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Das Herz-Jesu-Gelöbnis und das heutige Tirol

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-06-25

Inhalt

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Die Säkularisierung schreitet voran und scheint doch an ihre Grenzen zu kommen. Weltweit hat sie sich trotz massiver Kritik an den Religionen nie voll durchgesetzt, und selbst in Westeuropa, wo sie die stärksten Auswirkungen hatte, gibt es deutliche Gegenzeichen. Auch wenn die Kirchen weiterhin in Krise sind, zeigt sich ein neues Interesse an Spiritualität und am Thema Religion und Politik. Régis Debray, früher linker Revolutionär und Kampfgefährte von Che Guevara, dann Berater des französischen Präsidenten François Mitterrand und der letzten französischen Regierung schreibt in seinem neuesten Buch (Le feu sacré [2003]), der Islam, Israel und die USA seien heute Beispiele, wie der Faktor Religion offensiv in der Politik eingesetzt werde. Er selber glaube nicht mehr, dass eine Gesellschaft wie die französische, die auf einem a-religiösen Individualismus aufbaue, lange Überlebenschance habe. Im säkularen Frankreich, dem die Trennung von Staat und Kirche 'heilig' ist, vertritt Debray deshalb, die Religion müsse wieder ein Schulfach werden, weil sonst die ganze Tradition und Kultur des Landes verloren gehe.

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1. Religion und Weltpolitik

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Religion und Politik können sich auf vielfältige und unterschiedliche, ja gegensätzliche Weise verbinden. Die von Debray genannten Beispiele - Islam, Israel, USA - machen deutlich, dass solche Verbindungen vielfach auch problematisch sind. Johannes Paul II. hat aus tiefer religiöser Überzeugung vor und während des Irak-Krieges ganz anders Stellung bezogen als der amerikanische Präsident, der sich ebenfalls auf die Religion berief. Der Papst hatte mit seiner von der Machtpolitik abweichenden Stellungnahme zwar keinen unmittelbaren politischen Erfolg; dennoch dürfte er entscheidend dazu beigetragen haben, dass die muslimische Welt den Krieg gegen den Irak nicht als neuen Kreuzzug erlebt hat. Auch für die politische Zukunft dürften deshalb kirchliche Stellungnahmen bedeutungsvoll sein. Schon früher hat der gegenwärtige Papst zu weltgeschichtlichen Ereignissen beigetragen. Zu erinnern ist vor allem an die politischen Umwälzungen von 1989, als die diktatorischen Regime im kommunistischen Ostblock ohne Blutvergießen zusammengebrochen sind. Michael Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, sagte 1992: "Was in Ost-Europa in den letzten Jahren geschehen ist, wäre nicht möglich gewesen ohne diesen Papst, ohne die große - auch politische - Rolle, die Johannes Paul II. im Weltgeschehen gespielt hat."

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Wie die Religion im Untergang der sowjetischen Diktatur eine Rolle gespielt hat, so dürfte sie ihre Bedeutung im heutigen Ringen um eine neue Weltordnung haben. Die These 'Kein Frieden unter den Nationen ohne Friede unter den Religionen' aus dem Projekt 'Weltethos' von Hans Küng scheint mir zutreffend zu sein. Was auf Weltebene gilt, hat aber auch Relevanz im europäischen Rahmen. Die große Aufgabe steht an, Länder, die vom orthodoxen Glauben geprägt wurden, und muslimische Minderheiten zu integrieren. Ebenso gilt es ein neues soziales Bewusstsein zu schaffen, das nicht mehr alles vom Staat erwartet. Die Frage steht auch zur Diskussion, ob Gott in einer europäischen Verfassung genannt werden soll und ob ein Land wie die Türkei mit einer muslimischen Mehrheit in der EU Platz hat. Vor allem aber stellt sich das Problem, was Europa eine Einheit geben kann und auf welchen Traditionen es aufbauen will. Ebenso drängend ist die Frage, ob Europa zu einer Festung mit einem neuen eisernen Vorhang gegen ärmere Länder wird oder ob schrittweise ein weltweiter Ausgleich geschaffen werden kann.

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2. Religion und Politik in Tirol

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Was im Großen zu bedenken ist, trifft auch auf kleinerer Ebene zu. Tirol wurde früher durch eine besonders starke Verbindung von Religion und Politik geprägt. Als Gegenreaktion hat das Land in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Säkularisierung erfahren. Als religiös-politische Klammer ist auf offizieller Ebene das Gelöbnis von 1796 geblieben, gemäß dem das Land Tirol jedes Jahr das Herz-Jesu-Fest besonders feierlich begeht. In Treue zu diesem Gelöbnis nimmt die Landesregierung und der Landtag auch am kommenden Sonntag an einem feierlichen Gottesdienst teil, bei dem das Gelöbnis erneuert wird. Dennoch dürfte diese Tradition mit ihrer Selbstverpflichtung in einem größeren Teil der Bevölkerung nicht mehr lebendig sein. Im Tiroler-Lied singen wir: "Was die Väter einst gelobt, da der Kriegssturm sie umtobt: Das geloben wir aufs neue: Jesu Herz, dir ew´ge Treue!" Wer sind heute die 'wir', die gemäß dem Lied dem Herzen Jesu stets neu ewige Treue geloben? Tut sich hier nicht ein großer Spaltung zwischen dem, was offiziell bekannt, und dem, was tatsächlich gelebt wird, auf?

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Wie man mit einer alten Tradition kreativ neu umgehen kann, hat nach den bitteren Erfahrungen des zweiten Weltkriegs Max Weiler 1946 durch seinen Herz-Jesu-Zyklus in der Theresienkirche auf der Hungerburg gezeigt. Er hat damit zunächst zwar eine intensive, ja leidenschaftliche Diskussion und Ablehnung geweckt, die sich jedoch mit der Zeit gelegt hat. Sein Bild 'Lanzenstich', auf dem Tiroler Christus kreuzigen oder unbeteiligt dabeistehen und das damals von manchen als unerträgliche Provokation empfunden wurde, sagt ja nichts anderes, als was die Christenheit im Lied 'O Haupt voll Blut und Wunden' seit Jahrhunderten gesungen hat: "Ich hab es selbst verschuldet,/ was du getragen hast". Sobald dieses alte Lied aber ernst genommen und ganz auf die Gegenwart bezogen wird, wirkt es herausfordern. Max Meiler musste dies erfahren. Er konnte aber in seinem Bild 'Herz-Jesu-Sonn' auch darstellen, wie der Herz-Jesu-Glaube eine Einheit im Land über drei Generationen hinweg schafft.

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3. Diskussionsvorschlag für eine mögliche Zukunft des Gelöbnisses

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Diese Einheit im Glauben über Generationen hinweg ist heute kaum mehr da. Viele die katholisch getauft wurden, stehen ihrer Kirche und ihrem Glauben mit Distanz gegenüber, und es gibt religiöse Minderheiten. Neben den evangelischen Christen, für die das Herz-Jesu-Fest als typisch katholisch empfunden wird, sind es vor allem Muslime und religiös Uninteressierte, die sich mit dem Herz-Jesu-Gelöbnis nicht identifizieren können.

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Ein Akt der Landesregierung und des Landtages ist nun keine private Angelegenheit einzelner Mitglieder. Es stellt sich deshalb die Frage, wie es mit dem Gelöbnis weitergeht. Soll man zuwarten, bis die Tradition gleichsam von selber stirbt oder bis sich offener Widerstand gegen die Verpflichtung aus der Tradition meldet?

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Da das Thema Religion und Politik heute eine neue Aktualität gewinnt, ist vielleicht ein anderer Weg möglich. Die Frage stellt sich, ob das überlieferte Gelöbnis so differenziert werden kann, dass es für unterschiedliche Gruppen zu einem Anlass der Besinnung wird. Könnte der Tag des Gelöbnisses nicht zu einem Tag werden, an dem bewusst nach dem inneren Zusammenhalt und der geistigen Identität Tirols gefragt wird? Könnte nicht einerseits das überlieferte Gelöbnis mit einer Feier am Herz-Jesu-Sonntag erhalten bleiben und gleichzeitig der Tag durch andere Veranstaltungen und Feiern so ausgeweitet und differenziert werden, dass allen in der einen oder anderen Weise eine Teilnahme daran möglich ist und dass dabei gemeinsam nach den großen Anliegen des Landes und seiner Zukunft gefragt wird? Alte Traditionen abzuschaffen ist ja leicht. Aber die großen Probleme und die Fragen nach einem tieferen Zusammenhalt zwischen den Menschen bleiben stets aktuell.

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Konkret könnte ich mir vorstellen, dass der Tag des Gelöbnisses zu einem Tirol-Tag ausgeweitet wird. Dabei wäre einerseits bewusst die bisherige religiöse Feier beizubehalten, anderseits wären die verschiedenen religiösen, politischen, sozialen und kulturellen Kräfte eingeladen, je einen eigenen Beitrag für die tiefere Einheit und die Zukunft des Landes zu leisten. Die tagespolitischen Auseinandersetzungen hätten dabei bewusst zurückzutreten. Aber die längerfristigen Sichten und Visionen, die die verschiedenen Gruppierungen bewegen, wären bewusst anzusprechen, und auf Gemeinsamkeiten hin zu befragen.

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In der Spannung zwischen einem bewussten eigenem Gestalten und dem Wissen, dass die Zukunft letztlich immer Überraschungen bringt, wäre der Raum offen für eine Haltung des Empfangens und der Dankbarkeit, die sehr unterschiedliche Gruppen vereinen kann. Die Zeit, die uns entgleitet, und die Zeit, die auf uns zukommt, lassen uns stets von neuem erfahren, dass wir nicht alles im Griff haben. Wir sind darauf angewiesen, dass die Dinge sich zu unserem Wohl fügen und sich gut zusammenfügen. Wir alle sind auf ein gütiges Geschick verwiesen, und unabhängig davon, wie wir es genau benennen, könnte im Blick auf dieses Geschick etwas Gemeinsames im Lande angesprochen und dankend anerkannt werden.

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Der Friede ist ein zentrales Anliegen, und ihm steht direkt die Gewalt als das Werk des Unfriedens gegenüber. Mit dem Herz Jesu feiert die katholische Christenheit jenen, der lieber Gewalt erlitten hat, als selber gewalttätig zu werden, - der auf Böses nicht mit Vergeltung reagierte, sondern es durch Verzeihen und Liebe besiegte. Auch wenn staatlicheGewalt nicht immer vermeidbar ist, so dürfte doch in allen menschlichen Herzen der Traum leben, dass der Weg des Verzeihens grundsätzlich besser ist als der Weg harter Vergeltung. Auch für jene, die nicht an den Sohn Gottes glauben, der uns am Kreuz erlöst hat, könnte so das Bild des Gekreuzigten als Opfer der Gewalt und das Bild des geöffneten Herzens als Bild für einen positiven Umgang mit der Gewalt zu einem Zeichen werden, das ein gemeinsames Anliegen anspricht und für das man sich - im Blick auf eine gute Zukunft - selber verpflichten kann.

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Ein solch neuer Schritt würde allerdings voraussetzen, dass sich die politischen Parteien, die kulturellen Kräfte und die Religionen in Treue zur Tradition und im Blick auf die Zukunft zusammenfinden. Dazu wäre wohl ein entsprechender Beschluss des Landtages notwendig.

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