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"Ist die Hölle leer?"

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien. Heft 78 (2001) 21 - 25.
Datum:2001-10-09

Inhalt

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Gegen Ende der Bergpredigt sagt Jesus im Matthäusevangelium: „Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn" (Mt 7,13f). Muß man aus diesem Wort Jesu schließen, daß die Mehrzahl der Menschen sich auf dem Weg zur Hölle befindet und nur ein geringerer Teil das ewige Heil erlangt? Augustinus hat so geurteilt. Er konnte sich dabei auch auf andere ähnliche Texte im Neuen Testament stützen. Im Römerbrief reflektiert Paulus auf das Geschick Israels und sagt von Gott: „Er erbarmt sich, wessen er will, und macht verstockt, wen er will" (Röm 9,18). Wegen dieses souverän bestimmenden Gottes gibt es für Paulus „Gefäße des Zornes" und „Gefäße des Erbarmens" (Röm 9,21-23). Auf Israel angewandt bedeutet dies: „Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer - nur der Rest wird gerettet werden" (Röm 9,27). Augustinus folgte diesen paulinischen Texten wörtlich und leitete daraus seine Prädestinationslehre ab, gemäß der ein großer Teil der Menschen - wegen der Sünde Adams - in der massa damnata bleibt und nur ein kleinerer Teil aufgrund reiner Gnade gerettet wird. Gerade dieses Beispiel zeigt aber, wie gefährlich es ist, sich nur auf isolierte Texte zu stützen. Paulus führt nämlich seine Überlegungen zum Geschick Israels von Kapitel 9 bis Kapitel 11 weiter, und dort heißt es: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden" (Röm 11,25f). Die Aussagen des Paulus über die Verstockung behaupten folglich keineswegs eine ewige Verdammnis, sondern beschreiben nur die Rolle vom größeren Teil Israels innerhalb der Offenbarungsgeschichte. Abschließend lehrt Paulus im Blick auf Juden und Heiden sogar: „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen" (Röm 11,32). Auf diesen letzteren Text hat sich vor allem Origenes von Alexandrien gestützt und daraus - im Gegensatz zu Augustinus - die Lehre von der Allversöhnung (Heil aller Menschen und sogar der Teufel) abgeleitet, die in der Theologie der östlichen Kirche einerseits immer wieder Anklang gefunden hat, anderseits aber auch dort von einer Synode (543) verurteilt wurde.

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Wie es falsch ist, aus Röm 9 abzuleiten, daß eine große Zahl der Menschen verdammt wird, so ist es ebenfalls überzogen, von Röm 11 her zu behaupten, daß alle Menschen sicher gerettet werden, denn dies entspricht nicht der Aussageabsicht des Paulus. Der Apostel fragt generell nach der Rolle von Juden und Heiden und nicht nach dem Los einzelner Menschen. Sein Text zeigt aber, daß man immer auf den größeren Zusammenhang zu achten hat. Dies gilt auch vom Wort Jesu über den breiten Weg des Verderbens, das in den Gesamtkontext seines dramatischen Geschickes einzuordnen ist.

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1) Die Gerichtsworte im Heilsdrama Jesu

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Die öffentliche Verkündigung hat Jesus mit der Botschaft von der abrechenden Gottesherrschaft begonnen. Er verkündete einen Gott des Erbarmens, der sich allen Sündern mit einem Angebot zuvorkommender Verzeihung zuwendet (Feindesliebe Gottes). Dem entsprach das eigene Handeln Jesu. Er heilte Besessene und Kranke, lud Sünder in seine Gemeinschaft ein und sprach ihnen die Verzeihung zu. Er erwartete dabei, daß dieses göttliche Angebot der Gnade die Herzen der Menschen verwandle und sie befähige, auch ihren Mitmenschen gegenüber ähnliches zu tun und den Feinden gewaltfrei und verzeihend zu begegnen. Wäre dies eingetreten, dann hätte die anbrechende Gottesherrschaft sich rasch siegreich ausbreiten und schrittweise die ganze Menschheit erfassen können. Die Dinge liefen aber anders.

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Nach einer Phase oberflächlicher Begeisterung meldete sich rasch der Widerstand, der immer stärker wurde. In diese neue Situation hinein sprach Jesus seine Gerichtsworte. Sie behaupten nicht, daß es neben dem gütigen Gesicht Gottes ein anderes, zorniges gibt. Mit den Gerichtsworten werden vielmehr jene Menschen angesprochen, die glauben, die verzeihende Güte Gottes nicht nötig zu haben. Diesen Menschen wird gesagt, daß Gott für sie dennoch wirksam bleibt, daß sie ihn aber aus ihrer verschlossenen Welt heraus nur noch als zornig erfahren können. Alle, die der Botschaft Jesu gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen, befinden sich insofern auf dem Weg des Gerichts, als sie im Begriff sind, sich selber zu richten, denn mit dem Maß, mit dem sie messen, wird ihnen zugeteilt werden (Mt 7,1f). Der Prozeß des Selbstgerichts führt dazu, daß sowohl das Positive, wie das Negative sich steigert. „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat" (Mt 13,12). Der Endpunkt des positiven Prozesses ist das ewige Leben bei Gott und der Endpunkt des negativen Prozesses, der immer mehr von Lüge und Gewalt beherrscht wird (vgl. Mt 23,29-33.37; Joh 8,44), ist die totale Selbstverschließung oder die Hölle. - Mit diesen Gerichtsreden, zu denen auch das anfangs zitierte Wort vom breiten Weg des Verderbens gehört, wollte Jesus die untergründige und verschlossene Tiefe in seinen Gegner aufrütteln, um sie doch noch zu gewinnen. De facto bewirkte er aber nur eine nochmalige Verhärtung und den Schritt von der verbalen zur gewaltsamen Ablehnung. Doch dies war nicht das Ende.

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Auf die Gewalt seiner Gegner antwortete Jesus, indem er seine Botschaft von der Feindesliebe und Gewaltfreiheit im eigenen Leben Realität werden ließ. Er verhärtete sich nicht und schlug nicht zurück. Als guter Hirte blieb er vielmehr seinem Weg treu und ging den ihm anvertrauten Schafen bis in ihre letzte Verlorenheit hinein nach. Wie er verurteilt, gegeißelt und gekreuzigt wurde, ließ er sich von allem Bösen in seinen Gegner nicht bloß im eigenen Leib, sondern auch in seiner Seele treffen. So wurde er in deren gottferne Welt hineingezogen, und er starb mit dem Schrei der Gottverlassenheit. Die Höllenerfahrung, die er durch die Gerichtsworte in seinen Gegnern angesprochen hatte, holte ihn selber ein.

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Ostern offenbart jedoch, daß der Gekreuzigte trotz der subjektiven Erfahrung totaler Verlassenheit von Gott nicht vergessen war. Er wurde zu neuem Leben erweckt, wodurch sich rückblickend auch der tiefere Sinn des Leidensweges enthüllt. In Treue zu seinem himmlischen Vater hat sich der Gekreuzigte durch eine gottferne und höllenartige Welt führen lassen, um so jenen nochmals nachzugehen, die sich bereits auf dem Weg des Verderbens befinden. Tatsächlich sind es viele, die diesen Weg gehen. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, daß viele in die Hölle geraten. Jesus hat den Tod am Kreuz gerade deshalb auf sich genommen, um jenen nochmals nahe zu kommen, die von sich her den Weg des Heils bereits verlassen oder ihn überhaupt nie gefunden haben.(1) Ob der Gekreuzigte auf diese Weise alle retten kann, muß für uns offen bleiben. Die ganze Bundesgeschichte zeigt ja, daß Gott einerseits die Freiheit der Menschen nie vergewaltigt, anderseits aber sein Volk, auch wenn es untreu wird, nie verläßt. Von dieser Bundesgeschichte her, die im Kreuz und in der Auferweckung Jesu ihren Höhepunkt findet, dürfen wir hoffen, daß auch die individuellen Dramen zwischen Gott und den einzelnen Seelen letztlich gut ausgehen. Ein sicheres Wissen haben wir in diesem Bereich aber nicht, und jedem ist es aufgegeben, sich mit „mit Furcht und Zittern" um sein Heil zu mühen (Phil 2,12).

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2) Transformationen der Vorstellungen vom Gericht

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Der Gerichtsgedanke kennt viele Varianten. Im Alten Testament gibt es die Vorstellung, daß Gott direkt vom Himmel her straft, wie die bildhaften Erzählungen von der Sintflut oder vom Feuer über Sodom und Gomorra illustrieren. Meistens handelt der richtende Gott aber indirekt, indem er Menschen benützt, um Übeltäter zu bestrafen: „Ich (Jahwe) hetze Ägypter gegen Ägypter, Bruder gegen Bruder..." (Jes 19,2; vgl. Jer 51,20ff; Ez 21,36). An zahlreichen Stellen ist auch vom Selbstgericht die Rede, das in einem Psalm besonders deutlich geschildert wird: „Wenn der Frevler sein Schwert wieder schärft, seinen Bogen spannt und zielt, dann rüstet er tödliche Waffen gegen sich selbst... Er gräbt ein Loch, er schaufelt es aus, doch er stürzt in die Grube, die er selber gemacht hat. Seine Untat kommt auf sein eigenes Haupt, seine Gewalttat fällt auf seinen Scheitel zurück" (Ps 7,13-17).

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In der Gerichtsverkündigung Jesu werden - wie im Alten Testament - teilweise Bilder von einem Gott benützt, der direkt straft, die innere Logik der neutestamentlichen Gerichtsworte zielt aber ganz auf das Selbstgericht. Die Menschen wählen selber das Maß, an dem sie gemessen werden. Dieses Selbstgericht erfährt im Geschick Jesu nochmals eine Transformation, denn die Rollen werden vertauscht und derjenige, der das Gericht ankündigt, wird selber gerichtet. Der Unschuldige wird ins Selbstgericht der sündigen Menschen hineingezogen (‚der Richter wird gerichtet'), und er leidet an ihrer Stelle das Böse durch. Für die Gerichtsvorstellung nach Ostern hat dies entsprechend radikale Folgen. Einerseits bleibt zwar bestehen, daß nichts Unreines vor der Heiligkeit Gottes bestehen und nichts Böses ins ewige Leben eingehen kann; anderseits versucht der Gekreuzigte aber durch seinen Weg in die Finsternis alle Menschen heimzuholen. Daraus ergibt sich die Vorstellungen eines Gerichtes, das nicht mehr in erster Linie Gute und Böse trennt, sondern quer durch alle Menschen hindurch eine Scheidung vollzieht.

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Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus der Gemeinde, daß er bei ihr Christus verkündet und als Baumeister den guten Grund gelegt habe. Jeder solle nun selber darauf achten, wie er auf diesem Grund weiterbaue, mit Gold, Silber und kostbaren Steinen oder mit Holz, Heu und Stroh. Der Tag des Herrn werde die Taten offenbaren, denn alles werde im Feuer geprüft: „Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muß er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch" (1 Kor 5,12-15). Wer auf dem Fundament des Glaubens mit guten Werken weiterbaut, empfängt Lohn. Wer anders handelt, dessen Lebenswerk wird vernichtet, er selber wird aber - wie mittels eines feurigen Messers - von seinen bösen Taten losgetrennt und gleichsam als nackte Existenz gerettet.

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In einem anderen Kontext spricht Paulus die Situation eines Christen an, der schlimmer lebt als ein Heide, und er fordert die Gemeinde auf: „Im Namen Jesu, unseres Herrn, wollen wir uns versammeln, ihr und mein Geist, und zusammen mit der Kraft Jesu, unseres Herrn, diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird" (1 Kor 5,4f). Dieser Fall eines Christen, der schlimmer lebt als ein Heide, ist für Paulus so dramatisch, daß er sogar von einer Übergabe an den Satan spricht. Doch selbst in diesem extremen Fall zielt das Gericht nicht darauf, den Übeltäter der Hölle zu überliefern. Nur seine sündige Existenz soll vernichtet werden, damit der innere Mensch am Tag des Herrn gerettet werden kann. Wenn für einen Christen, der vom christlichen Weg ganz abweicht, die Hoffnung besteht, unter Vernichtung seiner Lebenstaten mit nackter Existenz gerettet zu werden, dann gilt eine entsprechende Hoffnung wohl auch für die vielen sündigen Heiden.

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Da Gott heilig ist, wird der Gerichtsgedanke nie hinfällig, denn alles Böse muß aus uns ausgeschieden werden, bevor wir ins ewige Leben eingehen können. Die Erfahrung zeigt ferner, daß es tatsächlich viel Egoismus, Feindschaft und Gewalt in der Welt gibt. All dies darf nicht im Namen eines gütigen Gottes überspielt oder gar verharmlost werden. Gott ist und bleibt für uns sündige Menschen ein brennendes Feuer. Das Drama Jesu zeigt jedoch, daß Gott auch die verlorensten Menschen heimholen will. Wir dürfen deshalb hoffen, daß keiner in die Hölle kommt, auch wenn wir diesbezüglich nichts sicheres wissen. Ebenso klar ist aber die Glaubensaussage, daß keiner am Gericht vorbeikommt, in dem seine Werke geprüft und notfalls brennend ausgeschnitten werden.

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Anmerkungen:

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 1. Ausführlicher: R. Schwager, Jesus im Heilsdrama.Entwurf einer biblischen Erlösungslehre (Innsbrucker Theologische Studien 29). Innsbruck 21996.

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