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Selbstbewusst und hoffnungsvoll
(Kirche und Theologie im Südafrika von heute - Eindrücke von einem Studienaufenthalt)

Autor:Weber Franz
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-10-09

Inhalt

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Wer Südafrika noch zur Zeit der Apartheid erlebt und dann die gesellschaftliche Entwicklung nach deren Abschaffung im Jahre 1994 mitverfolgt hat, muss diesem Land trotz mancher kri­tischen Anfragen an die neuen politischen Führer Respekt zollen. "Es ist erfreulich für Süd­afrika", so heißt es deshalb wohl mit Recht in einem der jüngsten Pastoraldokumente der ka­tholischen Bischofskonferenz, "wenn wir bemerken, dass die Art und Weise, wie unser Land von den Schrecken der Apartheid zu einer neuen politischen Befreiung gefunden hat, ein ho­hes 'Maß an Bewunderung' hervorruft".[1] Die weißen christlichen Kirchen waren bekanntlich mehr oder weniger tief und je nach Kirche auf verschiedene Art und Weise in das System der Apartheid verstrickt und haben damit schwere historische Schuld auf sich geladen. Sie haben aber in ihrer Theologie und auch im Kampf gegen die Rassentrennung in der schwierigen Übergangszeit von 1990 bis 1994 durch ihr Bemühen um die Eindämmung von Gewalt, in der Vermittlung zwischen den Verhandlungsparteien und durch ihren Einsatz für Versöhnung und Gerechtigkeit in der Mitgestaltung der neuen südafrikanischen Gesellschaft eine wesentliche Rolle gespielt.[2] Was die Kirchen dort an schmerzlichen und hoffnungsvollen Lernprozessen durchgemacht haben und durchmachen,[3] ist ohne Zweifel auch ein Stück mühevoller und kostbarer Weltkirchenerfahrung, die weltweit mehr theologische und pastorale Beachtung verdienen würde.

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Der folgende Beitrag ist aus dem unmittelbaren Erleben der aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Lage in Südafrika anlässlich eines Studienaufenthaltes im Juli/August 2003 ent­standen. Er möchte bei aller nüchternen Wahrnehmung der nach wie vor problembeladenen gesellschaftlichen und bedrückenden sozialen Situation vor allem auf unübersehbare Zeichen des Aufbruchs in Theologie und Kirche aufmerksam machen.

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Kirche als Licht im Dunkel

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Wer Südafrika in düster-bedrohlichen Farben malen will, findet dafür genug "Farbstoff". Auf einen oberflächlichen ersten Blick macht das Land zunächst einen "gepflegten" und wohlha­benden Eindruck. Hinter den Fassaden und in den schwarzen Vorstädten offenbart sich jedoch eine andere Wirklichkeit. Die Statistiken zeigen eine erschreckend hohe und ständig wachsen­de Arbeitslosigkeit: fünf bis sieben Millionen Erwachsene stehen buchstäblich auf der Straße. Auch unter denen, die Arbeit haben, wachsen in den unteren Schichten Armut und Elend. Die südafrikanische Wirtschaft ist fest in weißen Händen und orientiert sich in erster Linie an den Bedürfnissen der alten und neuen Eliten und nicht an denen der Mehrheit der Bevölkerung. "Neun Jahre nach Ende der Apartheid", so zitiert die ökumenische Zeitschrift "Challenge" in ihrer letzten Ausgabe den Generalsekretär der Vereinigung südafrikanischer Gewerkschaften, "können wir weithin noch von zwei Nationen sprechen - von einer relativ reichen und weißen, und einer relativ armen und schwarzen".[4] Auch in Südafrika werden die Reichen im­mer reicher und die Armen immer ärmer.

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Dass eine solche Situation ein fruchtbarer Nährboden für alle Formen von Gewalt ist, liegt auf der Hand. Raubüberfälle gehören sozusagen zur Tagesordnung. Keiner - ob er nun viel oder wenig hat - ist seines Besitzes und seines Lebens sicher. Die Kirchen werden nicht mü­de, gegen diese Gewalttätigkeit ihre Stimme zu erheben. Sie erreichen in ihren Stellungnah­men aber sicher nur die tatsächlichen und potentiellen Opfer und nicht die Gewalttäter. "Was wir in Südafrika heute am meisten brauchen", so schreibt der Erzbischof von Durban, Kardi­nal Wilfried Napier, in der südafrikanischen Missionszeitschrift "Worldwide", "ist der Re­spekt vor dem Leben. [¼] Es ist traurig, dass die hohe Rate an Gewalt und Mord in unserem Land [¼] nicht gesenkt werden konnte. [¼] Wir werden keine Abkehr von dieser Kultur der Gewalt und des Todes haben, solange wir nicht in unserem kollektiven Bewusstsein wieder eine aus dem Glauben kommende Ehrfurcht vor dem Leben entfaltet haben."[5]

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Die katholische Bischofskonferenz ist darum bemüht, vor allem durch eine basisnahe Arbeit in den Gemeinden eine Bewusstseinsbildung voranzutreiben, in der die Probleme des Landes und ihre Ursachen beim Namen genannt werden und in Unrechtssituationen vor Ort für Be­troffene für Abhilfe gesorgt wird. Für Neville Gabriel, der im Auftrag der Bischofskonferenz landesweit die Arbeit von "Justitia et Pax" koordiniert, dürfe sich die Kirche nicht damit be­gnügen, ihre Energie ausschließlich darauf zu verwenden, die sozialen Übel zu beklagen und anzuklagen: Katholikinnen und Katholiken müssten sich gemeinsam mit Christinnen und Christen anderer Kirchen und in Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen verpflichtet fühlen, an einer moralischen und effektiven Erneuerung der Gesellschaft mitzuwirken. Im Geist des Pastoralplanes der südafrikanischen Kirche, der den bezeichnenden Titel "Commu­nity Serving Humanity" trägt, setzt "Justitia et Pax" vor allem auf die Arbeit lokaler Gemein­den und Gruppen, in denen aus einem gläubig-hoffnungsvollen Nachdenken über die konkre­te Situation ein neues Bewusstsein christlicher Verantwortung für gesellschaftliche Verände­rungen entstehen kann.[6]

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Einer anderen schwer wiegenden Verantwortung versucht sich die Kirche in diesem Land seit einiger Zeit bewusst zu stellen: Mit mehr als fünf Millionen HIV-Infizierten bzw. Aidskran­ken gehört Südafrika zu den am meisten betroffenen Ländern der Erde. Es ist davon auszu­gehen, dass hier über 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu dieser Gruppe gehören. In einer beachtenswerten Konferenz, die vom 5. bis 7. Februar 2003 an der neu gegründeten Ka­tholischen Universität von Johannesburg stattfand, haben katholische Theologinnen und Theologen und in der HIV-Bewusstseinsbildung und Basisarbeit mit Aidskranken engagierte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter um eine pastorale Antwort auf die z. Zt. wohl größte humanitäre Herausforderung gerungen.[7] Dass neben der katholischen Universität das Aids-Büro der Bischofskonferenz als auch die "Katholische Theologische Gesellschaft Südafrikas" zu dieser Konferenz eingeladen hatte, zeigt genau so wie die Tatsache, dass seit 1999 bis 2002 über 70 neue Aids-Projekte in kirchlicher Trägerschaft entstanden,[8] dass die Kirche trotz starker Berührungsängste im Umgang mit dieser Epidemie um der Menschen willen Aids als pastoralen Ernstfall betrachtet, der nicht nur praktisch in Angriff zu nehmen, sondern auch theologisch verantwortlich zu reflektieren ist.

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Eine solche differenzierte theologisch-sozialethische Auseinandersetzung ist umso dringli­cher, als die katholische Kirche - wie auch die anderen christlichen Kirchen - von den Posi­tionen ihrer traditionellen Moral her noch kaum auf eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit der komplexen Aidsproblematik vorbereitet ist. Noch folgenschwerer als das Fehlen ein­heitlicher pastoral-theologischer Richtlinien wirkt sich die Hilflosigkeit der Bevölkerung aus, unter der Aids in Gemeinden und Familien sehr häufig verdrängt und z.B. als Todesursache ängstlich verschwiegen wird. Viele Pfarreien und kleine christliche Gemeinden vor Ort haben aber inzwischen schon entschlossen mit einer gezielten Aufklärungsarbeit und mit konkreten Hilfsmaßnahmen für die Aidskranken und ihre Angehörigen begonnen.

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Bischöfe als Hoffnungsgestalten

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Die Missionstätigkeit der katholischen Kirche in Südafrika ist zum einen zweifellos vom selbstlosen Einsatz vieler weißer Missionarinnen und Missionare aus verschiedenen Orden geprägt. Auf sie fällt aber auch bis heute in mancher Hinsicht der lange Schatten des Rassis­mus südafrikanischer Ausprägung.[9] Aber es waren andererseits gerade auch Missionare und weiße Vertreter der Kirche, wie Erzbischof Hurley von Durban oder die Theologen und Ver­fasser des berühmten Kairos-Dokumentes von 1985, die ganz wesentlich zum Fall des Apart­heidsystems beitrugen. Die Initiatoren der pastoralen Erneuerung der katholischen Kirche wa­ren weithin weiße Vertreter des Episkopates, die - wie die aus der Diözese Regensburg stam­menden Bischöfe Fritz Lobinger und Oswald Hirmer - die Entwicklung der "kleinen Christli­chen Gemeinden" in die Wege leiteten.

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Trotzdem brauchen die Katholiken in Südafrika heute vor allem eine schwarzafrikanische Leadership, die eine neue und andere, in das Post-Apartheid-Südafrika inkulturierte Kirche verkörpert und vor allem der schwarzen Bevölkerung Hoffnung gibt. Eine dieser Hoffnungs­gestalten ist der am 29. Juni in einem festlichen Gottesdienst in sein Amt eingeführte neue Erzbischof von Johannesburg, Buti Thlagale. Er hatte in den letzten Jahren schon als General­sekretär der Südafrikanischen Bischofskonferenz und seit 1999 als Erzbischof von Bloemfon­tain seine Führungsqualitäten unter Beweis gestellt. Die Bevölkerung begrüßte ihn enthusi­astisch als "Sohn Sowetos", der schwarzen Township von Johannesburg. Genau dort hatten ja bekanntlich die folgenschweren Rassenunruhen begonnen, die nach vielen Opfern schließlich zum Ende der Apartheid führten. Dort hatte Buti Thlagale als junger Kaplan und später als beliebter Pfarrer vieles von dem miterlebt und miterlitten, was das neue Südafrika an Geburts­wehen durchmachte: Kein Wunder, dass ein solcher Amtsträger der Kirche in der Unsicher­heit und Bedrohtheit der gegenwärtigen Situation ganz von selbst zum Hoffnungsträger avan­ciert!

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Der durch sein Buch "Gott in Südafrika" weltbekannte Dominikanertheologe Albert Nolan ist davon überzeugt, dass Thlagale - der sich auch als Theologe und als entschiedener Anwalt einer inkulturierten Theologie und Kirche einen Namen gemacht hat - "für seine Aufgabe mit all ihren Herausforderungen und Anforderungen außerordentlich qualifiziert ist"[10]. Auch der Generalsekretär des Rates der christlichen Kirchen Südafrikas, Molefe Tsele, sagt dem neuen Bischof eine "neue Qualität ökumenischer Leadership" nach und sieht in seiner Ernennung "ein bedeutsames Ereignis für die Kirche", weil die Führer der christlichen Kirchen auf die zentralen Fragen der südafrikanischen Gesellschaft gemeinsam eine Antwort zu suchen hät­ten.[11]

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Hoffnungsträger und Symbolgestalten einer neuen schwarzen südafrikanischen Identität tre­ten allmählich auch innerhalb der theologischen Lehre und Forschung hervor, die in den letz­ten Jahren an den kirchlichen und staatlichen Hochschulen zahlreiche Publikationen hervor­gebracht und ein beträchtliches Reflexionsniveau erreicht haben. An der bis vor wenigen Jah­ren stark von weißer Theologie reformierter Prägung bestimmten theologischen Fakultät an der berühmten Südafrikanischen Universität von Pretoria (UNISA) übernahm vor kurzem in der Person von Prof. Tinyiko Sam Maluleke das erste Mal ein schwarzer Theologe das Amt des Dekans.

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Was vor wenigen Jahren noch unvorstellbar erschien, ist als ein Bruch der christlichen Kir­chen mit ihrer eigenen Apartheid-Vergangenheit zu betrachten. Maluleke verkörpert die Sehnsucht nach einer neuen Gestalt von Kirche und das Ringen um eine Theologie, die sich der neue Dekan nur als südafrikanische Befreiungstheologie vorstellen kann. Die Theologie müsse sich, so betonte Maluleke in einem seiner ersten Interviews, noch viel stärker als bisher ihres Auftrags innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft bewusst werden. Diese neue Art theologischer Reflexion habe zum einen ihre Wurzeln in der religiösen Erfahrung Afrikas neu zu entdecken. Zum anderen habe sie ihre wichtige Aufgabe als Faktor sozialer Veränderung wahrzunehmen.[12] Unter den 130.000 Studierenden aller Fakultäten dieser akademischen In­stitution mit einer beeindruckenden Bibliothek befinden sich heute Theologinnen und Theo­logen aus vielen anderen afrikanischen Ländern.

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Trotz der dezidiert ökumenischen Ausrichtung der theologischen Fakultät an der staatlichen Universität studieren hier noch wenige Katholiken. Dafür aber übernehmen bereits auch pro­testantische Professoren einzelne Vorlesungen am katholischen Priesterseminar John Baptist Vianney in Pretoria, wo sich etwa 130 Seminaristen aus fast allen südafrikanischen Diözesen auf ihren pastoralen Einsatz vorbereiten. Dem hier Pastoraltheologie lehrenden Franziskaner­theologen Anselm Prior, der vorher viele Jahre in dem weit über Südafrika hinaus bekannten Lumku-Pastoralinstitut in der Schulung neuer kirchlicher Führungskräfte tätig gewesen war, ist es ein besonderes Anliegen, dass die künftigen Priester ihre kulturellen Wurzeln nicht ver­leugnen, sondern durch gezielte längere Einsätze in den Gemeinden zu einer Theologie und Pastoral mit "Bodenhaftung" finden.

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Prior verschweigt nicht, dass sich unter den vielen authentischen Berufungen zum priesterli­chen Dienst auch nicht selten Kandidaten befinden, für die das Priestertum in der katho­lischen Kirche vor allem einen sozialen Aufstieg und eine berufliche Sicherheit bedeutet. Der Pastoraltheologe ist mit seinen KollegInnen um eine gute Zusammenarbeit mit dem Lumku-Institut bemüht, in dem inzwischen ebenfalls ein afrikanischer Theologe aus dem Orden der Steyler Missionare die Leitung übernommen hat. Die Gemeinden und ihre Führungskräfte erwarten sich von dieser Einrichtung der südafrikanischen Bischofskonferenz neue pastorale Weichenstellungen.

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Kirche und Theologie in kritischer Auseinanderset­zung mit der neoliberalen Ideologie einer "Renaissan­ce" Afrikas

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"Unsere Vision einer afrikanischen Renaissance muss in der Verwirklichung einer ihrer zen­tralen Zielsetzungen dafür Sorge tragen, dass die breiten Massen unserer Bevölkerung ein besseres Leben [¼] und das Recht haben, selbst über ihre Zukunft bestimmen zu können."[13] Was der südafrikanische Präsident Mbeki mit solchen und ähnlichen Statements immer wie­der in der Öffentlichkeit propagiert, muss für die unter zahlreichen sozialen und wirtschaftli­chen Zwängen und Engpässen leidende Bevölkerung zweifellos verheißungsvoll klingen. Mbeki schwebt als Ziel dieses Programms einer "Wiedergeburt" Afrikas offensichtlich so et­was wie eine "Pax Africana" vor, in der Überlebensprobleme Afrikas in einem "Pan-Afrika­nisms" dadurch einer Lösung zugeführt werden, dass alle afrikanischen Länder trotz aller po­litischen Spaltungen untereinander solidarisch werden. Der südafrikanische Präsident vertritt damit eine neue Variante von Protestpolitik und politischer "Befreiungstheologie", die er - an die Weltmächte adressiert - mit starken emphatischen Worten zu beschreiben weiß: "Der Ruf nach einer Erneuerung Afrikas, nach einer Renaissance Afrikas, ist ein Aufruf zur Rebellion. Wir müssen aufstehen gegen Tyrannen und Diktatoren, die unsere Gesellschaften zu verder­ben versuchen und den Reichtum stehlen, der den Leuten gehört."[14]

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Mbeki denkt in den Kategorien des Weltmarktes. Ihm schwebt für die Zukunft vor, dass sich Afrika neben Asien, Europa und Nordamerika zu einem expandierenden und blühenden Markt entwickelt, wo dem südafrikanischen Kapital durch die Entwicklung strategischer Part­nerschaften eine besondere Rolle zufallen wird.[15] Die finanzkräftigen wirtschaftlichen Füh­rungsschichten hören solche politische Zukunftsmusik natürlich gerne. Auch die Massen der Armen werden sich von solchen Tönen ihrer Politiker betören lassen und weiterhin (wahr­scheinlich vergeblich) von einer besseren Zukunft träumen. Südafrikanische Theologen set­zen sich dagegen sehr kritisch mit solchen Zukunftsperspektiven auseinander und bezweifeln mit Recht, ob eine solche "Wiedergeburt" Afrikas wirklich eine größere wirtschaftliche Un­abhängigkeit der afrikanischen Staaten bewirken wird. Höchst fraglich ist aber vor allem, ob damit eine wirkliche Abhilfe für das Problem der Armut und der Massenarbeitslosigkeit ge­schaffen wird oder ob die Kluft zwischen Norden und Süden nur noch tiefer wird. Die neue südafrikanische Theologie erhebt die Forderung, dass eine afrikanische Renaissance vor al­lem auch von einer Wiederentdeckung des vielschichtigen pluriethnischen religiösen und kul­turellen Erbes dieses Kontinents auszugehen hat, die den Menschen in Afrika hilft, ihre tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühle aufzuarbeiten und zu einem neuen Selbstbewusstsein zu finden.[16] Als Theologe und Besucher aus Europa ist man von solchen Lernprozessen in der theologischen Reflexion beeindruckt, weil sie nicht nur die gesellschaftliche Verantwortung der christlichen Kirchen für ein neues Südafrika einklagen, sondern auch ein waches Gespür für die Aufgabe der Theologie in der Suche nach neuen afrikanischen Identitäten entwickeln.

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Kleine christliche Gemeinden als Orte afrika­nischer Identitätsfindung

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Wie weit aber erreichen solche zweifellos zukunftsweisende praktisch-theologische Überle­gungen überhaupt die Basis der christlichen Kirchen, wo Christinnen und Christen - in zum Teil noch sehr von weißer abendländischer Missionsarbeit geprägten Gemeinden - ihren Glauben zu leben versuchen? - Religionssoziologische Untersuchungen über die Entwicklung der religiösen Landkarte Südafrikas zeigen einen deutlichen Rückgang von Gläubigen in den großen historischen Kirchen (Reformierte, Lutheraner, Anglikaner, Katholiken) und einen sprunghaften Zuwachs der Unabhängigen Afrikanischen und Pentecostalen Kirchen: Vor al­lem die Armen unter der schwarzen Bevölkerung ziehen eine Kirche vor, die in kleinen über­schaubaren Gruppen ihren sozialen und religiösen Bedürfnissen unmittelbar entgegen­kommt.[17] Diese Entwicklung ist nicht nur in Südafrika festzustellen, sondern auch in den meisten anderen afrikanischen Ländern, in denen kirchliches Leben sich besonders in der ka­tholischen Kirche noch vielfach in großen und anonymen römischen Pfarreien vollzieht.

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Seit drei Jahrzehnten haben deshalb - wohl auch unter dem Einfluss der Basisgemeinden in Lateinamerika - einzelne regionale und nationale Bischofskonferenzen in Afrika die Entfal­tung so genannter "Small Christian Communities" als Substrukturen der Pfarrei zur pastoralen Priorität erklärt. In Südafrika hat diese Initiative vor allem durch die Basiskurse des Lumku-Instituts eine landesweite Förderung erfahren, die aber bei weitem nicht überall zu schon greifbaren Resultaten geführt hat.

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In der Township Mamelodi an der Peripherie von Pretoria, wo über 400.000 Menschen leben, gibt es unter den Einwohnern nur etwa acht Prozent Katholiken. In St. Peter Claver, einer der fünf katholischen Pfarreien, die seit Jahren von Comboni-Missionaren begleitet werden, er­fahre ich, dass man in jüngster Zeit stärker um die Weiterentwicklung dieser neuen pastoralen Zellen in den einzelnen Vierteln und Straßenzügen bemüht sein wird. Etwa 25 solcher "Small Christian Communities" (SCC) sind hier entstanden, in denen sich jeweils einige Familien unter der Leitung von Laien einmal in der Woche in einer der Familien zum Bibelteilen tref­fen. Hier sollen die vielen alltäglichen Sorgen und Überlebensprobleme der Leute besprochen und in nachbarschaftlichen Hilfeleistungen für Abhilfe gesorgt werden. Zu diesem Zweck gibt es auch lokale Beauftragte für die Leitung von "Justice and Peace"-Gruppen. Auch die noch zögernd vor sich gehende Bewusstseinsbildung bezüglich der vielfach noch verdrängten Aidsproblematik und die Sorge um die vielen Aidskranken soll stärker von den SCC aus in Angriff genommen werden.

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Das Leben der Pfarrei selbst, vor allem der lebendig gestaltete sonntägliche Gemeindegottes­dienst wird noch stärker von traditionellen Vereinen, von verschiedenen Chören und Liturgie­verantwortlichen bestimmt. Unter den Führungskräften sind bereits eine Reihe von Akademi­kern, die vor allem durch die Arbeit im Pfarrgemeinderat und in den verschiedenen Arbeits­gruppen eine schon stark afrikanisch geprägte Kirche verkörpern, die allmählich an Eigen­ständigkeit gewinnt.

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Aus allen Richtungen Südafrikas treffen hier Menschen mit verschiedenen Sprachen und kulturell-religiösen Traditionen aufeinander. In einigen Teilen dieser endlosen Vorstädte ha­ben es manche Familien bereits zu einem bescheidenen "Wohlstand" in annehmbaren Wohn­verhältnissen gebracht. Der Großteil aber leidet noch unter prekären bis menschenunwürdigen Zuständen. Obwohl Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen und die allgegenwärtige Angst vor Raub und brutaler Gewalt, vor der auch die Armen untereinander nicht sicher sind, den meisten wenig Aussicht auf eine Verbesserung ihrer Situation verheißen, scheinen die Men­schen doch von einem unbändigen Lebenswillen bestimmt zu sein, der sich auch in neuen Formen suburbaner Lebenskultur und vor allem auch in vielen alten und neuen religiösen Fest- und Feierformen Ausdruck verschafft. Der Pfarrer von St. Peter Claver, der seit über 30 Jahren in Südafrika tätig ist und dieses Land noch in Zeiten der Apartheid erlebt hat, bestätigt meinen Eindruck eines neuen Selbstbewusstseins unter der schwarzen Bevölkerung. Das Christentum hat hier offensichtlich nicht nur Unterwerfung gepredigt und Afrikanern ein ko­loniales Minderwertigkeitsbewusstsein eingeimpft. Hier wurde das Evangelium verkündet, das in seinem Kern eine befreiende Botschaft ist und den Menschen zu einer neuen Würde und einer je eigenen kulturellen Identität verhilft. Ob die katholische Kirche und die anderen christlichen Kirchen auch im neuen Südafrika eine Existenzberechtigung haben und am Le­ben bleiben werden, wird auch davon abhängen, wie weit ihre Theologie und Pastoral, ihre Spiritualität und ihre gemeindliche Praxis auch und gerade unter den derzeit noch sehr schwierigen Voraussetzungen einen Beitrag dazu leisten, dass Afrikanerinnen und Afrikaner selbstbewusst und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können.

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[1] SACBC (= Southern African Catholic Bishops Conference) Economic Justice in South Africa. A Pastoral Statement, Pretoria 1999, 1.

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[2] Vgl. dazu: Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), Der doppelgesichtige Kairos. Übergänge und Konturen einer kontextuellen Theologie im Post-Apartheid-Südafrika ((KASA-Info Nr. 2), Jänner 1998, 1-24.

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[3] F. Weber, Christliche Kirchen in Südafrika - Ein Gegenpol zur Globalisierung?, in: Missionszentrale der Franziskaner (Hg.), Berichte. Dokumente. Kommentare 86, Porto Alegre in Afrika. Alternativen zur neoliberalen Globalisierung im Südlichen Afrika, Bonn 2002, 71-84.

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[4] M. Pela, Job creation takes priority of Growth Summit, in: Challenge 72, July / August 2003, 10.

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[5] Cardinal Wilfried Napier OFM, Making Respect for Life our Way of Life, in: Worldwide, April 2001, 23.

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[6] Vgl. N. Gabriel, Renewing our society in the face of social upheavals, in: Challenge 72, April / May 2003, 6-7.

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[7] Vgl. S.C. Bate (Hg.), Responsability in a Time of Aids. A Pastoral Response by Catholic Theologians and Aids Activities in South Africa, Pietermaritzburg 2003.

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[8] Vgl. ebd. Introductory Words. Preface, XI.

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[9] F. Weber, Im langen Schatten des Rassismus. Lernprozesse in der katholischen Kirche Südafrikas, in: Orien 66 (2002), 89-94.

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[10] A. Nolan, The Archbishop comes home, in: Challenge 72, 16.

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[11] Vgl. ebd. 23.

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[12] Vgl. J. Mdhlela, Unisa's first black faculty dean faces new challenges, in: Challenge 69, July 2002, 18-19.

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[13] T. Mbeki, "Prologue", in: African Renaissance: The New Struggle, Cape Town 1999, XVI.

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[14] T. Mbeki, "The African Renaissance". Statement of Deputy Thabo Mbeki SABC, August 13, 1998: zitiert nach: D.J. Louw, A practical Theological Ecclesiology and Globalisation frow below: Towards a viable African Renaissance, in: Journal of Theology for Southern Africa 112 (2002) 70.

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[15] Vgl. ebd. 76.

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[16] Vgl. ebd. 80f; vgl. auch E.M. Katongole, "African Renaissance" and the Challenge of Narrative Theology in Africa. Which story / whose renaissance?, in: Journal of Theology for Southern Africa 102 (1998) 29-39; vgl. F. Weber, Christliche Kirchen in Südafrika, 72-78.

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[17] Vgl. J. Hendriks, J. Erasmus, Interpreting the new Religious Landscape in Post-Apartheid South Africa, in: Journal of Theology for Southern Africa 109/2001, 41-65.

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