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Faszination des Untergangs?
(Herausforderungen fundamentalistischer Religiosität)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-09-16

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der Zeit der Verdrängung fundamentalistisch geprägter Religiosität durch die Theologie scheint jetzt die Zeit der flutartigen Vermehrung von Veröffentlichungen zu diesem Thema zu folgen.(1) Die trotz aller Proteste, in der wissenschaftlichen Diskussion, vor allem aber in der Tagespresse selbstverständlich gewordene Ausweitung des Begriffes auf alle möglichen Bewegungen (auch katholischer Art) in der Gegenwart macht darauf aufmerksam, daß es den zu Recht, oder auch zu Unrecht als "fundamentalistisch" abqualifizierten Gruppierungen eine Mentalität zugrunde liegt, die bei weitem die Grenzen eines Konventikels sprengt: fundamentalistisch geprägte Religiosität trägt weite Kreise der großkirchlich integrierten Gläubigen. (2)

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Eines der entscheidenden Impulse für diese Mentalität stellt eine gewisse Faszination am Untergang dieser Welt dar. In den Kreisen der klassischen amerikanischen Fundamentalisten um die Jahrhundertwende war sie direkt durch eine "dispensationalistische Eschatologie" quasi-dogmatisch verordnet: im apokalyptischen Prämillenniarismus fanden sie den entscheidenden hermeneutischen Schlüssel für die Auslegung biblischer Texte(3). Im katholischen Bereich verhalf dieser Faszination jene offiziell geforderte "Mentalität des Glaubens" zum Durchbruch, die jede Veränderung, auf Verschwörung antikirchlicher Kräfte zurückgeführte und pauschal verteufelte, den Pluralismus und die nicht eindeutig religiös bestimmte säkulare Kultur als Abfall ansah und am besten als "Burgmentalität" qualifiziert werden kann (4). Sie inspirierte die - durchaus weit verbreitete - sich auf alle möglichen Offenbarungen und Visionen berufende und dem Untergangsszenario verpflichtete Frömmigkeit, die G. Bachl als "Marien-Apokalyptik" qualifiziert hat (5).

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Bei aller konfessionell bedingten religiösen Vielfalt von Bildern und Aussagen weist dieses vom Untergang faszinierte Christentum dieselben Grundideen auf. Der Überzeugung, daß wir im letzten Zeitalter der Erde leben und daß der Untergang nahe bevorsteht (6) entspringen zwar vordergründig Angst und Schrecken, auf einer tiefen Ebene vermittelt aber dieser Glaube eine ungeheure Sicherheit. Gott, dessen Wirken kaum mehr in der gegenwärtigen Welt vernommen werden kann, wird durch sein (zerstörerisches) Handeln endlich seine Gottheit beweisen. (7) Dieser Erweis gilt sowohl nach außen - die mit eigenen Gegner identifizierten Feinde Gottes werden erniedrigt, oder gar vernichtet -, als auch nach innen: die Getreuen werden gerettet (8). Da der Untergang eine von Gott beschlossene Sache ist, kann er unmöglich abgewendet, oder gar verhindert werden; diese Welt ist endgültig dem Scheitern preisgegeben, worauf es ankommt ist die Rettung seiner selbst und (möglichst vieler?) "gerechter und wahrer Christen"(9).

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Dieser formalen, der heilsgeschichtlichen Konzepten entnommenen Grundstruktur werden die konkreten politischen Gegebenheiten integriert. Auf ihre Art ist demnach die fundamentalistische Religiosität durchaus lebendig; sie ist aber kaum von der gegenseitigen Durchdringung der Welterfahrung und religiösen Ideen geprägt. Die wahrgenommenen Gefahren, die politisch aktuellen Konfliktschemata werden vielmehr fortlaufend "theologisch integriert". (10) So enthüllen die biblischen Schriften oder auch die Visionen die jeweiligen Ursachen der (gerade) zum Untergang führenden Krise der Welt(11), die erfundenen und eingesetzten Waffen werden beschrieben (12), politische und kirchenpolitische Entwicklungen benannt (13), allem aber werden die politischen Gegner als Agente Satans eindeutig identifiziert (14). Schließlich werden genau die Kriegsstrategienen beschrieben und etwaigen Rettungstrategien bekannt gegeben. (15) Der Zusammenhang von Eschatologie und einer politisch motivierten Ethik ist allerdings durch die Preisgabe der Welt auf die aktualisierbaren Beweise der Schlechtigket der Welt reduziert. (16) Der Logik dieser Zuordnung folgend müßten sich zwar die Fundamentalisten politisch eher passiv, das Ende abwertend verhalten; die Geschichte des amerikanischen Fundamentalismus zeigt aber deutlich, daß diese theoretische Passivität immer wieder in die Aktivität umschlägt: ein vom Ende Faszinierter möchte dieses Ende beschleunigen oder selber einen Beitrag zum Zustandekommen desselben leisten(17). Alle etwaigen Ängste und Nöte, die eine solche Katastrophe mit sich bringen muß, werden evangelikal durch die "biblische Hoffnung" auf die wunderbare Rettung - ohne jeglichen Schmerz - in aller letztem Moment ("Entrückung")(18), katholisch durch die Schilderungen der zu erwartenden Welt, die ein genaues Gegenteil von der jetzt erlebten darstellt (19), regelrecht betäubt.

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Bildet nun die fundamentalistisch geprägte Religiosität eine Herausforderung für die Theologie, Kirche und Gesellschaft?

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Die Bedeutung der fundamentalistischen Literatur im Kontext der Eschatologie soll nicht überschätzt, sie darf aber auch nicht unterschätzt werden. Die Verkaufserfolge (20) weisen oberflächlich auf ein Bedürfnis und eine Marktlücke hin, die Zunahme der fundamentalistisch geprägter Religiosität in der Gegenwart zeugt - aller Gestrigkeit solcher Bilder und Aussagen zum trotz - von der Plausibilität der fundamentalistischen "einfachen Antworten".

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Durch die real-politische Situation unseres Zusammenlebens im ausgehenden 20. Jahrhundert wird sie auch auf eine grelle Art und Weise bestätigt. Die Faszination des Untergangs kann sich zuerst auf das Politisch-Machbare berufen und sich von diesem noch inspirieren lassen. Die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl hat selbst den skeptisten Zeitgenossen auf all jene Spitzen von Eisbergen aufmerksam gemacht, die ein mögliches Ende unserer Erde andeuten. Militärpolitische, wirtschaftliche, entwicklungspolitische und ökologische "Grenzwerte" eines machbaren Infernos stecken immer deutlicher den Wahrnehmungshorizont des heutigen Menschen ab. Nicht nur die wissenschaftliche Diskussion prägt aber das alltägliche Bewußtsein in diesem Zusammenhang; dem Durchschnittsmenschen sind die millionenfachen Multiplikatoren wichtiger: sie buchstabieren das Thema vom Ende in der Sciencefictionliteratur und im Film, den unzählingen "Inferno-Computerspielen", aber auch den "engagierten" Werken moderner Kunst immer wieder neu. Zum Greifen nahe präsentiert, dadurch auch alltäglicher, erträglicher, weil normaler geworden, ist das mögliche Ende in den 90er Jahren kulturell zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Der überwiegende Teil dieses teilweise trivialen kulturellen Schaffens der Gegenwart erliegt der "Faszination des Untergangs" und verhilft diesen zu verdrängen. Immer wider wird das Szenario nach demselben Muster belebt: von den eindeutig identifizierten Feinden verursacht, kann das Inferno problemlos durch deren Vernichtung abgewendet werden. Die Vernichtung der Schuldigen zeichnet den einzig sicheren Rettungsweg an (21).

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Die Redeweise von der Plausibilität des möglichen Untergangs versteht der moderne Mensch in zweifachem Sinn: einerseits ist der Untergang wirklich möglich geworden (das Inferno ist stellt eine wirkliche Gefahr dar), anderseits wird er als möglich, weil von den Feinden verursacht, emfpunden (das Inferno stellt nur eine mögliche Gefahr dar. In diesem doppeltem Sinn bleibt das kulturelle Schaffen derselben Rationalität verpflichtet, die die fundamentalistischen Machwerke prägt.

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In einem solchen kognitiven Umfeld der Gegenwart avanciert diese, geradezu verführisch zelebrierte theologische Eindeutigkeit fundamentalistischer Deutungsmuster für viele - nicht nur einfältigen - Menschen der Gegenwart zum Status einer theologischen und biographischen Sicherheit. Der Entscheidung über deren Plausibilität fällt aber, trotz des verbalen Bekenntnisses kaum bei der Frage der "wörtlichen Erfüllung" von biblischen Versen, oder der in den Visionen angekündigten Prophezeiungen, über eine in aller Klarheit präsentierte Tatsachenwahrheit. Sie liegt in jenen Antriebskräften der Untergangsphantasien, die durch die technologische Kultur der Gegenwart kanalisiert und zusätzlich verstärkt werden. "Angst und Schrecken" finden in der fundamentalistischen Religiosität (wie auch in der säkularen "Untergangskultur") den am besten funktionierenden Verarbeitungsmodus. Die Artikulation von Ängsten auf eine kaum zu überbietende Art und Weise erlaubt zwar eine Identifizierung mit der gegenwärtigen Situation. Durch die Lust am endgültigen Untergang der Feinde werden diese Ängste allerdings erfolgreich verdrängt, weil auf andere projiziert. Die "Faszination des Untergangs" speist sich letzten Endes von der Vergeltungsgerechtigkeit, die immer den anderen "alles aber gar alles" zu vergelten hat.(22) Im Kontext der Zunahme von den realpolitischen Bedrohungen gleich welcher Art bieten nun solche Verdrängungsmechanismen eine "erfolgreiche Lösung aller Probleme": die Instrumentalisierung von theologischen Begriffen und Bilder für alle Gruppeninteressen ist dann die Folge. Die Androhung des möglichen Untergangs stellt dem Fundamentalisten kein Problem dar, wenn es darum geht den Feind zu liquidieren. Eschatologie wird - ob sie es will oder nicht - in einer immer plausibler werdenden Eindeutigkeit nicht zuletzt für die Politik zunehmend von Bedeutung sein.

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Deswegen muß die traditionelle Askese im Umgang mit dem Thema des Untergangs, die das Problem bisher den Fundamentalisten und Sekten überlassen hat, aufgegeben werden! (23) Eine historisch-kritisch begründete Zurückweisung fundamentalistischer Entwürfe von seiten der biblischen Hermeneutik reicht in diesem Zusammenhang keineswegs.(24) Die Treue zur biblischen und christlichen Tradition und die real-politische Gefahr verlangen eine Antwort auf fundamentalistische Reduzierungen. Über den Hinweis auf die "falsche Wörtlichkeit" hinaus, muß auch sie in genauso eindeutigen und einfachen Bildern und Aussagen die modernen (auch Weltuntergangs-) Ängste zu kanalisieren helfen. Da in der Frage nach der Plausibilität von fundamentalistisch motivierter Religiosität die Tatsachenwahrheit doch der Problematik des Umgangs mit dem Gegner weicht, muß die nichtfundamentalistische Reduktion hier ansetzen. Nicht die Zerstörung der Gegner ist das letzte Wort der biblisch begründeten christlichen Hoffnung, sondern die Versöhnung der Menschen untereinander. Die traditionellen, der Logik der Trennung und Zerstörung verpflichteten eschatologischen Aussagen und Bilder, müssen von dieser Versöhnungshoffnung her "neu gemalt" werden, wenn sie Ängste anders kanalisieren sollen, als dies die fundamentalistischen Bilder tun. (25) Die "Feindesliebe", "Gewaltverzicht" und die selbst im kleinsten Raum erfahrene Versöhnung können die zerstörende Kraft der "Faszination des Untergangs" kreativ zu überwinden helfen und die Hoffnung immer wieder neu beleben. (26) Daß dies keine Garantie gegen die reale Möglichkeit des Untergangs ist, versteht sich von selbst, bleibt doch das Christentum nur "eine Verheißung", die "Arbeit und Vernunft braucht" (27).

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Wer aber solche christliche Hoffnung nicht leben will oder kann, wird die Kraft zur Überwindung der real möglichen Apokalypse angesichts des möglichen Infernos kaum entdecken können. Möglicherweise wird er diese Apokalypse indirekt selber mitherbeiführen. Der Untergang seiner Feinde, der auch sein eigener Untergang sein wird, läßt ihm zwar jene Wahrheit triumphieren, die G. Bachl als "bleibende, göttliche Bestätigung und Befestigung des zerrissenen, gegensätzlichen Charakters der Welt" beschrieben hat(28). Diese wird aber kaum die Wahrheit des biblischen Gottes sein!

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Anmerkungen:  

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 1.Vgl. z.B: Die verdrängte Freiheit. Fundamentalismus in den Kirchen. Hg. v. H. Kochanek. Freiburg i. Br., Herder 1991; "Katholischer Fundamentalismus. Häretische Gruppen in der Kirche? Hg. v. W. Beinert. Regensburg: F. Pustet 1991; Der neue Fundamentalismus. Rettung oder Gefahr für Gesellschaft und Religion? Hg. v. K. Kienzler. Düsseldorf: Patmos 1990; "Eindeutige Antworten"? Fundamentalistische Versuchung in Religion und Gesellschaft. Hg. v. J. Niewiadomski, Thaur: Kulturverlag 31989; Fundamentalismus in der modernen Welt. Die Internationale der Unvernunft. Hg. v. Th. Meyer. Frankfurt a. M.: suhrkamp 1989 u.v.a.m.

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2. Damit will ich keineswegs jenen Thesen beipflichten, die die Religion grundsätzlich als "fundamentalistisch" qualifizieren; als Beispiel vgl. G. Nenning, Ich bin Fundamentalist. Religion modernisieren heißt sie zerstören. In: Der Streit in der Kirche. Hg. v. Thomas Chorherr. Wien: Ueberreuter 1989, 97-112.Diesen Sprachgebrauch sehe ich nicht nur als mißverständlich, sondern auch als gefährlich an, hilft er doch jene (auch im Folgenden analysierten) breit verbreiteten fundamentalistischen Impulse zu neutralisieren, die für eine religiöse Kultur der Gegenwart letztlich doch als problematisch einzuschätzen sind.

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3. Neben der Fixierung auf das Buch Genesis waren es seit Anfang an die apokalyptischen Texte der Bibel auf deren wörtliche Erfüllung die unterschiedlichsten fundamentalistischen Konventikeln beharrt haben; der Gedanke des Prämillenniarismus und das Aufspüren von Anzeichen für die Entscheidungsschlacht von Harmagedon beflügeln derer Prediger und Theologen bis zum heutigen Tag. Zum Prämillenniarismus vgl. W. Palaver, Amerikanischer Fundamentalismus: Zur Problematik der Vermischung von Religion und Politik. In: Eindeutige Antworten? (s. Anm. 1) 48f. M. Scherer-Edmunds, Die letzte Schlacht um Gottes Reich. Politische Heilsstrategien amerikanischer Fundamentalisten. Münster: edition liberatión 1989.

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4. Den Inbegriff dieser Burgmentalität stellt das Lied "Ein Haus voll Glorie schauet" in der Fassung von 1926 dar. Vgl. die Bilder: "Wohl tobet um die Mauern der Sturm in wilder Wut;... Ob auch der Feind ihm dräue, Anstürmt der Hölle macht: Des Heiland's Lieb und Treue auf seinen Zinnen wacht. Dem Sohne steht zur Seite die reinste der Jungfraun; um sie drängt sich zum Streite die Kriegsschar voll Vertraun. Viel tausend schon vergossen mit heilger Lust ihr Blut; die Reihn stehn fest geschlossen in hohem Glaubensmut"

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5. G. Bach, Über den Tod und das Leben danach. Graz: Styria 1980, 192. Die Zahl der aktuellen Veröffentlichungen aus diesen Kreisen ist uferlos und unübersichtlich; die Titeln sind stereotyp, z.B.: Reinigung der Erde; Der Dritte Weltkrieg und was danach kommt; Prophezeiungen über bevorstehende Ereignisse. Es sind bestimmte Verlage, die immer wieder solche Bücher verlegen, z.B.: Altötting: St. Grignion-Verlag; Durach: Verlag Pro Fide catholica; Hauteville: Parvis-Verlag; Jestetten: Miriam-Verlag; dazu kommen die Frömmigkeitsinitiativen, die regelmäßig ihre Informationsblätter herausgeben, so z.B.: Informationsblatt Fatima-Apostolat U. L. Frau e.V. - Blaue Armee Mariens (D-7931 Oberdischingen); Bote von Fatima (D-8400 Regensburg); Fatima ruft (D- 7964 Kisslegg); Stimme des Glaubens - Vox fidei e.V. (D-7980 Ravensburg); SB: Der schwarze Brief (D-4780 Lippstadt); Die Muttergottes an die Priester - marianische Priesterbewegung (D- 7708 Tengen); Werk der Kleinen Seelen - Rundbrief (D-7955- Ochsenhausen) u.v.a.m.

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6. Die Bibelfundamentalisten entnehmen diese Sicherheit v.a. aus dem Faktum der Gründung des Staates Israel: "Seit der Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 haben wir in den bedeutsamen Jahren der prophetischen Geschichte gelebt. Wir leben in der Zeit, die Hesekiel in den Kapiteln 38 und 39 seines Buches vorausgesagt hat." So H. Lindsey / C.C. Carlson, Alter Planet Erde, wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges. Asslar: Gerth-Verlag 1990, 69.

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7. "Seit über 1950 Jahren hat es Gott gefallen, relativ stumm zu bleiben. Er hat immer erwartet, daß die Menschen an ihn und seinen Sohn allein aufgrund der biblischen Lehre glauben. Heute aber sehnen sich die Menschen danach, daß er ihnen ein Zeichen gibt. ... Wenn er Rußland auf übernatürliche Weise zerstört, dann erfährt dadurch die ganze Welt - über Satellit und Fernsehen -, daß es einen übernatürlichen Gott gibt, der schließlich doch noch seine Existenz demonstriert hat. In der Folge wird es eine gewaltige Hinwendung von Millionen von Menschen zu Gott geben." :so der Baptistentheologe T. La Haye in einem Interview (am Tag, an dem M. Gorbatschow in Washington den Vertrag zur Verringerung der atomaren Mittelstreckenwaffen unterzeichnet habe); vgl. M. Ruthven, Der göttliche Supermarkt. Auf der Suche nach der Seele Amerikas. Frankfurt a.M.: Fischer 1991, 200. Dieselbe Triebfeder ist auch in der "katholischen" Faszination des Untergangs am Werk: "Die Elemente werden die Menschen zwingen, an einen Gott zu glauben!" so ein Wort des italienischen Kapuzinerpaters Pio von san Givanni Rotonde, zit. nach einem katholischen (fundamentalistischen) Machwerk: Deine Tage sind gezählt. Hg. vom Apostolat der Kleinen Seelen (Werk der Barmherzigen Liebe) Flüeli-Ranft/Schweiz 1989, 51. Der Großteil des Buches ist ein Kompendium solcher eindeutiger apokalyptischen Beweise für den katholisch artikulieren endzeitlichen Beweis der Stärke Gottes.

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8. Die Formen der Rettung entsprechen den konfessionellen "Schwerpunkten": katholischerseits dominiert zwar Angst und Schrecken vor der zu erwartenden Endzeit, sie wird aber regelrecht durch die "Höllendrohung" neutralisiert; bei den evangelikalen Fundamentalisten steht die "endzeitliche Trübsal" und die Möglichkeit einer Rettung aus dieser Katastrophe durch "die Entrückung" im Vordergrund: "Die Entscheidung liegt allein bei Ihnen persönlich. Die Schrift läßt uns wissen, daß es eine Generation von Gläubigen geben wird, die den leiblichen Tod nicht erleiden muß, sondern vor der Trübsalszeit, vor der Zeit der schrecklichsten Seuchen, des Blutvergießens und der Hungersnöte, die die Welt je erlebt hat, vor der Erde entrückt wird." Lindsey/Carlson (s. Anm. 6) 162.

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9. Deswegen auch der leidenschaftliche Kampf gegen die moralischen Zerfallserscheinungen der Gegenwart und jene politische Kräfte, die diesem "Verfall" Vorschub leisten.

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10. Ein Paradebeispiel stellt das 1970 zum ersten Mal publizierte Buch von H. Lindsey, Alter Planet Erde wohin? (s. Anm. 6). Zwischen 1970 und 1990 hat es immer wieder neue Redaktionen gegeben, die die Bibelinterpretation den jeweils neuesten politischen Konstellationen anpassen (in deutscher Sprache hat es 1980 und nun 1990 grundlegende Überarbeitungen gegeben; seit 1991 ist im Buchhandel die - insgesamt gezählt - 19. Auflage im Handel).

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11. Die evangelikalen und katholischen Fundamentalisten verstehen unter der Krise niemals eine durch Veränderung der politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen hervorgebrachte Verunsicherung, sondern immer die durch den Verfall des Glaubens hervorgerufene moralische Krise; dementsprechend wird die Lösung niemals im Bereich des real-politischen Denkens gesucht, sondern als "Bekehrung" beschrieben: vgl. die unzähligen Marienbotschaften, die mit den Worten: "wenn die Welt sich nicht bekehrt..." anfangen, oder aber die Formel der Fundamentalisten: "die Ursache allen Übels liegt darin, daß die Menschen die Gesetze Gottes nicht mehr halten".

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12. So enthalten z.B: die Stellen Ez 38,18-22; 39,3-5 die Beschreibung des "schrecklichen Untergangs der Roten Armee durch "den Einsatz von taktischen Atomwaffen" Lindsey/Carlson (s. Anm. 6) 189f; "Blaue Armee Mariens" publiziert 1983 eine Vision aus dem Jahr 1947 in der die Neutronenbombe "geoffenbart" wurde (R. Reagan sollte sich für diese Prophezeiung interessiert haben) nach: Deine Tage sind gezählt (s. Anm. 7) 37f.

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13. Lindsey/Carlson (s. Anm. 6) exegetiert den Zehnstaatenbund (Dan und Offb) bereits im Kontext der Entwicklung zum vereinigten Europa ( 109-113) und Offb 17 als Beschreibung der ökumenischen Bewegung zur Errichtung einer "Welteinheitsreligion" (142-158); zum letzteren im katholischen Bereich (bei der Bewegung von M. Lefebvre und Engelswerk) vgl. J. Niewiadomski, Wohl tobet um die Mauern. In: Die verdrängte Freiheit (s. Anm. 1) XX-XX; die neueste katholische Variante solcher Identifizierungen besteht in der Assoziation des sog. "dritten Geheimnisses" von Fatima mit einem Ereignis, das die Kirche selber "in den sechziger Jahren" treffen sollte und "einen schrecklichen Niedergang der religiösen Praxis nach sich ziehen würde" (Vaticanum II ?) so: 30 Giorni (dt. Ausgabe: 30 Tage in Kirche und Welt). No 4 (April 1991) 39.

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14. Für den amerikanischen Fundamentalismus war die Fixierung auf den Kommunismus als den Inbegriff des Bösen fast zum Dogma geworden. Seit der Oktoberrevolution ist der Beweis für die Identität der SU mit dem biblischen Gog (Ez 38-39) und die Qualifizierung des Landes als "Hauptzentrum satanischer Aktivität" zum Gemeinplatz der fundamentalistischen Theologie geworden: vgl. G. M. Marsden, Fundamentalism and American Culture. New York/Oxford: Oxford UP 1980, 126. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde Deutschland (Stalin-Hitler-Pakt) mit dem Bündnispartner aus dem Norden (Ez 38,5f) identifiziert: ebd. 182-185; nach dem zweiten Weltkrieg finden sich die Bündnispartner zuerst im Ostblock, gegenwärtig auch unter "all den Verbündeten Rußlands" in den islamischen Ländern (Iran, Nordafrika). Die "genaue Identifizierung" von Gog und seinen Verbündeten im Kontext der politischen Weltlage um 1990 findet sich in Lindsey/Carlson (s. Anm. 6) 65-80; "der König des Südens" von Dan 11 wird dort mit Ägypten (87-92) und "die Könige vom Aufgang der Sonne" von Offb 16,12 mit China und Japan (93-101) gleichgesetzt; ähnliche Identifizierungen in den Schriften des Führers von (politisch) einflußreichen "Moral majority" J. Fallwell, Armageddon and the Coming War with Russia. Lynchburg 1980, 25; Nuclear War and the Second Coming of Jesus Christ. Lynchburg 1983, 19. Zum Einfluß von solchen Werken auf die Denkweise des Weißen Hauses zur Zeit des Präsidenten Reagan vgl. die kritische Studie von R. Ruston und A. West, Preparing for Armageddon. Some theological Advice for President Reagan. London: Pax Christi 1985.
Katholischerseits fixierte sich die Feindschaft auf denselben Gegner durch die von Fatima ausgelöste Frömmigkeit. Der Optimismus einer "Rußlandsbekehrung" trat in den Botschaften allmählich zurück; seit den späten 50-er Jahren drängt die Sovietunion nur noch auf den dritten Weltkrieg zu. So druckte 1961 (im Vorfeld des Konzils) der "Messagero del Cuorore di Maria" die "neuesten" Botschaften der, als Karmeliterin lebenden Seherin von Fatima Luzia, in denen unter Hinweis auf die stattfindende Modernisierung des religiösen Lebens, göttliche Entscheidung zu der letzten Schlacht mitgeteilt wurde: Rußland wird nur noch die Geißel sein, die Gott benutzt, um die Menschheit zu züchtigen (zit. nach: Deine Tage sind gezählt 18f); Zum 70. Jahrestag ihrer Erscheinung in Fatima interpretierte Maria selber (in der Vision an Don Gobbi vom 13. Mai 1987) ihre Botschaft: "Meiner Bitte, daß mir Rußland durch den Papst zusammen mit allen Bischöfen geweiht werden soll, ist nicht nachgekommen worden... In welchen Abgrund seid ihr gestürzt!" zit. nach: Die Muttergottes an die Priester - Marianische Priesterbewegung: Tengen 1987, 756. Dementsprechend wird die Entspannungspolitik konsequent als teuflischer Täuschungsmanöver dargestellt.

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15. Die konkreten Schutzmaßnahmen im Fall der Katastrophe stellen eine Mischung aus dem höchsten Ernstfall und der alltäglichsten, aber doch so menschlichen Banalität dar, die dem politischen Denken der Gegenwart so eigen ist. Es ist dieselbe Naivität am Werk, die den Aufklärungsfilmen über und den Vorschriften der Ministerien für die Nuklearkatastrophe eigen ist; von der Empfehlung sich zu verstecken bis hin zur Aufforderung "Sauerkrautsaft" zu trinken reichte hier die Palette. Vgl. die konkreten Aufforderungen zu den Visionären: "Geht nicht hinaus aus dem Haus. Die Lichter brennen nicht außer Kerzenlicht. Macht die Fenster nicht auf, hängt sie mit schwarzen Papier zu. Alle offenen Wasser werden giftig und alle offenen Speisen, die nicht in verschlossenen Dosen sind. ... Nach 72 Stunden ist alles vorbei." (Visionen von Alois Irlmaier von Freilassing von 1947 - nach: C. Adlmaier, Blick in die Zukunft. Traunstein 3 1961 106); ein sich auf die Visionen von E. Stieglitz (+1975) berufendes Buch von W. J. Bekh, Das Dritte Weltgeschehen. Pfaffenhofen/Ilm: Ludwig Verlag 1981, 110-115 bringt nicht nur ein genuines Szenario eines in Mitteleuropa sich abspielenden Krieges, samt des sowjetischen Gegenschlags gegen die Städte der USA; es enthält auch die aus den Visionen kommenden genauen Angaben über die Schutzmaßnahmen und den Notvorrat für den Ernstfall; Ähnliches in: Deine Tage sind gezählt, 55f: man soll "während dieser Zeit geweihte Kerzen brennen, die Fenster verdunkeln, auf keinen Fall aus dem Haus gehen, vielmehr in vertrauensvollem Gebet um Gottes Erbarmen und Mariensschutz flehen. Als weite Vorsorge sollte ein ausreichender Vorrat an wichtigsten Lebensmitteln und Medikamenten gut geschützt angelegt werden (Notvorrat: Langzeitnahrung, Überlebenspaket, Not-Kochgerät, Not-beleuchtung...) . Landwirte müssen dabei auch an ihre Tiere im Stall denken."!!!. .

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16. Nirgends wird dieser Zusammenhang so deutlich, wie im Kontext der Mittel- und Lateinamerikapolitik der USA: "Wenn sich das Ende der Welt nähert, wird alles dieses geschehen: es muß Krieg geben, es muß Gewalt geben, es müssen viele Dinge geschehen. Und viele werden Hunger leiden, denn es gibt kein Wohin. Also hat Christus gesagt 'Wenn ihr all dieses Dinge seht, dann deshalb, weil das Reich des Herrn nahe ist. Mk 13,29) Das ist jetzt; heutzutage wind wir in den letzten Zeiten. Wir sind dem Ende schon nahe, denn die Bibel erfüllt sich wortwörtlich. ... Was würden wir machen, wo wir doch die Wiederkunft Christi erwarten, wenn plötzlich der Krieg vorbei wäre und es einen Überfluß an Essen gäbe? Dann wären wir Lügner und würden aus Gott einen Lügner machen." Auszüge aus den Interviews in Guatemala, zit. nach der kritischen Studie von H. Schäfer, "... und erlöse uns von dem Bösen. Zur politischen Funktion des Fundametalismus in Mittelamerika. In: Gottes einzige Antwort...: christlicher Fundamentalismus als Herausforderung an Kirche und Gesellschaft. hg. v. U. Birnstein. Wuppertal: Hammer 1990, 118-139, hier: 121. Sowohl die Befreiungstheologie als auch die (wie auch immer begriffene) umfassendere Entwicklungsarbeit sind für diese Eschatologie nicht einmal neutral, sie bekommen den Rang einer widergöttlichen Macht.

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17. vgl. z.B. die extreme Ansicht von E. McAteer: "Die Entwicklung nuklearer Waffen war ein Teil von Gottes Plan. Nuklearkrieg könnte die Erfüllung von Prophezeiung sein. Wir müssen bereit sein." Zit. nach: M. Scherer- Edmunds (s. Anm. 3) 83; zu der "katholischen Variante" der eschatologisch motivierten politischen Praxis (v.a. bei Lefebvre, und Engelswerk ) vgl. J. Niewiadomski, Wohl tobet um die Mauern (s. Anm. 13) XX-XX.

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18. "Die große Frage ist nur, ob Sie, lieber Leser, diese Trübsalszeit auf der Erde erleben müssen...? Die Entscheidung liegt allein bei Ihnen...": Lindsey/Carlson (s. Anm. 6) 162.

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19. "Nach der Katastrophe wird Gott in seiner Macht die ... Welt neu ordnen und die Natur wieder aufblühen lassen. Die katholische Kirche wird durch das sichtbare Eingreifen Jesu und Marien mit ihren himmlischen Heerscharen siegreich und geläutert aus der Entscheidungsschlacht mit dem gottlosen Kommunismus und den anderen von Satan beherrschten Mächten hervorgehen." Deine Tage sind gezählt (s. Anm. 7) 56.

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20. Das 1970 zum ersten Mal veröffentlichte Buch von H. Lindsey (s. Anm. 6) wurde nach der Angaben der Herausgeber in über 20 Millionen Exemplaren verkauft. Nach dem Ausbruch des Golfkrieges 1991 sind fundamentalistische exegetische Werke in den USA schlagartig zu den Bestsellern avanciert: das 1974 von J. F. Walvoord geschriebene Buch: Armageddon, Oil an the Middle East Crisis wurde mit einer Startauflage von 1. Million Exemplare durch den Verlag Zondervan (Michigan) auf den Markt gebracht (das Weiße Haus kaufte unverzüglich 9 Exemplare); Ch. H. Dyer, The Rise of Babylon. Zondervan 1991 (180 000 Exemplare in zwei Wochen). Vgl. Time No. 6 (11. Februar 1991) 64; die katholischen Machwerke erleben in Mitteleuropa bis zu 20 Auflagen (Gesamtauflagen einzelner Schriften beziffern sich auf 150. 000 Exemplare).

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21. Daß diese faszination auch in der Philosophei "Blüten" treiben kann, zeigt die Schrift von U. Horstmann, Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. Wien: Medusa-verlag 1983. Weil die Schuldigen die Menschen sind, müssen sie sich selbst vernichten; aus Liebe zum Leben (um endlich dem Leiden ein Ende zu setzen) plädiert der Autor für ein verantwortbares Ende der ganzen Natur.

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22. W. Raberger, Der strafende Gott - der liebende Gott. Gottesvorstellungen in Fundamentalismus und Pluralismus. In: Theologie der Gegenwart 34 (1991) 11-26, 14f spricht in diesem Zusammenhang von der "Stärke des Fundamentalismus". Zu dieser Logik des Ressentiment, des Hasses und der Rache vgl. G. Bachl, Über das Leben (s. Anm. 5) 311-315.

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23. Die skeptische Haltung G. Bachls, Über das Leben (s. Anm. 5) 321-330 einer programmatischen Wiederbelebung von apokalyptischen Traditionen im Christentum wird durch die Analyse der fundamentalistischer Religiosität in vielen Punkten zwar bestätigt; seine Warnungen von "einem kompromißlosen Fieber an der Jahrtausendwende" rechneten aber kaum mit dem real-politisch möglich gewordenen Untergang und der sich dadurch doch auf eine neue Art und Weise stellenden Frage nach dem Weltende.

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24. Vielmehr muß die Frage nach der Bedeutung der eschatologisch-apokalyptischen Traditionen durch die biblische Hermeneutik neu diskutiert werden; die Grundannahme eines überholten apokalyptischen Weltbildes und die daraus abgeleiteten Postulate nach einer Uminterpretaiton der biblischen Botschaft, die die Versuchung der "falschen Wörtlichkeit" zu kritisieren suchen, gehen an der sich dem heutigen Menschen immer mehr "als Beweis" anbietenden Untergangsmöglichkeit allzuschnell vorbei. Ein naturwissenschaftlich prognostizierbares, politisch machbares, Kunst inspirierendes und (bibel) theologisch beschriebenes Ende sprechen dieselbe Sprache. Diese, für viele Zeitgenossen bereits zu einer Selbstverständlichkeit gewordene Tatsache beachtet die akademische Theologie noch zu wenig.

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25. Einen solchen Versuch bildet die "Neuinszenierung des Szenarios" vom Letzten Gericht in: J. Niewiadomski, Hoffnung im Gericht. Soteriologische Impulse für eine dogmatische Erlösungslehre. In: ZKTh (1991) xxx-xxx, bes. xxx-xxx.

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26. Für konkrete Beispiele vgl.: Gefahr ist. Wächst das Rettende auch? Befreiende Theologie für Europa. Hg. v. W. Dirks. Salzburg: Pustet 1991.

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27. G. Bachl, Die Angst im Licht der christlichen Hoffnung. In: ThPQ 131 (1983) 214.

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28. G. Bachl, Über das Leben (s. Anm. 5) 205.

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