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"Und das Wort ist Fleisch geworden..."
(Gedanken zum 2. Sonntag der Weihnachtszeit)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Die Botschaft von Weihnachten mutet uns eigentlich drei Ungeheuerlichkeiten zu ...
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-01-26

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Sir 24,1-2.8-12; (Eph 1,3-6.15-18); Joh 1,1-5.9-14)

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 Liebe Gläubige,

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wir feiern heute den 2. Sonntag der Weihnachtszeit, und das gibt uns Gelegenheit, noch einmal tiefer über die Ungeheuerlichkeit nachzudenken, die uns Weihnachten zumutet. Warum ich von Ungeheuerlichkeit rede, will ich Ihnen dabei auch erklären, denn es sind eigentlich mehrere aufeinander aufbauende Ungeheuerlichkeiten. In der Tat ist das Geheimnis von Weihnachten, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes so, dass wir uns oft heimlich darum herum drücken. Und auch die Bibel tastet sich erst langsam daran heran.

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Das weisheitliche Buch Jesus Sirach spricht von der Weisheit, die aus dem Mund Gottes hervorgeht, die von Anfang an ganz bei Gott ist, die überall ist - wie Gott, die aber nun von Gott den Auftrag erhält nach Israel zu gehen, sich in Jerusalem niederzulassen und dort Wurzel zu fassen und zu wohnen. Ganz ähnlich spricht der Johannesprolog davon, dass das Wort Gottes, das bei Gott war von allem Anfang an, in die Welt kommt, unter uns wohnt, seine Herrlichkeit - die Gegenwart Gottes unter uns - sichtbar macht. Wort - Logos, heißt ja im Griechischen auch so viel wie Vernunft oder Weisheit. Die Texte aus dem Buch Jesus Sirach und aus dem Johannesevangelium sagen also ziemlich das Gleiche: Eine Weisheit oder Vernunft, die eigentlich ganz zu Gott gehört und Gott ganz nahe ist, kommt auf die Erde und wird den Menschen ganz nahe. Beide sprechen davon, dass Gott uns Menschen ganz nahe kommt, etwas von ihm bei uns wohnt und uns seine Herrlichkeit zeigt. Und doch - wenn wir etwas genauer schauen, werden wir auch gravierende Unterschiede feststellen.

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Von der „Weisheit" bei Jesus Sirach heißt es, dass Gott sie - zwar vor aller Zeit, aber doch - erschaffen hat. Diese Weisheit, so nahe sie Gott auch ist, sie ist ein Geschöpf. Das „Wort" bei Johannes ist auch schon am Anfang bei Gott. Aber nicht, weil Gott es am Anfang geschaffen hat, sondern - wie es weiterhin heißt - dieses Wort war selbst Gott, und durch dieses Wort ist alles geworden. Dieses Wort Gottes ist selbst Schöpfer - wie Gott - und nicht Geschöpf, und es ist nicht am Anfang von Gott geschaffen, sondern es ist schon im Anfang bei Gott. Wo Sirach also von einer Weisheit spricht, die Gott zwar einmalig nahe ist, aber letztlich doch ein Geschöpf, spricht Johannes von dem Wort Gottes, das alles andere hervorgebracht hat, das nicht Geschöpf, sondern Schöpfer ist, ja das selbst Gott ist. Und dieser Schritt, den Johannes hier weitergeht als Sirach, ist die erste Ungeheuerlichkeit von Weihnachten: Es ist Gott, der Schöpfer selbst, der uns ganz nahe kommt.

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Und wie kommt er uns ganz nahe? Die Weisheit des Sirach, indem sie in Jerusalem eine Ruhestätte findet, das Volk Israel führt und berät. Wenn man bei Sirach weiterliest, wird die Stärke und Größe der Weisheit mit vielen Bildern aus der Welt der Natur und des Pflanzenanbaus beschrieben: sie ist wie eine mächtige Palme, ein prächtiger Ölbaum, eine Platane und ein Weinstock. Möchte man aber konkret, ohne bildhafte Rede, wissen, wie denn diese Weisheit den Menschen nahe ist, dann erfährt man im Buch Jesus Sirach: letztlich ist diese Weisheit nichts anderes als das Bundesbuch, das Gesetz des Mose (vgl. Sir 24,23), das dem gläubigen Volk Israel Identität und Lebensinhalt ist. Die Weisheit ist dem Volk nahe im Gesetz Gottes, das von dieser Weisheit erfüllt ist.

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Das Wort des Johannes wird auch den Menschen nahe, es wohnt unter den Menschen, es ist das Licht der Welt. Auch Johannes benützt ein Bild, das Bild vom Licht, das in der Finsternis leuchtet und das die Finsternis nicht überwältigen kann: egal, wie finster es ist, die kleinste Flamme durchdringt die Finsternis und diese kann sie nicht auslöschen; ja, es gilt sogar: je finsterer es ist, desto heller scheit das Licht, auch das der kleinsten Flamme.

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Wenn wir aber auch hier wissen wollen, was das konkret und ohne Bildsprache bedeutet, lässt uns Johannes nicht lange suchen. Er wird so konkret, dass er seine antiken Leser geradezu schockiert hat, und auch uns schockieren würde, wenn wir es nicht schon so oft gehört hätten: „Und das Wort ist Fleisch geworden". Das ewige Wort, das Gott ist und durch das alles geworden ist, es ist „Fleisch" geworden: Fleisch, das verletzlich ist und blutig sein kann; Fleisch, das vergänglich und hinfällig ist; Fleisch, nach dem eine eigene Form der Lust benannt ist, - das ist er geworden, Gott selber.

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Das ist die zweite Ungeheuerlichkeit der Botschaft von Weihnachten: Nachdem das, was den Menschen nahe kommt, von Johannes als viel größer gezeigt wurde als von Sirach, wird es nun den Menschen noch viel näher als Sirachs Weisheit: es wird Fleisch, es wird ganz und gar Mensch - von der Geburt bis zum Tod. Dieses Wort, das Schöpfer ist, wird Geschöpf und schwaches Fleisch. Und das Christentum wird dadurch die Religion des radikalen Sowohl-Als-auch: Das Wort ist nicht nur irgendwie von Gott und bei Gott, sein erstes Geschöpf, es ist Gott, der Schöpfer des Universums; und es ist nicht nur irgendwie bei den Menschen, sondern selber Mensch, selber einer von uns, einer wie du und ich. Dieses Sowohl-Als-auch halten die christlichen Glaubensbekenntnisse fest und die Konzilien haben Jahrhunderte darum gerungen, wie man davon am besten sprechen soll, und oft war es ein Fallen von einem Straßengraben in den anderen. Oft wurde viel ernster genommen, dass dieses Wort Gott ist, und man vergaß fast, dass Jesus ein Mensch aus Fleisch und Blut war, in allem, wirklich in allem, außer der Sünde uns gleich; manchmal (vielleicht gerade heute?) wurde nicht verstanden, was es heißen solle, dass dieser Mann aus Nazareth Gottes Sohn ist, dass er Gott ist, er wurde nur als vorbildlicher Mensch und als nichts anderes gesehen. In beiden Straßengräben geht etwas Wesentliches und Wichtiges verloren: dass Gott selbst, nicht ein Prophet, nicht ein Gesetz, nicht ein Medium, sondern Gott selbst, zu uns kommt als einer von uns, uns unser Heil nicht von oben herab-lassend überreicht, sondern uns dieses Heil sozusagen selber vorbeibringt, in unserem Fleisch, auf Augenhöhe mit uns - ja nicht einmal das, denn Johannes deutet noch eine dritte Ungeheuerlichkeit an.

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Die Weisheit des Sirach hat in Jerusalem eine Heimat und findet dort Ruhe. Sie bleibt also an diesen Ort gebunden und dieser Ort ist ihre Ruhestätte. Das Wort des Johannes, wir wissen es, hat auch mit vielen konkreten Orten zu tun, aber es ist an keinen Ort gebunden, es ist zur ganzen Welt gesandt, zu allen Menschen, denen es Macht gibt, Kinder Gottes zu werden. Aber: Diese Welt, in die es gesandt war, die sein Eigentum ist, weil er sie geschaffen hat, die hat ihn nicht erkannt, die hat ihn nicht aufgenommen, die hat ihn verstoßen und vor den Toren Jerusalems gekreuzigt, so dass dieses Fleisch, das das ewige Wort geworden ist, als totes Fleisch am Kreuz hing und begraben wurde. Das ist die dritte Ungeheuerlichkeit, die Johannes hier nur andeutet, und die uns über Weihnachten hinausführt: Das ewige Wort wird so sehr Mensch, dass es sich auch von uns so behandeln lässt, wie wir Tausende und Millionen anderer behandelt haben und behandeln. Es bringt uns das Heil nicht nur einfach vorbei, es lässt sich für unser Heil verspotten und töten und hält daran fest, dass seine Botschaft die der Gnade und Wahrheit ist, nicht die des Gesetzes. Das Wort ist Fleisch geworden und hat uns das Heil erlitten, weil wir Menschen uns weigerten, es uns einfach vorbeibringen zu lassen - das ist etwas, das in der Botschaft von Weihnachten noch nicht enthalten ist, das sich aber daraus ergibt, dass Gott selbst uns so nahe sein wollte, dass es näher nicht geht: indem er einer von uns sein wollte, dem nichts, aber auch gar nichts erspart bleibt, das Menschen widerfährt, und der trotz und gerade in alledem leuchtet wie ein Licht in der Finsternis: je finsterer es ist, desto heller scheint es.

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