Ich halte in meinen Händen einen kleinen Notizblock. Erst nach dem Tod vom Pfarrer Erwin Corazza habe ich erfahren, dass er eine liebenswerte Gewohnheit gehabt hat, eine Gewohnheit, die er sich wahrscheinlich irgendwann als Priesteramtskandidat in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Regel gemacht hat. Er hat Gebetstexte abgeschrieben: Gebete, die ihn berührt haben, die ihm Hoffnung geschenkt habe: in dem Augenblick in dem er sie gelesen hat! Er hat sie abgeschrieben und vermutlich auch immer wieder gebetet. Und da der Mensch sich ändert - seine Grundstimmungen werden anders und auch seine Ängste und Hoffnungen -, hat er anscheinend dieses Gebetsbüchlein immer und immer wieder evaluiert. Alle paar Jahre hat er also einen neuen Block angelegt, in den er aus dem alten Block jene Texte abgeschrieben hat, die für ihn noch lebendig waren und dann diesen Block auch mit weiteren, neuen Texten gefüllt. Der Block, den ich in meinen Händen halte ist der letzte.
Spiritualität ist eine intime Sache..., eine Sache über die man nicht laut auf den Straßen reden soll... Und Erwin war ein Mensch, der sich Predigten zu seiner Person verboten hat. Selbst für die Beerdigung hat er mir verordnet über das Herz Jesu zu predigen. Nun bekam ich dieses Büchlein in meine Hände und blätterte darin und aus den wenigen Seiten, die dieses Büchlein enthält kam auf mich zu...: ein Mensch, ein Christ und ein Priester, der um seinen Glauben ringt, der auch diesen Glauben pflegt. Ein Mensch, dessen Spiritualität meine Hoffnung einen Augenblick lang stärkte, weil sie mich ermutigte auch meinen glauben zu pflegen. So beschloss ich heute - am Jahrestag meiner eigenen Priesterweihe - Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die Pfarrer Corazza nicht gekannt haben, die sich aber zu diesem Gottesdienst eingefunden haben, diesen Menschen predigen zu lassen. Euch aber, die ihr ihn gekannt habt, den Erwin in seiner intimen Gebetskultur vor Augen zu führen. Nicht um ihn zu loben: Nein! Um unsere Hoffnung zu stärken.
Er legt uns eine gewisse Bescheidenheit nahe, weil er Gebetstexte anderer Menschen in den Vordergrund stellt. Er zeigt, dass Spiritualität nun dann eine lebendige Spiritualität bleibt, wenn sie auf meine ganz konkrete Situation bezogen bleibt. Deswegen schreibt er 1999 zum ersten Mal in sein Büchlein, und das ist gleich die zweite Seite der letzten Ausgabe, die Eingangspforte gewissermaßen, das Gebet der hl. Theresia von Avila mit dem Titel: "Älter werden" ab:
Älter werden
O Herr, du weiß besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter werde. Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheit anderer regeln zu wollen.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zu Pointen zu gelangen. Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu - und die Lust, sie zu beschreiben wächst von Jahr zu Jahr.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert als möglich. Ich möchte kein Heiliger sein - mit ihnen lebt es sich so schwer, - aber ein Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.
Eines der ältesten Gebete - immer und immer wieder abgeschrieben - stammt aus dem Jahr 1954. Es ist ein Text von Romano Guardini:
"In der Achtung,
mit der Du,
o Gott,
mich achtest,
ist meine Würde begründet.
In deiner Ehre
ruht meine Ehre.
Wenn ich von dir gehe,
entgleite ich mir selbst.
Mache mein Herz unbestechlich,
das es durchschaue,
was von dir wegführt."
Auf der selben Seite (ohne Datum) steht da ein Spruch:
"Jeder Mensch,
hat das Recht sich zu blamieren."
Und auch fast auf den Tag genau datiert: 20 Juni 1959 und dem Jesuitenpater Dold in den Mund gelegt: "Wer mehr tut, als er kann ist ein Schuft!" ( Dold SJ bei Exerzitien)
Auch ein altes Gedicht zum Thema Priestersein findet sich im Gebetsbüchlein:
"Ein Priester
muss sein, ganz groß und ganz klein,
vornehmen Sinns wie aus Königsgeschlecht,
einfach und schlicht, wie ein Bauernknecht;
Ein Held, der sich selbst bezwungen
und ein Mensch, der mit Gott gerungen.
Ein Quell von heiligem Leben,
ein Sünder, dem Gott vergeben.
Ein Herr dem eigenen Verlangen;
ein Diener der Schwachen und Bangen.
Vor einem Großen sich beugend,
zu den Geringsten sich neigend.
Ein Schüler von seinem Meister;
ein Führer im Kampf der Geister.
Ein Bettler mit flehenden Händen,
ein Herold mit goldenen Spenden.
Ein Mann auf den Kampfesstätten,
eine Mutter an Krankenbetten.
Ein Greis im Schauen,
ein Kind im Trauen.
Nach Höchsten trachtend
das Kleinste achtend.
Bestimmt zur Freude,
vertraut dem Leide.
Weitab vom Neide.
Im Denken klar;
im Reden wahr.
Des Friedens Freund
der Trägheit Feind.
Feststehend in sich
ganz anders als ich.
Bete für mich."
Und es steht auch eine Notiz dabei: "ein altes Primiziantengebet. Mir scheint das heute - Fastenzeit 2002 beim Abschreiben aus meinem alten Gebetsheftchen - sehr pathetisch!"
Spiritualität bleibt lebendig, wenn sie Situation bezogen ist. Die letzte Eintragung, datiert mit dem Datum 6. Juni 2002 (am 21. Juni 2002 ist Erwin ja gestorben) bringt die letzten Zeilen des Sonnengesangs des heiligen Franziskus:
"Gelobt seist du, mein Herr!
Durch alle, die vergeben in deiner Liebe,
die Krankheit und Trübsal ertragen.
Selig, die dulden in Frieden;
sie werden von dir, o Höchster gekrönt.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch unseren Bruder, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Weh denen, die sterben in tödlichen Sünden.
Selig, die der Tod trift in deinem heiligsten Willen;
denn der zweite Tod kann ihnen nichts antun."
Es kann ja keine bessere Homilie für diesen Gottesdienst zu der heutigen Lesung aus dem Korintherbrief geben: "Das Alte ist vergangen, Neues ist gworden!"
So wollen wir Eucharistie feiern. Nach dem kirchlichen Glauben sind die Toten in Christus lebendig und gerade in der Eucharistiefeier im stellvertretenden Gebet auch anwesend. Zusammen mit denen von denen wir zu glauben gelernt haben und zu hoffen gewagt, zusammen mit denen, die wir geliebt und auch an der Liebe uns verschuldet haben, beten wir an; den dreifaltigen Gott. Unser Glaube ist ja nicht ein Abstraktum. Er ist biographisch verankert. Und Biographie: das sind konkrete Menschen, Menschen, die ein Stück des Weges mit uns gegangen sind.
Segensgebet zum Schluß der Eucharistie (aus dem Gebetsbüchlein)
"Der unbegreifliche Gott erfülle unser Leben mit seiner Kraft,
dass wir entbehren können, ohne zu zerbrechen,
dass wir Niederlagen hinnehmen können, ohne uns aufzugeben,
dass wir schuldig werden können, ohne uns zu verachten,
dass wir mit Unbeantwortbaren leben können, ohne die Hoffnung preiszugeben.
Dazu segne uns der barmherzige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen."
(Sabine Naegeli)
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