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Von der Vielfalt theologischer Forschung
(Ansprache des Studiendekans zur Promotion/Sponsion am 22. Februar 2003)

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-03-04

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Die Anzahl der Kandidaten und Kandidatinnen zur Promotion und Sponsion ist heute klein. Die Einführung der Studiengebühren hat es u.a. mit sich gebracht, dass überdurchschnittlich viele Studierende ihr Studium in den vergangenen Semestern abgeschlossen haben. Doch die kleine Anzahl der Doktoren, der Magistrae und des Magisters der Theologie ermöglicht es, etwas intensiver, als es sonst üblich ist, auf die jeweiligen Arbeiten der KandidatInnen einzugehen und damit einen kleinen Einblick in die Vielfalt theologischer Forschung an unserer Fakultät zu gewinnen. Eine Besonderheit stellt auch die Tatsache dar, dass alle KandidatInnen bei der heutigen Feier ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen haben.

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Bei der Durchsicht der Doktorarbeiten hat mich besonders fasziniert, dass die drei Arbeiten einen jeweils unterschiedlichen Abschnitt der Kirche und der Gesellschaft in den Blick nehmen, nämlich die Frühe Kirche, die Reformationszeit und die heutige Situation in Pfarrgemeinden.

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Herr Mag. Lothar Hollerbach aus Baden in Deutschland widmet sich in seiner Dissertation bei P. Lies (Zweitbeurteilung durch P. Hasitschka) dem Thema von Heil und Heilsvermittlung in den christlichen Apokryphen. Damit stehen Fragen der Erlösung, verbunden mit der Sünden-, Dämonen- und Sakramentenlehre in der Frühen Kirche zur Debatte. Herr Hollerbach unterzieht die Acta Johannis, die Acta Thomae sowie das Evangelium Philippi - alles apokryphe Schriften aus dem 2. Jahrhundert - einer theologischen Würdigung. Der Autor legt Wert darauf, dass die herangezogenen Texte von sich selbst aus sprechen und damit die bisher üblichen Vorurteile gegenüber den Apokryphen überwunden werden. Inhaltlich zeigt sich in den Texten die Spannung zwischen der Gnosis und dem Christentum. In diesem Zusammenhang kommt Hollerbach zum Ergebnis, dass Menschen auch durch die apokryphen Schriften echte Erbauung, Trost und Kraft gefunden haben.

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Mit der Dissertation von P. Augustinus Reinhard Sander aus Siegen in Deutschland - ebenfalls begleitet von P. Lies - rückt ein ganz anderer Abschnitt der Kirchengeschichte und ein anderes theologisches Thema in das Blickfeld: Die Reformationszeit und speziell die Frage der Weihe. P. Augustinus' Dissertation stellt den ersten Band einer auf zwei Bände angelegten Untersuchung zur Ordinationstheologie im Luthertum des 16. Jahrhunderts dar. Anliegen dieser Studien ist es, angesichts des aktuellen katholisch-lutherischen Gespräches über die Bedeutung der Ordination, die historisch-theologischen Vorgaben dieses Dialogs in ihrer ökumenischen Bedeutsamkeit genauer zu beleuchten. Die Dissertation, als Band I der gegenständlichen Untersuchungen, behandelt die Ordinationstheologie des von Luther geweihten Merseburger Bischofs Georg von Anhalt. Dabei kommt der Autor zum Ergebnis, dass Georg die reformatorische Ordination als eine außerordentliche Nothandlung charakterisiert, die intentionaliter im Kontext der Katholischen Kirche steht.

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Es ist interessant, dass die dritte theologische Dissertation, nämlich die von Mag. Johannes Panhofer aus Innsbruck, der als Assistent am Institut für Praktische Theologie arbeitet, nochmals in einem ganz anderen Abschnitt der Geschichte der Kirche, nämlich in der Gegenwart, angesiedelt ist. In der Themenstellung gibt es Anknüpfungspunkte zu Herrn Sanders Arbeit, und es wäre interessant, die beiden Arbeiten parallel zu lesen. Herrn Panhofer geht es um die Rezeption des Leitungsmodells nach c. 517 § 2 des geltenden Kirchenrechtes durch das Volk Gottes. Angesichts des Priestermangels werden immer mehr Laien zu Leitungsaufgaben in Gemeinden und zur Teilhabe an der Leitung von Gemeinden herangezogen. Eine vom kirchlichen Gesetzgeber ermöglichte Form dieser kooperativen Pastoral wird durch die besagte Bestimmung des Kirchenrechtes geregelt. Nun gibt es zu dieser kirchenrechtlichen Möglichkeit der Gemeindeleitung unterschiedliche Einstellungen der Ortskirchen und einen bestimmten theologischen Diskurs. Noch nie wurde jedoch die betroffene Bevölkerung, wurden die Gläubigen jener Gemeinden, die mit diesem Modell der Leitung konfrontiert sind, systematisch befragt. Genau dieser Herausforderung stellt sich die Dissertation von J. Panhofer: Anhand dreier Pfarrgemeinden der Diözese Innsbruck, die nach dem erwähnten kirchenrechtlichen Modell geleitet werden, wird in einer empirischen Studie der Frage nachgegangen, wie die betroffenen Gemeindemitglieder diese Leitungsfigur wahrnehmen und welche Auswirkungen das Leitungsmodell auf das Leben der Pfarrgemeinden hat. Dabei gibt der Haupttitel der Arbeit „Hören, was der Geist den Gemeinden sagt", die Intention der Arbeit wieder. Panhofers Dissertation wurde von P. Weber begleitet und von Prof. Rees mit beurteilt.

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Auch die Diplomarbeiten der Kandidatinnen und des Kandidaten für die Sponsion weisen eine erhebliche Vielfalt auf. Wenn wir wiederum von der kirchengeschichtlichen Einteilung ausgehen, dann steht eine neutestamentliche Diplomarbeit zwei Arbeiten gegenüber, die sich gegenwärtigen kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellen.

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Geleitet vom Wunsch, ein aktuelles und spirituelles Thema zu behandeln, untersucht Mag. Berkmann unter der Begleitung von P. Hasitschka in drei Paulusbriefen, nämlich im Römerbrief, Zweiten Korintherbrief und Philipperbrief, jene Stellen, in denen von der Freude gesprochen wird. Die Einzeluntersuchungen zu den drei Briefen münden in eine systematische Gesamtdarstellung zum Thema Freude bei Paulus und in eine Aktualisierung dieses Themas unter Berücksichtigung der Wirkungsgeschichte paulinischer Aussagen in der Geschichte der christlichen Spiritualität.

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Frau Maria Edeltraude Leb widmet sich unter der Begleitung von Prof. Rees der Frage der konfessionsverschiedenen Ehen aus kirchenrechtlicher Sicht. Die Spaltung der Kirche Jesu Christi in verschiedene Konfessionen hat Auswirkungen sowohl auf den persönlichen Glaubensbereich des einzelnen Christen und der einzelnen Christin als auch auf den Bereich des kirchlichen Eherechts. Eine solche Form der Ehe kann eine Erschwernis im Blick auf das persönliche Glaubensleben, die Kindererziehung usw. bedeuten, sie kann aber auch im Sinne einer „konfessionsverbindenden Ehe" zu einer ökumenischen Chance werden.

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Was bedeutet es, wenn in einem Computerspiel die Spielerin/der Spieler in die Rolle Gottes schlüpft, wie das in „Black&White" der Fall ist. Judith Zortea widmet sich in meinem Fach, nämlich in der Katechetik/Religionspädagogik, der Analyse der Gottesbeziehung im genannten Computerspiel: Welche Erwartungen haben die Menschen gegenüber ihrem Gott im Spiel? Wie verhalten sie sich ihm gegenüber? Nach welchen Verhaltensmustern interagieren die Menschen und Gott im Spiel? Die Autorin unterzieht die Beziehungsdynamik im Spiel einer kritischen Analyse aus religiöser und spezifisch christlicher Perspektive.

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In der Theologie geht es um Gott und die Welt, denken manche und bezweifeln damit den wissenschaftlichen Anspruch der Theologie. In der Theologie geht es um Gott und die Welt, sagen andere und erkennen darin eine Wissenschaft, deren Horizont nicht beim Vordergründigen stehen bleibt, sondern die ganze Wirklichkeit mit ihren religiösen und Glaubensdimensionen in den Blick nimmt. Sie, liebe Kandidatinnen und Kandidaten, zur heutigen Promotion und Sponsion haben sich der Herausforderung der Theologie gestellt. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie mit voller Lust und Lebensfreude Theologin und Theologe bleiben und damit einen wichtigen Dienst am Menschen für die Orientierung in unserer vordergründigen Gesellschaft leisten.

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