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Abschiedsworte des Dekans

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-12-22

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde der Theologischen Fakultät

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Zum Weihnachtsfest und zum Beginn des neuen Jahres darf ich Ihnen im Namen der Theologischen Fakultät Gottes Segen und alles Gute für Sie und Ihre Arbeit im kommenden Jahr wünschen. Wir leben in einer Zeit des Wohlstands und trotzdem werden in vielen Bereichen die Sorgen größer. Wir leben in einer Zeit äußeren Friedens, und trotzdem nehmen in manchen Teilen der Welt die Spannungen und Gewalttaten zu. Möge das Bild vom armen Stall in Bethlehem und die Botschaft vom Weihnachtsfrieden auch an den dunkleren Orten der Welt Hoffnung geben.

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Mit dem Ende des Kalenderjahres 2003 darf ich mich zugleich als Dekan der Theologischen Fakultät verabschieden. Die letzten vier Jahre haben viel Bewegung in die Universitäten gebracht und weitere tiefgreifende Veränderungen werden folgen. Die Theologische Fakultät hat versucht, auf die notwendigen und unvermeidlichen Transformationsprozesse positiv zu reagieren und sich den neuen Herausforderungen zu stellen. An den zum Teil heftigen Diskussionen um die neuen gesetzlichen und ministeriellen Vorgaben habe ich mich persönlich wenig beteiligt. Dies geschah nicht aus Desinteresse oder weil ich mit allen gesetzlichen Neuerungen einverstanden gewesen wäre. Mich bewegten vielmehr etwas andere Probleme, die ich für die Zukunft der Universität dennoch als wichtig erachte. Hinter den neuen gesetzlichen Vorgaben scheint mir die Vorstellung zu stehen, dass die Universität eine Art Wirtschaftsunternehmen im Bereich des Wissens ist. Das mag augenblicklichen Bedürfnissen entsprechen. Gesamtgesellschaftlich gesehen stehen meiner Ansicht nach dennoch andere Fragen an, die nicht gut in dieses Bild passen und von denen ich einige kurz andeuten möchte.

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Seit der Aufklärung ist die Religion immer mehr zur Privatsache geworden, was u.a. zur Folge hatte, dass die Religion in vielen Bereichen der Human- und Gesellschaftswissenschaften aus der wissenschaftlichen Forschung verschwunden ist. Diese innerwissenschaftliche Entwicklung scheint mir mit gesellschaftlichen Nachteilen verbunden zu sein, denn gegen die Erwartungen der Säkularisierungsthese sind die Religionen aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben nicht verschwunden. In manchen Teilen der Welt spielen sie - im Zusammenhang mit tiefgehenden Krisen - sogar eine wachsende und nicht immer positive Rolle. Das Nicht-Beachten des religiösen Faktors in der wissenschaftlichen Forschung und in der Politik dürfte demnach - so scheint mir - an manchen Orten die Krisen eher verschärfen.

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Im medizinischen Bereich werden große Fortschritte gemacht, und manche Stimmen versprechen uns bereits, dass die Menschen bald 120 Jahre alt werden können. Was für viele Einzelne - vor allem in reichen Ländern - eine sehr positive Aussicht ist, scheint mir gesamtgesellschaftlich betrachtet eher große Probleme aufzuwerfen, ja fast zu einem Albtraum zu werden. Wenn jetzt schon Konflikte um die Fragen der Renten, der Versicherungen und der Krankenkassen entstehen, wie will man dann die riesigen sozialen und finanziellen Probleme lösen, die auf eine Menschheit zukommen werden, die durchschnittlich vierzig Jahre älter wird?

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Auch im naturwissenschaftlichen Bereich wachsen die Erkenntnisse exponentiell, und wir stehen vor stets neuen wissenschaftlich-technischen Durchbrüchen, die als sensationelle Erfolge gefeiert werden. Wir kennen aber auch bereits die Schatten- und Gefahrenseiten mancher Erfolge, wie etwa der Atomenergie. Manche seriösen Forscher warnen nun bereits vor den viel größeren Möglichkeiten des Missbrauchs bei der Nanotechnologie, die gegenwärtig im Zentrum vieler Forschungsbemühungen steht. Was werden Terroristen in Zukunft daraus machen? Gehen wir auf eine Zeit zu, für die der 11. Sept. 2001 erst eine Vorahnung war?

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Diese und viele andere Fragen zeigen, dass die menschliche Gesellschaft trotz großer Fortschritte wachsenden Problemen entgegen treibt. Ist es deshalb - neben der berechtigten und wichtigen Einzelforschung - nicht auch Aufgabe der Universität, sich bewusst und aktiv den gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen? Braucht die Universität, wenn sie etwas von der universitas und der Universalität bewahren und nicht nur zur Schule von Spezialisten werden willen, nicht eine inhaltliche Programmatik, die ganz bewusst über dem alltäglichen Kampf um Ressourcen und über dem Ringen um Auszeichnung in Spezialbereichen steht und die langfristige Anliegen verfolgt? - Ich wünsche und hoffe, dass die neue Universität trotz der vielen augenblicklichen Sorgen diese Fragen nicht aus dem Auge verliert und sich entschieden auch in den Dienst von gesamtgesellschaftlichen Anliegen stellt.

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Das begleitende Bild zeigt einen langen Gang in den alten und neu restaurierten Gebäuden der Theologischen Fakultät, in dem wir in den vergangenen Jahren mit Erfolg auch Kunstausstellungen veranstaltet haben. Beim langsamen Abschreiten dieses Ganges öffnen sich stets neue Perspektiven, trotzdem führt der Gang zu einer Art Ziel. Heute können Ziele allerdings kaum mehr so geradlinig angepeilt werden, trotzdem bleibt es Aufgabe der Menschen, nicht blind in den Alltag hinein zu leben, sondern für sich und für die gesamte menschliche Gesellschaft positive Anliegen zu verfolgen. Als scheidender Dekan wünsche ich der Universität Erfolg beim Suchen und Finden von neuen inhaltlichen Zielen für ihre Lehre, ihre Forschung und für ihren umfassenden Bildungsauftrag.

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  Mit besten Grüßen

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Innsbruck, 10. Dezember 2003 Raymund Schwager, Dekan

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