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Faszinierend und herausfordernd: Das Ereignis der Taufe Jesu
(Predigt zum Fest, gehalten in der Jesuitenkirche am 11. Jänner 2026 um 11.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2026-01-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Faszinierend! Faszinierend das Ereignis. Faszinierend dessen Überlieferung und Deutung. Faszinierend und herausfordernd die Relevanz des Ganzen für unsere Gegenwart. Faszinierend das Ereignis selbst. Da tritt ein wortmächtiger Mann auf, verkündet eine radikale Botschaft: im Grunde sei es schon fünf nach zwölf. Der Himmel sei verschlossen; die Geduld Gottes hat ihre Grenze erreicht. Wer noch der Katastrophe entgehen möchte, muss einen radikalen Schritt wagen: Umkehren und zum Zeichen der Umkehr sich auch taufen lassen. Ins Wasser des Jordans einsteigen, eines Flusses, der ins Tote Meer mündet. Dem Wasser des Jordans all den Schmutz, all die Hoffnungslosigkeit überlassen, damit all das mich Quälende im Meer dem Tod zugeführt werde. Die Massen sind von dem radikalen Prediger fasziniert. So auch der junge Mann aus Nazaret. Er selber hat schon Erfahrungen mit Gott gemacht, weiß sich sogar in einer tiefen Gemeinschaft mit seinem Gott, den als Vater, ja als Papa anzusprechen wagt. Aber auch er kommt zum Jordan, reiht sich gar in die Reihe der Umkehrwilligen ein, nimmt mit allen Sinnen auch deren Leid wahr: Gewissensbisse, Ängste und Hoffnungslosigkeit, gar Verzweiflung angesichts der Drohung mit der Strafe Gottes. Als einer von der Menge steigt er nun ins Wasser ein, unterzieht sich dem Ritual und erlebt etwas, was niemand erwartet hat. Nicht einmal er selber. Verdutzt steht zuerst der Johannes da. Verdutzt, weil er erkennt, dass sein Weg, der Weg der Proklamation des entfesselten Zornes Gottes, der Weg, der zur Umkehr, zur Veränderung des menschlichen Verhaltens motivieren sollte, so konsequent und gottgefällig er zu sein schien, durch die Taufe des jungen Nazareners einer gewaltigen Korrektur unterzogen wird. Einer Korrektur, ohne die der Weg der Umkehr bloß in Sackgassen endet: der Sackgasse der Selbstgerechtigkeit, der Sackgasse des Moralismus, der Sackgasse der fromm getünchten Schuldabschiebung.

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Was ist geschehen? Die menschliche Sprache kennt kaum adäquate Begriffe, unsere Phantasie kaum Bilder, um die Radikalität des Neuen auszudrücken. Der Himmel öffnet sich: jahrhundertelang bemühten sich Maler, die Szene darzustellen. Eine Stimme sagte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“: Generationen von Theologen stritten über die Bedeutung dieser Worte. Und Jesus selber? Beglückt, aber auch verunsichert zieht er sich in die Wüste zurück, ringt tagelang um das richtige Antlitz dessen, der ihn da mit dem Prädikat: „geliebter Sohn“ angesprochen hat.

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Liebe Schwestern und Brüder, dem Text der heutigen Frohbotschaft folgt im Matthäusevangelium die Schilderung der Versuchungen in der Wüste. Jesus fastet, betet und dies auf eine Art und Weise, die kaum radikaler sein können. Er möchte Klarheit bekommen: Klarheit über sich selber, über seinen weiteren Weg, vor allem aber Klarheit über Gott. Hat der radikale Prediger Johannes Recht? Und dies ohne Wenn und Aber? Gerade im Hinblick auf das Gottesbild. Hat er Recht, wenn er von den in Sackgassen steckenden Menschen, von den Menschen, die von Schuldgefühlen und Gewissensbissen geplagt werden, bloß radikale Umkehr fordert und ihnen das Gericht androht? Das Ringen Jesu mit der Frage, ob Gott eine dunkle Seite hat, gar ein Gewalttäter sein kann, ob also Göttliches und Dämonisches vermengt bleiben – so wie dies die Menschheit seit Jahrhunderten landauf landab glaubt – dauert symbolträchtig 40 Tage lang. Und Jesus erkennt, dass er als „geliebter Sohn“ trotz seiner Faszination für Johannes den Täufer eine klare Zäsur in die Geschichte der Menschheit bringt, einen radikalen Wandel der Perspektive für die Relation: Gott – Mensch. Nicht die Umkehr des Menschen steht am Beginn dieser Beziehung, sondern die gnädige Zuwendung Gottes.

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Liebe Schwestern und Brüder, faszinierend ist das Ereignis der Taufe Jesu. Faszinierend und herausfordernd ist vor allem dessen Relevanz für unsere Gegenwart. Das Ereignis zeigt zuerst Jesus, der in den Jordan steigt und dies wohl im Bewusstsein einer tiefen Allianz mit jenen, die sich um den sittlichen Ernst und die Bekehrung bemühen. Er scheint also dem Johannes Recht zu geben. Wenn er sich solidarisch zeigt mit all jenen, die sich nur von der Ethik und der Bekehrung des Menschen eine Zukunft und einen offenen Himmel erwarten. Und das können Gläubige alter und neuer Religionen sein, aber auch all jene, die bloß Humanisten sein wollen in dieser Welt. Aus Solidarität mit der sündigen Welt – einer Welt, die ihre Fragwürdigkeit erkennt und deswegen ständig zur Umkehr, zur Veränderung des Lebens mahnt – geht Jesus auf Augenhöhe mit ihr. Doch – und das ist „das Tüpfelchen auf dem i“ bei dieser uns alle heute beflügelten Faszination: Bei all der gemeinsamen Basis in der Bemühung um den sittlichen Ernst seitens der religiösen und bloß humanistisch motivierten Menschen übersteigt das Geheimnis des heutigen Festes die menschlichen Bemühungen bei weitem und verwandelt deren Selbstverständnis. Es ist ja der „geliebte Sohn“ des Vaters, der da seine Solidarität zeigt und damit das radikal neue Verhältnis Gottes zum Sünder offenbart: zum Menschen, der in den Sackgassen des Lebens steckt. Die Frage, ob Johannes der Täufer Recht hat mit seinem zweideutigen Gottesbild, (diese Frage) beantwortet der „geliebte Sohn“, der in der Wüste um die Klarheit gerungen hat und diese Klarheit auch geschenkt bekommen hat, mit einem Jein! Die Bekehrung ist wichtig, doch geht immer schon der möglichen Bekehrung die göttliche Gnade voraus. Gerade dem Sünder öffnet sich der Himmel – und dies ohne Wenn und Aber! Diese Erkenntnis stellt eine enorme Herausforderung für unsere allein auf Ethik setzende Öffentlichkeit. Sie redet zwar ständig von der Ethik, lebt aber meistens Moralismus, Schuldabschiebung und Selbstgerechtigkeit.

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Was bedeutet aber die Herausforderung des heutigen Festes für uns konkret? Fjodor Dostojewskij hat in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ dem sterbenden Mönch Sossima die wunderschönen Worte in den Mund gelegt, gerichtet an die Mönche, an die Mitbrüder des Sterbenden: „Brüder... habt keine Angst vor der Sünde der Menschen. Liebt die Menschen in ihrer Sünde, denn das ist die Liebe, mit der Gott den Menschen liebt.“ Den Menschen in seiner Sünde lieben und ihn auch in all die Abgründe zu begleiten, in die ihn die Sünde stürzt..., das wird der Weg der Lebensgeschichte Jesu sein, der Weg des menschgewordenen Sohnes Gottes. Und das Fest der Taufe Jesu stellt so etwas wie die feierliche Inauguration dieser Lebensgeschichte in aller Weltöffentlichkeit dar.
 
Liebe Mitfeiernde! Gott liebt den Menschen gerade in seiner Sünde, deswegen begleitet er ihn in die letzten Sackgassen seines Lebens, in die Welt des Todes, in die damit verbundene Haltung der Angst, des Zweifels, ja der Verzweiflung. Er begleitet den Menschen in die höllische Logik der Gottferne, des tödlichen Zynismus, der Banalität und der Leere. Hat der Mensch in seiner Verzweiflung sich in die Hölle fallen lassen, so begleitet ihn der menschgewordene Sohn Gottes in diese Hölle hinein und bringt auch dorthin das göttliche Leben. Deswegen verdichtet das heutige Fest den Inbegriff christlicher Hoffnung. Das Fest sagt uns also zu: Die Bemühung um den sittlichen Ernst und das Engagement für Ethik verbinden uns Christen mit allen Menschen guten Willens; unser Glaube an Christus geht aber einen Schritt weiter: Wir glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes, der in seiner Menschwerdung nicht nur auf unsere Augenhöhe herabgestiegen ist. In seinem Tod ist er tiefer gefallen als der Mensch je fallen kann.

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Lassen Sie mich die Folgen dieses Glaubens in ein paar Sätzen nach der Logik „ad hominem“ artikulieren: Selbst dann, wenn du fällst, selbst in deiner Sünde, gar in deinem Absturz in die Welt der Verzweiflung und der Hölle, selbst dann geht einer mit dir mit. Es begleitet dich der Sohn Gottes, und er begleitet dich nicht von oben herab. Nicht in der hochnäsigen Haltung des größten Champions aller Zeiten. Nein! Unaufdringlich ... und doch solidarisch ist er dabei und nimmt Dich hinein in die ewig dauernde Liebe Gottes. Und weil dies so ist, weil sich das wirklich ereignet, lebst du zwar in einer Welt von Krisen – aber nicht in einer trostlosen Welt. Du stirbst zwar – aber du stirbst nicht einen sinnentleerten Tod. Weil der Sohn Gottes in die Welt der Sünde hinabsteigt, auch in deine ganz private Welt, in die Welt deiner Bemühungen um Bekehrung, aber auch in die Welt deines Versagens, in die Welt deiner Sünde, deiner Angst, deines Zweifels und gar deiner Verzweiflung, kannst du dir den Luxus der Gelassenheit leisten und dankbar murmeln: Ich glaube... ich glaube, dass du der geliebte Sohn bist, der mich begleitet: Und dies ohne Wenn und Aber!

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