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Wer ist Jesus – wer bin ich?
(2. Sonntag im Jahreskreis (LJ A) am 18. 1. 2026 in der Jesuitenkirche Innsbruck)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2026-01-21

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jes 49,3.5-6; (1 Kor 1,1-3); Joh 1,29-34

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Liebe Gläubige,

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fragen Sie sich eigentlich auch manchmal, wer Sie selber sind, tief im Inneren? Natürlich weiß jeder und jede von uns den eigenen Namen und den der Eltern, die meisten können auch einen Beruf oder sonst eine Funktion nennen, die sie erfüllen. So an der Oberfläche kann man schon sagen, wer man ist. Aber in der Tiefe? Wer bin ich denn? Wer kann ich sein für andere? Jüngere Menschen fragen sich das sicher mit größerer Dringlichkeit, aber auch in höherem Alter, solange wir noch nicht den Lauf unseres Lebens vollendet haben, scheint mir das eine wichtige Frage zu sein.

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Die gleiche Frage können wir auch für die Menschen unserer unmittelbaren Umgebung stellen. Wer ist dieser Mensch, für sich, für mich, für die Welt? Warum fasziniert er mich, was zieht mich an, warum ist er mir wichtig? Und vielleicht haben Sie auch schon einmal gemerkt, dass ein Mensch, je näher er Ihnen steht, je besser Sie ihn kennen, ein immer größeres Geheimnis, ja ein größeres Wunder ist.

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„Wieso Geheimnis, wieso Wunder?“, werden manche fragen. „Ich kenne diese Person genau, ihre Vorlieben und Ängste, ihre Macken und Stärken.“ – Und doch: Ist das alles? Ist da nicht mehr als das? Zumindest bei den Menschen, die wir wirklich lieben, sind wir doch überzeugt, dass es mehr gibt, sie sind ein Wunder für uns, und obwohl wir sie gut kennen, ein Geheimnis.

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Und wie ist das bei Jesus? Er, so könnte man sagen, ist das größte Wunder, das größte Geheimnis überhaupt. Scheint doch durch diesen Menschen Gott ganz durch. Doch wie kommen wir zu dieser Überzeugung? Wenn wir das wahre Menschsein Jesu ernst nehmen, können wir annehmen, dass auch Jesus selbst um ein Verständnis für seinen Weg und um die Frage, wer er denn sei und was seine Aufgabe sei, ringen musste. Für die Beantwortung dieser Frage war wohl auch die heutige Stelle aus dem Buch Jesaja für ihn wichtig. Dort ist von einem Knecht Gottes die Rede, der schon im Mutterleib von Gott geformt wurde, vom Anfang seiner Existenz von Gott gestaltet wird. Das erinnert an Psalm 139, in dem der Beter ruft: „Ich danke dir [Gott], dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“ (Ps 139,14). Der von Gott gestaltete Knecht bekommt bei Jesaja zwei Aufgaben: Israel zu Gott heimzuführen und bei ihm zu versammeln, und das Licht der Nationen zu sein. Jesus verstand sich wohl als dieser Knecht.

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Doch wie soll er das tun und wie kann er es tun? Das verrieten ihm die Heiligen Schriften nicht zur Gänze – das lernte er auch durch Menschen, die mit ihm in Verbindung standen, mit denen er sich auseinandersetzte und in Wechselwirkung trat: sicher zuerst Josef und Maria, aber auch Johannes, der Täufer. Er macht deutlich: Die Aufgabe dieses Knechtes Gottes ist es, als das Lamm Gottes die Sünde der Welt wegzunehmen, und das kann er, weil er nicht nur der Knecht Gottes ist, sondern der Sohn, auf dem der Heilige Geist dauerhaft ruht. Und damit zeigt sich etwas sehr Überraschendes, nämlich, dass der, der in engster Einheit mit Gott, dem Vater, steht, gleichzeitig jener ist, der anderen gerade dort hilft, wo sie sich von Gott entfernt haben, wo sie nach gesundem Menschenverstand eigentlich von Gott verlassen sein müssten. Dorthin geht ihnen dieser Sohn Gottes nach, um sie zurückzuholen, um ihre Gottferne wieder aufzuheben. So nimmt er die Sünde der Welt hinweg.

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Und ein drittes Element, das für Jesus in der Findung seines Weges wichtig war, haben wir letzten Sonntag kennengelernt: Die Stimme Gottes. Sie hörte Jesus bei seiner Taufe, aber auch immer wieder, wenn er im Gebet das Gespräch mit seinem Vater suchte. Das Neue Testament berichtet uns ja oft, dass Jesus sich zurückzieht, um allein zu beten und auf Gott zu hören. Jesus findet also, wer er ist, in den Heiligen Schriften, im Dialog mit anderen Menschen und mit Gott.

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Was aber bedeutet das für uns, für unsere Frage danach, wer wir sind und wer unsere Mitmenschen für uns sein können? Wir sind ja nicht der Sohn Gottes, nicht das Licht für die Nationen und das Heil der Welt – oder? Nein, sind wir nicht. Nein, aber …

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Wir sind nicht der Sohn Gottes, aber wir sind angenommene Töchter und Söhne Gottes und Miterben Christi, sagt der heilige Paulus (Röm 8,16f.). Jesus hat uns in seine innige Beziehung mit Gott hineingenommen. Und auch den Heiligen Geist hat Jesus uns zugesagt und gesandt, damit er uns leitet.

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Es gilt also auch für uns: Wer wir eigentlich sind, wozu wir hier sind, das müssen wir in einem andauernden Dialog mit Gott und den Mitmenschen, die mit uns Söhne und Töchter Gottes sind, unter der Begleitung des Heiligen Geistes herausfinden – oder besser – entwerfen. Darin besteht zwischen Christus, dem eingeborenen Sohn Gottes, und uns kein Unterschied.

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Doch in etwas anderem besteht sehr wohl ein Unterschied: Wir können das nur herausfinden, weil Christus in diesem Dialog ein gehöriges Wort mitspricht. Weil er als eingeborener Sohn Gottes das Licht für die Völker, für alle Menschen, ist, können wir als adoptierte Söhne und Töchter Gottes auch an unserem Platz in der Welt Licht sein, und andere für uns. Und so können auch wir füreinander Wegweisende sein dafür, wer wir eigentlich sind, was unsere Aufgabe in der Welt ist.

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Wir sind also auch ein Wunder und ein Geheimnis – nicht aus uns selbst, sondern weil uns Gott dazu macht, weil sein unendliches Geheimnis und Wunder ein wenig durch uns hindurchscheint. Je mehr wir das erkennen, desto mehr wird uns unsere eigene Würde und die unserer Mitmenschen deutlich, und desto mehr können auch wir mit den Worten des Psalms beten: „Ich danke dir [Gott], dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“ (Ps 139,14).

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