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Der Leib Christi und die Krise in Korint
(Paulus über die Gemeinde am Tisch des Herrn)

Autor:Repschinski Boris
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Für Paulus bedeutet die Feier der Eucharistie, dass die Gemeinde im Brechen des Brotes feiert, was sie selbst ist: Leib des Herr
Publiziert in:An unsere Freunde 54,1 (2003) 2-4
Datum:2004-04-01

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Seitdem Menschen zusammenkommen, um sich gegenseitig vom Leben und Leiden, vom Sterben und von der Auferstehung Jesu zu erzählen, gibt es zwei Rituale, die sie immer wieder benutzen, und die wohl auf Jesus selbst zurückgehen. Sie geben der Hoffnung Ausdruck, dass Jesus eines Tages im Glanz des Vaters wiederkehren wird. Das erste Ritual ist die Taufe. In ihr wird ein einzelner Mensch in die Gemeinschaft der Glaubenden aufgenommen. Das zweite ist die Feier des Herrenmahles. In ihm feiert die Gemeinschaft die heilende und versöhnende Gegenwart des Auferstandenen. Beide Rituale sind so selbstverständlich, dass im Neuen Testament nie erklärt wird, was denn nun genau dort geschieht. Die Diskussion um Sakramente, oder um die genaue Art und Weise der Gegenwart Christi in Taufe oder Eucharistie, um Transsubstantiation oder Kommemoration, blieb nachfolgenden Generationen überlassen und trennt heute noch die Konfessionen. Auch der Name „Eucharistie" für diese Feier ist nicht im NT belegt. Hier ist es ganz einfach der „Tisch des Herrn" (1 Kor 10,21) oder das „Herrenmahl" (1 Kor 11,20).

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Etwa 25 Jahre nach dem Tod Jesu schreibt Paulus an die Gemeinde von Korinth einen Brief. Paulus hatte die Gemeinde gegründet, aber nach seiner Abreise war es bald zu Problemen gekommen. Seltsame Bräuche hatten sich eingeschlichen, vielleicht hatten einige in der jungen Christengemeinde Paulus auch einfach missverstanden. Andere Missionare waren vorbei gekommen und hatten zur Verwirrung der Christen in Korinth noch beigetragen. So ist der erste Korintherbrief von diesen Problemen geprägt. Fast von einem Kapitel zum nächsten spricht Paulus einen Missstand nach dem anderen an. Auch die Feier des Sterbens und der Auferstehung des Herrn im gemeinsamen Mahl erwies sich als schwierig. Paulus ermutigt die Korinther immer wieder, sich an Christus zu orientieren (1 Kor 11,1).

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Beim Herrenmahl machten sich besonders die sozialen Unterschiede in der korinthischen Gemeinde bemerkbar. Paulus schreibt: „Der eine ist hungrig, der andere betrunken. Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben?" (1 Kor 11,21-22). Es ist wahrscheinlich, dass die Feier des Herrenmahles an die Traditionen jüdischer und griechisch-römischer Festmahle anknüpfte. Man kam zusammen, jeder brachte seinen Teil mit, man aß und trank. Am Beginn dieser Feier stand das gemeinsame Brechen des Brotes, am Ende der feierliche Schluss mit dem Kelch des Weines. Dazwischen lagen Gespräche, vielleicht Gebete und Lesungen, und ein gemeinsames Essen.

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Dieses ausgedehnte Mahl scheint der Stein des Anstoßes gewesen zu sein, da sich während des Essens Reich und Arm trennten. Nur noch ungenau lässt sich rekonstruieren, was tatsächlich passiert ist. Die Reichen nahmen anscheinend die Gelegenheit zu einer ausgiebigen Feier wahr, die Armen hatten wenig oder nichts und mussten vielleicht im Vorraum warten. Paulus unterstellt den Korinthern hier, dass nicht gerecht geteilt wurde. Auch deutet er an, dass die einen schon anfingen, ohne auf die anderen zu warten (1Kor 11,33). Zwietracht unterwanderte die Gemeinde: „Es muss Parteiungen unter Euch geben" (1Kor 11,19).

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Für Paulus ist also ein Missstand in der Gemeinde der Anlass, darüber zu reflektieren, was eigentlich beim Herrenmahl überhaupt passiert, und wie es in Würde begangen werden kann. Dabei fällt Paulus einiges an Überraschungen ein. Die erste ist schon die Mahnung an die Korinther, sich der Tradition zu erinnern, die Paulus selbst „vom Herrn empfangen" hatte und an die Korinther weiter gegeben hatte (1 Kor 11,23). Paulus, der ja beim letzten Abendmahl nicht anwesend war, beruft sich trotzdem darauf, dass er selbst dieses Zeichen von Christus erhalten hat. Darin liegt auch der Hinweis an die Korinther, dass sich seine Lehre nicht einfach als Privatsache des Paulus abtun lässt. Hier, in der gemeinsamen Feier am Tisch des Herrn, liegt ein Gebot Jesu selbst vor.

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In der Feier selbst wird die Teilhabe an Brot und Wein zur Teilhabe am Leib und am Blut Christi: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus?" (1 Kor 10,16).

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Diese Teilhabe ist nicht nur passiv, indem sich der Herr dem Gläubigen oder der Gemeinde mitteilt. Die Teilhabe ist gleichzeitig auch sehr aktiv: Die Feier selbst wird zum Bekenntnis des Glaubens: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt" (1 Kor 11,26). Die Feier dient also nicht nur der persönlichen Heiligung oder Andacht, sondern ist missionarisch in ihrer Ausrichtung. Sie ist das zentrale Bekenntnis der Gemeinde, dass Jesus starb, das er lebt, und das er wiederkommen wird.

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Dies bedeutet aber auch, dass das Zeugnis glaubwürdig sein muss. Wenn also in der Gemeinde Zwietracht das Zeugnis untergräbt, dann ist auch die Feier nicht mehr gültig. Mehr noch, schreibt Paulus, „Wer nun unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn" (1 Kor 11,27). Wenn die Gemeinde also ihre sozialen Unterschiede nicht in den Griff bekommt, dann kann sie auch nicht mehr in rechter Weise an den Tisch des Herrn gehen. Paulus spricht sogar davon, dass die Gemeinde dann das Gericht des Himmels auf sich ruft (1 Kor 11,30-32).

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Letztlich wird Paulus so scharf in seiner Forderung nach Gerechtigkeit, weil er sieht, wie in der Feier des Leibes Christi die Gemeinde selbst zum Leib Christi wird. Indem die Gemeinde das Brot segnet und es als Leib Christi erkennt, wird die Gemeinde selbst zu dem, was sie feiert: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot" (1 Kor 10,17).

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Paulus entwirft in wenigen Strichen eine reiche Theologie der Feier des Herrenmahles. Wer sich um den Tisch des Herrn versammelt, tut dies, um den Herrn zu verkündigen. Dabei schafft die Feier eine Einheit, die keine sozialen Unterschiede duldet. Ungerechtigkeit lässt nicht nur die Gemeinde zerbrechen, sondern macht das Herrenmahl zu einem unwürdigen Spiel. Denn letztlich schafft die Feier des Leibes und Blutes Christi den einen Leib Christi, der die Kirche ist. Und Paulus beharrt darauf, dass Christus selbst es so geordnet hat.

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In dieser Theologie liegt sicher auch eine Herausforderung für die Kirche heute. Schafft die Eucharistie heute Einheit in der Kirche, oder wird sie zu einem Instrument der Ausgrenzung von gewissen Gruppen, die man als der Eucharistie unwürdig betrachtet? Schafft die Feier des Herrenmahles heute Gerechtigkeit, oder ist sie ein Mahnmahl der allgemeinen Gleichgültigkeit in Zeiten alltäglicher und weltweiter Ungerechtigkeit? Für solche Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Aber Paulus erinnert uns daran, dass wir diese Fragen stellen müssen, wenn wir den Auftrag Jesu erfüllen und werden wollen, was wir feiern: Leib Christi.

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