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Nicht alles ist messbar. Ansprache zur Sponsionsfeier am Samstag, 31. Jänner 2026

Autor:Lumma Liborius
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2026-02-04

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Liebe Absolventinnen und Absolventen[1],
liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren!

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Vor 50 Jahren fanden in Innsbruck zum zweiten Mal die Olympischen Winterspiele statt. Und es war fast genau der heutige Tag – nämlich der 29. Jänner 1976 –, als Bundespräsident Rudolf Kirchschläger die österreichischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dafür angelobte. Bei seiner Rede brachte Kirchschläger Gedanken zum Ausdruck, die sich nicht nur auf sportlichen Wettkampf, sondern auch auf das Studium an einer Universität beziehen lassen. Er sagte:

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„Nicht jede Ihrer Leistungen ist in Sekunden oder Metern meßbar. Manche Leistungen können mit physikalischen Methoden nicht exakt bestimmt werden. Hadern Sie daher – ich bitte Sie – nicht mit dem Schicksal, wenn Sie einmal weniger Punkte oder eine schlechtere Platzziffer erhalten, als Sie selbst Ihrer Leistung zuordnen würden, sondern denken Sie daran, daß auch die Kampfrichter […] bestrebt sind, durch eine gerechte Bewertung der Leistungen […] ihr Bestes zu geben.“[2]

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An jeder Universität gibt es Wettkampf. Nicht jede Absolventin, nicht jeder Absolvent erhält einen Preis für die eigene Arbeit. Nicht jede Bewerberin, nicht jeder Bewerber erhält an der Uni die Stelle, die sie oder er sich erhofft. Ein Einser ist besser als ein Zweier, und wer einen Fünfer bekommt, muss die Prüfung wiederholen. Nicht immer fühlt man sich dabei fair behandelt; nicht immer versteht man die Maßstäbe, nach denen man gemessen wird. Ich vermute, dass auch Sie gelegentlich solche Erfahrungen gemacht haben – und während ich das sage, steigen in mir selbst die Erinnerungen an manches Erlebnis in meinem eigenen Studium und meiner Laufbahn an der Universität auf.

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Nun hat sich in 50 Jahren viel getan, im Leistungssport wie an der Universität. Die Universität von heute verlangt viel mehr Transparenz als damals, besonders wenn es darum geht, Anforderungen für die Studentinnen und Studenten offenzulegen und Benotungen zu begründen. Aber es bleibt immer ein Rest, den man nicht präzise fassen kann. Wissenschaft hat nicht nur mit Messbarem zu tun, sondern auch damit, Erkenntnisse überzeugend darzustellen, Ideen im passenden Augenblick ins Gespräch zu bringen und aus verschiedenen Elementen etwas ganz Neues zusammenzufügen, so wie aus den immer gleichen Tönen immer neue Melodien komponiert werden. Wissenschaft gibt es nur in zwischenmenschlicher Kommunikation, es gibt sie nur in der Gesellschaft mit all ihren Gewohnheiten, Ritualen und Ausdrucksformen. So wird Wissenschaft immer auch zu einer Kunst: Es geht nicht nur darum, zu erkennen und zu verstehen, sondern auch darzustellen und zu überzeugen.

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Bundespräsident Kirchschläger sagte von den Kampfrichtern, dass sie ihr Bestes geben, um gerecht zu sein. So ist es auch die Aufgabe der Lehrenden an einer Universität, nach besten Kräften gerecht zu urteilen, und dort, wo es nicht messbar ist, zumindest eine klare Linie, einen erkennbaren Stil zu haben, ähnlich wie wenn die Choreographie beim Eiskunstlauf oder der Körpereinsatz beim Eishockey von Menschen bewertet werden muss. Ich hoffe, dass Sie auch diese Erfahrung machen konnten: Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit einem eigenen, erkennbaren Stil.

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Bei alldem ist Wissenschaft nicht nur persönliche Leistung. Wissenschaft ist immer auch Kommunikation, ist Miteinander. Deswegen ist Wissenschaft ohne Moral verantwortungslos. Vielleicht hat ja auch bei Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen, das Studium die Frage aufgeworfen: Welche Rolle will ich mit dem, was ich erlerne, eines Tages in meiner Familie, in meinem Umfeld und in der Gesellschaft einnehmen? Wo und wie möchte ich das, was ich jetzt kann, einbringen, was will ich damit bewirken? Aber wie jeder Mensch werden nun auch Sie mit Ihren besonderen Qualifikationen immer und überall nicht nur vor der Frage stehen: Was will ich tun?, sondern auch: Was soll ich tun?

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Die Universität Innsbruck sieht in wissenschaftlicher Kompetenz auch moralische und soziale Verantwortung, und so bitte ich Sie, das Gelöbnis ernst zu nehmen, das Sie gleich öffentlich sprechen und mit dem Sie diese Verantwortung annehmen – und damit verbinde ich gleich die Einladung, auch als Alumnae und Alumni das Leben unserer Universität weiterhin zu teilen.

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Rudolf Kirchschläger sagte übrigens in seiner Rede noch etwas, das fast so klingt, als wäre es direkt in das Jahr 2026 hineingesprochen:

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„Möge Ihr […] Zusammensein […] ein Beispiel dafür geben, daß ein glückliches Zusammenleben aller Menschen möglich ist, wenn es sich auf gegenseitige Achtung und auf den Respekt von für alle gleich verbindliche Grundregeln stützt und die Menschen vom Willen zum Frieden und zum gegenseitigen Verständnis geleitet werden.“[3]

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Liebe Absolventinnen, liebe Absolventen, nun ist genug der ernsten Worte, jedenfalls von mir. Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihren Studienabschlüssen! Genießen Sie den heutigen Tag, feiern Sie mit Ihren Angehörigen und bleiben Sie der Universität Innsbruck verbunden.

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Anmerkungen

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[1] Die Ansprache wurde gehalten für Absolventinnen und Absolventen der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft, der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften, der Katholisch-Theologischen Fakultät, der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät und der Philosophisch-Historischen Fakultät.

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[2] Rudolf Kirchschläger: Angelobung der österreichischen Teilnehmer an den XII. Olympischen Winterspielen. In: Ders.: Reden 1974–1977. Hg. von Karl Heinz Ritschel. Salzburg o.J., 223–224, hier 224.

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[3] A.a.O.

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