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Israel: Gutes aus Bösem
(Neuere Etappen in einem dramatischen Ringen)

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-01-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Gewalt und Gegengewalt haben den israelisch-palästinensischen Konflikt im vergangenen Jahr hoffnungsloser denn je erscheinen lassen. Nur gegen Ende des Jahres zeigten sich einige schwache Lichter am Horizont. Vier ehemalige Leiter des israelischen Geheimdienstes warnten vor der Politik des jetzigen Premierministers Scharon, die zu einer Katastrophe führe, und eine wachsende Zahl einflussreicher Juden in den USA begannen die Politik Israels öffentlich zu kritisieren. Fast gleichzeitig stellten prominente Israelis und Palästinenser einen Friedensplan vor (Genfer Vertrag), der in jahrelangen Verhandlungen vorbereitet worden war und der zum ersten Mal auch für alle schwierigen Fragen eine Lösung vorschlug (zwei Staaten in den Grenzen vor dem 6-Tage-Kriege, kein generelles Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, dafür eine palästinensische Souveränität über den Tempelberg und jüdische Souveränität über die Klagemauer, internationale Kontrolle der Vereinbarungen, etc). Durch diese Ereignisse kam Scharon unter Druck. Einerseits ließ er eifrig an der Mauer, die viele jüdische Siedlungen in der West Bank (vor allem um Jerusalem herum) zu Israel schlägt, weiterbauen, anderseits begann er öffentlich davon zu sprechen, dass einige Siedlungen aufgegeben werden müssen.

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Diese Entwicklung weckte massiven Widerstand in Israel. Die Mitarbeiter am Entwurf des Genfer Vertrags wurden als 'verrückt' und als 'Verräter' bezeichnet, und sogar gegen Scharon, den die Siedler und religiöse Parteien immer als 'ihren Mann' betrachtet hatten, begannen diese mit großen Demonstrationen mobil zu machen, wobei Slogans wie 'Likud ist die extreme Linke und Labour die verrückte Linke' auftauchten. - Auch unter den Palästinensern liefen die Dinge kaum besser. Arafat blieb seiner bekannten Linie treu, indem er einerseits die palästinensischen Mitarbeiter am Genfer Vertragsentwurf lobte, anderseits sich davon aber distanzierte. Ebenso wenig gelang es seinem neuen Ministerpräsidenten Kurei, bei Verhandlungen in Ägypten die extremeren Kräfte der Palästinenser zu einem freiwilligen Verzicht auf Terrorattentate zu bewegen.

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Angesichts dieser Situation melden sich in Israel bereits neue Stimmen, die einerseits aus Sicherheitsgründen für eine neue totale Besetzung der palästinensischen Gebiete plädieren und anderseits aus demographischen Gründen offen von einer 'Verschiebung' der palästinensischen Bevölkerung sprechen. So wurde vor kurzem eine neue Partei gegründet, deren offenes und erklärtes Ziel es ist, zwei Millionen Palästinenser zu vertreiben und gleichzeitig für die Einwanderung von zwei Millionen Juden zu werben. Ein Schlaglicht auf die Situation werfen auch Stellungnahmen von Benny Moris, der bekannt wurde als Prominentester der 'neuen Historiker'. Gegen die offizielle Linie Israels weisen diese Historiker nach, dass bei der Staatsgründung 1948 die Palästinenser nicht bloß freiwillig geflohen sind, sondern teilweise vertrieben wurden. In seinem neuen Buch "Righteous Victims: A History of the Zionist-Arab Conflict, 1881-2001" zeigt Benny Moris sogar auf, dass Teile der israelischen Armee 1948 Massaker und Vergewaltigungen betrieben haben, um Palästinenser zu vertreiben, und eine entsprechende Mentalität auf allen Ebenen der israelischen Armee und Regierung geherrscht hat. Selbst Ben-Gurion, der Staatsgründer, sei für eine teilweise Vertreibung gewesen, auch wenn er dazu nie einen ausdrücklichen Befehl gegeben habe. Zu dieser Darstellung der Geschichte Israels, bei der Benny Moris möglichst objektiv sein will, sagt er in einem Interview als Bürger Israels: "Ben Gurion hat recht gehandelt. Wenn er nicht getan hätte, was er tat, hätte der Staat nie gegründet werden können. Das muss klar gesehen werden, und es gibt kein Ausweichen. Ohne die Entwurzelung der Palästinenser, hätte es keinen jüdischen Staat gegeben." Diese Stellungnahme von Benny Moris wurde in einem Artikel der israelischen Zeitung Haaretz unter dem darwinischen Titel Survival of the fittest zitiert (8. Jan. 2004), und damit stehen wir heute vor der Grundfrage dieses Konflikts: gibt es nur eine darwinische Lösung, die Durchsetzung der Lebenskräftigeren und Stärkeren? Entscheidende religiöse Kräfte in Israel plädieren für eine religiöse Lösung, die nach ihnen darin besteht, dass Gott das Land den Juden gegeben hat und die Palästinenser deshalb keine Rechte haben. Sachlich trifft sich diese religiöse Antwort gegenwärtig weitgehend mit der darwinischen. Eine ethisch-politische Lösung jedoch ist weit und breit nicht in Sicht, denn die Einschätzungen, was ethisch und aus einer politischen Sicht der Menschenrechte richtig ist, gehen zwischen den allermeisten Israelis und den Palästinensern diametral auseinander. Als große Alternative gegen die darwinische Lösung bleibt nur die biblische Hoffnung, dass aus dem, was Menschen einander an Bösem antun, Gott - über verschlungene Wege - auch Gutes wirken kann (vgl. Röm 5 ).

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