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Gott meines Lebens - Gott meines Sterbens
(Predigt zum 20. Todestag von P. Karl Rahner SJ)

Autor:Scheuer Manfred, Bischof der Diözese Innsbruck
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt im Dom zu Innsbruck am 30. März 2004
Datum:2004-04-01

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Signore Silvano war Jahrzehnte Portier im Germanicum in Rom. In der Konzilszeit hat Karl Rahner in diesem Kolleg gewohnt. Eines Abends, die Pforte war sehr lange besetzt, kam Karl Rahner mit einer Flasche Cognac, die er von einem Konzilsvater geschenkt bekommen hatte, zu Signore Silvano. Und dann tranken beide zusammen ein Glas. Signore Silvano hat mir das 15 Jahre später erzählt. Er war immer noch beeindruckt von der menschlichen Größe des Theologen. Es wäre sicher übertrieben zu sagen, dass in dieser Szene das Konzil ihre Sinnspitze findet. Sie drückt aber sicher etwas aus, was für Rahner und seine Theologie wichtig war: die Liebe zu den kleinen Leuten, die Relativierung allen kirchlichen Tuns und theologischen Denkens auf Glaube, Hoffnung und Liebe hin. „Alles kirchliche Tun als solches in Regieren, Reden, Theologisieren, Reformieren, in Unterricht und Selbstbehauptung inmitten der heutigen Gesellschaft ist mit all dem riesigen Apparat, Aufwand und Betrieb, die dabei unvermeidlich sind, nur so etwas wie die Förderung von ... Glaube, Hoffnung und Liebe gewonnen werde. Dieser Dienst zielt ... auf die wahre Unendlichkeit des Menschen und vor allem auf die Ankunft des Reiches Gottes, will ganz einfach: Glaube, Hoffnung und Liebe." (1)

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Karl Rahner war ein Lebemeister. Ich habe bei ihm zwar nicht das Eisessen gelernt, aber doch die dazugehörige Theologie. „Die guten Dinge sind nicht nur für die Spitzbuben da." So pflegte Rahner bei Eis oder auch bei Süßigkeiten zu sagen. Und das gute Eis auf der Piazza Navona wäre ja auch noch in alten Jahren ein Grund gewesen, noch einmal nach Rom zu fahren. Rahner hatte kein gestörtes Verhältnis zur Lebensfreude, ganz im Gegenteil. Denn Gott ist ja nicht einer, der tötet, um selber lebendig zu werden, der alles Endliche ‚vampirhaft' in sich aufsaugen und verschlingen würde. Von der Menschwerdung denkt Rahner eine letzte Dignität und Schönheit der Schöpfung. „Wenn Gott Mensch geworden ist und es in Ewigkeit bleibt, dann und darum ist aller Theologie verwehrt, vom Menschen gering zu denken. Sie dächte ja von Gott gering."(2) Rahner spricht von einer „guten Endlichkeit" (3), ohne sie zu vergötzen. Es geht bei der guten Endlichkeit nicht um die ‚incurvatio in seipsum' im Sinne des Egoismus oder einer schlechten Monadologie. Er deutet dieses endliche Leben nicht als Sperre, sondern als Vermittlung zur Unmittelbarkeit Gottes. In Jesus Christus realisiert sich die liebende Öffnung und Beziehung des Menschen zum unendlichen Geheimnis. „Es wäre die Hölle selbst, das Schicksal der Verdammten, gehörte ich Endlicher mit meinem begriffenen Sein mir selbst, müsste ich ewig im Gefängnishof meiner Endlichkeit die Runde machen. Aber kannst du mir auch Heimat sein, du, der mich entlässt aus den Kerkermauern meiner engen Endlichkeit."(4)

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Ausgangspunkt seiner Theologie sind oft Alltagsfragen und Augenblicksbedürfnisse. Rahner lässt die Aufgaben und Anforderungen des Tages an sich herantragen. Der Kanon ist das Leben, nicht das gewählte, sondern das aufgedrängte, das unbequeme Leben. Er schreibt aus der Tuchfühlung mit den konkreten Menschen, mit kirchlichen Gruppen und aus einer Verbundenheit mit der Universalkirche. „Der aggiornamento, den die Kirche vorbereitet, ist nicht das Bestreben, die Kirche etwas gemütlicher und ansehnlicher in der Welt einzurichten, sondern eine erste, von ferne anlaufende Zurüstung, um der Frage auf Leben und Tod von morgen standhalten zu können."(5) Rahner kommt aus einer guten Zeitgenossenschaft, seine Theologie ist an der Zeit dran. Es wäre Sünde sich herauszuhalten, sich nicht einzufleischen in geschichtlicher Stunde. Und er ist ein existentieller Theologe.

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Rahner geht es um eine auch im Schmerz und Unglück durchgehaltene Hoffnung und Liebe. Er lässt die Brüche des Lebens, das erfahrene Unheil, die konkrete Unversöhntheit nicht außer acht. Er entfremdet sich nicht von den Menschen, von deren realen Lebenswelt, er zieht sich nicht aus den realen Beziehungen zurück und immunisiert sich nicht gegenüber der wirklichen Not. Er inkarniert sich, lässt sich ein und nimmt die konkrete Gegenwart als seine ihm geschenkte und aufgetragene Zeit an. Und erlebt und denkt in der Nachfolge des Gekreuzigten. Als Lehrer des Lebens ist er auch ein Lehrer eines guten Sterbens.

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„Der Christ, jeder Christ und zu allen Zeiten, folgt Jesus in der Konkretheit seines Lebens nach, indem er mit ihm stirbt; Nachfolge Jesu hat ihre letzte Wahrheit und Wirklichkeit und Allgemeingültigkeit in der Nachfolge des Gekreuzigten." (6) Erfahrungen Gottes, Erfahrungen der Gnade und des Hl. Geistes sind im letzten auch Erfahrungen des Todes und des Kreuzes, sind Glaube, Hoffnung und Liebe im Sterben, im Umsonst, im Kreuz und im Tod. Ein „Mensch übergibt sich mit seiner unausgleichbaren Lebensbilanz Gott oder - ungenauer und genauer zugleich - der Hoffnung auf eine nichtkalkulierbare letzte Versöhnung seines Daseins... Da ist einer, dem geschieht, dass er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür erhält ... Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort der Liebe entgegenzukommen scheint, ... weil man mit solcher Liebe scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen scheint. ... Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt. ... Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung. ... Da ist die Mystik des Alltags, das Gottfinden in allen Dingen." (7) Die wurzelhafte Einheit von Gott und Welt ist verbunden mit einer bleibenden personalen Differenz zwischen Mensch und Gott. Rahner lebt und denkt die ignatianische Weltfreudigkeit, er sucht Gott in allen Dingen. Und er ist geprägt von der Indifferenz der ignatianischen Exerzitien, vom Lassen der Welt, weil Gott allein genügt, weil über allen Humanismus hinaus die ungeheuerliche Gewalt der Liebe Gottes die Mitte und das Ziel menschlicher Existenz ist. Rahner geht mit der Welt zu Gott und mit dem menschgewordenen Gott zur Welt und zu den Menschen. Die Bewegung ist geprägt von Inkarnation, Tod und Auferstehung Jesu.

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Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe ist für ihn nicht bloß eine moralische Setzung, die von einem Willkürgott auch anders hätte gefügt werden können. Nächstenliebe ist nicht bloß äußerliche Bewährung oder Prüfstein unserer Liebe zu Gott, sodass es doch bei zwei verschiedenen Teilvollzügen der menschlich-christlichen Existenz und bei zwei Geboten bleibt. Sie ist „ein Akt dieser Liebe zu Gott selbst, also mindestens ein Akt innerhalb der totalen glaubenden und hoffenden Übergabe des Menschen an Gott, die wir Liebe Gottes nennen, die allein den Menschen rechtfertigt, d.h. Gott übereignet, weil sie, da von der liebenden Selbstmitteilung Gottes in der unerschaffenen Gnade des heiligen Geistes getragen, wirklich den Menschen mit Gott eint, nicht wie er von uns erkannt ist, sondern so, wie er an sich selbst in seiner absoluten Göttlichkeit ist." (8) Die Liebe um Gottes willen bedeutet gerade nicht: Liebe zu Gott allein am „Material" des Nächsten als Gelegenheit zur bloßen Gottesliebe, sondern wirklich: Liebe des Nächsten selber, die von Gott her zu ihrer letzten Radikalität ermächtigt ist und beim Nächsten ankommt, um bei ihm zu bleiben.

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Die Prägung der Biographie durch Leben, Tod und Auferstehung Jesu und die Ausrichtung auf Glaube, Hoffnung und Liebe gilt für den Einzelnen, sie trifft aber auch auf die geschichtliche Gestalt von Kirche zu. Rahner hatte 1936 hier in Innsbruck mit der Arbeit „Ecclesia ex latere Christi" promoviert. Die Kirche hat ihre Wurzeln in Tod und Auferstehung Jesu, sie verkündet das Paschamysterium. Rahner hat oft von der Zukunft der Kirche gesprochen: vom Christen der Zukunft, der ein Mystiker sein wird (9), vom Priester der Zukunft, der kein Funktionär sein soll, der nicht vom Prestigedenken her lebt, der aus der Machtlosigkeit lebt (10). Die Kirche der Zukunft wird eine arme Kirche sein, die auch sterben und lassen kann (11). Er buchstabiert Glaube, Hoffnung und Liebe auf die Kirchengestalt hin. Ist nicht bei fundamentalistischen oder auch bürokratischen Sicherungsversuchen in der Kirche eine panische Angst vor der Armut und vor dem Loslassen am Werk, eine Angst, die nicht aus der Wahrnehmung des Karfreitags und auch nicht aus dem Glauben an Ostern kommt? An welchem Ort des Ostergeheimnisses befindet sich gegenwärtig die Kirche? Die traditionelle Stellung der Kirche in der bürgerlichen Gesellschaft scheint in Auflösung begriffen. Bisher vertraute Formen von Kirchlichkeit bröckeln ab. Wie ist das Abnehmen der Kirche zu deuten? Sind wir in einer winterlichen Zeit, wie es Rahner formuliert? Befindet sich die Kirche am Karsamstag, an dem das konkrete Profil der neuen Gestalt noch nicht sichtbar ist. Die Auferstehung ist jedenfalls nicht machbar. Sie geschieht auch nicht am Karfreitag vorbei. Wenn es die Einübung in Armut, ins Sterben, in den Abschied und in die Gelassenheit nicht gibt, dann macht sich eine depressive Grundstimmung in der Kirche breit.

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Karl Rahner ist ein Lebemeister, ein Lehrer des Glaubens und des guten Sterbens, ein Hoffnungsträger für die Kirche, ein Zeuge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

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Schluss

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„O ja, Herr, dein Dienst ist gut, dein Joch ist leicht, deine Bürde sanft. Ich danke dir für alles, was du in meinem Leben von mir gewollt hast. Sei gelobt für die Zeit, in die ich geboren wurde. Sei gepriesen für meine guten Stunden und meine bitteren Tage." (12)

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Manfred Scheuer

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Bischof von Innsbruck

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Anmerkungen:  

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 1. Karl Rahner, Das Konzil B ein neuer Beginn. Freiburg u.a. 21966,24.

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2. Karl Rahner, Betrachtungen zum ignatianischen Exerzitienbuch, München 1965,112.

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3. Karl Rahner, Transzendenzerfahrung aus katholisch-dogmatischer Sicht, in: Schriften zur Theologie XIII, 207-225, hier 224.

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4. Karl Rahner, Gebete des Lebens, hg. von Albert Raffelt, Freiburg .i.B. 1984,23.

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5. Karl Rahner, Das Konzil B ein neuer Beginn. Freiburg u.a. 21966,20.

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6. Karl Rahner, Nachfolge des Gekreuzigten, in: Schriften zur Theologie XIII,188-203, hier 192.

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7. Karl Rahner, Erfahrung des Heiligen Geistes, in: Schriften zur Theologie XIII, 239-243.

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8. Karl Rahner, Über die Einheit von Nächsten- und Gottesliebe, in: ders., Schriften zur Theologie VI, Einsiedeln u.a.21968, 282ff; Tafferner A., Gottes- und Nächstenliebe in der deutschsprachigen Theologie des 20. Jahrhunderts (ITS 37), Innsbruck-Wien 1992.

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9. Vgl. in den Schriften zur Theologie VII,22; XIV,375.

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10. Vgl. z.B. Karl Rahner, Der Mann mit dem durchbohrten Herzen, in: Knechte Christi. Meditationen zum Priestertum, Freiburg i.B. 1967, 117-133.

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11. Vgl. Karl Rahner, Die Unfähigkeit zur Armut in der Kirche, in: Schriften zur Theologie X,520-530.

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12. Gebete des Lebens 14.

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