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"... da hab´ ich dich getragen"
(Auf göttlicher Spurensuche im eigenen Leben)

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Gott finden in allen Dingen. Theologie und Spiritualität (theologische trends Band 7). Hg. Kanzian, Christian, Thaur: Thaur Druck- und Verlagshaus 1998, 168-183.
Datum:2001-10-10

Inhalt

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Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.

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Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.

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Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?"

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Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen."(1)

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Immer wieder habe ich erlebt, daß Gläubige diese Geschichte in einer ihrer vielen Versionen erzählen oder sich in ihr wiederfinden. Das Gleichnis der Spuren im Sand zielt auf die Gegenwart eines lebendigen Gottes im eigenen Leben: Er interessiert sich für mein eigenes Schicksal, und er greift helfend ein. Doch ist dieses Eingreifen verborgen. Die Pointe der Geschichte ist die Aufdeckung dieser Verborgenheit: im Modus der Abwesenheit, gleichsam zwischen den sichtbaren Spuren, erschließt sich dem Zurückblickenden überraschend seine wirksame Anwesenheit.

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Der Blick zurück auf die Lebensspuren erfolgt gemäß der Geschichte vom Ende oder von außerhalb des Lebens her (im Traum). Ist eine solche Rückschau und Rückfrage nach verborgenen Spuren Gottes auch unterwegs, während des Lebens möglich? Die spontane Zustimmung, welche die Geschichte bei vielen findet, läßt Erfahrungen mit solchen Zwischen-Rückblicken vermuten.

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Jeder hat bereits Konstellationen im eigenen Leben erfahren, die hochbedeutsam waren und doch von niemandem mit Absicht angezielt wurden, - glückliche Begegnungen zum Beispiel. „Das kann kein bloßer Zufall gewesen sein..." sagt man, und für manchen ist eine solche Beteuerungen begleitet von einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Solcher Ereignisse im Gebet zu gedenken, sie darin dankbar dem Gnadenwirken Gottes zuzuschreiben, - das wird kein Christ für unangebracht halten.

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Und doch liegen auch Vorbehalte nahe. Das wird uns spätestens bewußt, wenn wir auf Gläubige stoßen, deren Leben laut eigenem Bekenntnis aus einer endlosen Folge von Fügungen Gottes besteht. Da gibt es dann vieles, wo der Verdacht der Selbsttäuschung aufsteigt. Sprunghaftigkeit des Verhaltens, geringe Verläßlichkeit in Alltagsdingen, mangelnder Widerstand gegen Herausforderungen, in denen man sich eigentlich wehren müßte, - all das kann zu den Schwächen von Menschen zählen, die gewohnt sind, in jeder Durchkreuzung ihrer Pläne sofort eine „Fügung Gottes" zu sehen. Doch gibt es auch das andere Extrem: Menschen, die angesichts der Vielzahl möglicher Deutungen und Bedeutungen geschichtlicher Ereignisse sowie aus der Erfahrung von deren späteren Widerlegungen und Enttäuschungen skeptisch geworden sind gegenüber allen Sinnzuschreibungen. Für das religiöse Leben heißt das Resignation: Gott scheint weit weggerückt vom alltäglichen Leben, entweder ganz an den Anfang - der deistische Uhrmachergott, der das (fehlerhafte) Räderwerk der Schöpfung installiert und dann sich selber überlassen hat - oder ganz ans Ende: Gott kommt erst nach dem Tod vor, in einer anderen, besseren Welt.

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Unsere Frage zielt also auf einen Mittelweg: Wie kann man zwischen den Straßengräben von skeptischer Resignation und naivem Aberglauben einen gangbaren Weg finden, um Gottes Handeln in der eigenen Lebensgeschichte auszumachen?

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1. Ein erster Spielraum für religiöse Deutungen

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Aber halt! Ist die Suche nach helfenden Wegmarken und Orientierungshilfen nicht von vornherein sinnlos, weil es besagten Weg gar nicht mehr gibt? Ist uns heutigen Menschen die Zurückführung innerweltlicher Ereignisse auf einen wirkenden Gott nicht grundsätzlich versperrt? Wo Menschen sich früher Mythen von Göttern erzählten, die auf Erden wandelten und handelten, werden heute Meßmethoden und Techniken ausgetauscht - in den Naturwissenschaften ebenso wie im Bereich menschlicher Psyche und sozialer Verbände. Der Gegeneinwand, daß alle Säkularisierung den Menschen die Religion dennoch nicht austreiben konnte, stimmt zwar nachdenklich; für sich allein stellt er aber auch nicht zufrieden. Man müßte zeigen, daß es wichtige Bereiche unseres Handelns gibt, die grundsätzlich nicht auf wissenschaftlich-technische Mittel zurückgeführt werden können, und daß wir in solchen Bereichen unvermeidlich auch mit Methoden arbeiten, die nicht grundsätzlich verschieden sind von religiösen Sinndeutungen. Für unser Thema: Es wäre lächerlich und völlig uneffektiv, wenn jemand mit wissenschaftlichen Methoden seine Alltagsgeschichte auswerten würde, um damit seine täglichen Alltagsentscheidungen verantwortlich zu treffen. Wir geben Einzelereignissen unseres Lebens schnelle und hochriskante Deutungen, wir ziehen Folgerungen, für die unsere Erfahrungsgrundlage meist völlig unzureichend ist. Und dennoch können wir auf dieses Hasardspiel nicht verzichten, weil wir sonst handlungsunfähig würden. Wir können nicht nicht deuten!

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Von der spontanen Bewertung eines Ereignisses (ob etwa ein unerwarteter Vorfall als Störung oder als willkommene Unterbrechung gewertet wird) bis zum bewußt vollzogenen Tages- und Lebensrückblick besteht ein großer Spielraum an Deutungsmöglichkeiten. Dieser kann durchaus unterschiedlich genutzt werden, je nach Temperament, und die gewohnte Weise dieser Nutzung ist auch beeinflußbar. Hier öffnet sich ein weites Feld für die angewandte Psychologie, das zum Beispiel von Ratgebern zum positiven Denken wahrgenommen wird, aber auch ein Spielraum, der für religiöse Deutungen wichtig ist. Gegenüber Zweiflern an der Zeitgemäßheit von Religion kann (unter anderem) auf diesen Spielraum hingewiesen werden.

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Auch Deutungen von Ereignissen sind Handlungen

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Im Alltagsleben ist also jeder Mensch konfrontiert mit einer Unzahl von Ereignissen, denen er Deutungen gibt und geben muß. Diese Deutungen sind meist nicht gedeckt durch die verfügbaren Fakten; für sie besteht ein großer Deutungsspielraum. Dieser Spielraum wird nun dadurch nochmals erweitert, daß unsere Deutungen von Einzelereignissen einen beträchtlichen Einfluß auf spätere Ereignisse ausüben. Der Eindruck, daß eine mir begegnende Person sympathisch ist, führt mich zu einem liebenswürdigen Umgang mit ihr und kann so bewirken, daß auch sie sich zu mir in einer freundlicheren Weise verhält. So wird sich meine Deutung der Person als sympathisch eher bestätigen, und zwar infolge ebendieser Deutung. Hier ist das maßgeblich, was Sprachwissenschaftler die Handlungsdimension von Sprache nennen. Mit der Sprache geben wir nicht nur die nachträgliche und folgenlose Darstellung einer vorgegebenen Wirklichkeit, sondern wir schaffen damit auch Wirklichkeit. Wenn ich ein unerwartetes Ereignis nicht mehr als Mißgeschick verfluche, sondern als eine Unterbrechung begrüße, auf deren kreative Möglichkeiten ich neugierig bin, dann habe ich damit das Ereignis selber verändert. Und diese Veränderung kann sich längerfristig so auswirken, daß das, was ursprünglich als Störung erschien, sich als vorteilhaft erweist, auch nach „objektiven" Bewertungskriterien, die von anderen geteilt werden.

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Allerdings ist auch festzuhalten: der Deutungsspielraum für Ereignisse ist zwar beträchtlich, - meist weiter, als wir tatsächlich geneigt sind, anzunehmen - aber keineswegs beliebig. Eine Kündigung kann nicht einfach dadurch zum Glücksfall gemacht werden, daß man sie als Glücksfall versteht.

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Religiöse Deutung als Komposition von Geschichten

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Bis jetzt haben wir die Deutung eines Einzelereignisses für sich betrachtet. Aber auch dabei zeigte sich bereits, daß eine Deutung die Einordnung eines Ereignisses in einen weiteren Zusammenhang ist, - und zwar in einen Kontext sowohl von bereits geschehenen als auch von erhofften oder erwarteten Ereignissen. Ein Ereignis wird innerhalb einer weiteren Geschichte untergebracht und gewinnt dadurch eine neue, ursprünglich nicht wahrgenommene Qualität. Der Blumenstrauß, den die Ehefrau dem Mann nach Hause mitbringt, kann dem vertrauenden Gemahl ein Zeichen der Wertschätzung und Liebe sein, dem Eifersüchtigen aber Indiz für das schlechte Gewissen seiner Frau. Im ersten Fall bildet das Geschenk ein Mosaiksteinchen in der Geschichte einer glücklichen Ehe, im zweiten eine weitere Episode ehelicher Enttäuschungen.

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Es ist wie mit den ineinandergeschachtelten russischen Puppen: Lebensgeschichtliche Ereignisse sind Teile von Geschichten, die selbst Teile umfassenderer Geschichten sind. Am vorigen Beispiel: Ob der Ehemann aus den vielen und widersprüchlichen Einzelereignissen seiner Beziehungsgeschichte eine glückliche Geschichte mit einigen Schatten komponiert oder aber eine Geschichte des Scheiterns mit trügerischen Aufhellungen, das hängt nicht nur von den Einzelereignissen ab, sondern von weiteren und umfassenderen Geschichten, die deren Komposition beeinflussen: z.B. von der bisherigen Lebensgeschichte, mit vielleicht enttäuschenden Erfahrungen aus der Kindheit; aber auch von Geschichten anderer schicksalsverbundener Menschen (z.B.: „das typische Los eines einfachen Beamten, dessen Frau Künstlerin ist"), einer Familiengeschichte oder einer Volksgeschichte. Christen versuchen ihre Geschichten im Umfeld einer umfassenden Heilsgeschichte zu entwerfen. So kann etwa das Sakrament der Ehe verstanden werden als glücklicher Vorentwurf für eine gemeinsame Lebensgeschichte, - und zwar im Gesamtzusammenhang der Heilsgeschichte, in denen ein fürsorgender Gott sein Volk begleitet.

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„Große Erzählungen" wie die Vision einer christlichen Heilsgeschichte, die von der Gesamtmenschheit bis zum Einzelschicksal reicht, müssen nicht ausdrücklich bewußt sein, um im einzelnen geschichtsbildend zu wirken. Es ist unschwer einzusehen, daß bei Menschen, die eine solche Heilsgeschichte immer wieder mit anderen zusammen feiernd vollziehen (z.B. in der Eucharistiefeier), sich das bis in die Eigenart ihrer spontanen Interpretation von lebensgeschichtlichen Ereignissen auswirken kann.

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Eine in diesem Sinn christliche Deutung beeinflußt nicht nur werdende Lebensgeschichten, sondern trägt auch dazu bei, daß solche Geschichtsbildungen überhaupt erst möglich sind. In einer Zeit, für die Geschwindigkeit und Komplexität charakteristisch sind, in der immer mehr Menschen in einem Stroboskoplicht von ständig wechselnden Erfahrungssplittern zerrissen werden, und wo bergende Ursprungszusammenhänge („Heimat", „Tradition") verblassen, ist es keineswegs mehr selbstverständlich, daß man Geschichten erzählen kann. Die oben beschriebene Bereitschaft, ein Einzelereignis hoffend in einen weiteren Sinnzusammenhang einzubetten, anstelle es als absurd stehenzulassen, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, daß zusammenhängende Geschichten überhaupt entstehen können. Von daher zeigt sich, daß das gelebte Christentum, sowie wahrscheinlich Religion überhaupt, eine wichtige Voraussetzung für die Bildung der geschichtlichen Identität von Menschen darstellt. Umgekehrt wäre die Behauptung wohl eine Prüfung wert, ob sich nicht Geschichte - sowohl als identitätsbildende Individualgeschichte als auch als kulturenverbindende Menschheitsgeschichte - ohne Religion zwangsläufig in konkurrierende und letztendlich beliebige Teilgeschichten auflöst.

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2. Unterscheidungskriterien für religiöse Deutungen

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Religiöse Deutung als Akt der Hoffnung

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Ein wichtiges Unterscheidungskriterium für christlich-religiöse Deutungen ist die Hoffnung. Für ein Ereignis (ob nun unerwartet glücklich oder erschütternd, ob lebensverändernd oder alltäglich) vertraue ich, daß es eine sinn- und heilvolle Bedeutung haben oder bekommen kann. Und von daher - in dem Maße, als mir das gelingt - kann ich dieses Ereignis in Beziehung auf einen geschichtsmächtigen, liebevollen Gott bringen. Ausgeschlossen sind damit zwei Extreme: einerseits die totale Sinnverweigerung, die Verfluchung eines Ereignisses; anderseits eine vorschnelle inhaltliche Festlegung, die Überzeugung, gleich schon zu wissen, was Gott mir mit einem gewissen Ereignis sagen oder schenken wollte. In Richtung beider Extreme kann die Zukunftsoffenheit, welche für Hoffnung charakteristisch ist, blockiert werden.

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Ich will das noch etwas genauer ausführen: Ereignisse gewinnen ihre Qualität nicht nur aus sich, sondern aus dem Kontext, in dem sie stehen. Der gebrochene Fuß mit anschließendem Krankenstand kann ein Unglücksfall sein, aber auch eine heilsame Unterbrechung, die mich aus einer allzu hektischen Betriebsamkeit zur Besinnung auf Wesentlicheres zwingt. Die Bedeutung eines Ereignisses hängt davon ab, innerhalb welcher Geschichte es steht.

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Da Geschichten aber immer nach vorne offen sind in Richtung auf eine Weitererzählung oder Neuinterpretation, kann die endgültige, wahre Bedeutung von Einzelereignissen erst von der letzten und umfassendsten Geschichte her - und das heißt: vom Ende der Weltgeschichte her - wahrgenommen werden. Religiöse Deutung zielt auf eine solche endgültige, umfassendste und damit wahre Bedeutung. Diese wahre Bedeutung, die sich vom Ende aller Geschichte her ergibt, ist uns natürlich noch nicht verläßlich zugänglich. Eine religiöse Sicht umfaßt aber bestimmte allgemeine Annahmen über diese letztgültige Wirklichkeit. So vertrauen Christen in hoffender Vorwegnahme des Endes der Geschichte, daß sich in diesem der universale Heilswille Gottes in Jesus Christus durchsetzen wird. Religiöse Deutung von lebensgeschichtlichen Ereignissen besagt damit, daß ich diese Ereignisse vor dem Horizont eines abschließenden glücklichen Sinns zu interpretieren versuche. Religiöse Deutung heißt damit aber zugleich, daß ich mir der Vorläufigkeit meiner Deutungsversuche bewußt bin. Innerhalb dieser Einschränkungen kann ich sehr wohl annehmen: „Gott wollte mir mit diesem Erlebnis sagen, daß ..."; aber ich weiß um die Vorläufigkeit solcher Annahmen und um die Möglichkeit, daß ich sie später revidieren muß.

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Der Wert einer lebensgeschichtlichen Rückschau

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Das erste Kriterium für religiöse Deutung war das der Hoffnung zwischen den Extremen von Sinnverweigerung und vorlauter Bedeutungsgewißheit. Dieses Kriterium betrifft die Zukunft; das folgende bezieht sich auf die Vergangenheit. Es geht um den Wert der lebensgeschichtlichen Rückschau und Erinnerung.

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Christen blicken auf die Etappen ihrer Lebensgeschichte zurück in einer Haltung der Aufmerksamkeit, die grundsätzlich für jedes Ereignis bereit ist, in ihm Spuren einer göttlichen Zuwendung (in Tat oder Wort) zu entdecken. Das heißt nun keineswegs, daß in diesem Rückblick auch jedem Ereignis eine religiöse Bedeutung zugeschrieben werden könnte. Vieles wird als religiös unerheblich der Aufmerksamkeit entfallen; es können aber auch scheinbar nebensächliche Ereignisse zu Zeichen göttlicher Zuwendung werden: nicht nur die Blume am Straßenrand oder das Lächeln eines Menschen, auch so banale Ereignisse wie die grüne Ampel im Stadtverkehr. Anderseits wird manches Lebensbedeutende sich gegen eine religiöse Deutung sperren: vielleicht der Verlust einer geliebten Person, der im Hinblick auf die vertrauende Gottesbeziehung noch nicht verwunden wurde. Die Hoffnung, daß sich auch solche Brüche in einen Horizont umfassenden Sinns einfügen werden, kann auch dort wirken, wo sie nicht tröstlich fühlbar ist: im Vermögen, die Bedeutung des Schicksalsschlags für eine echte Verarbeitung offenzuhalten.

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Längst nicht jede Erinnerung wird zur Episode einer ausgeformten Geschichte. Vielfach wachsen unterschwellig Zusammenhänge, aus denen irgendwann unvermutet eine überraschende Zusammenschau aufbrechen kann. Plötzlich erscheint in den verworrenen Fäden der Lebensgeschichte ein unerwartetes Muster, offenbart sich ein verborgener Sinn, zeigen sich bisher unsichtbare Spuren eines Meisters, der das Flickwerk meiner Taten und Erfahrungen in ein überraschendes Kunstwerks komponiert. Die lebensgeschichtliche Rückschau - etwa im betend vollzogenen Tagesrückblick - ist eine Arbeit, die den Blick schärft für solche Zusammenhänge. Was derart mit den „Augen des Glaubens" an eigener Lebensgestalt wahrgenommen wird, mag Skeptikern als überzogen erscheinen, es kann aber richtungsweisend für den weiteren Lebensweg wirken und dadurch erst nachträglich die ursprüngliche Intuition bestätigen. Im Bild: Wer an einem scheinbar chaotischen Webstück auch nur die Illusion sinnvoller Muster hat, kann unter Umständen durch die davon inspirierte Weiterarbeit seine Intuition als wirklichkeitsgerecht erweisen.

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Die regelmäßige Übung lebensgeschichtlicher Sinndeutung steigert aber nicht nur die Phantasie religiöser Spurensuche, sondern ermöglicht auch Korrekturerfahrungen, die bei nur sporadischen Deutungsversuchen versäumt würden. Wofür ich letzte Woche Gott gedankt habe, stellt sich im längerfristigen Rückblick vielleicht als problematische Versuchung heraus, und was ich als unannehmbare Erfahrung zunächst unverdaut liegenlassen mußte, kann später Gegenstand von aufrichtigem Dank werden. Solche Erfahrungen vertiefen die Fähigkeit, unverständliche oder unakzeptable Ereignisse hoffend offenzuhalten, und sie machen vorsichtig gegenüber vorschnellen und allzu gewissen Sinndeutungen.

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Die gemeinschaftliche Dimension religiöser Deutung

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Bis jetzt habe ich lebensgeschichtliche Deutungen nur als individuelle Vollzüge untersucht. Jeder der dabei aufgewiesenen Gesichtspunkte steht aber innerhalb eines weiteren gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhangs. Dieser soll nun ausdrücklich gemacht werden.

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Zunächst habe ich betont, daß Deutung ein sprachliches Geschehen ist, das Wirklichkeit nicht bloß abbildet, sondern zugleich verändert, ja überhaupt erst formt. Deutung ist aber ein sprachlicher Vorgang, und Sprache ist ein kulturelles Gut: Begriffe und Aussagemuster sind mir durch eine erlernte Sprache ebenso gesellschaftlich vorgegeben wie Erzählungen, von denen ich auch noch abhängig bleibe, wenn ich mich von ihnen distanziere.

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Das hat zunächst Folgen für den schöpferischen Anteil deutender Sprachhandlungen. Einerseits wird eine völlige Willkür meiner Weltdeutungen durch die Gemeinschaftlichkeit von Sprache verhindert. Deutungen brauchen wenigstens einen minimalen gemeinschaftlichen oder gesellschaftlichen Konsens, um sich durchsetzen zu können. Anderseits ist damit zu rechnen, daß meine Deutungsversuche durch Vorurteile beeinflußt sind, die nur schwer zu durchschauen sind.

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Religiöse Deutungen sind deshalb fundamental auf Gemeinschaft bezogen, auch dort, wo ich sie privat für mich behalte. Sie leben von (Heils-)Geschichten, die ich von anderen übernommen habe und mit anderen teile. Und sie gewinnen an Wirkkraft und damit an Wirklichkeit, wenn ich sie anderen mitteile und mit anderen darüber Übereinstimmung erziele.

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Der umfassende Raum, von dem her und auf den hin christlich-religiöse lebensgeschichtliche Deutungen leben, ist die Kirche. In kirchlichen Vollzügen, insbesondere in den Sakramenten wird sowohl das Gedächtnis vergangener Heilserfahrungen als auch die Hoffnung auf eine glückliche Endbedeutung von Ereignissen in einer welt- und geschichtsübergreifenden Perspektive begangen. Diese übergreifende Perspektive will aber im persönlichen Bekenntnis aktualisiert und konkretisiert werden. Wichtige Elemente dafür sind Bittgebet, Dankgebet und Gotteslob, - in der Eucharistie ebenso wie in anderen sakramentalen Feiern. Diese Aktualisierung und Konkretisierung reicht von einer Anwendung auf die heutige Weltlage, auf die aktuelle Situation in der Gemeinde bis hin zu individuellen lebensgeschichtlichen Deutungen. Auch wenn letztere im allgemeinen nicht ausdrücklich in sakramentalen Feiern vorkommen, gehören sie doch zu den verborgenen Konstitutiva einer christlichen Glaubensbezeugung.

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Wo Christen miteinander beten und sich im Gespräch austauschen, werden religiöse lebensgeschichtliche Deutungen immer wieder spontan bezeugt. Häufig sind aber auch Hemmungen und Vorbehalte: von manchen aus einem gesunden Sinn für Diskretion und Rücksicht auf persönliche Intimbereiche; andere sind abgeschreckt von Übertreibungen, insbesondere aus fundamentalistischen Gruppen, bei denen das Bewußtsein für die Vorläufigkeit und Unsicherheit von Deutungsversuchen wenig ausgeprägt ist. Wieder andere scheuen das Risiko von Fehleinschätzungen.

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Wenn Glaube nicht in unverbindlicher Allgemeinheit verbleiben soll, dann ist das Risiko von Fehlern unvermeidlich. Glaube ist ein Weg, - mit Versuch und Irrtum, mit Fehlern und Fehlerkorrekturen. Wer das heilvolle Wirken Gottes im eigenen Leben vor anderen bezeugt, kann damit nicht nur den Glauben an einen geschichtsmächtigen Gott stärken. Er (oder sie) setzt seine Deutung auch der Kritik von anderen aus und gewinnt so erweiterte Möglichkeiten der Korrektur von Irrtümern. Eine Gemeinschaft, die immer wieder Prozesse gemeinsamer Unterscheidung des Wirkens Gottes durchlaufen hat, wird erfahrener: sowohl was die Kraft aus einem konkret gewordenen Vertrauen auf den geschichtsmächtigen Gott betrifft als auch bezüglich der Notwendigkeit, Deutungen vorläufig und nach vorne offen zu halten.

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3. Gottes Wirken im Handeln der Menschen

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Erfahrung der Gnade im unerwartet geglückten christlichen Handeln

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Wenn Gottes Wirken im Zusammenspiel von Erfahrung und Deutung, von Handeln und „Leiden" gesehen wird, dann gewinnen eigene Handlungen, die rückblickend gläubig gedeutet werden, ein besonderes Interesse. Hier findet sich ein leicht übersehenes, aber für die christliche Lebenspraxis in der Bedeutung kaum zu überschätzendes Feld für Erfahrungen der Gnade. Die Erfahrung eines liebend wirksamen Gottes liegt zunächst dort nahe, wo mich ein glückliches Ereignis von außen oder von anderen her erreicht. Wenn ich mir das Verhältnis von eigener Leistung und göttlichem Wirken nicht als konkurrierend vorstelle, dann kann ich darüber hinaus Gott auch für das danken, was mir aus eigenem Wollen und aus eigenen Kräften gelungen ist. Hier gibt es noch einen besonderen Bereich: wo mir etwas im christlichen Sinn Wertvolles geglückt ist, was ich gar nicht beabsichtigt und unter durchschnittlichen Bedingungen auch gar nicht fertiggebracht hätte.

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Ein Beispiel: Ich komme in Streit mit einem unangenehmen Verhandlungspartner. Es geht nicht um Kleinigkeiten; vom glücklichen Ausgang der Auseinandersetzung hängt Bedeutsames ab. Ich nehme mich zusammen, denn immerhin gilt es, taktisch vorzugehen und die eigenen Interessen zu wahren. Mein einlenkendes Bemühen beginnt Erfolg zu zeigen, der Gegner zeigt ein menschliches Gesicht. Auf einmal spüre ich sogar einen Anflug von Sympathie. Die streckenweise zum herzlichen Gespräch gewordene Auseinandersetzung endet, und am Schluß erweist sich dennoch, daß ich das mir so wichtige Verhandlungsziel nicht erreicht habe. Völlig überraschend überfällt mich aber nicht das zu erwartende „Katergefühl" - der Ärger, zu gut gewesen und über den Tisch gezogen worden zu sein - sondern eine scheinbar grundlose Freude. Der spätere Rückblick offenbart einen Grund für dieses Friedensgefühl: die Erfahrung einer überraschenden Verständigung, die nicht im Zwielicht eines geglückten strategischen Handelns steht. In der Rückschau auf dieses Ereignis lebt die Freude wieder auf und vertieft sich sogar noch: ich beginne zu begreifen, daß hier etwas geglückt ist, was ich aus eigener Kraft niemals hätte fertigbringen können. Ich erfahre mich als beschenkt, als getragen von der göttlichen Gnade. Obwohl mein Kontrahent weiterhin seine schwierigen Seiten behält, bleibt ein Gefühl tieferer Sympathie für ihn.In diesem Beispiel hat eine spätere Einsicht den ursprünglich negativen Charakter der Erfahrung umgewandelt. Doch schon bevor die glückliche Erklärung möglich war, hat ein unvermutetes Friedensgefühl auf eine gnadenhafte Dimension verwiesen. Aber selbst ohne dieses beglückende Gefühl wäre das Geschehnis eines gewesen, wo ich - für mich selber überraschend - über den Schatten meiner charakterlichen Grenzen springen konnte, - wo Gott mich also „getragen" hat, wie es in der eingangs erzählten Geschichte heißt. Genau solche Erfahrungen, wo ich gemäß einer letzten Hoffnung und Liebe dort lebe, wo mir kein erhebendes Gefühl das erleichtert, sind für Karl Rahner die stärksten „Erfahrungen der Gnade":

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„Haben wir schon einmal geschwiegen, obwohl wir uns verteidigen wollten, obwohl wir ungerecht behandelt wurden? Haben wir schon einmal verziehen, obwohl wir keinen Lohn dafür erhielten und man das schweigende Verzeihen als selbstverständlich annahm? Haben wir schon einmal gehorcht, nicht weil wir mußten und sonst Unannehmlichkeiten gehabt hätten, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen? Haben wir schon einmal geopfert, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne das Gefühl einer inneren Befriedigung? Waren wir schon einmal restlos einsam? Haben wir uns schon einmal zu etwas entschieden, rein aus dem innersten Spruch unseres Gewissens heraus, dort, wo man es niemand mehr sagen, niemand mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und weiß, daß man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt, die man für immer und ewig zu verantworten hat? Haben wir schon einmal versucht, Gott zu lieben, dort, wo keine Welle einer gefühlvollen Begeisterung einen mehr trägt, wo man sich und seinen Lebensdrang nicht mehr mit Gott verwechseln kann, dort, wo man meint zu sterben an solcher Liebe, wo sie erscheint wie der Tod und die absolute Verneinung, dort, wo man scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen scheint, dort, wo es wie ein entsetzlicher Sprung ins Bodenlose aussieht, dort, wo alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint? Haben wir einmal eine Pflicht getan, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt? Waren wir einmal gut zu einem Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit und des Verständnisses zurückkommt, und wir auch nicht durch das Gefühl belohnt wurden, ‚selbstlos', anständig usw. gewesen zu sein?"(2)Man könnte sich daran stoßen, bei solchen Vollzügen von Erfahrung der Gnade zu sprechen, - wo doch die heilvolle Gegenwart Gottes nicht fühlbar und erlebbar ist. Was hier gemeint ist, ist aber vielmehr, daß sich in solchen treu bestandenen Lebenssituationen das gnadenhafte Wirken Gottes in besonders reiner, unvermischter Weise manifestiert. Jene Kraft, die dieses selbstlose Handeln ermöglicht, läßt sich nicht mehr leicht verwechseln mit dem eigenen Glücksbedürfnis. Solche Erfahrungen sind aber erst dort vollständig, wo sie auch bewußt als Gnadenerfahrung wahrgenommen werden. Dies ist für Christen dort möglich, wo bestandene Leiderfahrungen im Kontext der umfassenden Heilsgeschichte Jesu Christi begriffen werden - im Blick auf sein „bestandenes" Kreuz aus der Perspektive der Auferstehung - und wo somit die heilvolle, friedensstiftende Dimension solchen unverschuldet geglückten Handelns bewußt wird.

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Wüstenerfahrungen einer blind durchgehaltenen Treue, wie Rahner sie beschreibt, sind nicht ausschließlich für Christen charakteristisch. Wir finden sie in beeindruckender Weise auch bei Anhängern anderer Religionen oder sogar bei nicht ausdrücklich religiösen Menschen. Die beglückende Eigenart christlicher Existenz besteht in der Möglichkeit, die Bedeutung solcher Ereignisse zu erkennen und zu begreifen, indem sie im weiteren Kontext der Heilsgeschichte des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus auch als sinnvoll begriffen werden können. Eigene bestandene Kreuzerfahrung und die Erinnerung an den gekreuzigten und auferstandenen Christus erhellen sich hier gegenseitig.

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Evangelisches Handeln aus der Kraft erinnerter Gnadenerfahrungen

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Von solchen Gnadenerfahrungen her ergibt sich ein Schlüssel für den Umgang mit der anspruchsvollen Ethik des Evangeliums, wie sie besonders in der Bergpredigt aufscheint. Dem, der dich schlägt, die andere Backe hinzuhalten; den, der dich zwingt, mit ihm eine Meile zu gehen, über zwei Meilen zu begleiten; dem, der dir das Hemd nehmen will, auch den Mantel zu lassen; der radikale Verzicht auf Fluch und Begierde bereits in Gedanken; - all das sind Leistungen, die ganz offensichtlich niemandem - auch nicht „Elitechristen" - aus eigener Kraft zugemutet werden können. Wer es dennoch versucht, dem geht es leicht wie dem Mann, den ein unreiner Geist verlassen hat, um dann mit sieben anderen zurückzukehren (vgl. Mt 12,43-45): Die moralische Selbstüberforderung rächt sich durch unkontrollierbare Rückschläge in unvermuteten Bereichen.

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Heißt das, daß die Anweisungen der Bergpredigt nur der zugespitzte Stachel des unerfüllbaren Gesetzes sind, sodaß niemand, wirklich niemand angesichts dieser Forderungen noch auf seine Gerechtigkeit pochen kann, und so jeder auf die Gnade Christi angewiesen ist? Eine Lösung, die die handlungsleitende Qualität der Ethik der Bergpredigt ernster nimmt, bietet sich erst durch einen Perspektivwechsel: Die Forderungen der Bergpredigt sind aus eigener Kraft unerfüllbar, aber manchmal merken wir im Vollzug oder im Nachhinein, daß es in bestimmten Situationen eben doch ging, - ungeplant und überraschend.

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Für den Lebensrückblick kann die Bergpredigt so etwas wie einen Filter bilden: Innerhalb der Vielfalt von Erfahrungen lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Ereignisse, wo Handlungsmaximen aus der Bergpredigt näherungsweise verwirklicht wurden. Die Bergpredigt sagt mir also weniger: „So mußt du dich verhalten", sondern eher: „Wo Du und andere sich so und so verhalten, da ist das Reich Gottes nahe". Die Bergpredigt dient hier nicht direkt als Ethik, sondern als hermeneutischer Schlüssel zur Unterscheidung des Wirkens Gottes in meinem Leben.

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Das heißt aber nicht, daß die Bergpredigt damit ihren ethischen Impuls völlig verloren hat, sie übt ihn nur nicht direkt aus. Durch die dankbare Erinnerung an Gnadenerfahrungen, wo ich von Gott getragen wurde, wächst das Vertrauen in diese begleitende Macht Gottes und damit die Fähigkeit, mich öfter und noch radikaler davon tragen zu lassen. Meine Erfahrung mit dem Kontrahenten, der mir trotz (oder gerade im) strategischen Mißerfolg liebenswert wurde, weckt meine Kraft, auch anderen vordergründig schwierigen Menschen in einer aufrichtigen Offenheit zu begegnen. Die Bergpredigt wird so auf eine indirekte Weise zum Lebensgesetz.

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„Gott in allen Dingen finden"

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„Gott in allen Dingen finden" - das ist ein Leitsatz christlicher Spiritualität, der gleichermaßen fasziniert wie provoziert. Er fasziniert, weil er ganz im Gegensatz zu einer weltflüchtigen Frömmigkeit einen Glauben anvisiert, der die Erde liebt, der Menschen und Dinge bejaht und in ihnen die Spuren Gottes findet. Wer so lebt, ist als Glaubender der Welt nahe und findet in der Weltbejahung Gott. Angezielt ist die Vision, daß jede - auch die alltäglichste und lästigste - Erfahrung oder Verrichtung aus der Kraft des den Menschen begeisternden Gottes geschehen kann, - was möglich ist, weil Gott in ebendiesen Erfahrungen oder Verrichtungen als anwesend erfahren wird. Aber genau hier liegt auch die Provokation dieses Leitsatzes: Wie kann Gott - und gemeint ist selbstverständlich der Gott Jesu Christi: liebend und allmächtig - auch in Erfahrungen des Leides und des Bösen gefunden werden?

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Hier weisen die Überlegungen des vorigen Abschnitts einen Ausweg. Wir machen immer wieder - oft unvermutet - Erfahrungen glücklich bestandener Not. Und die dankbare Erinnerung an solche Ereignisse kann die Fähigkeit liebevoller Leidbewältigung für die Zukunft vertiefen. Auch wo eine glückliche Auflösung leidvoller Erfahrungen noch nicht im Blick ist, kann die Erinnerung an frühere gelungene Leidüberwindungen die Hoffnung auf einen letzten Sinn wachhalten.

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Das ist natürlich noch keine volle Einlösung des Leitsatzes „Gott in allen Dingen finden". Gott wird noch nicht in allen, wohl aber in etwas mehr Dingen erfahren, als es mir „von Natur aus" naheliegen würde. Aber die Erfahrung, daß Gott auch in Leid und Schmerz erfahren werden kann, nährt das Vertrauen, daß Er tatsächlich mein ganzes Leben durchdringen kann, daß ich wirklich ganz heil werden kann. „Gott in allen Dingen finden" ist somit eine Zielvorstellung, ein Horizont, dem ich mich im Laufe meines Lebens immer nur annähern, auf den hin ich leben, den ich in diesem Leben aber nie ganz erreichen kann.

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Wer aus der Kraft erinnerter Gnadenerfahrungen lebt, für den ist das „Gott in allen Dingen finden" kein Programm, das aus eigener Anstrengung gelebt wird. Man läßt sich das Finden vielmehr schenken und bemüht sich nur, diese geglückten Erfahrungen in Erinnerung zu bewahren. Eine überfordernde oder den Widerstand lähmende Leidensspiritualität liegt hier fern. Und dennoch wächst hier die Gabe, auch in den widrigen „Dingen" des Lebens die Spuren eines liebenden Gottes zu finden, so daß ich auch dort von ihm bekennen kann: „Da hast Du mich getragen".

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Anmerkungen:

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 1. Diese mittlerweile vielfach weitererzählte Geschichte geht zurück auf Margaret Fishback Powers. Es wurde von ihr im Jahr 1964 verfaßt, in einer für sie sehr schweren Zeit. Vgl. ihr Buch „Spuren im Sand" (Brunnen-Verlag Gießen).

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2. Karl Rahner, Über die Erfahrung der Gnade, Schriften zur Theologie Band III, 105-109, hier: 106f. Vgl. auch ders., Erfahrung des Heiligen Geistes, Schriften zur Theologie Band XIII, 226-251, besonders: 239f.

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