Und sein trauriger Blick geht auf den armseligen Rest einer Rose, die längst ihre Blätter verloren hat. Sie liegen am Boden zerstreut, man kann zwar ihr rot noch sehen, doch bald wird auch das verblasst sein. So stiert der Mensch traurig vor sich hin, während sein Clownsgesicht nach hinten lacht, und das Gummiband, das es hält, ihm die Nase eindrückt, ihm vielleicht die Luft abschnürt. Der Titel des Bildes ist: »Der Mund kann lachen, wenn das Herz auch traurig ist (Spr 14)«. Ist das wirklich ein Bild für den Faschingssonntag?

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Ich muss zugeben, da habe ich meine Zweifel. Ich denke aber, es kann ein Bild sein für unseren Alltag, wie er häufig aussieht. Müssen wir da nicht ständig gute Miene zum bösen Spiel machen, müssen wir nicht lachen und gut drauf sein, egal wie uns zumute ist? Wie ist es denn mit dem so leicht dahin gesagten: „Und wie geht's denn so?" Wäre nicht so mancher überrascht, wenn man eine ehrliche Antwort gäbe und sage würde: „nicht so besonders; ich habe viel Kummer"? Und so leben wir oft so dahin, tragen unsere Maske, die lacht, und sitzen dabei auf einem dunklen Stapel von Sorgen und Pflichten, denken an etwas Schönes, das wir meinen längst verloren oder noch gar nicht gefunden zu haben, und haben das Gefühl, dass uns irgendetwas die Luft abschnürt, und wir kommen dabei gar nicht auf die Idee, dass es gerade die Maske sein könnte, die wir tragen, die das bewirkt. Warum ist das eigentlich so?

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Eine Antwort gibt uns wohl das heutige Evangelium: wir sind es gewohnt, die Splitter in den Augen unserer Mitmenschen zu sehen, aber wir wollen gleichzeitig nicht, dass man unsere Balken sieht. Und darum brauchen wir die Masken, um diese zu verstecken. Das Dumme ist nur: Wenn wir die großen und kleinen Fehler unserer Mitmenschen doch so leicht entdecken, wieso kommen wir auf die Idee, wir könnten unsere eigenen verbergen? Vielleicht ist der wahre Grund für das Maskentragen gar nicht, dass wir sie vor den anderen verbergen wollen, sondern dass wir sie vor uns selbst verstecken, weil wir sie nicht sehen wollen. Wenn das allerdings so wäre, dann tun wir das gar nicht in erster Linie aufgrund äußeren Drucks, dann tun wir das vor allem aus eigenem Antrieb, weil wir selber den vermeintlichen Nutzen daraus ziehen: wir haben dann ein positives Selbstbild: ich bin fröhlich, ich bin nett, ich bin friedlich, ich bin klug, ich bin ehrlich, ich bin politisch korrekt und was auch immer für jeden und jede für uns ein wichtiges Element des Selbstbildes sein mag. Ich selber wäre wohl der, der am meisten darunter leiden würde, wenn er dieses Selbstbild nicht mehr hätte. Die anderen durchschauen meine Maske doch viel eher als ich selber. Und selbst dort, wo die anderen mich nicht durchschauen, kann ich mir selber meine Balken oft nicht eingestehen. Ist das nicht der beste Hinweis darauf, dass ich in erster Linie die Maske nicht der anderen wegen sondern meinetwegen brauche?

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Und so sind wir wie Blinde, die einander führen wollen: blind für die eigenen Fehler und doch hellsichtig für die der anderen. Wenn man aber für die eigenen blind ist, wie kann man dann den anderen bei ihren wirklich behilflich sein? Man ist dann höchstens durch sie genervt und möchte sie mit Mitteln besser machen, die nur die eigenen Fehler widerspiegeln. Und so ist Jesu Empfehlung: Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du deinem Bruder oder deiner Schwester wirklich behilflich sein mit ihren eigenen dunkeln Seiten. Nun ist das mit dem Balken und dem Splitter ja ein schönes Bild, das uns sagt: bei dir selber ist – jedenfalls, was deine Aufgabe angeht – wesentlich mehr zu tun als bei deinen Nächsten; aber wie macht man das konkret, den Balken aus seinem Auge ziehen?

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Da kann uns der Clown auf dem Bild wohl helfen. Er hat nämlich den ersten Schritt schon gemacht: er hat die Maske vom Gesicht genommen. Er hat sie noch nicht ganz abgenommen, aber immerhin schon vom Gesicht, nicht vor anderen Menschen sondern vor sich selbst. Und er blickt auf die abgefallene Rose, auf das einzige außer ihm auf dem Bild, das noch lebendig ist. Zugegebenerweise in einem armseligen, ramponierten Zustand, aber noch lebendig. Vielleicht ist sie ja gerade ein Bild für ihn selbst: vielleicht ist er – ohne Maske – ziemlich armselig und ramponiert, aber er ist doch noch lebendig. Und er hat den Mut diese eigene Armseligkeit anzuschauen, die Maske davon abzunehmen. Das ist ein Anfang, wenn es darum geht, den Balken aus seinem Auge zu ziehen.

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Bereits dieser Anfang ist nur möglich, wenn wir den Glauben haben, dass wir vor Gott solche Masken nicht brauchen. Der Glaube, dass Gott uns mit liebenden Augen sieht, mit all unseren Balken und Splittern, einer, der selber einen klaren Blick hat, ungetrübt uns anschaut und uns unabhängig von unseren Balken und Splittern einfach liebt, dieser Glaube kann uns die Kraft geben, uns selber ohne Maske zu sehen; und das auch auszuhalten. Und das ist wohl alles, was wir tun können: uns so ehrlich wie möglich wie wir sind zu sehen und uns in Gottes Hand zu geben.

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