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Mutter ohne Erbsünde
(Gedanken zum 8. Dezember 2003)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Ist die Lehre von der Empfängnis Mariens ohne Erbsünde nur eine sperrige Ausnahme im kirchlichen Lehrgebäude? Was ist diese Erbsünde eigentlich, vor der Maria bewahrt blieb, und was ist anders dadurch, dass sie ohne Erbsünde war?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-12-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Gen 3,9-15.20); Eph 1,3-6.11-12; Lk 1,26-38

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 Liebe Gläubige,

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ich möchte Sie heute einladen zu einem Gedankenexperiment. Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Sie erinnern sich zurück an Ihre frühe Kindheit, an Ihre Schulzeit, an das Heranwachsen, die wilden und schwierigen Zeiten der Pubertät, und fragen sich dabei: Wie wurde in dieser Zeit von meinen Eltern, Großeltern, Geschwistern, Lehrern und Lehrerinnen, Pfarrern - schlicht allen, die irgendwie einen wichtigen Einfluss ausgeübt haben, - von Gott gesprochen? Und noch wichtiger: Welchen Eindruck von Gott haben sie vermittelt, wenn sie gar nicht von ihm gesprochen, sondern einfach gelebt, geliebt, erzogen und möglicherweise, wenn es notwendig war, auch bestraft haben? Stellen Sie sich vor, Sie könnten sagen: „Egal, was auch gekommen ist, ob Krieg oder Hunger, Liebeskummer und Pubertätsprobleme, Schulschwierigkeiten oder kindliche Lausbübereien, bei einem war ich mir immer sicher: dass Gott mich liebt, so wie ich bin. Dass Gott einer ist, der zu mir steht. Alle Menschen, die mir irgendwie etwas von Gott vermittelt haben - sei es durch Worte, Werke oder durch den allgemeinen Umgang mit mir - sie haben mir gezeigt, dass Gott mich und alle Menschen ohne Wenn und Aber liebt, sogar trotz unserer Fehler. Ich habe das quasi mit der Muttermilch eingesogen. Nie wäre es mir auch nur in den Sinn gekommen, dass Gott mich oder andere verstoßen könnte, sie ablehnen, zu ihnen grausam sein oder sie gar hassen würde. Auch wenn schwere Schicksalsschläge eintraten, war mir instinktiv klar, dass sie nicht göttliche Vergeltung für die Fehler der Menschen waren, sondern höchstens die Folgen ihrer Fehler, die Gott zuließ, weil er die Menschen nicht entmündigen wollte. Auch in allem, was schlimm und schmerzhaft war in dieser Welt, fühlte ich mich daher in Gott geborgen, in dem Gott, den ich mit der Muttermilch als guten Vater kennen und lieben gelernt habe."

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Liebe Gläubige, wäre das nicht schön, wenn wir das sagen könnten? Wäre es nicht schön, wenn dies nicht nur ein Gedankenexperiment wäre, sondern unser Lebensgefühl? Könnten wir dann nicht auch allem Schlimmen und Schmerzhaften, das uns heute und morgen vielleicht noch zustößt, ganz anders begegnen - mit größerem Gottvertrauen? Ich denke, ja. Und mir geht es, wie es Ihnen wohl auch ergeht: Auch für mich ist das nicht die Realität, sondern ein schöner Traum. Ich versuche zu glauben, dass Gott so gut ist, wie er in diesem Traum geschildert wird. Aber ich habe das nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Es gab, auch unter meinen wichtigsten Bezugspersonen, die ich sehr schätze und liebe, Vorstellungen von Gott - oft unausgesprochene -, die es mir nicht leicht, sondern schwer machten zu glauben, dass dieser Gott mich und auch alle anderen liebt. Die, die mir halfen an Gott zu glauben, hinderten mich auch manchmal daran. Und so schleicht sich auch in das Glaubensleben des studierten Theologen (oder vielleicht dort besonders?) immer wieder der Zweifel ein; nicht so sehr der Zweifel, ob es Gott denn nun wirklich gibt; aber der, ob er denn wirklich so kompromisslos vergebungsbereit, so radikal liebevoll, so unendlich gütig ist, wie uns das Jesus verkündet hat.

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Warum konnte uns Jesus diese Botschaft bringen - und sie so glaubwürdig durchhalten trotz all dem Bösen und Widrigen, das ihm widerfahren ist? Das heutige Fest der Empfängnis Mariens ist ein wichtiger Teil der Antwort: Weil für Jesus gilt, was für uns nur ein schöner Traum ist. Er hat die Erfahrung der Güte Gottes von seiner Mutter ungetrübt und mit der gleichen Selbstverständlichkeit aufnehmen können wie die Muttermilch. Nicht alle Bezugspersonen des jungen Jesus waren so, dass durch sie wie selbstverständlich die Güte Gottes hindurchfloss; aber Maria schon. Und der Grund dafür war, dass sie vom Anfang ihrer Existenz durch Gottes Gnade und im Hinblick auf das, was Christus für alle Menschen getan hat, von dem verschont blieb, was die Theologie Erbsünde nennt.

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Diese „Erbsünde" ist ja genau genommen nicht etwas, das wir zusätzlich noch geerbt hätten und besser nicht haben sollten; sie ist die Tatsache, dass wir etwas nicht „geerbt" haben, das uns nun fehlt: nämlich den selbstverständlichen Zugang zu Gott durch unsere Herkunft von anderen Menschen. Nach Gottes Schöpfungs- und Heilsplan hätten wir aufgrund unserer Herkunft, durch die Beziehungen zu Eltern, Großeltern, Geschwistern usw., gleichzeitig eine ungetrübte liebende Beziehung zu Gott geschenkt bekommen. Jeder und jede von uns hat aber wohl schon am eigenen Leib erfahren, dass unsere Gottesbeziehung nicht so ungetrübt liebevoll ist. Den Grund dafür, dass diese Trübung eingetreten ist, nennt die Kirche „Erbsünde"; um die Störung dieser Beziehung sollte es gehen, wenn von der Erbsünde die Rede ist. (1)

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Wenn aber die Erbsünde der Grund dafür ist, dass wir nicht schon durch unsere Herkunft von Menschen eine ungetrübte Gottesbeziehung haben, dann gilt: Für Jesus konnte dies anders sein, für ihn konnte unser Wunschtraum genau deshalb Realität sein, weil seine Mutter von Anfang an nicht von dieser Erbsünde betroffen war. Als Mensch musste auch Jesus von Nazareth, wie alle Menschen, von seinen Bezugspersonen lernen, wie Gott ist, und über sie eine Beziehung zu Gott gewinnen. Anders als bei allen anderen Menschen gab es unter seinen Bezugspersonen aber eine, die ihm da immer Hilfe und nie Hindernis war: seine Mutter Maria.

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So außergewöhnlich und wundersam es also scheint, dass Maria anders ist als wir alle, so sehr dient es doch dem, dass Christus genau so ist, wie wir alle von Gottes ursprünglichem Schöpfungs- und Heilsplan her einmal gedacht gewesen sind. Maria ist hier tatsächlich die wundersame Ausnahme, die wir nicht mehr näher erklären können. Sie ist es aber, damit ihr Sohn uns darin, wie wir ursprünglich von Gott gedacht sind, so ähnlich sein kann wie nur möglich, und uns so auch eine neue Beziehung zu seinem Vater ermöglichen kann; eine neue Beziehung, bei der die Unsicherheiten und Eintrübungen immer mehr zurückgedrängt werden vom Licht seiner Offenbarung.

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Eine „Erklärung" gibt es allerdings schon für die Ausnahme, die Maria ist: Die Liebe Gottes. Sie erklärt alles, für sie ist nichts unmöglich - wie uns Lukas sagt - und trotzdem fegt sie nicht einfach unter Missachtung unserer Freiheit über uns hinweg, sondern sie schafft sich selber die Bedingungen in der Welt, die uns wieder zu ihm und damit zu unserem Heil führen, die uns ermöglichen, Ja zu sagen wie Maria Ja gesagt hat. Wir haben in der ersten Lesung gehört, dass Gott uns erwählt hat vor der Erschaffung der Welt und aus Liebe im Voraus bestimmt hat, seine Söhne und Töchter zu werden zum Lob seiner Gnade. Diese Gnade hat er uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; und in dieser Gnade hat er Maria dazu befähigt, die bestmögliche Mutter für diesen Sohn zu sein und so sein Heilswerk zu unterstützen.

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Danken wir am heutigen Fest dafür und bitten wir, dass unser Gottesbild immer klarer und reiner werde, damit wir einst Gott schauen können von Angesicht zu Angesicht.

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Anmerkungen:

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1. Vgl. K. Rahner: Die Sünde Adams. In: Schriften zur Theologie 9, 259-275, v. a. 267f.

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