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Kurze Betrachtungen zum "Vater Unser"

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-01-20

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Nach Matthäus (6,9-13) Nach Lukas (11,2-4) In der Liturgie
Mt 6,9 So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, 10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. 12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen.

 

Lk 11,2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. 4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.

 

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

 

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Jesus lehrt hier nicht einen Text, der auswendig zu lernen und herzusagen ist, sondern er will die Haltung deutlich machen, in der wir immer beten sollen.

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Wir dürfen Gott anreden als unseren Vater: nicht nur mein Vater, unser Vater. Die gemeinsame Anrede Gottes als „unser Vater" zeigt auch das Verhältnis unter den Menschen (Stichwort: geschwisterliche Gemeinschaft). Wir können das nur, weil Jesus unser Bruder ist.

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Wir sollen Gott anreden als unseren Vater: Oft fällt uns das Beten schwer - vielleicht gerade, weil Gott „Vater" heißt? Väter sind nicht immer vertrauenswürdig und liebevoll: es gibt welche, denen sind ihre Kinder gleichgültig; es gibt welche, die verprügeln oder missbrauchen ihre Kinder; es gibt welche, die sind so hart und rau, dass man Gott nicht so sehen will. Können Menschen, denen es so erging, Gott als Vater anrufen? -
Wir können Gott nur als unseren Vater anreden, weil Jesus ihn zuerst seinen „Abba" nannte. Jesus benutze ein liebevolles Wort aus der Kindersprache und drückte damit eine Erfahrung von Gott als „Vater" aus, die unsere Erfahrungen von liebevollen Vätern und Müttern (vgl. Jes 49,15) noch weit übersteigt. Er hatte eine Vertrautheit mit Gott und ein Vertrauen in Gott, das ihn befähigte, so zu beten. Er will uns die Möglichkeit desselben Vertrauens und derselben Vertrautheit eröffnen, auch wenn es für manche ein schwieriger Weg sein dürfte, ihm darin zu folgern.

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Ist das aber andererseits nicht faszinierend? Der große, allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde ist für uns „Vater" und „Du" - keine anonyme Macht, kein im Universum waltendes Es, sondern „Du, Vater". Wenn wir Gott wirklich so empfinden, nicht nur mit dem Kopf, sondern gefühlsmäßig, dann wird alles andere leicht.

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Gott allein ist heilig. Wenn wir seinen Namen heiligen, erkennen wir das an. Wir machen uns bewusst und bekennen, dass nichts anderes uns heilig sein soll als Gott - und dass es auch nicht um unseren Ruf geht, sondern um Gott. Der Hl. Ignatius sagt: Zur höheren Ehre Gottes. Das kann befreien von der Verengung des eigenen Standpunktes.

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Jesu ganzes Wirken war darauf ausgerichtet, dass das Reich Gottes komme. Unsere Bitte darum heißt, dass wir zustimmen und mitwirken wollen an der Sendung Jesu, dass wir bereit sind, dem Ruf zu folgen, der uns über irdische Zwänge und rein menschliche Pläne hinausruft.

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Ist es nicht seltsam, Gott darum zu bitten, dass sein Wille geschehe? Warum müssen wir darum bitten? Wäre es nicht sinnvoller für unsere eigenen Wünsche zu bitten - Gott kann doch seinen Willen ohnehin tun, wenn er will?
Diese Bitte fordert uns heraus und verrät uns sehr viel über Gottes Einstellung zu uns, über unsere zu ihm und über die rechte Haltung beim Bitten:

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Im Himmel geschieht Gottes Wille unmittelbar, aber auf Erden geschieht er in einem bestimmten Sinn nur, wenn wir ihn tun. Gott lässt uns die Freiheit, seinen Willen zu tun - oder nicht; wir aber sind oft dazu unfähig. Unsere Bitte, dass sein Wille geschehe, ist eine Anerkenntnis unserer Verantwortung und unserer Schwäche zugleich - und des Vertrauens, dass er uns befähigen kann, das Rechte zu tun.

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Jemand sagte: „Ich kann das nicht beten. Vielleicht will Gott, dass mein Kind bald stirbt … Ich will das nicht."
Diese Bitte ist eine Herausforderung an unser Vertrauen in Gott. Haben wir das Vertrauen, dass Gott nichts Böses für uns will, dass er uns nur wohl will? Glauben wir Jesus, dass Gott sich ein für allemal entschieden hat, seine Ehre und das Heil der Menschen miteinander zu identifizieren? Traue ich Gott zu, dass er alles, was geschieht, so verwandeln kann, dass es letztlich zum Heil führt? Diese Bitte fordert uns heraus, dieses Vertrauen zu wagen.

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Welchen Sinn hat es, Gott detaillierter um etwas zu bitten - um Gesundheit, Frieden, Glück? Können wir durch langes Betteln Gott dazu bringen, etwas zu tun, was er sonst nicht täte? Oder ist das eine zu naive Vorstellung von Gott? Könnte der Sinn konkreter Bitten nicht vielmehr der sein, unsere Wünsche - oder auch das, was wir für den Willen Gottes halten - seiner Weisheit noch einmal zu unterstellen? Dann wäre jedes Bittgebet der Versuch, meinen Willen in den Willen Gottes einschwingen zu lassen. Dann müsste jede Bitte - zumindest unausgesprochen - den Zusatz enthalten: „aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen" (Lk 22,42), wie bei Jesus am Ölberg. Dann aber ist es von entscheidender Bedeutung, was genau der Wille des Vaters für Jesus am Ölberg war: dass er grausam sterben sollte - oder dass er auch unter widrigsten Umständen die Menschen zum Heil führen sollte?

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Brauchen wir nur Brot? Brauchen wir es nur heute oder doch täglich? Gibt Gott es uns oder müssen wir es uns nicht - früher oder später - selber erarbeiten?
Jesus selbst weiß, dass wir mehr als Brot brauchen. Brot meint hier alles, was wir zum Leben brauchen, alles was uns Not tut, um wahrhaft menschlich zu leben. Aber wir neigen dazu, alles, was uns gefällt, gleich zu „brauchen". Davor warnt uns der Ausdruck „Brot": es geht um das, was wir wirklich brauchen, nicht um das, was wir gerne vorgeben zu brauchen.
Und wir brauchen es täglich. Wer sich aber ganz auf Gott verlässt, jeden Tag neu, dem reicht es zu beten „gib uns heute". Gott wird es täglich geben für das Heute - denn er macht uns auch fähig etwas zu erarbeiten. Wie würden wir arbeiten ohne das, was er uns immer schon geschenkt hat - unsere Fähigkeiten, alles, was wir sind und haben? Daher wissen wir auch, dass die, die es sich nicht erarbeiten können, den gleichen Anspruch haben auf das zum Leben Notwendige wie wir.

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Wenn wir bis hierher gekommen sind, haben wir vielleicht schon gemerkt, wie vertrauenslos wir oft sind, wie „sündig". Wir brauchen die Vergebung dafür. Aber Jesus sagt, diese Vergebung hat einen Maßstab: wie wir selbst vergeben haben. Und nun wird es erst schwierig. „Vergeben habe ich schon, aber nicht vergessen", so hört man oft.
Wenn jemand das sagt, hat er oder sie dann wirklich von Herzen vergeben? Oder ist das nur ein Versuch, das eigene Nicht-vergeben-Können zu verschleiern, wenn auch nur vor sich selbst, denn der andere Mensch merkt es schon, wenn ich nicht wirklich vergeben habe. Wenn Gott wirklich unseren Maßstab nähme … ? - Aber es ist ja noch Zeit. Wir können vielleicht noch lernen zu vergeben, so wie Jesus vergeben hat.

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„Gelegenheit macht Diebe". Wenn es keine Gelegenheit gibt, einen Fehler zu machen, dann sind die meisten Fehler schon vermieden. Diese Bitte macht uns noch einmal und drastisch unsere Schwachheit deutlich. Vielleicht bin ich nur deshalb kein Mörder, kein Dieb, kein Betrüger …, weil ich nicht in der Situation war, nicht so vorgeprägt war, wie viele, die es wurden. Ist es meine ethische Überlegenheit oder doch nur die Gnade der Situation. „Was hätte ich getan 1942?" Wer weiß das genau von den Jungen? Führe uns nicht in Versuchung!

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Und doch erhoffen wir mehr als das: die Erlösung von allem Bösen. Die Fähigkeit, unabhängig von guten oder widrigen Umständen, aus uns selbst heraus, den Willen Gottes zu tun. „Aus uns selbst heraus" - das klingt so schön; doch wenn es gelingt, dann ist es der Geist Gottes, der in uns wirkt, der uns so umgestaltet, dass wir selbst es sind, die in seiner Kraft den Willen des Vaters tun - so wie ihn der Sohn getan hat.
Wenn diese letzte Bitte erfüllt ist, dann können wir unseren Teil zur Erfüllung aller anderen Bitten beitragen, dann sind wir aus ganzem Herzen Söhne und Töchter des Vaters im Himmel (vgl. Röm 8,14-16.26).

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