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"Herr, zu wem sollen wir gehen?"
(Kommentar zu Johannes 6,60-69)

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Kommentar im Rahmen der ORF-RadioSendung Erfüllte Zeit vom 24.8.2003
Datum:2003-09-08

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Seltsam ist die Reaktion der Jünger auf Jesu Wort. Was Jesus als Geist und Leben bezeichnet, klingt für die Jünger wie Granit. Hart wie Stein seien diese unerträglichen Worte: „Wer kann das anhören?" (V. 60) fragen sie. Jesus spürt das Murren der Jünger und erkennt, dass sie Anstoß an seinen Worten nehmen. Dieses seltsame Anstoßnehmen verlangt nach einer Erklärung. Warum klingt die Botschaft vom ewigen Leben wie toter Granit? Im griechischen Text wird auf das Wort skándalon verwiesen, dem Stolperstein, der die Menschen zu Fall bringt, gleichzeitig aber so anziehend bleibt, dass sie nicht von ihm los kommen können. Es ist wie mit unserer Gier nach Skandalgeschichten in den Medien. Nichts zieht uns mehr an, als jene Berichte über unsere Idole und Stars, die ihr Scheitern melden. Sexskandale, Drogenmissbrauch und Alkoholexzesse unserer vergöttlichten Vorbilder entschädigen uns für unser neiderfülltes Bewundern. Bis in unsere intimsten Beziehungen hinein lassen sich Spuren dieser ambivalenten Skandalisierung entdecken. Gerade mit unseren bewunderten Vorbildern verstricken wir uns in Neid und Eifersucht. Sigmund Freud spricht von einem endlosen Wiederholungszwang, wenn er solche Phänomene beschreibt. Ein Beispiel sind für ihn jene Männer, „die es unbestimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für sich oder die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen".

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Auch Jesus wird für uns Menschen zum Stolperstein, zum Ärgernis, wenn wir ihn bloß wie eines unserer irdischen Idole bewundern. Entweder ärgert er uns - wie hier im Johannesevangelium, in dem er sich als das „Brot des Lebens" (V. 35), also als Lebensspender, bezeichnet - weil er sich zu hoch in den Himmel empor zu heben scheint und damit unweigerlich unseren Neid erweckt, oder er ärgert uns, weil er uns als viel zu schwach und armselig erscheint, ein erniedrigter Mensch, dessen Nachfolger so wie er nur den Spott der Welt ernten können. Im Johannesevangelium geht es um eine große Gruppe von Jüngern, die in Jesus einen weltlichen Wundertäter sieht. Als Brotkönig wollen sie ihn an ihre Spitze stellen. Doch in diesem irdischen Personenkult wurzelt schon das Ärgernis, der Stolperstein, der bald zum Abfall der wankelmütigen Bewunderer führen wird. Im Matthäusevangelium erfahren wir hingegen, wie die Niedrigkeit Jesu zum Stolperstein werden kann. Petrus möchte keinem Herrn angehören, der Leiden über sich ergehen lassen muss. Jesu Antwort an Petrus hilft uns, auch die heutige Schriftstelle besser zu verstehen: „Du bist mir ein Ärgernis - ein skándalon -, denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist." (Mt 16,23; Elberfelder Bibel) Ähnlich heißt es hier bei Johannes, dass nur der Geist lebendig macht, während das Fleisch nichts nützt. Keine Abwertung des Körpers ist damit gemeint, sondern eine Kritik jenes bloß weltlichen Trachtens, das sich nicht auf Gott und seine ewigen Güter ausrichtet, sondern im Urteil der Menschen den letzten Maßstab sucht.

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Es braucht die Gnade, damit wir zu diesem Glauben an Gott finden und die Worte Jesu in uns kein Ärgernis mehr erwecken. Johannes gibt uns Petrus als Beispiel für diese Gnadenerfahrung, die zum Glauben führt. Die Gnade befähigte Petrus, sich vom skandalisierten Bewunderer Jesu zu einem seiner ersten Nachfolger zu wandeln. Er beantwortet Jesu Frage, ob auch die zwölf Apostel jenen Jüngern folgen wollen, die durch dessen harte Worte die Nachfolge aufgegeben haben, mit einem Glaubensbekenntnis: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes." (V. 68f) Das notwendige Vertrauen auf die Gnade heißt nicht, fatalistisch die Hände in den Schoß zu legen, sondern sich für diese Gnade zu öffnen, die uns allen versprochen ist. „Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen" (V. 45) sagt Jesus in einem wichtigen Vers, der unserer heutigen Evangeliumsstelle vorausgeht.

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