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The Bachelor

Autor:Walser Angelika
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-01-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Wir haben „The Bachelor" abgesetzt. Mit 14 zu 1 Stimmen. Diese einzige Gegenstimme stammte von einem Studenten, der meinte, dass „The Bachelor" auch nicht schlimmer sei als viele andere Sendeformate im ORF. Irgendwie hat er da wahrscheinlich Recht. Was ist denn aber so ärgerlich an dieser Sendung, die da einmal wöchentlich über die Bildschirme flimmmert und das nicht nur in Österreich, sondern auch in halb Europa und in den USA? Die den Publikumsrat des ORF bewogen hat, ihre Absetzung zu verlangen, weil das in dieser Sendung gezeigte Frauenbild diskriminierend sei?

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Nach intensiver Beschäftigung mit theoretischen Ansätzen der feministischen Ethik in Moraltheologie und Moralphilosophie (von Carol Gilligan über Luce Irigaray und Seyla Benhabib bis Judith Butler) seit Semesterbeginn hielt ich es in meiner Eigenschaft als Seminarleiterin für moralisch vertretbar, eine halbe Stunde in die Niederungen unseres medialen Daseins herabzusteigen und dort den Junggesellen zu treffen, der angeblich Frauenherzen in aller Welt höher schlagen lässt: Marcel (natürlich „Marcel", nicht etwa Friedrich oder Rudi!). Sollten Sie nicht wissen, wer „Marcel" ist und was sein Problem ist: Marcel ist ein junger Millionär auf der Suche nach der Frau fürs Leben. Aus irgendeinem Grund braucht er dazu das Fernsehen: Aus 25 Frauen, die alle heiratsbereit sind, sucht er sich vor laufender Kamera eine passende Frau aus. Als wir uns auf Anregung einiger feministisch gesinnter Studentinnen (Ja, so was gibt's noch!) in der vorweihnachtlichen Sitzung in das Drama einklinkten, hatte Marcel bereits eine erhebliche Anzahl von Frauen mittels Rosen ausgesiebt: Vier Frauen waren noch übrig. Drei von ihnen überreichte Marcel eine Rose, einer von ihnen musste er „leider sehr weh tun". Sie bekam nämlich keine Rose und fuhr erwartungsgemäß weinend im Taxi nach Hause. Vorher sagte Marcel ihr ganz lieb, dass sie irgendwie selbst schuld sei an dieser Trennung. Er habe gefühlt, dass sie die Sache nie ganz so ernst genommen hätte. Danach konnte die bedauernswerte Sitzengebliebene ein gehauchtes „Ich hab Dich lieb" von Marcel mitnehmen. Warum er sie lieb hat, blieb uns verborgen. Schließlich hatte er sie gerade ganz klassisch abserviert. Zuvor hatte man ihn aber als zukünftigen Schwiegersohn bei den Eltern der jeweiligen Damen besichtigen dürfen. Dort war er viermal händchenhaltend auf dem Präsentierteller gesessen und nach seinem Kontostand und Beruf befragt worden. Gott sei Dank ist er Leiter einer Großbank, da waren die Eltern der vier Frauen zufrieden. Natürlich müsse er auch „lieb sein" zur Tochter. Marcel hat es versprochen. Natürlich. Er ist ein neuer Mann. Er spricht über Gefühle, er ist sensibel. Und gleichzeitig hat er ein dickes Konto und einen perfekten Body. Weibliches Herz, was willst Du mehr!

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 Was ist so widerlich an dieser Sendung?

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Nicht nur, aber auch: Das Frauenbild. Alle Frauen dieses Sendeformats sind genormt: Bis auf ganz geringe Abweichungen dürften sie alle dieselbe Taille, denselben Bauchumfang und dieselbe Körbchengröße haben. Alle haben sie lange Haare, alle lächeln sie lieb. Ihr Make-up bei der Auswahlrunde ist perfekt, die Designer-Roben sitzen. Ein Bild wie aus einschlägigen Hochglanz-Magazinen. Nicht umsonst erwarten sich die Kandidatinnen dieser Sendung Engagements als Models, was wieder einmal zeigt, dass Menschen (auch Frauen) für Geld fast alles in Kauf nehmen (auch Marcel!). Sie sitzen und warten auf den Prinzen. Das Märchen vom Aschenbrödel ist den Seminarteilnehmerinnen eingefallen (eine der Heiratskandidatinnen ist immerhin Schornsteinfegerin). Die „Mädchen", denn als solches werden sie von Marcel bezeichnet, warten am Ende marcel-ergeben und mit gesenkten Blicken auf sein Urteil. Nehmen die Schuld auf sich, wenn er sich nicht für sie entschieden hat. Verstummen und ordnen ihr Haar. Verabschieden sich schließlich mit einer Umarmung von der Mitbuhlerin, die leider leider abtreten muss.

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Was das Männerbild angeht, kann ich nur sagen: Männer, wehrt Euch! Marcel ist einfach unschlagbar. Sensibel, reich, erfolgreich, tolle Umgangsformen. Sicher hat er einen Waschbrettbauch unter seinem Smoking. Das ideale Versorger-Männchen mit genetischer Top-Ausstattung. Ein bisschen langweilig ist er auch, aber wer fragt danach, wenn des Konto stimmt?

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„Reich und schön" ist das Ambiente, in dem Marcels jeweiliges „Herzblatt" auftritt - beide Sendeformate sind den Seminarteilnehmern und -teilnehmerinnen sofort eingefallen, bei weiterem Nachdenken kämen wahrscheinlich noch mehr dazu. Viermal biegen sich luxuriöse Tafeln unter erlesenen Delikatessen, die für die Ankunft des Bräutigams vorbereitet worden sind. Viermal warten schöne junge Frauen auf ihren Erlöser, der sie aus ihrem freudlosen Dasein befreit.

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Das entscheidende Schlusswort spricht ein unauffälliger Herr (Wer könnte neben dem Platzhirsch Marcel bestehen?), der wie ein Deus ex machina aus dem Nichts auftaucht: Eine schwere Entscheidung stünde an, Lebensgeschichten würden sich nun ändern ... Die wenigen Sätze genügen, um sofort Assoziationen an Hochzeitspredigten entstehen zu lassen. Das Ritual der Partnersuche und Eheschließung, medial inszeniert. The Bachelor ist ein perfektes Beispiel für das, was der Religionsgeschichtler Arno Schilson „Medienreligion" genannt hat.

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Wenig erstaunlich, weil in Soap operas immer wieder beobachtbar: Die konservativen Werte. Familie, Sicherheit, Stabilität, Treue, Beziehung. Das Ganze eben nur viermal. Wird es die nicht, wird es eben die andere. Die Gespräche mit den jeweiligen Familien der Frauen sind austauschbar, die Frauen auch. Einziges auffälliges Detail, das die eine Frau von der anderen unterscheidet: Die Eltern der Grazer Kandidatin besitzen einen grünen Kachelofen.

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Genau das ist meinem Empfinden nach das Widerlichste an dieser Sendung: Die Austauschbarkeit von Frauen, Männern und ihren Familien, die Austauschbarkeit von Gefühlen, Schicksalen und Beziehungen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn eine neue Staffel über die Bühne gehen soll, diesmal mit der Frau in der Rolle der „Terminatorin". Und all das von unserem Geld in einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt! Die Studierenden des Seminars „Frauen-Moral. Eine Einführung in die feministische Ethik" haben nach 35 Minuten „The Bachelor" abgesetzt. Von uns aus kann Marcel seine Rosen behalten.

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PS: Laut Meldung der Online-Ausgabe des Standard vom 8.1.2004 haben sich der Millionär und seine Auserkorene nach ihrem "Liebesurlaub auf den Azoren" bereits wieder voneinander getrennt. Die Bild-Zeitung fragt: War alles nur eine Show?

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