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Mel Gibsons "Passion Christi": Pro und Contra

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 596 vom 20./231. März 2004.
Datum:2004-03-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Kulturkritiker: Pro

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Der Film sei ein Skandal. Antisemitisch und eine Blutorgie dazu! Das wissen wir schon seit Wochen. Zeigen uns auch deswegen empört. Werden aber auf jeden Fall ins Kino gehen. Einen Skandal lässt man sich eben nicht entgehen. Doch was zeigt der Film wirklich? Den Leidensweg eines Juden! Dieser spricht aramäisch, nennt Gott "Adonai", so wie die gläubigen Juden es tun. Auch seine Freunde sind jüdisch. Klar ausgewiesen durch Kleider und Bräuche. "Du Jude!" brüllt ein römischer Soldat den Simon von Cyrene an und zwingt ihn, das Kreuz Jesu zu tragen. Arm in Arm tragen beide Juden gemeinsam das Kreuz und werden von römischen Soldaten geschlagen. Ein jüdischer Leidensweg! Natürlich wird Jesus durch Vertreter der Priester den Römern ausgeliefert, was auch historisch zutrifft. Die Bilder der Priester sind nicht als Antisemitismus zu werten. Genauso, wie jene der manipulierten schreienden Menge. Dies umso mehr, als es auch im Film Priester gibt, die Zweifel an der Legitimität des Vorgehens haben, und unzählige Juden, die nicht schreien oder Jesus gar verteidigen.

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Vor allem zeigt der Film, wie sich Menschen im Gewaltrausch vergessen können. Und das ist schon eine Leistung. Gegen die Gewaltdarstellungen sind wir doch bestens immunisiert. Durch die Bilder der Attentate und die Unmenge an Gewaltfilmen. Tabugrenzen? Was ist das? Tagtäglich schauen wir hin und sehen doch nicht. Die brutalste Szene des Films ist die Geißelung. Römische Soldaten im Blutrausch. Können nicht genug bekommen. Verlieren jegliche Maßstäbe. Spielten sich solche Szenen nicht in Verließen jener totalitären Machtapparate ab, in denen das Gewaltmonopol nicht funktioniert? Wo Polizei und Militär, anstatt Gewalt zu minimieren, selbst zur Quelle der Gewalt werden? Wie eben auch Pilatus. Anstatt sich um die Rechtsprechung zu sorgen, verachtet er das Volk, führt abgehobene Gespräche und bleibt entscheidungsunfähig. Seine Führungsschwäche provoziert den eigentlichen Gewaltrausch! Ein Kinogang zur Korrektur der Erwartungen also!

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 Theologe: Contra

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Kaum hat der böse Schächer im Film seinen Spott am Kreuz ausgesprochen, schon sitzt ein großer Rabe auf seinem Kreuz und pickt ihm das Auge aus. Der Frevel wird ja sofort bestraft! Das wussten unsere Großeltern noch. Oder er muss gesühnt werden. Und warum? Weil Gott es so will? Lange Zeit haben die Kirchen das so gelehrt. Das Bild eines strafenden Gottes beherrschte die Phantasie. Die Passion hatte darin einen unersetzlichen Platz. Gott selber hat seinem Sohn das Leiden aufgebürdet, ist also im Grunde der Haupttäter. Auf diese Weise hat er den Ausweg aus dem Teufelskreis von Sünde und Strafe ermöglicht. Im letzten Jahrhundert entdeckte man aber gerade in den Kirchen den liebenden Gott neu. Der Gott Jesu hat es weder auf Strafe noch auf Sühne abgesehen. Er wendet sich dem verlorenen Menschen zu. Und die Passion? In Jesus steigt dieser Gott in die menschlichen Sackgassen hinab, bringt dort Liebe und Vergebung. Scheinbar scheitert er an der Macht der Lüge und Gewalt. Durch schreckliche Sackgassen der Anschuldigung, des gewaltsamen Todes hindurch zeigt er aber doch seine andersartige Stärke. Die Kraft seiner versöhnenden Liebe kann eben alle Teufelskreise brechen: den Hass, die Gewalt und den Tod. Getragen vom Gott, dem Liebhaber des Lebens, kann Jesus so tief fallen, wie kein Mensch je zu fallen vermag. Und er kann den verlorenen Menschen dort auffangen. Das ist für mich der Inbegriff christlicher Botschaft im Zusammenhang mit Kreuz und Auferweckung. Und genau dieser Zusammenhang wird im Film verdunkelt. Ist es Gott selber, oder sind es Menschen, die Jesus verfolgen? Ist Gott ihm ein liebender Vater oder bloß eine dunkle Macht? Ist die Erkenntnis der Auferweckung identisch mit einem flüchtigen Blick auf einen Lebenden oder mit der tiefen Erfahrung des Friedens? Gerade nach der Erfahrung des Versagens! "Friede sei mit Euch!", sagt der Auferweckte in der Bibel zu den Jüngern, die versagt haben. Gerade mein Theologenherz verzagte und zog sich zusammen, als der Film zu Ende war. Es war doch kein Evangelium!

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