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Universität im Wandel
(Ansprache des Studiendekans anlässlich der Promotion/Sponsion am 11. Juli 2001)

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:Universitäten befinden sich in einem Prozess rasanter Veränderung. Trotz der Verpflichtung gegenüber der Tradition ist Wandel für die Theologie ein positiv besetztes Thema...
Publiziert in:
Datum:2001-07-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Sehr geehrte Festgäste, liebe KandidatInnen zur heutigen Promotion und Sponsion,

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36 Studierende unserer Fakultät, 7 Doktoren und 29 Magistrae und Magistri haben seit der letzten Promotion und Sponsion im Mai ihr Studium an unserer Fakultät abgeschlossen. Stellvertretend auch für sie, sind Sie zur feierlichen Verleihung der akademischen Grade gekommen. Ich danke Ihnen dafür, weil diese Feier unserer Fakultät eine gesellschaftliche Öffentlichkeit verleiht, die nicht unwesentlich ist.
Sie schließen Ihr Doktorats- oder Magisterstudium in Theologie oder in christlicher Philosophie zu einer Zeit ab, in der die Universität in einem tiefen Wandel begriffen ist:

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  • Das Universitätsorganisationsgesetz 1993, auf Grund dessen sich die Theologische Fakultät Innsbruck mit der Zusammenlegung von 11 auf 5 Institute eine grundlegende Strukturreform verordnete, ist noch kaum an allen Universitäten richtig implementiert, geschweige denn, dass evaluierte Erfahrungen vorliegen.
  • Das Universitätsstudiengesetz 1997 mit seinen Novellen, die sich in den letzten Jahren überschlagen und kaum mehr eine gründliche Begutachtung der Gesetzesänderungen zulassen, führt zu neuen Studienplänen, die an der Theologischen Fakultät Innsbruck mit WS 2002 eingeführt werden.
  • Während die Universität intensiv mit diesen Neuordnungen beschäftigt ist, kommt der Entwurf für ein neues Dienstrecht für die Lehrenden und Forschenden an der Universität, das einschneidende Veränderungen im Hinblick auf die berufliche Laufbahn der UniversitätslehrerInnen mit sich bringt.
  • Die Verhandlungen um das neue Dienstrecht sind kaum abgeschlossen, und das Gesetz ist noch nicht in Kraft, da wird die Gesetzesvorlage für die Vollrechtsfähigkeit der Universitäten erwartet, die vermutlich in diesem Sommer zur Begutachtung ausgesandt wird
  • Die Liste an Veränderungen ließe sich fortsetzen.
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Wie steht die Theologie in und zu diesem Wandel?  

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Es gibt ein „altes modernes Vorurteil", dass sich die Theologie in ihrer Verbindung mit der Kirche - insbesondere der Katholischen - jeglichem Wandel verschließe. Bereits ein oberflächlicher Blick in die Kirchengeschichte kann dieses Vorurteil als generelles Urteil falsifizieren, wenngleich es natürlich immer wieder und auch heute restaurative, ja fundamentalistische Strömungen in der Kirche und in der Theologie gegeben hat und gibt.

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Doch von den biblischen Ursprungszeugnissen her, muss der Wandel zunächst positiv bewertet werden:

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  • Das Aufbrechen, das Weggehen aus der Vergangenheit in eine neue Zukunft ist, angefangen von der biblischen Erzählungen vom Auszug der Moseschar aus dem versklavenden Ägypten, über den prophetisch-messianischen Weg Jesu, der durch den Tod hindurch in das grenzenlose Leben und in die Liebe Gottes hinein führt, bis zum neuen, geisterfüllten Leben der Christengemeinden eine der zentralsten biblischen Metaphern. Peter Teresa hat sich in ihrer Diplomarbeit bei P. Neufeld der Phänomenologie und Theologie des Gehens gewidmet; dabei wird das Motiv vom „steinigen Boden" zum durchgängigen Bild in ihrer Arbeit. Nicht die breite Autobahn, die zum Dahinrasen ohne Blick nach links und nach rechts verführt, ist das theologisch gültige Bild für den Wandel sondern der steinige Weg.
  • Beim Wandeln auf steinigem Weg sieht man die Menschen: Nicht nur die Erfolgreichen, sondern auch die Anderen, die neuen Fremden in unserer Gesellschaft: Dazu gehören u.a. behinderte Menschen. Christian Stecher hat sich in seiner Diplomarbeit, welche der Promotor der heutigen Feier, P. Rotter, begleitet hat, der herausfordernden Thematik von geistiger Behinderung und Sexualität aus moraltheologischer Perspektive gestellt.
  • Wer die Wandlung auf steinigem Weg mit dem Blick auf die gesellschaftlich Marginalisierten geht, kann das nicht allein tun. Sie/er wird - wie das Chairez Rios Eleuterio Omar in seiner Diplomarbeit bei P. Weber versucht - nach einem Raum zum Leben fragen. Unser mexikanischer Kollege öffnet die Augen für die Bedeutung der christlichen Gemeinde als Heilsort für depressive Menschen.
  • Beim bewussten Gehen auf steinigem Weg begegnen wir auch Jugendlichen, wie die bei mir geschriebene Diplomarbeit von Nunez Baldenebro Antonio aufzeigt. Die von ihm gewählte Forschungsmethode, via Internet LeiterInnen von Jugendgruppen in seiner mexikanischen Heimat zu befragen und dem Gruppen- und Leitungsverständnis im lateinamerikanischen Kontext nachzugehen, eröffnet einen exemplarischen Einblick in die Jugendpastoral im Nordwesten Mexikos.
  • Dass der aufmerksame Blick des Theologen auch auf Männer, besser gesagt auf das Mann-Sein und sein Verhältnis zur Arbeit fallen kann, zeigt Markus Zimmermann in seiner pastoraltheologischen Arbeit bei P. Weber. Man muss der Vorarlberger Landessprache mächtig sein, um den Titel dieser Diplomarbeit richtig aussprechen und verstehen zu können: „Momol, all dra". Pastoraltheologischer Beitrag zum gegenwärtigen Spannungsfeld von Mann-Sein und Arbeit. Wenn den Titel der Arbeit auch nicht alle hier anwesenden Männer - mich eingeschlossen - verstehen werden; was damit gemeint ist, ist den meisten von uns vermutlich nicht fern: „Ja, immer am Arbeiten".
  • Dass es auch in der Dissertation von Mag. Barbara Siebenbrunner, die in der Schlussphase von P. Rotter betreut wurde, um den Wandel geht, mag zunächst nur kirchlich sozialisierten Menschen zugänglich einleuchten. Ihr Thema ist „die Fasten- und Abstinenzgesetzgebung in den Konstitutionen und in den Bußordnungen der Bistümer des deutschen Sprachraumes. Doch auch diesbezüglich ist mit dem Zweiten Vatikanum ein Wandel dahingehend erfolgt, dass Fasten und Abstinenz ausdrücklich in die Bußpraxis der Kirche eingebunden worden sind und nicht mehr als für sich bestehende Praxis der Kirche gelten.
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Wir sind vom rasanten Wandel der Universität ausgegangen und haben am Beispiel einzelner theologischer Arbeiten gesehen, welches Augenmass für den Wandel notwendig ist, damit er menschlich bleibt. Doch woher schärft sich der Blick, um den zerstörerischen vom zutiefst menschlichen Wandel unterscheiden zu lernen? Woraus ist jenes Orientierungswissen im raschen Wandel zu gewinnen, das mit Recht von christlichen Philosophen und Theologen erwartet wird?

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Es tun sich grundsätzliche erkenntnistheoretische Fragen nach dem Wesen des Glaubens und nach dem Zueinander von praktischem pastoralem Handeln und systematischer theologischer Reflexion auf:

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  • Dazu bringt Alexander Löffler einen interessanten Beitrag in der von P. Runggaldier in christlicher Philosophie begleitenden Diplomarbeit. Er fragt in einer kritischen Auseinandersetzung mit Alvin Plantigas eigenwilliger Rezeption von Thomas von Aquin und Calvin: „Ist der christliche Glaube „warranted" - teilbar?
  • Friedrich Prassl fasst in seiner Diplomarbeit bei P. Weber den z.T. historisch vorhandenen Gegensatz zwischen Praktischer und Systematischer Theologie ins Auge. Mit dem Titel „von Gott her zum Nächsten finden" zeigt Prassl im Rückgriff auf die Biografie und auf ausgewählte Schriften des großen Innsbrucker Konzilstheologen K. Rahner dessen Nähe zur Seelsorge in seinem theologischen Werk auf.
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Wir haben gesehen: Im kritischen Verstehen des Wandels spielt der theologische Blick auf konkrete Menschen und Gruppen mit ihren heilsamen und zerstörenden Erfahrungen eine wichtige Rolle; und die Schnittstelle von konkretem Leben und christlichem Glauben muss in der Philosophie und Theologie ausdrücklich reflektiert werden.

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Doch Theologie kann und muss im kritischen Verstehen des Wandels noch auf andere Quellen zurückgreifen können, als es die Erfahrungen der aktuell betroffenen Menschen sind. Da gibt es zunächst Lebenszeugnisse, die es zu untersuchen gilt:

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  • Mag. Veronika Prüller-Jagenteufel aus Wien wendet ihre wissenschaftliche Aufmerksamkeit einer für Frauen in der Kirche wichtigen Zeitzeugin zu: Hildegard Holzer. Sie ist jene Frau, die das Seminar für kirchliche Frauenberufe aufgebaut und von 1945-1968 geleitet hat. Der Titel von Prüller-Jagenteufels Dissertation, die in Innsbruck P. Weber betreut hat, trifft das Lebenswerk dieser einmaligen Frau im Kern: „Werkzeug und Komplizin Gottes". Eine solche Charakteristik verweist auf die notwendige Balance im Wandel: von aktivem Tun und Geschehenlassen.
  • Nicht nur Lebensgeschichten, auch moderne Literatur ist für eine theologische Kriteriologie des Wandels fündig. Mag. Ingrid Kröll bringt in ihrer theologischen Dissertation bei P. Lies Patrick Roths Christusnovelle, welche die Heilung eines Aussätzigen durch Jesus behandelt, in den Dialog mit katholischer Theologie. Dabei wird - wie der Zweitbegutachter Prof. Holzner als Germanist besonders hervorhebt - das künstlerische Werk von der Theologin in seinem Eigenwert respektiert und als Inspiration für eine theologische Sprache verstanden, die zunächst lernende Zuhörerin ist und sich mit ihrem Wissen erst später in den Dialog einbringt.
  • Für eine Kriteriologie des Wandels muss man theologisch an die Anfänge zurückgehen. Andrea Riedmann schrieb bei P. Neufeld eine fundamentaltheologische Diplomarbeit mit dem Titel: „Für wen halten mich die Menschen". Die Wirkungsgeschichte Jesu.
  • Wer als Theologe/in an der Universität lebt und arbeitet, muss sich dem Diskurs über den Menschen stellen: Genügt eine naturalistische Betrachtungsweise oder steht das Verstehen des Menschen als Handelnder, als Glück und Sinn Suchender auch im Mittelpunkt wissenschaftlicher Überlegungen? Welches Menschen- und Gesellschaftsbild bestimmt den Wandel heute? Mag. Martina Kraml schärft, nach einer eingehenden kulturtheoretischen Analyse jenes Handelns, das bekanntlich Leib und Seele zusammenhält, also dem Essen und Trinken, den theologischen Blick auf dieses Tun. Es zeigt sich, wie sehr es von naturalistischen Tendenzen, von Fragen nach Zugehörigkeit und Ausschluss bestimmt ist. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Eucharistiekatechese eröffnet der Blick, der vom Mahlhandeln Jesu durchdrungen ist, ganz neue Perspektiven für einen geschenkten und nicht gemachten Wandel.
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Die Universität und Fakultät, die Ihnen heute den akademischen Grad verleiht, ist kein ewig gleichbleibender Hort der Wissenschaft. Der gesellschaftliche Wandel hat sie in vollem Ausmaß erreicht und wird sie nicht mehr loslassen. Wenn Sie als Philosoph oder als Theologin/Theologe ihr Studium nicht nur absolviert haben, sondern wenn Sie dieses auch existentiell verändert hat, indem Sie genauer zu schauen, kritischer zu fragen, hoffnungsvoller zu leben gelernt haben, sind sie für den Wandel gerüstet. Sie werden sich dem Wandel weder verschließen noch werden Sie jeder Modeströmung unkritisch verfallen. Vor allem werden Sie den Menschen in seinem Streben nach Glück, Sinn und Orientierung ernst nehmen und Marginalisierungstendenzen erkennen und aufdecken. Bei all dem dürfen Sie darauf vertrauen, dass Sie nicht allein die Welt verändern können und müssen. Wer sich aus einer christlich-theologischen Perspektive auf den Wandel einlässt, verbindet das Engagement mit dem Lassen, die actio mit der contemplatio, die Politik mit der Mystik; sie/er gibt in allem Engagement für Veränderung der Wandlung durch einen anderen Raum.

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 Lassen Sie mich zum Schluss noch einen Dank aussprechen:

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P. Rotter, der mit Ende dieses Semesters als Moraltheologe unserer Fakultät emeritiert wird, ist wo möglich heute zum letzten Mal als Promotor eingesetzt. Als Studiendekan und als freundschaftlich verbundener Kollege ist es mir ein tiefes Bedürfnis, dir lieber P. Rotter im Namen der Fakultät herzlich zu danken. Du wurdest in den letzten Tagen mehrfach verabschiedet, und ich möchte nicht einen neuerlichen Abschied einläuten. Aber wer in den letzten Tagen bei deinem Arbeitszimmer vorbeiging und die StudentInnenschlangen sah, die bei dir noch Prüfung machen wollten, und wer bedenkt, dass du mehr als 60 moraltheologische Forschungsprojekte begleitet hast, kann etwas von deiner Ausstrahlung als theologischer Lehrer erahnen. Ich danke dir im Namen aller, die von, mit und bei dir gelernt haben, sich dem Wandel vertrauensvoll zu stellen.  

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