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Schule der Hoffnung
(Eine Predigt zu Jer 31,7-9; Ps 126; Mk 10,46-52)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:18. Uhr SJ-Messe in der Kapuzinerkirche am 26. Oktober 2003.
Datum:2003-10-27

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1
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"Ich will alles, und zwar subito!" - so oder ähnlich formuliert der typische Jugendliche unserer Tage seine Einstellung zum Leben. Er hat ja keine Zeit, zu warten. Zählen tut im Leben eh nur das, was da ist. Hoffnung? "Was ist das schon?", sagt er. An die Zukunft zu denken, von der Zukunft etwas zu erwarten, das hat er nicht gelernt. Ausgenommen: jene Zukunft, die zum Greifen nahe ist; jene Zukunft, die eben "subito", die bald zur Gegenwart werden kann. Deswegen will er auch nicht unbedingt Jahre in eine mühsame Ausbildung investieren, lässt sich verlocken von den scheinbar gut bezahlten Jobs, mit denen er sich bereits jetzt "alles" leisten kann: das Auto, die Discos, den Kurzurlaub und die notwendigen Analgetika. Leben von der Hand in den Mund, heißt die Devise. Und "lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot".

2
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"Bad news are good news" - so lautet einer der wichtigsten journalistischen Grundsätze. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, schlechte Nachrichten verkaufen sich eben besser. Willst du ein erfolgreicher Medienschaffender werden, so fokussiere die Katastrophen des Lebens. Suche gezielt nach schlechten Nachrichten, bausche sie auf, erzeuge die Katastrophenstimmung. Das ganz alltägliche und normale Gute verkommt zunehmend zur Banalität. Das Gute wird verkitscht. Als saft- und kraftlos dargestellt, gleicht es schon der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen von Frustrationen und Sensationen, von Missbrauchsgeschichten, Mord- und Selbstmordstories, von Beweisen für Lug- und Trugmentalität: die Menschheit nimmt sich selber zur Geisel im Teufelskreis von Lüge und Gewalt!

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Diese zwei Grundnormen unseres Zusammenlebens: "ich will alles, und zwar subito", "bad news are good news" kamen mir in den Sinn bei der Besinnung auf jenes Wort Gottes, das uns heute bei dieser Eucharistiefeier treffen will. "So spricht der Herr: Jubelt! ... Jauchzt! ... Verkündet, lobsingt und sagt: Der Herr hat sein Volk gerettet." Erzähl darüber, dass Menschen auch Träumende sein können, ihr Mund voll Lachen und ihr Mund voll Jubel!

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"So ein frommer Schmarrn!", wird der realistische Zeitgenosse einwenden, außerdem habe ich keinen Grund zum Jubel. Stressgeplagt und voll von Ressentiments, bin ich eher bereit zu klagen, zu erzählen, wie schlecht es mir geht, im Extremfall sogar die Tränen zu vergießen. Das uralte biblische Lied von Menschen, "die mit Tränen säen", von Menschen, die in ihrem Leben bloß den Samen ihrer Kümmernis tragen, weil sie nichts anderes als Leid und Perspektivenlosigkeit, als Hunger und Depressionen kennen, das Lied, das von der Hoffnung jener Menschen singt, dass sie eben mit Freude zurückkehren und ihre Garben tragen, dieses Lied wische ich allzu schnell vom Tisch. Als Illusion, als billige Vertröstung, als unrealistisch. Mehr noch: Von religionskritischen Aggressionen vollgeladen, frage ich allzu gerne nach dem Realitätsgehalt solcher Wort. Den historischen Hinweis auf die Katastrophen des Volkes Israel, auf die assyrische und babylonische Gefangenschaft, den Hinweis auf die Rückkehr aus dem Exil und auf die Hoffnung der Glaubenden damals, dass Gott, wenn schon nicht heute, so doch morgen, wenn nicht in der Gegenwart, so doch in der Zukunft, das Schicksal wendet, diesen Glauben will ich nicht so ohne weiters gelten lassen. Viel glaubwürdiger erscheinen mir da die Theorien der Historiker, die "schwarz auf weiß" erklären, welche Machthaber dort und aus welchen Gründen sie damals ihre Hände im Spiel hatten. Noch weniger wird mich die Fortsetzung der Hoffnungsgeschichte überzeugen, die mir das Evangelium anbietet. Jene frohmachende, gute Botschaft, dass Gott in Jesus von Nazareth handelt, Tränen trocknet, heilt und den Weg zeigt, auf dem man nicht straucheln kann.

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Wie schwer fällt es mir da zu glauben? Und ich werde ja fleißig unterstützt von all den modernen Zynikern, die nur zu spotten wissen: "Dass ich nicht lache!" - sagen sie - "Tausende Blinde hat es in Israel gegeben, warum denn bloß diese eine Heilung? Hunderte von Ehebrecherinnen wurden zur Steinigung gezerrt, warum bloß nur diese eine Rettung? Warum bloß eine Brotvermehrung und nicht tagtäglich das Wunder? Angesichts von so viel Not und Elend. Ich will doch alles, und zwar subito - auch von Gott, wenn es diesen geben sollte. Und weil ich das nicht bekomme, welchen Sinn hat es da, zu glauben und zu hoffen. Anstatt zu loben, zu jubeln und sich zu freuen, soll man bodenständig bleiben, und all die Scheiße, all die Perspektivenlosigkeit, all die Depressionen beim Wort nennen. Bad news are good news." Der moderne Unglaube!

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Und trotzdem versammeln sich immer wieder Menschen, Woche für Woche kommen weltweit Millionen von Menschen zusammen, um sich sagen zu lassen, dass Gott ihnen einen Weg ebnet, einen Weg, auf dem man nicht straucheln kann. Sie lassen sich diesen Zuspruch sagen oder ähnliche Worte der Hoffnung verkünden. Und sie erinnern sich dankbar all jener kleinen Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die es damals gegeben hat und die es heute gibt: die Heilung des Blinden, das Aufrichten eines Krebskranken, die Abkehr eines Drogensüchtigen von seinem Weg. Sie sind über diese Zeichen froh, bereit zu Dankbarkeit und zu stillem Jubel, auch wenn es eben nur Einzelereignisse sind. Immer und immer wieder stärken sie einander das Vertrauen, dass die Welt eben nicht voller Scheiße ist, weil das Gute tagtäglich mitten unter uns Gestalt annimmt. Und sie feiern den Lebensweg Jesu, die menschgewordene Hoffnung, den Lebensweg, der in einer Sackgasse sondergleichen endet: in der Klage, in der Sprachlosigkeit, im Tod, und scheinbar auch beim Triumph der Spötter. Sie tauchen in die Trostlosigkeit der Grabesstille ein - unendlich lange drei Tage! - und sie verkünden die Auferweckung der menschgewordenen Hoffnung den Spöttern zum Trotz.

7
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Millionen von Menschen weltweit sind in dieser Schule der Hoffnung eingeschrieben, wie wir alle, die wir uns zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben. Es ist eine Schule, die lebenslanges Lernen beinhaltet, das Erlernen der Guten Botschaft. Ihr Inhalt lässt sich auf einen Nenner reduzieren: Wir bekommen zwar alles geschenkt ..., aber nicht subito, nicht bald, sondern immer und immer wieder nur ansatzweise. Denn alles zu haben, und dies auf eine perfekte Art und Weise, das ist ja der Inhalt des Himmels. Und dieser Himmel liegt immer noch vor uns. Er liegt vor uns, selbst dann, wenn wir an das Bett gefesselt, an der Intensivstation die letzten Minuten unseres Lebens erleiden. Der Himmel liegt vor uns, selbst dann, wenn wir in der Hoffnungslosigkeit eines heruntergekommenen Viertels an der Überdosis von Drogen zugrunde gehen. Und weil der Himmel immer noch vor uns liegt, deswegen sind wir wie Träumende. Deswegen ist unser Mund voll Lachen und das Herz voll von Jubel. Und die Spötter? Auch der Spötter in mir? Lass sie spotten! "Froh sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen", sagte schon vor mehr als 100 Jahren Johannes Bosco, und er hat Recht gehabt.

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